Ein Stück Pizza zu viel

Ein Stück Pizza zu viel

von Lena Wenzel

Piz­za woll­te ich essen gehen. Manch­mal muss man‘s ein­fach tun. Nicht aus Trotz, son­dern weil der Gau­men schreit.

Am Diens­tag ver­gan­ge­ner Woche schrieb ich ihm also: „Ich will Piz­za. Lass uns Piz­za essen gehen.“.

Er schrieb: „Okay.“.

Heu­te, eine Woche vor­her, am Diens­tag vor dem Diens­tag, bin ich voll­kom­men ent­spannt. Eine unge­wöhn­li­che Ruhe umschließt mei­nen hung­ri­gen Kör­per und legt sich um mei­nen Geist. Die Welt in Wat­te gehüllt. Wohin ich auch ging, mir war als lief ich auf Wol­ken. Die wei­ßen schö­nen, nicht die grau­en stür­mi­schen. White Car­pet unter mei­nen Füßen…

Ich ertapp­te mich dabei, wie ich manch­mal wie ver­rückt zu Grin­sen anfing. An der Bus­hal­te­stel­le. An der Kas­se. Unter der Dusche. Ich träum­te tags­über und nachts lief ich im Kreis. Und manch­mal tanz­te ich frei von allen Zwän­gen zur Musik. Dabei moch­te ich sie nicht einmal.

Die­se ruhi­ge Eupho­rie hielt an bis zum Wochen­en­de, als sich mei­ne Lau­ne schlag­ar­tig änder­te. Schüch­ter­ne Son­nen­strah­len gespann­ter Vor­freu­de kämpf­ten jetzt gegen die dich­te Wol­ken­de­cke in mei­nem Innern. Ich war befal­len von hei­ßer Begier­de. Spei­chel sam­mel­te sich in mei­nem Mund. In mei­nen Augen glänz­ten Rinn­sa­le süßer Trä­nen. Mei­ne Zäh­ne schmerz­ten vor Hun­ger. Ich konn­te nicht still­sit­zen. Nur bewegt lau­fen. Wie ein ein­ge­sperr­ter Tiger ging ich in mei­nem Zim­mer ruhe­los auf und ab, schau­te aus dem Fens­ter in ande­re Fens­ter hin­ein. Und wenn einer zurück­schau­te, duck­te ich mich. Zeit­wei­se wur­de ich rich­tig wütend. Ande­ren gegen­über oft aggres­siv. Mir selbst wur­de ich uner­träg­lich und tief in mei­nem Innern fühl­te ich einen ste­chen­den Schmerz.

Auch die Näch­te wur­den selt­sa­mer. Als ich eines Nachts schlief und einen sehr leben­di­gen Traum hat­te, tas­te­te ich vor­sich­tig nach mei­nem Nabel. Ich erschrak, als mei­ne Fin­ger in ein boden­lo­ses Loch grif­fen. Ohne Anfang, ohne Ende. Mir wur­de schlag­ar­tig übel. Und ich spür­te, wie das Abend­essen mit lan­gen Bei­nen mei­nen Rachen hin­auf wan­der­te. Mit einer Lawi­ne voll Spu­cke schluck­te ich es wie­der hin­un­ter, griff mit zitt­ri­gen Hän­den nach mei­nem Tele­fon und rief panisch den Not­arzt an.

 

Mit Sire­ne und Blau­licht kam er her­bei­ge­fah­ren. Rüt­tel­te mich wach. Ich hät­te nur geträumt, ver­si­cher­te mir ein Mann mit krau­sem Haar und Som­mer­spros­sen auf der Nase. „Stop­fen Sie das Loch“, befeh­le ich ihm. Er ver­schreibt mir Pizza.

Glück­lich über die­se Ent­wick­lung will ich ihm für sei­nen Ein­satz dan­ken. Da wird sein fre­ches Gesicht plötz­lich ganz lang und als ich mich umse­he, ist alles ver­zerrt. Mein Zim­mer eine Kugel. Es dreht sich und ich ent­de­cke mich, wie ich in einem Pferd­chen-Karus­sell sit­ze. Dann wird alles dun­kel. Schwar­zer Nebel ver­schluckt erst den som­mer­spros­si­gen Not­arzt, dann mein Bett, mein Zim­mer und schließ­lich mich und mein Karussell.

 

Als ich end­lich am sieb­ten Tag mei­ne Augen öff­ne­te, spür­te ich die Macht der Schöp­fung in mir. Es gab wie­der ruhi­ge Momen­te. Mei­ne Gemüts­la­ge eini­ger­ma­ßen sta­bil. Und nach­dem ich ein­mal aus­ein­an­der­ge­nom­men und in Ein­zel­tei­le zer­legt wor­den war, spür­te ich nun, wie ein Teil das ande­re fand. Bis nur noch eines fehlte.

 

Unge­lenk set­ze ich mich auf, ste­he auf, tas­te mich vom Bett zum Bad und begin­ne mein mor­gend­li­ches Ritu­al. Zäh­ne­put­zen, Haa­re Käm­men, die Haa­re hoch­ste­cken, Gesicht waschen. Als ich fer­tig bin und an der Tür zur Küche vor­bei­ge­he, spricht mein Bauch zu mir, aber ich blei­be stand­haft und ver­zich­te auf Apfel zum Früh­stück. Bis zum Abend will ich nichts essen. Will mir die Qual zur Freu­de wer­den las­sen. Mei­ne Schrit­te füh­ren mich an der Küchen­tür vor­bei ins Wohn­zim­mer. Mein Blick ziel­stre­big auf den blau­en Ses­sel mit einem Mus­ter aus unzäh­li­gen Augen in ägyp­ti­schem Stil gerich­tet. Ich igno­rie­re ihren Blick und set­ze mich auf ihre weit­auf­ge­ris­se­nen Augen. Zu mei­ner Rech­ten das Fens­ter. Ein Laken aus grau­en Wol­ken über dem Him­mel gespannt. Und der Wind säu­selt durch die undich­ten Rah­men, flüs­tert mir süße Ver­hei­ßun­gen ins Ohr. Ich sage „Nein“ und blei­be sit­zen. Zu mei­ner Lin­ken ein lee­res Bücher­re­gal. Da und dort steht eine Kis­te, eine Pflan­ze, oder ein Foto­al­bum mit Erin­ne­run­gen, die ich längst ver­ges­sen habe. Doch die Lee­re der Bücher wiegt schwer. Ich wen­de mei­nen Blick von dem trost­lo­sen Regal ab, schaue statt­des­sen gera­de­aus auf die kah­le Wand drei Meter von mir ent­fernt. Höre die Uhr ticken, die dort hängt. Mei­ne Pupil­len fol­gen den Zei­gern, bis mein Herz­schlag sich ihrem Takt ange­passt hat. Bis ich schla­fe und der Film in mei­nem Kopf reißt.

 

„Ich glau­be nicht an Kar­ten“, sage ich zu ihm, als er mich fragt, war­um ich kei­nen Blick auf die Spei­se­kar­te wer­fe. „Dann weißt du nie, was auf der Tages­kar­te steht, was es Neu­es gibt und was du viel­leicht noch nie gese­hen hast“, erwi­dert er. Ich zucke mit den Schul­tern. „Ich weiß, was ich will“, sage ich. Und damit es nicht zu schroff wirkt, läch­le ich. „Ich auch“, sagt er und klappt die Kar­te zu. Sieht mich an. „Es fühlt sich an wie in Ita­li­en.“ Ich schwen­ke leicht mein Wein­glas, atme den Duft eines Lächelns ein und trin­ke einen Schluck. „Wie der ers­te Urlaub.“ Ich stel­le das Glas vor­sich­tig ab. „Als man noch nichts woll­te, aber alles bekom­men hat.“ Blaue Augen bli­cken mich an. „Was willst du?“, fragt er. „Ich will Piz­za“, ant­wor­te ich schnell. Wie auf Befehl kommt eine schlan­ke Gestalt mit engen Hosen und wei­ßem Hemd zu uns an den Tisch her­bei­ge­eilt. Als ich zu dem eben­so schlan­ken Gesicht bli­cke, blen­det mich das Licht der Decken­lam­pe. Ein Hei­li­gen­schein umstrahlt den Kopf über mir. „Was darf ich Ihnen brin­gen?“, fragt die Stim­me. Mein Beglei­ter nickt in mei­ne Rich­tung. For­dert mich damit zum Spre­chen auf. „Ich hät­te ger­ne eine Vier­jah­res­zei­ten­piz­za. Ein Vier­tel mit Pil­zen und Schin­ken, das Zwei­te mit Ana­nas und Schin­ken, das Drit­te mit Büf­fel­moz­za­rel­la und das Letz­te mit Knob­lauch und Aus­tern­pil­zen. Viel Knob­lauch bit­te.“ Ich läch­le. Schaue mein Gegen­über her­aus­for­dernd an. Er igno­riert mei­nen Blick, sei­ne Hän­de noch immer auf der Kar­te ruhend. Dann erhebt er sie, fal­tet sie, räus­pert sich. „Für mich das Glei­che bit­te.“ Er sieht mich an. Und wir grin­sen beide.

 

„Man kann das Leben nicht erzwin­gen“, sagt er zu mir und küsst mich. Ein­fach so. Über uns der Mond, unter uns boden­lo­se Schwär­ze. Zun­gen, die sich gegen­sei­tig zum Tanz auf­for­dern. Lip­pen, die sich sanft berüh­ren und in allem ein Zau­ber lie­gend, der jeden Zufall aus­schlie­ßen lässt. Der ers­te Kuss, der nicht der ers­te ist, als hät­te es nie ein Vor­her gege­ben und als gäbe es kein Nachher.

Der Nach­ge­schmack der Piz­za liegt in unse­rem Kuss und obwohl mein Bauch für den Moment voll und satt ist, bin ich es nicht. Ich will mehr. For­dernd umkrei­se ich mit mei­ner Zun­ge die sei­ne und erkun­de sei­ne Mund­höh­le nach ver­blie­be­nen Schät­zen. Mein Geschmacksinn auf der Pirsch hat die Fähr­te auf­ge­nom­men, die auf sei­nen schma­len Lip­pen endet. Und wie eine Kat­ze, die ihre Beu­te im Visier hat, wer­de ich lang­sam lang­sa­mer. Tas­te mich vor­sich­tig her­an. Will mein Ziel nicht ver­schre­cken, nicht aus den Augen ver­lie­ren. Dann set­ze ich zum Sprung an. Gie­rig sau­ge ich an sei­ner Unter­lip­pe. Knab­be­re dar­an und als ich ihm in die vom Mond­licht blau strah­len­den Augen bli­cke, bei­ße ich zu. Fest. Bis ich Toma­ten­so­ße schme­cke, rot wie Blut. Unzäh­li­ge Geschmacks­va­ri­an­ten und Düf­te die­ser Welt ver­mi­schen sich in mei­nem Mund, in mei­ner Nase…

Und ich esse ein Stück Piz­za zu viel.

Lena Wen­zel, gebo­ren 1997 in Krum­bach, stu­diert der­zeit Ger­ma­nis­tik und Phi­lo­so­phie an der Uni­ver­si­tät Augs­burg. Am liebs­ten schreibt sie Kurz­ge­schich­ten, ab und zu auch Gedich­te. Ihre Inspi­ra­ti­on zieht sie vor allem aus der radi­ka­len Kunst­auf­fas­sung der Avant­gar­de des 20. Jahr­hun­derts. Mit ihren sur­rea­lis­ti­schen For­mu­lie­run­gen rückt sie den Blick des Lesers ins Abnor­me. Ihre Spe­zia­li­tät: ein ver­stö­ren­des Ende. Wenn sie nicht stu­diert oder schreibt, fin­det man sie in den Ber­gen beim Wan­dern und Klet­tern, mit einem Buch bewaff­net im Café, oder auf ihrem Pferd durch die Groß­stadt­prä­rie reitend.