Figuren in Bewegung – Philosophie und Kunst

Figuren in Bewegung – Philosophie und Kunst

Ein Gespräch mit dem Künstler Nicolas Constantin Romanacci

von Ste­pha­nie Siegl

schau­ins­blau: Im ver­gan­ge­nen Jahr sind sys­tem­re­le­van­te Beru­fe in den Vor­der­grund der öffent­li­chen Wahr­neh­mung gerückt. Wie steht es Ihrer Mei­nung nach um die Sys­tem­re­le­vanz von Kunst?

Nico­las Con­stan­tin Roma­na­c­ci: Kunst erlangt Rele­vanz, wenn sie als eigen­stän­di­ge Form des Selbst‑, Fremd- und Welt­ver­ste­hens, bzw. der Welt­er­zeu­gung begrif­fen wird und sie, so ver­stan­den, Bedeu­tung, Ori­en­tie­rung und Iden­ti­täts­bil­dung gene­riert, nicht zuletzt, um bei Bewah­rung ihrer genui­nen Welt­of­fen­heit das Fun­da­ment für eine wider­stän­di­ge Hal­tung gegen­über ideo­lo­gi­scher Ver­ein­nah­mung anzu­le­gen, sowohl bei den Prak­ti­zie­ren­den als auch beim Publikum.

Wirk­sam wird Kunst maß­geb­lich über das Phä­no­men des Aus­drucks, wel­ches durch meta­pho­ri­schen Trans­fer auf bemer­kens­wert ein­zig­ar­ti­ge Wei­se kogni­ti­ve und emo­tio­na­le Ver­mö­gen und Welt­be­zü­ge des Men­schen ver­bin­det. Dabei spie­len ins­be­son­de­re auch non­ver­ba­le Ver­ste­hens­ope­ra­tio­nen eine ent­schei­den­de Rolle.

Der­ar­tig zwi­schen Kogni­ti­on und Emo­ti­on ver­mit­telnd, kann Kunst als kom­ple­xe, bedeu­tungs­vol­le Berei­che­rung in die Leer­stel­len und das Unbe­ha­gen hin­ein­wir­ken, die die inhu­ma­nen Aus­wüch­se von Ratio­na­li­sie­rungs­pro­zes­sen hin­ter­las­sen. Dar­über hin­aus kann Kunst auch alter­na­ti­ve Sinn­fin­dungs­an­ge­bo­te bereit­stel­len. Bei­spiels­wei­se, wenn man den Pro­zess der Selbst­re­la­ti­vie­rung beim explo­ra­ti­ven Expe­ri­men­tie­ren auch als phi­lo­so­phisch begründ­ba­re spi­ri­tu­el­le Pra­xis begreift [1].

Eher hin­der­lich für eine der­ar­ti­ge, „kogni­ti­vis­ti­sche“ Auf­fas­sung von Kunst sind dage­gen diver­se For­men der Instru­men­ta­li­sie­rung von Kunst, etwa wenn man sie als Sta­tus­sym­bol, intel­lek­tu­el­len Spiel­ball oder ledig­lich als wirt­schaft­lich ver­wert­ba­res Objekt einer Kon­sum­ge­sell­schaft miss­braucht. Wenn nun „sys­tem­re­le­vant“ mög­li­cher­wei­se am Ende doch nur „von unmit­tel­ba­rem, letzt­lich wirt­schaft­li­chem Nut­zen“ meint, dann hat Kunst als kom­ple­xe, kogni­tiv-emo­tio­na­le, vor­aus­set­zungs­rei­che Ver­ste­hens­form in einem sol­chen Sys­tem kei­ne Relevanz.

Als eigen­stän­di­ge Ver­ste­hens­form soll­te der Kunst in unse­rem Bil­dungs­sys­tem mehr Raum gege­ben wer­den [2]. Neben ande­ren Bestre­bun­gen, Kunst mehr Rele­vanz zu ver­lei­hen, hat die Phi­lo­so­phie aus erkennt­nis­theo­re­ti­scher Per­spek­ti­ve Grund­la­gen geschaf­fen, um der Kunst eine ent­schei­den­de Rol­le in einer zukünf­ti­gen, durch ästhe­ti­sche Bil­dung mit gepräg­ten und gestal­te­ten, men­schen­wür­di­ge­ren Welt zu geben. So ver­blei­be ich, trotz der kri­ti­schen Urtei­le einer nüch­ter­nen Gegen­warts­ana­ly­se, den­noch und durch­aus posi­tiv gestimmt ange­sichts der weg­wei­sen­den Revi­sio­nen und Fort­schrit­te sei­tens der Erkennt­nis­theo­rie, die der Kunst die ihr gebüh­ren­de Rele­vanz aus guten Grün­den zuerkennt.

schau­ins­blau: Die Coro­na Pan­de­mie hat die Kunst- und Kul­tur­sze­ne hart getrof­fen. Wel­che Aus­wir­kun­gen hat die Pan­de­mie auf Ihre eige­ne künst­le­ri­sche Tätig­keit? Haben Sie, bedingt durch die Pan­de­mie, auch neue ästhe­ti­sche For­ma­te entwickelt?

Nico­las Con­stan­tin Roma­na­c­ci: Die Coro­nalage führ­te zunächst zu einer Ver­schie­bung auf unbe­stimm­te Zeit hin­sicht­lich eines für den Herbst, anläss­lich eines run­den Geburts­ta­ges, geplan­ten Buch­pro­jek­tes. Im klas­si­schen Buch­druck auf einem Hei­del­ber­ger Tie­gel, zuzüg­lich Fak­si­mi­le der Typoskrip­te (erstellt mit einer Oli­vet­ti Let­te­ra 22, inklu­si­ve hand­schrift­li­cher Noti­zen) und der hand­schrift­li­chen Notiz­buch­o­ri­gi­na­le war die Umset­zung über die Dru­cke­rei und den Ver­lag Dürr in Mün­chen geplant.

Viel­schich­ti­ge Aus­wir­kun­gen hat­te die Coro­nalage auf mei­ne aktu­el­le Kom­po­si­ti­ons­pra­xis, die auf Expe­ri­men­ten mit einem elek­tro­akus­ti­schen „Modu­la­ren Sys­tem“ beruht. Aus per­sön­li­cher Per­spek­ti­ve hat sich in die­sem Zusam­men­hang tat­säch­lich ein sub­stan­ti­el­ler Schritt auf for­ma­ler Ebe­ne erge­ben, inso­fern her­vor­zu­he­ben, da die wirk­li­che Ent­wick­lung eines neu­en ästhe­ti­schen For­ma­tes sich oft­mals in Zeit­räu­men bewegt, die Jahr­zehn­te umfas­sen. Die kom­po­si­to­ri­sche Pra­xis steht dabei in einem engen Zusam­men­hang mit einem For­schungs­pro­jekt an der TU Mün­chen, für das ursprüng­lich eine bild­wis­sen­schaft­li­che Beglei­tung mei­ner­seits ange­fragt wur­de, was sich dann zu einer sehr berei­chern­den künst­le­ri­schen Zusam­men­ar­beit aus­ge­wei­tet hat.

Abbil­dung: „Modu­lar Sys­tem“ (zen­tra­les „Rack“, ohne exter­ne Gerä­te, ohne Patchkabel)

Ein Modu­la­res Sys­tem setzt sich zusam­men aus frei kom­bi­nier­ba­ren Modu­len zur elek­tro­ni­schen Klang- bzw. Signal­er­zeu­gung. Einer der Rei­ze an einem der­ar­ti­gen Sys­tem ist nicht nur die Mög­lich­keit zur frei­en Kom­bi­na­ti­on aus einer schier unüber­schau­ba­ren Aus­wahl an Modul­her­stel­lern und Funk­tio­na­li­tät der Modu­le, son­dern dar­über hin­aus ins­be­son­de­re die fas­zi­nie­ren­de und erstaun­li­che Mög­lich­keit, die Rol­len der jewei­li­gen elek­tri­schen Signa­le frei zu wech­seln zwi­schen hör­ba­rem Ele­ment und Modu­la­ti­ons­quel­le, da alle Signa­le ihrer Natur nach grund­sätz­lich gleich­ar­ti­ge elek­tri­sche Span­nun­gen sind. So kann man bei­spiels­wei­se den „Enve­lo­pe“ eines auf­ge­nom­me­nen Klan­ges / Sam­ples sei­ne soge­nann­te „Hüll­kur­ve“, abgrei­fen und die­se dann ver­wen­den, um ande­re Ele­men­te, wie etwa Para­me­ter des „Erbe-Verbs“, einem steu­er­ba­ren Reverb, zu modu­lie­ren. Dar­über hin­aus kann das Modul „Erbe-Verb“ dann wie­der­um die Para­me­ter des Sam­ples in ver­schie­dens­ter Wei­se ver­än­dern. So ent­steht ein Sys­tem aus kom­ple­xen Wech­sel­wir­kun­gen: Figu­ren in Bewegung!

Durch die beson­de­re Form des Zusam­men­spiels zwi­schen den ver­schie­de­nen Ele­men­ten in einem Modu­la­ren Sys­tem erwei­tert sich die­ser Ansatz um eine radi­kal neue Dimen­si­on. Über Mehr­stim­mig­keit und Ambi­gui­tät hin­aus­ge­hend, geht es um die Eta­blie­rung sehr spe­zi­ell gear­te­ter Struk­tu­ren, in deren Ver­lauf musi­ka­lisch bedeu­tungs­tra­gen­de Ele­men­te wech­sel­wirk­sam ihre Rol­len ver­än­dern können.

Die geplan­ten, begeh­ba­ren Instal­la­tio­nen auf dem Uni­ver­si­täts­ge­län­de der TU Mün­chen und im öffent­li­chen Raum Mün­chens umfas­sen klang­li­che Ele­men­te, wir hof­fen, dass die Umset­zung im Herbst irgend­wie mach­bar sein wird. Auch die für die Lan­des­gar­ten­schau geplan­ten Klang­in­stal­la­tio­nen kön­nen vor­aus­sicht­lich im nächs­ten Jahr, unab­hän­gig von der Gar­ten­schau, rea­li­siert werden.

schau­ins­blau: Vie­le Ihrer Wer­ke ste­hen unter dem Kern­mo­tiv „figu­res in move­ment“. Was bedeu­tet die­ses Motiv für Sie? Woher kommt Ihre Fas­zi­na­ti­on für Bewe­gun­gen, Bil­d­er­zeu­gung und Kompositionsprozesse?

Nico­las Con­stan­tin Roma­na­c­ci: Das Kern­mo­tiv „figu­res in move­ment“ umfasst ver­schie­de­ne Berei­che und deren Ver­bin­dun­gen: mensch­li­ches Han­deln, for­ma­le Struk­tu­ren und Denk­be­we­gun­gen. Mei­ne Beschäf­ti­gung mit Bewe­gung, Bil­d­er­zeu­gung und Kom­po­si­ti­ons­pro­zes­sen lief lan­ge Jah­re, sogar Jahr­zehn­te weit­ge­hend par­al­lel, bevor erst mit der inter­ak­ti­ven Instal­la­ti­on „Varia­ti­ons IX“ (2015) einer audio-visu­el­len Kom­po­si­ti­on, die ver­schie­de­nen Aspek­te voll­ends zusam­men­fan­den wie unter einem Brenn­glas. [3]

Erst rück­wir­kend begriff ich „Varia­ti­ons IX“ zuneh­mend als Expe­ri­men­tal­sys­tem, als kon­kre­te Basis, von der aus, wie eine Art Pris­ma aus­strah­lend, sich das Kern­mo­tiv „figu­res in move­ment“ bewusst her­aus­de­stil­lier­te und sich über sei­ne viel­fäl­tig schil­lern­den Facet­ten und Gewich­tun­gen sehr unter­schied­li­che Fol­ge­pro­jek­te ent­fal­ten lie­ßen, die bei aller genui­nen Eigen­stän­dig­keit den­noch, über die­ses Kern­mo­tiv ver­mit­telt, kom­ple­xe Ver­bin­dun­gen aufweisen.

Abbil­dung: Varia­ti­ons IX — Performance

Wenn es auch Jahr­zehn­te gedau­ert hat, bis Akus­ti­sches, Moto­ri­sches und Visu­el­les auf die­sem lan­gen Weg zusam­men­fan­den, so lässt sich doch ein ganz kon­kre­ter, kur­zer Moment im Jahr 1999 her­vor­he­ben, bei denen Bewe­gung und Bild­ge­stal­tung wört­lich auf einen Schlag, bzw. im Zuge drei­er „strokes“, erst­ma­lig auf­ein­an­der­tra­fen und zusam­men­wirk­ten. Die mit geschlos­se­nen Augen voll­zo­ge­nen „three strokes“ der gleich­na­mi­gen frei kal­li­gra­fi­schen Arbeit durch­trenn­ten förm­lich wie ein Schwert­hieb, da ganz kon­kret an Aik­id­o­be­we­gun­gen ori­en­tiert, die ima­gi­nä­re Bar­rie­re zwi­schen den für mich lan­ge Zeit nicht nur getrenn­ten, son­dern auch gegen­sätz­li­chen Wel­ten von Bewe­gung und Kunst.

schau­ins­blau: In „girl descen­ding a stair­ca­se“ wird ein Ori­gi­nal­vi­deo durch zufäl­lig ver­än­der­te Kopien der ein­zel­nen Frames trans­for­miert. Wel­che Rol­le spielt der Zufall in ihren Werken?

Nico­las Con­stan­tin Roma­na­c­ci: Auf den Aspekt „Zufall“ stieß ich zuerst im Zuge mei­ner sehr inten­si­ven Beschäf­ti­gung mit John Cage. Beson­ders die Gesprä­che zwi­schen Cage und Dani­el Charles, her­aus­ge­ge­ben unter dem schö­nen Titel „Für die Vögel“, waren hier sehr berei­chernd. Per­sön­li­che Bedeu­tung erlang­te die­ser Aspekt anfangs erst ein­mal in Bezug auf die von Cage beschrie­be­nen Erfah­run­gen mit dem Zen-Bud­dhis­mus, was die Hal­tung des Anneh­mens von nicht-kon­trol­lier­ba­ren Ereig­nis­sen betrifft. Cages radi­ka­ler und weg­wei­sen­der Schritt, den Zufall in die musi­ka­li­sche Pra­xis mit­ein­zu­be­zie­hen, mit nicht zu unter­schät­zen­den Fol­gen – nicht nur für die Musik, son­dern auch für die Ent­wick­lung der Medi­en­kunst – fan­den lan­ge Zeit kein direk­tes Echo in mei­ner musi­ka­li­schen Pra­xis, da ich weder einen Weg sah, noch das Bedürf­nis ver­spür­te, hier die Prä­gung durch den Anspruch an Prä­zi­si­on und Per­fek­ti­on, wie sie beim klas­si­schen Gitar­re spie­len zur Gel­tung kommt, um den Aspekt Zufall zu erwei­tern, oder mei­ne Kom­po­si­ti­ons­pra­xis radi­kal zu ändern.

Auch hier brach­te die freie Kal­li­gra­fie den ent­schei­den­den Schritt, um die Bemü­hun­gen um Prä­zi­si­on bei der Aus­füh­rung einer Bewe­gung, spe­zi­ell hin­sicht­lich der in gewis­ser Wei­se „absichts­lo­sen“ oder anders for­mu­liert: „druck­frei­en“ Durch­füh­rung zu ver­bin­den mit den zufäl­li­gen, aber beab­sich­tig­ten Arte­fak­ten der ver­wen­de­ten Tusche und des Zeichen-Werkzeuges.

Bei der von Ihnen ange­spro­che­nen Arbeit „girl descen­ding a stair­ca­se“ wird der Zufall wirk­sam über das Phä­no­men der „Glit­ches“, das sind vor­ge­fun­de­ne oder erzeug­te Feh­ler in Pro­gram­men. Die­sen genu­in medi­en­kri­ti­schen, zeit­ge­nös­si­schen Ansatz begeg­ne­te ich im Rah­men mei­nes Media Art (His­to­ries) Mas­ters in Krems. Dort ent­wi­ckel­te sich eine tie­fe Freund­schaft mit John Cates, der von Chi­ca­go aus­ge­hend eini­ge Bedeu­tung in der „Glitch-Sze­ne“ erlangt hat­te. Wir nah­men dann gemein­sam an einer Grup­pen­aus­stel­lung im Muse­ums­vier­tel Wien teil. Als zeit­ge­nös­si­sches Mit­tel, über die „Glit­ches“ wirk­sam wer­dend, gab die­se Varia­ti­on des Aspek­tes Zufall den Anlass, die­se Inter­pre­ta­ti­on von Duch­amps „Nude descen­ding a Stair­ca­se“ umzu­set­zen, aller­dings aus­drück­lich über diver­se Bezü­ge abge­fe­dert, ins­be­son­de­re eine humor­vol­le, ent­spre­chend selbst­iro­ni­sche Leich­tig­keit beto­nend, als Hom­mage in die­ser Form jeden­falls eine Aus­nah­me. Pri­mär ist die Arbeit ein Por­trait von mei­ner Frau.

Eine sehr spe­zi­fi­sche Rol­le spielt der Zufall in mei­ner aktu­el­len Kom­po­si­ti­ons­pra­xis mit dem elek­tro­akus­ti­schen „Modu­lar Sys­tem“ Ganz kon­kret kom­men hier Zufalls­ope­ra­tio­nen zum Ein­satz, über das Modul von Make Noi­se mit dem wun­der­ba­ren Namen „Wogg­le­bug“, das diver­se Arten von Zufalls­span­nun­gen erzeugt, die ent­we­der als „noi­se“ hör­bar oder wirk­sam wer­den als Steu­er­span­nun­gen für ver­schie­dens­te Para­me­ter, z.B. auf klang­li­cher Ebe­ne oder um ande­re Kon­troll­span­nun­gen zu mani­pu­lie­ren. Das Make Noi­se Modul „Wogg­le­bug“ ist inspi­riert von Vor­gän­ger­ver­sio­nen Grant Rich­ters von Wiard, alle Ver­sio­nen wie­der­um basie­ren auf den Modu­len 265 / 266 des weg­wei­sen­den Syn­the­se Pio­niers Buch­la, mit dem spre­chen­den Namen: „Source of Uncertainty“.

schau­ins­blau: Seit 2015 lei­ten Sie die Rei­he „Phi­lo­so­phie und Kunst“ im Zen­trum für Gegen­warts­kunst in Augs­burg. Was fas­zi­niert Sie an die­sem Zusam­men­hang. Ist Kunst Phi­lo­so­phie und umgekehrt?

Nico­las Con­stan­tin Roma­na­c­ci: Bei aller phi­lo­so­phi­schen Nei­gung zur dif­fe­ren­zie­ren­den Abwä­gung, dazu ein­gangs ein ent­spre­chend bewusst poin­tier­tes, aus­drück­li­ches: Nein!

Zeit­ge­nös­si­sche Phi­lo­so­phie, jeden­falls die der ana­ly­ti­schen Tra­di­ti­on ver­pflich­te­te, sieht ihre zen­tra­le Auf­ga­be in der Begriffs­klä­rung, die sich zwar aus­drück­lich auch mit der Ana­ly­se von non­ver­ba­len Ver­ste­hens­ope­ra­tio­nen befasst, wie sie exem­pla­risch durch Kunst prak­ti­ziert wer­den, aber eben nicht von der Phi­lo­so­phie. Umge­kehrt soll­ten die genui­nen Aus­drucks­mit­tel der Kunst, die in her­aus­ra­gen­der Wei­se non­ver­ba­le Bezug­nah­me vor­aus­set­zen und wirk­sam wer­den las­sen, nicht auf sprach­li­che Aus­sa­gen redu­ziert wer­den, auch nicht phi­lo­so­phi­schen Ursprungs. Mit rein phi­lo­so­phi­schen Mit­teln lässt sich auch bezüg­lich der viel­fäl­ti­gen Aspek­te und Details kein Werk interpretieren.

Eine sinn­vol­le Bezie­hung zwi­schen Phi­lo­so­phie und Kunst sehe ich dem­nach so: Kunst bringt mit den ihr ganz eige­nen Mit­teln zum Aus­druck, was im bes­ten Fall von phi­lo­so­phi­scher Rele­vanz ist, die Phi­lo­so­phie argu­men­tiert in die­sem Sinn auch, wie oben schon aus­ge­führt, für die Rele­vanz von Kunst als Erkenntnisform.

Selbst­ver­ständ­lich kann und soll­te sich wie­der­um Kunst von Phi­lo­so­phie inspi­rie­ren las­sen, aber man soll­te dabei nie der Ver­su­chung erlie­gen, Kunst zur blo­ßen Illus­tra­ti­on phi­lo­so­phi­scher Posi­tio­nen zu instrumentalisieren.

schau­ins­blau: Die momen­tan geplan­te und von vie­len Sei­ten kri­ti­sier­te Hoch­schul­ge­set­zes­re­form for­dert einen anwen­dungs­ori­en­tier­ten Nut­zen von For­schung für Staat, Wirt­schaft und Gesell­schaft. Sie selbst argu­men­tie­ren in Ihrem Bei­trag „Expe­ri­men­tie­ren als For­schung in Wis­sen­schaft und Kunst“ [4] für das künst­le­risch explo­ra­ti­ve Expe­ri­men­tie­ren als wis­sen­schaft­li­che For­schung. Was genau mei­nen Sie damit? Läuft Kunst Gefahr ratio­na­li­siert zu werden?

Nico­las Con­stan­tin Roma­na­c­ci: Die bis­he­ri­ge Erfolgs­ge­schich­te der moder­nen Uni­ver­si­tä­ten, gera­de auch hin­sicht­lich dem lang­fris­ti­gen (!) wirt­schaft­li­chen Nut­zen, grün­det ja maß­geb­lich auf der Ein­sicht, dass die kom­ple­xe Befä­hi­gung zur For­schung bezüg­lich Hal­tung und Pra­xis aus­drück­lich eine Distanz zur Anwen­dungs­ori­en­tie­rung vor­aus­setzt, um zukunfts­wei­send Grund­la­gen zu schaf­fen für eine spä­te­re, aktu­ell nicht abseh­ba­re Anwen­dung. Die geplan­te und zum Glück zumin­dest vor­über­ge­hend zurück­ge­stell­te Hoch­schul­ge­setz­re­form birgt mit ihrer Umori­en­tie­rung hin zu einer viel zu kurz gegrif­fe­nen wirt­schaft­li­chen Nutz­bar­ma­chung einen hoch­ge­fähr­li­chen, wei­te­ren Schritt einer pro­ble­ma­ti­schen Ver­wirt­schaft­li­chung von For­schungs­pro­zes­sen, was in der Sum­me nicht nur der For­schung und Leh­re dra­ma­ti­schen Scha­den zufü­gen wird, son­dern, mit tra­gi­scher Iro­nie, lang­fris­tig gera­de auch der Wirtschaft!

Eine ver­gleich­ba­re Gefahr droht der Kunst durch eine pro­ble­ma­ti­sche Auf­fas­sung davon, was „künst­le­ri­sche For­schung“ zu bedeu­ten hat. Statt die­sen Begriff so zu ver­ste­hen, dass damit eine Auf­wer­tung der Kunst hin­sicht­lich ihrer Rol­le als eigen­stän­di­ge Ver­ste­hens­form, neben den ande­ren Wis­sen­schaf­ten, gemeint ist, fin­det teils eine hoch­pro­ble­ma­ti­sche, falsch ver­stan­de­ne Ratio­na­li­sie­rung von Kunst statt, die sie ihrer genui­nen Mit­tel und Wir­kung beraubt. Aus­drück­lich set­ze ich künst­le­ri­sche For­schung nicht mit wis­sen­schaft­li­cher gleich, viel­mehr war­ne ich expli­zit vor den gefähr­li­chen Fol­gen einer der­ar­ti­gen Gleich­set­zung! Ein sol­cher Irr­glau­be und Irr­weg füh­ren ledig­lich zu einem grau­en­haf­ten Gemisch aus puber­tä­rer Pseu­do-Wis­sen­schaft und pein­li­cher Pseudo-Kunst.

[1] Roma­na­c­ci, Nico­las Con­stan­tin (2016): Expe­ri­men­tie­ren, Frem­derfah­rung, Selbst­re­la­ti­vie­rung – Eine phi­lo­so­phi­sche Unter­su­chung in Bezug­nah­me auf eine sprach­ana­ly­tisch-anthro­po­lo­gi­sche Stu­die von Ernst Tugend­hat und Nel­son Goodman’s Sym­bol- und Erkennt­nis­theo­rie in: Fitz­ner, Wer­ner (HG:),(2016): Kunst und Frem­derfah­rung. Bie­le­feld: tran­script, S. 119–140.

[2] Roma­na­c­ci, Nico­las Con­stan­tin (2009): »pos­ses­si­on plus refe­rence« – Nel­son Good­mans Begriff der Exem­pli­fi­ka­ti­on. Ange­wandt auf eine Unter­su­chung von Bezie­hun­gen zwi­schen Kogni­ti­on, Krea­ti­vi­tät, Jugend­kul­tur und Bil­dung. In: KODIKAS / CODE Ars Semei­o­ti­ca, An Inter­na­tio­nal Jour­nal of Semio­tics, Volu­me 32 (2009), No, 1–2, The­men­heft / spe­cial issue, Zei­chen­ma­te­ria­li­tät, Körper­sinn und (sub-) kul­tu­rel­le Iden­ti­tät. Hrsg.: Ernest W.B. Hess-Lüt­tich, Eva Kim­mi­nich, Klaus Sachs-Hom­bach und Karin Wenz Gun­ter Narr Ver­lag Tübin­gen, S. 35–46.

[3] Die Instal­la­ti­on lief im zen­tra­len Kor­ri­dor des „tim“, dem Staat­li­chen Tex­til und Indus­trie­mu­se­um, Augs­burg, über einen Zeit­raum von 6 Mona­ten, sie­he dazu den Begleit­text im Kata­log von Direk­tor Karl Bor­ro­mä­us Murr: Murr, Karl Bor­ro­mä­us (2015): Nico­las Con­stan­tin, Varia­ti­ons IX. Mün­chen [Hir­mer], Kata­log »Kunst I Stoff«, S. 34–39.

[4] In: LaborAR­To­ri­um – For­schung im Denk­raum zwi­schen Wis­sen­schaft und Kunst. Eine Metho­den­re­fle­xi­on, hrsg. von Anna-Sophie Jür­gens und Tas­si­lo Tesche, [tran­script], 2015, S. 73–89.

Nico­las Con­stan­tin Roma­na­c­ci arbei­tet in den Berei­chen Kom­po­si­ti­on, Phi­lo­so­phie und Medi­en­kunst und ist im Wis­sen­schaft­li­chen Bei­rat der Gesell­schaft für inter­dis­zi­pli­nä­re Bild­wis­sen­schaft für den Bereich Artis­tic Rese­arch. Er ist Dok­to­rand an der Eber­hard Karls Uni­ver­si­tät Tübin­gen, forscht zu Expe­ri­men­tal­sys­te­men in Wis­sen­schaft und Kunst auf Grund­la­ge der Sym­bol- und Erkennt­nis­theo­rie Nel­son Good­mans. Seit 2015 ver­an­stal­tet und lei­tet er die Rei­he Phi­lo­so­phie und Kunst im H2 – Zen­trum für Gegen­warts­kunst, Augs­burg. Sei­ne musi­ka­li­schen Ambi­tio­nen umfas­sen Kom­po­si­tio­nen für klas­si­sche Gitar­re,  expe­ri­men­tel­le elek­tro­akus­ti­sche Klang­for­schung und seit 2020 Klang­stu­di­en und phi­lo­so­phi­sche Unter­su­chun­gen im Rah­men eines For­schungs­pro­jek­tes an der TU München.