Lieblingsort

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Bild: Digi­ta­le Bear­bei­tung des Holz­stichs einer Dah­lie aus der Enzy­klo­pä­die “Nou­veau dic­tion­n­aire ency­clo­pé­di­que uni­ver­sel illus­tré”, Paris 1891.

von Sophie Fichtner

Er ist 15 Minu­ten zu spät, als er durch die Tür des Restau­rants kommt. Ich habe mir bereits ein Glas Wein bestellt.

„Hi sor­ry, die Tram ist ausgefallen.“

Hät­te er mir ja kurz schrei­ben kön­nen, oder? Du hät­test mir zugestimmt.

Das Essen ist lecker. Er eigent­lich auch. Sein Zuspät­kom­men hat er durch auf­merk­sa­me Fra­gen wie­der wett gemacht. Er riecht gut und hat schö­ne Hän­de. Das war uns immer wich­tig. Außer­dem endet sei­ne Hose zum Glück nicht schon über sei­nen Knö­cheln. Auch ein wich­ti­ger Pluspunkt.

„…auf jeden Fall freue ich mich jedes Jahr dar­auf. Was für ande­re Mal­le ist, ist für mich das.“ Er lacht „Ich schwö­re selbst das Essen schmeckt nach Son­ne! Viel­leicht ist da aber auch ein­fach mei­ne Oma Schuld.“ Er lacht wie­der und schiebt sich eine Gabel Risot­to in den Mund. Dein Lieb­lings­es­sen. „Mitt­ler­wei­le habe ich vor Ort klar auch vie­le Freun­de und so, die ich aber eben nur im Som­mer sehe, auch des­halb freu ich mich da immer so drauf! Hast du auch so einen Lieb­lings­ort? Einen wo man jedes Jahr hin­fährt und qua­si wie zuhau­se ist?“

Lan­ge Auto­fahrt zu dritt auf der Rück­bank, sal­zi­ges Meer, Sand ÜBERALL, ein­ge­fro­re­ne Fin­ger nach dem Ski­kurs, alte Städ­te, Kir­chen, Tem­pel, Schnee, kleb­rig vor Son­nen­creme, Regen pras­selt gegens Zelt, Fisch vom Fisch­markt, Oli­ven, Zimt­schne­cken, MÜCKEN, frem­de Super­märk­te, ich muss den bes­ten Magnet für den Kühl­schrank daheim fin­den, Cam­ping­platz­du­schen mit Spin­nen, Was­ser­ka­nis­ter durch die Gegend schlep­pen, schmer­zen­de Füße, Esel auf der Stra­ße, PER HAND ABSPÜLEN, Hirn­sup­pe auf der Frühstückskarte

Alle Sze­nen aus mei­nem Kopf­film haben eins gemein­sam. Du warst immer mein Zuhau­se. Dei­ne Schrit­te habe ich über­all erkannt. Egal wo wir unter­wegs waren. Egal auf wel­chem Boden.

Jetzt liegt auf dem Boden ein grau­er Stein. Mein Lieblingsort.

„Nicht wirk­lich, aber hört sich cool an!“ Er nickt.