Aus dem Leben eines Obdachlosen

Aus dem Leben eines Obdachlosen

Markus Ostermairs einnehmender Debütroman Der Sandler

von Nina Gret­sch­mann und Ste­ven Gabber

Es ist kein Geheim­nis, dass im Umgang mit Obdach­lo­sen die Wür­de des Men­schen häu­fig mit zwei­er­lei Maß gemes­sen wird. Die Schutz­lo­sig­keit die­ses Milieus setzt schwer­wie­gen­de Aus­gren­zungs­me­cha­nis­men frei, die Obdach­lo­se häu­fig zum Opfer von pau­scha­li­sie­ren­der Abwer­tung, Feind­se­lig­keit und Gewalt machen. Dass Obdach­lo­se in der Bun­des­re­pu­blik auch durch insti­tu­tio­nel­le Repres­sio­nen wie Platz­ver­wei­se in Innen­städ­ten oder Ver­bot des Pfand­sam­melns flan­kiert wer­den, ver­schärft die­sen Umstand zusätz­lich. Zugleich stellt sich die Fra­ge, wie man Men­schen in solch pre­kä­ren Lebens­si­tua­tio­nen wirk­lich unter­stüt­zen kann.

Der Autor Mar­kus Oster­mair ver­sucht in sei­nem 2020 erschie­ne­nen Debüt­ro­man Der Sand­ler, das Pro­blem an der Wur­zel zu packen: Er gibt den Men­schen, die all­zu oft namen­los blei­ben eine Stim­me, indem er ihre Geschich­ten in den Mit­tel­punkt rückt. Mit von der Par­tie sind der Geschich­ten­er­zäh­ler Albert, der Zeit­schrif­ten­künst­ler Nor­bert, eben­so Jür­gen, der zwar aus wohl­ha­ben­dem Hau­se stammt, sich aber auf­grund von Dro­gen­pro­ble­men von sei­nen Eltern abge­kap­selt hat. Mecht­hild, die trotz ihrer Obdach­lo­sig­keit stets gepflegt aus­sieht, jedoch stän­dig mit sexu­el­ler Beläs­ti­gung rech­nen muss, gibt den Leser*innen einen kon­kre­ten Ein­blick in das Leben und die Pro­ble­me von weib­li­chen Obdach­lo­sen. Der mar­xis­ti­sche Pazi­fist Lenz macht sei­ne selbst­ge­wähl­te Obdach­lo­sig­keit zum Teil sei­ner poli­ti­schen Prin­zi­pi­en, wenn er sei­nen eska­pis­ti­schen Lebens­stil als frei­wil­li­ges Exil vom Kapi­ta­lis­mus begreift. Das Zen­trum bil­det jedoch Karl Mau­rer – einst Ehe­mann, Vater einer klei­nen Toch­ter und Mathe­ma­tik­leh­rer von Beruf – jetzt der Obdach­lo­se mit der nicht zu über­se­hen­den Nar­be im Gesicht, die ihn für die ande­ren zum „Baro­me­ter-Karl“ macht.

Durch die­ses Per­spek­ti­ven­pan­ora­ma führt Der Sand­ler die Leser*innenschaft an die Tische der Münch­ner Bahn­hofs­mis­si­on, dem Boni­faz oder in die Tee­stu­be. Man wird mit­ge­nom­men auf Mün­chens Stra­ßen, in die Parks ent­lang der Isar und hin­ab in die U‑Bahnstationen. Es gibt kei­ne Distanz zwi­schen den obdach­lo­sen Figu­ren und den Leser*innen. Man wird Teil der Grup­pe, wenn beim gemein­sa­men Essen in der Bene­dik­ti­ner­ab­tei über ver­rück­te Erleb­nis­se und lus­ti­ge Vor­fäl­le berich­tet oder über das soli­da­ri­sche Sozi­al­ver­hal­ten von Pin­gui­nen dis­ku­tiert wird. 

Der Sand­ler zeigt, dass häu­fig hin­ter einer obdach­lo­sen Per­son ein schwe­rer Schick­sals­schlag liegt. Bekann­te Vor­ur­tei­le gegen­über Obdach­lo­sen wer­den im Sand­ler nicht bestä­tigt. Viel­mehr wird dar­auf hin­ge­wie­sen, dass vie­le Men­schen, die auf der Stra­ße leben, etwas so schwer­wie­gen­des erlei­den muss­ten, dass es für sie unmög­lich ist, nor­mal in der Gesell­schaft wei­ter­zu­le­ben und zu bestehen. Die Flucht in den sozia­len Abstieg ist oft­mals die ein­zi­ge Mög­lich­keit, den trau­ma­ti­schen Erleb­nis­sen zu ent­kom­men. Die kalei­do­sko­pi­schen Ein­bli­cke in Ver­gan­gen­heit und Gegen­wart der Figu­ren ver­mit­teln das anspruchs­vol­le Bild eines hoch­kom­ple­xen Milieus, das kei­nes­wegs homo­gen, son­dern von indi­vi­du­el­len Geschich­ten geprägt ist.

Der Roman ist dabei alles ande­re als voy­eu­ris­tisch. Die Erzählin­stanz begeg­net den Figu­ren mit Respekt und Unvor­ein­ge­nom­men­heit und stellt die Wür­de jedes Ein­zel­nen in den Mit­tel­punkt. Anstatt wer­ten­der Maß­stä­be psy­cho­lo­gi­siert die Erzählin­stanz mit gera­de­zu ana­ly­ti­schem Eifer das Ver­hal­ten der anspruchs­vol­len Cha­rak­te­re, fern von Kitsch und Kli­schee. Damit rich­tet sich der Roman ins­be­son­de­re gegen eine Rhe­to­rik des her­ab­las­sen­den Mit­leids und gleich­zei­tig gegen eine blin­de Heroi­sie­rung oder Roman­ti­sie­rung des Lebens auf der Stra­ße. Viel­mehr geht es um die kon­kre­ten lebens­welt­li­chen Pro­ble­me eines mar­gi­na­li­sier­ten sozia­len Milieus. Die Hoff­nungs­lo­sig­keit, die inne­re Zer­ris­sen­heit, die Schuld- und Reue­ge­füh­le der Figu­ren sind mehr als deut­lich zu spü­ren. Auch vor der schrof­fen Bru­ta­li­tät und Kri­mi­na­li­tät macht die Erzählin­stanz nicht Halt, was mit­un­ter zu affekt­ge­la­de­nen Stol­per­stei­nen im Lese­fluss füh­ren kann. Der Sand­ler ist somit kei­ne ein­fa­che Lek­tü­re und defi­ni­tiv nichts für Zart­be­sai­te­te. Den­noch ist es ein wich­ti­ger Bei­trag zu einem ethi­schen Dis­kurs, den Oster­mair mit sei­nem Debüt­ro­man leis­tet. Für die Leser*innen gibt es daher kein betre­te­nes Weg­schau­en, kein Distan­zie­ren. Man muss hin­se­hen, die Obdach­lo­sen in ihrem All­tag beglei­ten, um zu begrei­fen, dass Obdach­lo­sig­keit – ein Leben auf der Stra­ße – vor nie­man­dem Halt macht.

Die ethi­sche Rele­vanz im Umgang mit obdach­lo­sen Men­schen ist unbe­streit­bar und jeder, egal auf wel­cher Sei­te des Papp­be­chers, pro­fi­tiert von einem gestärk­ten Bewusst­sein für die­se Pro­ble­ma­tik. Wie gra­vie­rend die gesell­schaft­li­chen Dis­kri­mi­nie­rungs­me­cha­nis­men sind, wur­de mir zuletzt Anfang Febru­ar zuteil. Damals klopf­te mein Nach­bar eines Mor­gens unan­ge­kün­digt an mei­ne Tür und bat mich, ihm kurz in den Kel­ler zu fol­gen. In die Dun­kel­heit sprach er zwei Mal ein kur­zes Hal­lo, ehe sich ein Mann unter der Trep­pe her­vor­schob. Es dau­er­te nicht lan­ge und die Haus­ver­wal­tung hat­te davon erfah­ren und sofort ver­an­lasst, dass fort­an in roten Let­tern auf lami­nier­tem Papier „Zutritt für Unbe­fug­te ver­bo­ten.“ – „Bit­te Türe geschlos­sen hal­ten. Gefahr!“ auf der Ein­gangs­tü­re zu lesen war. „Ja, auch wenn man bei die­sen Tem­pe­ra­tu­ren Mit­leid haben könn­te“, hieß es an alle Mieter*innen. Soll­te man der Per­son im Gebäu­de begeg­nen, sei unver­züg­lich die Poli­zei wegen Haus­frie­dens­bruchs zu alar­mie­ren. (Die Schil­der hän­gen immer noch.)

Ohne die mora­li­sche Keu­le zu schwin­gen, bie­tet Oster­mairs Roman sei­nen Leser*innen eine hilf­rei­che Gele­gen­heit zum Per­spek­ti­ven­wech­sel und zeigt auf, dass Obdach­lo­se ein Teil unse­rer Gesell­schaft sind.

                                                                                                

Mar­kus Oster­mair, Der Sand­ler, 371 Sei­ten, Osburg Ver­lag, 22,00 €.