Meeresbriefe/Havbrevene

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von Myriam Kammerländer

Ange­regt durch und in Reso­nanz auf eine Lesung im Lite­ra­tur­haus Mün­chen am 16.6.2026 mit der Autorin Siri Ran­va Hjelm Jacob­sen und Sophia Gütt­ler (Baye­ri­sche Thea­ter­aka­de­mie August Ever­ding). Mode­riert durch Prof. Dr. Joa­chim Schie­der­mair & Felix Bidder (LMU Mün­chen). Ver­an­stal­ter: Gra­du­ier­ten­kol­leg „Fami­ly Mat­ters“ an der LMU Mün­chen; Stif­tung Literaturhaus.

A splash quite unno­ti­ced
This was
Ica­rus drowning

Wil­liam Car­los Williams

Mit einem fast unbe­merk­ten Plat­schen ging Ika­rus unter: So begin­nen die Mee­res­brie­fe der däni­schen Autorin Siri Ran­va Hjelm Jacob­sen. In dem kur­zen Zitat aus einem Gedicht von Wil­liam Car­los Wil­liams ist das Dra­ma bereits ange­legt, das auf knap­pen sech­zig Sei­ten von zwei unter­schied­li­chen Prot­ago­nis­tin­nen, den Schwes­tern Atlan­tik und Mit­tel­meer, per Brief­ro­man ver­han­delt wird. Ver­kürzt lie­ße es sich fol­gen­der­ma­ßen wie­der­ge­ben: Ist der Unter­gang der Mensch­heit – reprä­sen­tiert durch Ika­rus – erfor­der­lich, ja unver­meid­bar, damit die Mee­re nicht nur über­le­ben, son­dern zu einem mytho­lo­gisch ver­klär­ten Urzu­stand zurück­keh­ren kön­nen, in dem sie ver­eint und glück­li­cher waren? Und wäre das Ver­schwin­den des ter­res­tri­schen Lebens zu bekla­gen, oder ein bei­läu­fi­ges Plät­schern im Lauf der Erd­ge­schich­te, bedau­er­lich für das Ein­zel­schick­sal, doch aus der Per­spek­ti­ve einer deep time eigent­lich belanglos?

In den Mee­res­brie­fen, auf Dänisch unter dem Titel Hav­bre­ve­ne bereits 2018 erschie­nen, 2026 in der deut­schen Über­set­zung von Fran­zis­ka Hüt­her, wird eine ganz eige­ne Kosmo­go­nie erschaf­fen, zu der die Gra­fi­ken der Kopen­ha­ge­ner Künst­le­rin Dor­te Nao­mi eine manch­mal düs­te­re, vibrie­rend-viel­schich­ti­ge Atmo­sphä­re ent­ste­hen las­sen. Die Mee­re wer­den als Schwes­tern dar­ge­stellt, die durch die Land­mas­sen schmerz­haft getrennt sind. Das Leben auf der Erde, evo­lu­tio­när dem Was­ser ent­sprun­gen, besteht aus Sicht und im Sin­ne der Mee­re vor allem aus Kör­pern, die Was­ser trans­por­tie­ren und so die Distan­zen zwi­schen den Gewäs­sern über­win­den kön­nen. Frei nach der Hydro­fe­mi­nis­tin Astri­da Nei­ma­nis: We are all bodies of water. In den Wor­ten der Mee­res-Schwes­tern selbst: „Wir waren getrennt wor­den und woll­ten wie­der ver­eint sein. Der Zweck des Flei­sches war es, das Was­ser zu tra­gen […]“ (S.15).

Die Autorin Siri Ran­va Hjelm Jacob­sen dreht in ihrem schma­len Band eini­ges an Kate­go­rien um. Ent­stan­den aus der Auf­trags­ar­beit, eine Ode an das Mit­tel­meer zu ver­fas­sen, bricht der kur­ze Text auf ein­drück­li­che und mit­un­ter über­ra­schen­de Wei­se mit jeg­li­cher Roman­ti­sie­rung des Mit­tel­mee­res. Des­sen gegen­wär­ti­ge Situa­ti­on, die sich in den Jah­ren zwi­schen dem Erschei­nen der däni­schen Ori­gi­nal­ver­si­on 2018 und sei­ner deut­schen Über­set­zung im März die­ses Jah­res nur noch dra­ma­ti­scher ent­wi­ckelt hat, gibt ihr Recht. Das Mit­tel­meer ist kein rei­ner Sehn­suchts­ort mehr, son­dern Schau­platz einer unge­lös­ten huma­ni­tä­ren Kata­stro­phe eben­so wie Hot­spot der Kli­ma­kri­se, von der sei­ne Öko­sys­te­me beson­ders gra­vie­rend betrof­fen sind.

Die Erzäh­lung der öko­lo­gi­schen Kata­stro­phe aus der Per­spek­ti­ve der Mee­re for­dert aber nicht nur eine anthro­po­zen­tri­sche Sicht­wei­se her­aus, son­dern auch man­che ethi­sche Intui­ti­on, Denk­ge­wohn­hei­ten, viel­leicht auch Tabus. Die Erd­er­wär­mung wird den Mee­ren zu einer will­kom­me­nen Beschleu­ni­gung ihres „Plans“ – so lässt die schmel­zen­de Ark­tis aus­rich­ten, „es geht vor­an“ (S.15). Die Mensch­heit wird umge­deu­tet zu „Gezie­fer“ (dän. kryb/ pl. kry­be­ne) – dar­auf ange­spro­chen, erklärt die Autorin, sie habe einen Begriff fin­den wol­len für etwas Klei­nes, Krab­be­li­ges, Unan­ge­neh­mes, jedoch nicht son­der­lich Gefähr­li­ches. Eine aus Mee­res­per­spek­ti­ve wohl pas­sen­de Beschrei­bung, für die mensch­li­che Rezi­pi­en­tin jedoch gewöh­nungs­be­dürf­tig, sich selbst als „Gezie­fer“ zu lesen. Mehr als nur an der Gren­ze zum Unbe­ha­gen bewegt sich die Schil­de­rung der Flücht­lings­kri­se, des mas­sen­haf­ten Ertrin­kens aus Sicht des Mit­tel­mee­res: „Der Som­mer zehrt an mir. Frü­her war es nicht so schlimm, aber jetzt klet­tern die Gezie­fer zuhauf in ihren Hül­sen auf mir her­um, viel zu vie­le in einer Hül­se. Ich lau­sche den sin­ken­den Schwär­men, den lang­sam anstei­gen­den und dann ver­eb­ben­den Klick­lau­ten der Gehir­ne“ (S.16). Auch dem Mit­tel­meer ist das Ster­ben nicht gleich­gül­tig, des­sen Zeu­gin sie ist, doch die Bil­der, die sich einer emo­tio­na­len Betrof­fen­heit nach huma­nis­ti­schen Maß­stä­ben öfter ent­zie­hen, ver­stö­ren noch auf einer ande­ren Ebe­ne. Kann, „darf“ man so neu­tral, so bild­haft, so ver­meint­lich nüch­tern oder auch euphe­mis­tisch über eine huma­ni­tä­re, eine öko-sozia­le Kata­stro­phe schreiben?

Atlan­tik und Mit­tel­meer ver­tre­ten hier unter­schied­li­che Posi­tio­nen: Die uralte Schwes­ter Atlan­tik (A.) ist gleich­gül­tig und abge­klärt, ja sogar ange­wi­dert vom Leben auf der Erde, „nichts als näs­sen­de Drü­sen […], die Sum­me unse­rer Feh­ler“ (S. 25). A. lebt auf eine Zukunft hin, in der die Mee­re wie­der zu „eine[r] Mut­ter“ (S. 60) wer­den: „Das All ist das Auge, in dem ich mich spie­geln möch­te“ (S.25). Ohne die „Gezie­fer“ wäre es um die Mee­re bes­ser bestellt: „bald wer­den wie­der gro­ße Wäl­der in uns wach­sen, üppig und schwarz von Nähr­stof­fen“ (S.58). Atlan­tik, im Lau­fe der Jahr­tau­sen­de zynisch und unge­dul­dig gewor­den, sieht die men­schen­ge­mach­te Kli­ma­ka­ta­stro­phe als unver­hoff­ten Kata­ly­sa­tor für die Trans­for­ma­ti­on hin zu einer Welt, in der die Land­mas­sen wie­der unter dem Mee­res­spie­gel ver­schwin­den und end­lich Ruhe ein­kehrt. Ein Pro­zess, zu der die Mensch­heit das Ihre bei­trägt. Die­se Posi­ti­on ist im Umwelt­dis­kurs in ver­schie­de­nen Schat­tie­run­gen zwi­schen Fata­lis­mus und Mis­an­thro­pie anzu­tref­fen, ange­fan­gen beim alt­be­kann­ten Witz über die Erde, der es elend geht, weil sie Homo Sapi­ens hat – und vom Mars getrös­tet wird, das gehe bald vorbei.

Das sanf­te­re und jün­ge­re Mit­tel­meer (M.), als Wie­ge alter Hoch­kul­tu­ren mit den Men­schen viel enger ver­ban­delt, ist sich hin­ge­gen nicht ganz so sicher. Zwar lei­det M. an ihrem kata­stro­pha­len öko­lo­gi­schen Zustand, mut­maßt in ihrer Ver­mül­lung eine Inten­tio­na­li­tät: „Tag um Tag fül­len sie mich mit etwas Wesen­lo­sem, Frem­dem […]. Ist das eine Form der Rache?“ (S.11). Doch zugleich ist M. auch fas­zi­niert durch das Leben­di­ge, stellt Ver­bin­dun­gen fest, die sich durch das Was­ser als geteil­te Ursub­stanz mani­fes­tie­ren: „Mir ist auf­ge­fal­len, dass Ver­bän­de von Tie­ren – […] Huf­tie­re, Vögel, Gezie­fer – sich flie­ßend wie Was­ser bewe­gen […]“ (S.26). Damit ver­tritt sie eine rela­tio­na­le Per­spek­ti­ve, sie sorgt sich um das Leben auf der Erde, sei­ne Bedroht­heit, wenn die Mee­re das Land über­flu­ten: „Wo sol­len die Vögel lan­den?“ (S. 54).

M. hadert auch, nicht zuletzt damit, wie die ‚Gezie­fer‘ gewor­den sind: „Viel­leicht, wenn wir ihnen ein biss­chen mehr Sehn­sucht und etwas weni­ger Wil­len gege­ben hät­ten?“ (S. 22). Wird hier eine roman­ti­sche Vor­stel­lung einer mög­li­chen, doch ver­lo­re­nen Ein­heit von Mensch und nicht-mensch­li­cher Natur beschwo­ren, ver­hin­dert bzw. zer­stört durch den mensch­li­chen Drang nach Per­fek­ti­bi­li­tät, nach Fort­schritt, Ent­wick­lung, Voll­endung, wie der Phi­lo­soph Jean Jac­ques Rous­se­au kon­sta­tier­te und zugleich kritisierte?

Das Stre­ben nach Mehr, der Wil­le, Din­ge zu besit­zen, die eige­nen Gren­zen zu über­schrei­ten, führt letzt­lich ins Ver­der­ben – auch dies eine häu­fig durch­ge­spiel­te Posi­ti­on im Umwelt­dis­kurs. Im Buch wird dies am Mythos von Däda­lus und Ika­rus ver­han­delt, der kri­tisch über­zeich­net, gewis­ser­ma­ßen als Par­odie* wie­der­ge­ge­ben wird. Däda­lus, der den genia­len Erfin­der, jedoch letzt­lich amo­ra­li­schen Oppor­tu­nis­ten reprä­sen­tiert, über­quert das Mit­tel­meer mit­hil­fe sei­ner Flü­gel, die ihn zum hybri­den, über die natür­li­chen Gren­zen erha­be­nen Hel­den machen. Ika­rus, sein Sohn, fliegt über­mü­tig und unbe­darft zu nah an die Son­ne her­an. Das Wachs sei­ner Flü­gel schmilzt, er stürzt ins Meer und ertrinkt. Sein Tod wird zum Kol­la­te­ral­scha­den des Fortschritts:

„Däda­lus‘ Flü­gel soll­ten nicht als eine aus der Not gebo­re­ne Erfin­dung ver­stan­den wer­den, son­dern als den Höhe­punkt jah­re­lan­gen künst­le­ri­schen und phi­lo­so­phi­schen Schaf­fens, als das Ergeb­nis eines kom­plet­ten Neu­den­kens des Ver­hält­nis­ses zwi­schen Bau­werk, Kör­per und Natur. Was den eigent­li­chen Jung­fern­flug betrifft, so fin­den sich kei­ne Hin­wei­se dar­auf, dass Däda­lus ange­hal­ten oder zu einem spä­te­ren Zeit­punkt die Suche nach Ika­rus ein­ge­lei­tet hät­te. Allem Anschein nach maß er des­sen Absturz wenig Bedeu­tung bei“ (S.41).

M., die Ika­rus nach sei­nem Sturz in sich auf­ge­nom­men hat, emp­fin­det Mit­ge­fühl ange­sichts sei­nes Lei­des, nimmt ihn als Indi­vi­du­um wahr: „Ika­rus stürz­te ab und ich fing ihn auf. Sei­ne Flü­gel schmeck­ten nach Honig. Der Jun­ge selbst schmeck­te nach Über­ei­fer und Kum­mer“ (S.44). M. kri­ti­siert ihre Schwes­ter für ihre ein­sei­ti­ge Sicht auf die Mensch­heit, die zur Dehu­ma­ni­sie­rung führt:

„aber Du siehst Däda­lus in ihnen allen. Ich fin­de, so ein­fach ist das nicht.

Wenn ich mir Ika­rus in Erin­ne­rung rufe, macht mich das sehr trau­rig und ich füh­le mich ver­wirrt. Er war ver­seng­tes Kup­fer, ein Herz, ich trug ihn auf mei­ner Lip­pe. Ich wur­de zu sei­nen Flü­geln oder aber zu Wachs, ein Teil von mir ver­schmolz mit Ikarus.

Jetzt, da die Hül­sen der Gezie­fer auf­plat­zen, den­ke ich dar­an. Die Kleins­ten von ihnen ster­ben mit der Leich­tig­keit der Über­ra­schung, fast so, als beug­ten sie sich jäh zu einem Stein hin­un­ter. Bei viel Gezie­fer auf ein­mal kon­zen­trie­re ich mich am liebs­ten auf die Klei­nen: auf ihre wei­chen Bäu­che, ihre Wan­gen, ihre dün­nen Nägel. Ich wie­ge sie in mei­nem Mund, bis sich alles auf­löst. Frü­her habe ich sie als ent­fern­te Cou­si­nen betrach­tet, jetzt sehe ich sie als Kinder.

Du siehst, wie schlimm es um mich bestellt ist.“ (S.49)

Ver­weist die Alle­go­rie von Däda­lus und Ika­rus dar­auf, dass es kei­ne ein­heit­li­che Mensch­heit gibt; dass sich im Ange­sicht des Ein­zel­schick­sals jeg­li­che Art von Zynis­mus oder iro­ni­scher Bre­chung ver­bie­tet? Oder kon­ter­ka­riert sie gän­gi­ge Fort­schritts­er­zäh­lun­gen, die doch nur die Geschich­ten der Sie­ger oder der Skru­pel­lo­sen sind?

Die (Neu-)Verhandlung des Mythos von Däda­lus und Ika­rus durch­zieht das Buch in wie­der­keh­ren­den Epi­so­den. Durch ver­schie­de­ne wei­te­re Ele­men­te der Mee­res­brie­fe wer­den jedoch noch mehr erzäh­le­ri­sche und auch sym­bo­li­sche Ebe­nen inein­an­der ver­wo­ben, die den ein­gangs geschil­der­ten Kon­flikt von ver­schie­de­nen Sei­ten, wie durch ein Pris­ma beleuch­ten: Sei es in Form der „Per­len“, in den Mee­ren gespei­cher­te mensch­li­che Erin­ne­run­gen, die durch A. und M. zitiert wer­den; sei es in der Anspie­lung auf Kunst­wer­ke, Mytho­lo­gie oder Inter­tex­te. Die­se Col­la­ge wirkt manch­mal zufäl­lig, manch­mal opak. Zugleich lässt sie jedoch auch an den Topos von Was­ser als Archiv den­ken, das Erin­ne­run­gen und Geschich­te, Gewalt und Trau­ma­ta glei­cher­ma­ßen, neben­ein­an­der und unbe­wer­tet auf­be­wahrt. Sie erge­ben im Zusam­men­spiel mit den Illus­tra­tio­nen von Dor­te Nao­mi ein wogen­des Inein­an­der von Geschich­ten, Bil­dern und Stim­men, wabernd, manch­mal rät­sel­haft und schwer greif­bar wie das Was­ser selbst. 

Der Mee­res­dia­log ent­fal­tet sich vor einem kata­stro­pha­len Sze­na­rio, das bei­läu­fig erzählt wird. Gera­de die­se Knapp­heit erzeugt eine sub­ti­le Dring­lich­keit, ein Unwohl­sein als Sub­text. Die öko­lo­gi­sche Kata­stro­phe wird wie neben­bei ver­han­delt. Etwa, wenn M. im P.S. kurz ange­bun­den schreibt, „alles wie immer – schwit­ze, füh­le mich auf­ge­bläht“ (S. 26). Wenn A. bemerkt, Ark­tis sei „in letz­ter Zeit nicht ganz bei­ein­an­der“ (S. 18). Wenn en pas­sant die Wald­brän­de im Mit­tel­meer­raum erwähnt wer­den: „heu­te Nacht leuch­te­te das Feu­er an Land oran­ge. Es loder­te die Küs­te ent­lang. Ich glau­be, die Bäu­me bren­nen“ (S.44) – um dann, nach drei dür­ren Zei­len, aus­führ­li­cher auf ande­re The­men zurück­zu­kom­men. Die Zurück­hal­tung in der Schil­de­rung des Dra­mas hin­ter dem Dra­ma zeigt sich schon im Clash zwi­schen Inhalt (öko­lo­gi­sche Kata­stro­phe) und Form (Brief­ro­man) und scheint sich dem Klap­pen­text erfolg­reich zu wider­set­zen, der ein „Mahn­mal gegen die Ver­mül­lung und Aus­beu­tung der Ozea­ne“ ver­spricht (Aus­ga­be März Ver­lag 2026). Die Zeu­gin­nen­schaft der Mee­re wider­steht der Ver­su­chung zu mora­li­sie­ren, sie ver­zich­tet auf eine ein­deu­ti­ge Schuld­zu­wei­sung, ja sie lässt schluss­end­lich sogar offen, wel­che Kata­stro­phe die eigent­li­che ist: Uner­träg­li­cher Ist-Zustand oder dys­to­pi­sche Zukunft, die den Mee­ren jedoch Erlö­sung verspricht?

Indem die Kata­stro­phe nicht oder nur peri­pher als Kata­stro­phe erzählt wird, dezen­triert der Text ein anthro­po­zen­tri­sches Den­ken, stößt jedoch genau damit auch vor den Kopf. Als Rezi­pi­en­tin kann ich mich nun einer­seits an ästhe­ti­schen Fra­gen abar­bei­ten: etwa, ob ein Brief­ro­man über­haupt die adäqua­te Form dafür ist, über die öko­lo­gi­sche Kata­stro­phe zu schrei­ben, ob Mee­re sich eigent­lich rea­lis­ti­scher­wei­se Brie­fe schrei­ben kön­nen, ob ihre Anthro­po­mor­phi­sie­rung (un)glaubhaft, her­aus­for­dernd oder gera­de reiz­voll ist. Und ist es nicht eigent­lich per se ein Skan­da­lon, im Ange­sicht der öko­lo­gi­schen Kata­stro­phe über Form­spra­che und mytho­lo­gi­sche Kon­tex­te zu philosophieren?

Eine ins Radi­ka­le geführ­te öko­zen­tri­sche Per­spek­ti­ve muss mit einer indi­vi­du­al­ethi­schen oder auch rela­tio­na­len Sicht auf die Welt in Kon­flikt tre­ten. Dies rührt (auch) an die Fra­ge, wer im Umwelt­dis­kurs eine Stim­me hat und wel­ches Gewicht die­ser bei­gemes­sen wird. Ohne Mit­ge­fühl mit Ika­rus, mit den Vogel­schwär­men und Huf­tie­ren kann ich zur Zyni­ke­rin wer­den; dies jedoch nur, solan­ge ich mich auf Sei­ten von Däda­lus unver­wund­bar wäh­ne, oder aber mich auf das radi­ka­le Gedan­ken­spiel einer nicht-mensch­li­chen, ja einer ozea­ni­schen Sicht auf die Geschich­te ein­las­se. Hier stellt sich nun die Fra­ge, ob ich das als Mensch über­haupt kann – dar­an anschlie­ßend, ob und wie ein Meer eigent­lich fühlt, und ob ich mir das als Mensch über­haupt vor­stel­len kann.

Es obliegt mir selbst, hier zu einer Hal­tung zu kom­men. Eine zen­tra­le Fra­ge, die bei der zwei­ten und drit­ten Lek­tü­re der Mee­res­brie­fe immer wie­der auf­blitzt, scheint die zu sein: Gibt es über­haupt eine adäqua­te Form, um eine exis­ten­zi­el­le Kata­stro­phe zu erzäh­len? Wie kann über die Ver­än­de­rung der Welt im Ange­sicht der öko­lo­gi­schen Kri­se, die weit umfas­sen­der ist als die Kli­ma­ka­ta­stro­phe, über­haupt gespro­chen, geschwei­ge denn die­se ästhe­ti­siert wer­den? Und wel­che Rol­le oder auch Ver­ant­wor­tung kommt der Kunst dabei zu, und muss Kunst über­haupt, über den ästhe­ti­schen Raum hin­aus, gesell­schaft­li­che Wirk­sam­keit beweisen?

Viel­leicht wirkt Siri Ran­va Hjelm Jacob­sens Text genau des­halb her­aus­for­dernd, weil er sich in einem der­art auf­ge­la­de­nen Feld wie dem Umwelt­dis­kurs einer kla­ren nor­ma­ti­ven Posi­tio­nie­rung ent­zieht – und damit indi­rekt auch Abstand nimmt von roman­ti­sie­ren­den Phra­sen wie der, „die Natur ret­ten zu müs­sen“ (vi skal red­de natu­ren, Zitat der Autorin, Lite­ra­tur­haus Mün­chen am 16.6.2026). Ob in der Anspie­lung auf die „Ursup­pe“, aus der einst alles Leben kam (eine schö­ne Rand­no­tiz: das Däni­sche liv mor bedeu­tet Gebär­mut­ter**), oder in der Umdeu­tung des Todes als „Auf­lö­sung“ im Was­ser: Es wird deut­lich, dass „Natur“ nicht als Objekt begrif­fen wer­den kann, das außer­halb von uns selbst exis­tiert. Durch die wäss­ri­ge Per­spek­ti­ve erschließt sich die unlös­li­che Ver­bun­den­heit der Welt, ihrer Ele­men­te und Körper.

Die Autorin selbst ver­tritt übri­gens die Auf­fas­sung, Kunst dür­fe unbe­dingt akti­vis­tisch sein. Zugleich ermög­licht gera­de die ästhe­ti­sche, die lite­ra­ri­sche Form eine ande­re Tie­fe und Kom­ple­xi­tät als poli­ti­sche Slo­gans. Die­ses Chan­gie­ren kann eine mora­li­sche Unklar­heit hin­ter­las­sen, die etwas Irri­tie­ren­des hat. Viel­leicht wirkt es jedoch gera­de des­halb lan­ge nach. Die Ode an ein ver­wun­de­tes Meer wird zur parō­día, einer kri­ti­schen Per­spek­ti­ve, einem Gedan­ken­spiel, das einen neu­en, ande­ren Blick­win­kel eröffnet.

Der Blick der Mee­res­brie­fe öff­net sich zuletzt in die deep time. Für die abge­klär­te Schwes­ter Atlan­tik zählt am Ende nur die Sicht ins All. Für den von der Kata­stro­phe erfass­ten Ika­rus hin­ge­gen geht es um alles. Ein Pri­vi­leg, wer sei­nen Blick­win­kel hier wäh­len kann.

* Der Begriff der Parodie/parō­día fiel im Gespräch zwi­schen Siri Ran­va Hjelm Jacob­sen, Joa­chim Schie­der­mair und Felix Bidder (Ver­an­stal­tungs­rei­he Fami­ly Mat­ters, LMU Mün­chen) im Lite­ra­tur­haus Mün­chen, 16.6.2026.

** Der Ver­weis auf die liv mor (Gebär­mut­ter) stammt von Siri Ran­va Hjelm Jacob­sen selbst.

Alle Zita­te aus:
Siri Ran­va Hjelm Jacob­sen: Mee­res­brie­fe, übers. von Fran­zis­ka Hüt­her, Illus­tra­tio­nen von Dor­te Nao­mi. Ers­te Auf­la­ge Ber­lin: März Ver­lag, 2026.

Däni­sche Ori­gi­nal­aus­ga­be:
Siri Ran­va Hjelm Jacob­sen: Hav­bre­ve­ne, Lind­hardt & Ring­hof, 2018.