„In meiner Arbeit sind es die nicht greifbaren Dinge, die Wert haben.“

„In meiner Arbeit sind es die nicht greifbaren Dinge, die Wert haben.“

Ein Gespräch mit Lydia Daher

von Nico­le Sei­bert und Sven­ja Kärting

Sin­gen­de Schau­spie­ler sind heut­zu­ta­ge kei­ne Sel­ten­heit mehr. Sin­gen­de Lyri­ker schon. So ist die Wahl­augs­bur­ge­rin Lydia Daher längst nicht mehr von den inter­na­tio­na­len Büh­nen weg­zu­den­ken. Im Zen­trum ihres Tuns steht stets das Wort, auf ihren Tou­ren ver­eint sie Lie­der mit Dich­tung. Im Inter­view mit Schau ins Blau spricht die Preis­trä­ge­rin des Bay­ri­schen Kunst­för­der­prei­ses über ihre Befürch­tung, dass die Lyrik mehr und mehr an Bedeu­tung ver­liert und wagt einen Blick bis in die Wei­ten des Universum.

SCHAU INS BLAU: Frau Daher, Sie sind als Grenz­gän­ge­rin zwi­schen Lite­ra­tur und Musik äußerst erfolg­reich: 2012 wur­den Sie mit dem Bay­ri­schen Kunst­för­der­preis für Ihr lyri­sches Werk aus­ge­zeich­net und Ihr Musik­al­bum Flüch­ti­ge Bür­ger stieß auf gro­ßen Anklang und Begeis­te­rung im Musik­feuil­le­ton. Wie lässt sich der Zusam­men­hang zwi­schen Musik und Lite­ra­tur beschrei­ben? Kann man die Musik viel­leicht als Aus­weg aus dem All­tag des Schrei­bens sehen?

LYDIA DAHER: Tat­säch­lich habe ich so mit der Musik ange­fan­gen – es war ein Aus­weg. Mir war es damals, als ich im Som­mer 2006 mein ers­tes Album auf­ge­nom­men habe, eine Zeit lang schlicht zu anstren­gend, in der Hit­ze vor dem wei­ßen Blatt Papier zu sit­zen und Gedich­te zu schrei­ben. Und dann habe ich ange­fan­gen Lie­der auf­zu­neh­men. Das war zu der Zeit sehr befrei­end. Nicht so still, und vor allen Din­gen nicht an Erwar­tun­gen geknüpft. Und so fern lag es schließ­lich nicht, Song­tex­te und Musik zu schrei­ben und sie auf­zu­neh­men, immer­hin ist jede Form der Dich­tung in einem bestimm­ten Maß an Klang und Rhyth­mik gebunden.

SCHAU INS BLAU: Klang und Rhyth­mik konn­ten vor allem in den Anfän­gen der Lyrik, im münd­li­chen Vor­trag ver­mit­telt wer­den. Geht der Trend dahin zurück? Erklä­ren Sie sich damit den Erfolg von Lyrik-Fes­ti­vals und Poe­try-Slams in der heu­ti­gen Zeit?

LYDIA DAHER: Das muss man natür­lich alles aus­ein­an­der divi­die­ren. Poe­try Slams sind sehr erfolg­reich, weil sie ein lite­ra­ri­sches Event-For­mat sind, bei dem alle Leu­te mit­ma­chen kön­nen: sowohl das Publi­kum als auch jeder, der schreibt. Das ist im eta­blier­ten Lite­ra­tur­be­trieb anders: Bei einer Lesung in einem Lite­ra­tur­haus fehlt die­ser Event-Cha­rak­ter und folg­lich kom­men auch weni­ger Leu­te. Zum letz­ten Fina­le der Ger­man Inter­na­tio­nal Poe­try-Slam-Meis­ter­schaft kamen über 4000 Zuschau­er, das wür­de man bei einer Lesung nie­mals zusam­men­be­kom­men. Basis in bei­den Berei­chen ist natür­lich das Wort. Aber man darf sie nicht in einen Topf wer­fen. Sowohl das Hand­werk­li­che, also das Schrei­ben, funk­tio­niert anders, als auch die Ver­brei­tung und die Rezep­ti­on. Es gibt natür­lich auch im klas­si­schen Lyrik­be­reich sehr vie­le Leu­te, die schrei­ben, aber eben nur weni­ge, die publi­zie­ren. Es wird ziem­lich aus­ge­siebt, lei­der auch weil sich mit der Poe­sie nicht viel Geld ver­die­nen lässt.

SCHAU INS BLAU: Es ist scha­de, dass die Lyrik trotz die­ses schein­ba­ren Erfolgs mit Poe­try-Slams, mehr und mehr an Bedeu­tung ver­liert. Haben Sie viel­leicht ein eige­nes Patent­re­zept ent­wor­fen, um die­ser Ten­denz ein wenig ent­ge­gen zu wirken?

LYDIA DAHER: Es ist immer mei­ne Hoff­nung, dass man – auch jen­seits des Poe­try Slam – mehr offe­ne Ohren für die Lyrik gewin­nen kann. Viel­leicht hilft mir dabei manch­mal die­ses Grenz­gän­ger­tum: Wenn ich bei­spiels­wei­se Kon­zer­te spie­le, baue ich sehr oft auch Gedich­te ins Pro­gramm mit ein, um die Leu­te ein wenig ein­zu­fan­gen; ganz nach dem Mot­to „Jetzt sind sie da, jetzt müs­sen sie sich eben Gedich­te anhö­ren!“ Und die meis­ten mer­ken dann, dass es gar nicht so schlimm ist, wie sie dach­ten oder wie sie es in Erin­ne­rung hat­ten. Manch­mal mache ich wirk­lich einen ganz har­ten Schnitt und unter­bre­che für 20 Minu­ten die musi­ka­li­sche Dar­bie­tung. Ich set­ze mich dann an einen Tisch und lese Gedich­te vor, teils mit, teils ohne Band als musi­ka­li­schen Back­ground. Bei den meis­ten Leu­ten spielt die Lyrik im Leben oder im All­tag kei­ne Rol­le. Und dann pas­siert es plötz­lich doch, dass die Leu­te sagen: „Das ist der ers­te Lyrik­band, den ich mir kau­fe.“ Es freut mich, wenn ich damit einen Anstoß geben kann.

SCHAU INS BLAU: All Ihre im Lyrik­band ver­öf­fent­lich­ten Gedich­te ver­mit­teln ein so ein­dring­li­ches poe­ti­sches Bild, dass sie den Anspruch erfül­len, auch selbst gele­sen, ihre vol­le Wir­kung zu ent­fal­ten. Sie las­sen Außen- und Innen­welt ver­schmel­zen. Ihr Klang trägt uns förm­lich durch eine Welt, mit der wir uns zu arran­gie­ren ver­su­chen. Und den­noch ist das Gedicht für Sie „kein Ort,/ an dem wir uns tref­fen“ (S.76) wie es in Ihrem Gedicht­band Ins­ge­samt so, die­se Welt (2012, Voland & Quist)? Wol­len oder kön­nen wir uns nicht treffen?

LYDIA DAHER: Zu mei­ner Arbeit gehört, dass ich immer wie­der alles hin­ter­fra­ge. Und das Hin­ter­fra­gen bezieht sich dann wie­der­um auf mei­ne eige­ne Arbeit: War­um mache ich das Gan­ze, habe ich mit dem, was ich hier tue, über­haupt eine Chan­ce eine Ver­bin­dung zwi­schen mir und dem Leser her­zu­stel­len? Die­ses Gedicht ist eine Refle­xi­on – oder viel­leicht auch ein klei­ner Sei­ten­hieb – dar­über, dass wir uns als Lyri­ker zwar bemü­hen, aber uns nie­mals sicher sein kön­nen, ob wir irgend­was oder irgend­wen wirk­lich tref­fen kön­nen, auch im Sin­ne von berüh­ren. Ulri­ke Almut San­dig, eine deut­sche Lyri­ke­rin und Pro­sais­tin, schrieb über das Gedicht, dass es Rock ’n’ Roll sei. Ich füh­re die eige­nen Wort­hül­sen vor, spre­che von der Lächer­lich­keit des Dich­tens an sich und davon, wie gott­ver­las­sen wir dar­in eigent­lich sind. Und doch: Es ist eine Lächer­lich­keit, die hoff­nungs­voll ist, die ich sehr ernst neh­me. Ich schrei­be ja schließ­lich weiter.

SCHAU INS BLAU: Ihre Gedich­te sind häu­fig von den Moti­ven der Ver­las­sen­heit, Ver­gäng­lich­keit, Rast­lo­sig­keit und Undeut­lich­keit gezeich­net. Ver­geb­lich ist dabei die „Suche nach/ Din­gen, in denen die Ruhe/ der Ein­deu­tig­keit liegt“ (S. 60). Dient dann ein Per­spek­ti­ven­wech­sel als ret­ten­der Aus­weg? Viel­leicht ein Blick vom Per­lach­turm nach oben in den Him­mel, zu den Sternen?

LYDIA DAHER: Ein Per­spek­ti­ven­wech­sel ist natür­lich immer wich­tig. Da sind wir wie­der beim Hin­ter­fra­gen: Wo befin­de ich mich und wo befin­de ich mich im Ver­hält­nis zu allem ande­ren? Die Ruhe der Ein­deu­tig­keit liegt in dem Gedicht in ganz kon­kre­ten Din­gen, im Kon­sum, in dem, was greif­bar ist. In mei­ner Arbeit oder in dem, was ich schät­ze – zum Bei­spiel Lite­ra­tur oder Musik –, sind es die nicht greif­ba­ren Din­ge, die Wert haben. Außer­halb der Mate­rie lässt sich der Wert aber nur sub­jek­tiv bestim­men. Was für einen Wert hat die­se Zei­le, die­ses oder jenes poe­ti­sche Bild? Da steht kein Eti­kett drauf: 7,50 €. Oder so. Das Unkon­kre­te macht es unsi­che­rer – aber auch spannend.

SCHAU INS BLAU: Wel­che Wech­sel­wirk­sam­keit zwi­schen dem ungreif­ba­ren bestirn­ten Him­mel und Ästhe­ti­schem ver­mu­ten Sie in die­sem Zusam­men­hang? Kön­nen durch die­se Ver­hält­nis­se tat­säch­lich neue trans­kul­tu­rel­le Erzähl­for­men entstehen?

LYDIA DAHER: Ein Gedicht ist viel­leicht so etwas wie das All in Minia­tur. Das Spek­trum an Mög­lich­kei­ten ist unend­lich; es kann nicht wirk­lich gesagt wer­den, wie ein gutes Gedicht funk­tio­niert. Wo kommt es her, wo strebt es hin? Es gibt natür­lich die Ger­ma­nis­ten, die über die Dich­tung viel Theo­re­ti­sches wis­sen, aber trotz­dem gibt es kei­nen Mas­ter­plan. Ich kann expe­ri­men­tie­ren, ich kann ler­nen, und ich kann ver­su­chen, gewis­sen Din­gen näher zu kom­men, aber wie das funk­tio­niert, wann das pas­siert und was es da noch für Schrit­te in mei­ner Lauf­bahn gibt – kei­ne Ahnung. Alles Wis­sen dar­über ist nur tem­po­rär, frag­men­ta­risch, eigent­lich nichts. Und doch ist da der Glau­be, dass die Dich­tung der Zugang zu einer Art uni­ver­sel­ler Erfah­rung der so genann­ten Wirk­lich­keit sein kann.

SCHAU INS BLAU: Ist es ein Pro­blem der Kunst, dass vie­le Din­ge – gera­de um All und Kos­mos – mitt­ler­wei­le sehr kli­schee­haft auf­ge­grif­fen werden?

LYDIA DAHER: Das birgt einer­seits natür­lich eine gro­ße Gefahr. Ande­rer­seits ist es auch eine schö­ne Her­aus­for­de­rung, weil schon viel dar­über gesagt wur­de und so vie­les mitt­ler­wei­le Plat­ti­tü­de ist, wenn man es aus­spricht oder – noch schlim­mer – aufschreibt.

SCHAU INS BLAU: Sie haben aus Ihrem Gedicht­band Ins­ge­samt so, die­se Welt (2012, Voland & Quist) expli­zit zwei Gedich­te für unser Maga­zin aus­ge­wählt, die einen deut­li­chen Zusam­men­hang zwi­schen Indi­vi­du­um und Kos­mos zei­gen. Wir­ken stel­la­re Kon­stel­la­tio­nen all­ge­mein inspirierend?

LYDIA DAHER: So wür­de ich das nicht sagen. Für mich war es für die­se Gedich­te rich­tig. Aber für jemand ande­ren, der gera­de an einem ande­ren Text schreibt, ist es viel­leicht kein pas­sen­des Motiv. Ich für mei­nen Teil fin­de es total span­nend und inter­es­sant, dass man – wie bei­spiels­wei­se in mei­nem Text „Test­ge­län­de, Tages­mel­dung“ – mit weni­gen Zei­len einen so gro­ßen Bogen span­nen kann. Von einem Küchen­tisch bis ins Uni­ver­sum und wie­der zurück. So öff­net man einen rie­si­gen Raum. Sich nicht dar­in zu ver­lie­ren, ist auch nicht so ein­fach, aber es ist eine schö­ne Sache, wenn es funktioniert.

SCHAU INS BLAU: In Ihrem Text Test­ge­län­de, Tages­mel­dung heißt es „Und ist es nicht merkwürdig,/ dass aus­ge­rech­net wir/ hier sit­zen, unter den vol­len Rega­len des Himmels,/ mit wohl­sor­tier­ten Bewe­gun­gen, in diesem/ beson­ders pri­vi­le­gier­ten Universum,/ in dem es Radi­os gibt/ und Sams­tag­näch­te?“ (S. 19) – eine beson­ders auf­fäl­li­ge Wech­sel­wirk­sam­keit zwi­schen Indi­vi­du­um und Kos­mos. Die Unend­lich­keit des Kos­mos steht der deter­mi­nier­ten Ver­bin­dung des Indi­vi­du­ums zum sel­bi­gen gegen­über. Wel­chen Reiz übt die­ses Ver­hält­nis aus? Ver­mag die Poe­sie der indi­vi­du­el­len Ein­ge­bung der Bedürf­tig­keit nach dem Him­mel zu fol­gen oder hilft sie einen reflek­tie­ren­den Zusam­men­hang zu konstruieren?

LYDIA DAHER: Das hängt natür­lich immer von der Situa­ti­on ab und von dem, was man in einem Text aus­drü­cken möch­te. Der Him­mel kann mal Hoff­nung spen­den und mal bedroh­lich sein. Kann offen sein, oder ver­schlos­sen. Die Unend­lich­keit oder das Den­ken an die Unend­lich­keit kann einen viel­leicht beru­hi­gen, kann einen aber auch total beängs­ti­gen – je nach­dem, wo man selbst gera­de steht. Ich glau­be pau­schal kann man das nicht sagen.

SCHAU INS BLAU: Kann man letzt­lich sagen, dass eine gewis­se Him­mels­kon­stel­la­ti­on Sie als Indi­vi­du­um bestimmt und zum Künst­ler­sein beiträgt?

LYDIA DAHER: Ich weiß nicht, was mich bestimmt. Also wür­de ich jetzt auch nicht behaup­ten, dass mich irgend­was im Him­mel bestimmt, oder dass Him­mels­kon­stel­la­tio­nen zum Künst­ler­sein bei­tra­gen. Was trägt denn zum Künst­ler­sein bei? Ich weiß nicht: Wenn man davon leben will, trägt auf jeden Fall viel Arbeit bei. Das ist das roman­ti­sche Bild, das ich hier auf kei­nen Fall abge­ben will: Ich lau­fe nachts durch die Gegend und schaue mir die Ster­ne an und dann gehe ich nach Hau­se und schrei­be bei Ker­zen­licht ein Gedicht… So ist das ein­fach nicht.

SCHAU INS BLAU: Ein schö­ner Schluss­satz. Wir wür­den sagen, damit sind wir wie­der auf dem Boden der Tat­sa­chen, fern von Ster­nen und unend­li­chen Wei­ten, ange­langt. Vie­len Dank für die­ses span­nen­de und sehr inspi­rie­ren­de Interview!

Die Lyri­ke­rin und Musi­ke­rin Lydia Daher, wur­de 1980 in Ber­lin gebo­ren, wuchs in Köln auf und lebt heu­te in Ber­lin. Sie arbei­tet allein oder gemein­sam mit ande­ren Künst­lern auch im Bereich der Bil­den­den Kunst und des Hör­spiels (z.B. BR Hör­spiel und Medi­en­kunst). Regel­mä­ßig kura­tiert sie spar­ten­über­grei­fen­de Kul­tur­ver­an­stal­tun­gen (z.B. Brecht­fes­ti­val Augs­burg) und ist als Dozen­tin für krea­ti­ves Schrei­ben tätig. Ihre Arbei­ten wur­den viel­fach in natio­na­len und inter­na­tio­na­len Zeit­schrif­ten und Antho­lo­gien publi­ziert und mit Prei­sen und Sti­pen­di­en aus­ge­zeich­net (z. B. Baye­ri­scher Kunst­för­der­preis). Ihre Musik­al­ben wer­den vom Münch­ner Indiela­bel Tri­kont ver­öf­fent­licht. Im Auf­trag des Goe­the-Insti­tuts reis­te sie u. a. nach Hong­kong, Algier, War­schau und Mos­kau. Zuletzt erschie­nen diver­se Kol­la­bo­ra­ti­ons­ar­bei­ten, bei­spiels­wei­se die EP „Algier“, die Bro­schü­re „Klei­ne Satel­li­ten“ (Zeich­nun­gen: War­ren Craghead III) und zusam­men mit dem Münch­ner Foto­graf Gerald von Foris das Foto-Text-Buch „Fri­sches Trauma“.