perfectday2

perfectday2

von Leo Blumenschein

„Drink San­gria in the park,

And then later

„When it gets dark we go home“

Die Gegen­wart ist an ihren Enden selt­sam aus­ge­franst. Es ist so, als ob von hin­ten – vor­aus­ge­setzt der räum­li­che Begriff „hin­ten“ ist über­haupt anwend­bar, Fäden des Ver­gan­ge­nen sich an man­chen Punk­ten unan­ge­mes­sen weit ins Jetzt erstre­cken, wäh­rend alles Zukünf­ti­ge eben­so bereits im Jetzt ange­legt zu sein scheint. Mei­ne eige­ne Kind­heit erscheint mir genau­so wenig ein „ver­sun­ke­nes Reich“ zu sein, wie mir die Zukunft als Rät­sel erscheint. Manch­mal lich­ten sich die Hin­der­nis­se, die mir sonst den Blick in mei­ne eige­ne Zukunft ver­stel­len, und ich kann alles klar und deut­lich sehen. Was ich dann sehe, macht mir über­wie­gend Angst. Ich sehe einen grau­en Lin­ole­um­bo­den, auf dem ein Stück Toma­te ver­fault und einen vol­len Aschen­be­cher, aus dem es melan­cho­lisch nach­raucht und wei­ter­raucht und sich unter der Decke klei­ne Wol­ken bil­den, die nicht wis­sen wohin sie sol­len, kei­nen Aus­weg sehen, und des­halb ein­fach dort blei­ben wo sie sind. Ich sehe mich ein­fach dort geblie­ben, wo ich jetzt bin. Ich schlie­ße die Augen und strei­che mit mei­nen Hän­den über die Gras­flä­che. Die Spit­zen der Gras­hal­me an mei­nen Hand­flä­chen hal­ten mich im Jetzt. Ich schlie­ße mei­ne Hand zu einer Faust, um mich fes­ter in der Gegen­wart fest­zu­kral­len. Über­all kön­nen sich Schluch­ten auf­tun. Ein unüber­leg­ter Schritt und man fällt kilo­me­ter­tief in die Ver­gan­gen­heit oder noch tie­fer – in die Zukunft. Per­ma­nent muss man sich mit klei­nen Schrit­ten im Jetzt bewe­gen, dabei immer bedacht sein, sich nicht von der Stel­le zu bewe­gen. Nur kreis­run­de Tanz­be­we­gun­gen zulas­sen, und nie­mals in Bewe­gung gera­ten. Viel­leicht ist es das, was Hegel eigent­lich sagen woll­te, wenn er die Zeit als zyklisch beschreibt. Mög­li­cher­wei­se kann ich ihm dann ver­zei­hen, dass er mein Leben rui­niert hat.

Bis dahin muss ich auf der Wie­se lie­gen und nach­den­ken. Ich den­ke, dass ich ein­mal auf einer Wie­se lag und mich im Gras fest­ge­krallt habe, weil ich Angst hat­te aus der Gegen­wart zu fal­len. Aber das ist erst so kurz her, dass es mög­li­cher­wei­se noch jetzt ist, noch andau­ert. Mei­ne Hand liegt noch da, und ich lie­ge noch da, in Grün und Jetzt gebet­tet; das eine spü­rend unter mir, das ande­re ahnend und doch immer ein Stück ent­rückt. Noch auf dem Rasen, irgend­wann dann drun­ter, dazwi­schen hineinbeißend.

Ich öff­ne die Augen und erhe­be mich von der Rasen­flä­che. Es scheint mir als wol­le mich irgend­et­was zurück­zie­hen, als wären mein Rücken und das Gras magne­tisch. Der Eis­wa­gen und die spie­len­den Kin­der, die Bäu­me am Rand mei­nes Sicht­fel­des. Alles wirkt so insze­niert und betont zeit­los. Ich sage einem vor­bei­ren­nen­den Kind, dass es ster­ben wird. Es umklam­mert mein Bein und wir begin­nen bei­de hem­mungs­los zu wei­nen. Wir lie­gen ein­fach da, und wei­nen und wei­nen für Stun­den, aber viel­leicht lie­gen wir auch nur eine Sekun­de da. Ich weiß es nicht. Wer ein­mal die Zeit anzwei­felt, muss mit den fürch­ter­lichs­ten Kon­se­quen­zen leben.

Mar­tin und Ich sit­zen auf einer Bank vor sei­ner Hüt­te in Todt­nau­berg. Er hat den Arm um mich gelegt und es ist die ers­te Mor­gen­stun­de nach einer lan­gen Par­ty. ER erklärt mir was die Zeit sei, und mein Sein aus­macht. Zum ers­ten mal ver­ste­he ich alles. Irgend­wann kommt Han­nah Arendt dazu und setzt sich zwi­schen uns. Wir knut­schen zu dritt rum.

In Ril­kes Mal­te gibt es eine Figur, die die ver­blei­ben­de Lebens­zeit wie einen Geld­schatz ansieht, der einem nach und nach vor den Augen gestoh­len wird. Er fühlt sich hilf­los und wird ver­rückt. Ich kann das sehr gut nachvollziehen.

Als ich die Augen, ist der wei­nen­de Jun­ge schon längst weg. Es ist dun­kel und ich lie­ge allein auf der Wie­se. Der Him­mel ist von einem oliv-dunk­lem Lila und ich höre das lei­se Flüs­tern zwi­schen ihm und der Erde. Sie wis­sen nicht, dass ich sie belau­sche und läs­tern auf einer fremd klin­gen­den Spra­che über die Men­schen. Ich bin an jenem Punkt des Tages, an dem die Din­ge und ihre Schat­ten nicht mehr zu unter­schei­den sind. Die Gras­hal­me und ihre Schat­ten wech­seln die Rol­len. Mal ist das Abbild das Ding und mal scheint das Ding nur ein Abbild zu sein. Manch­mal den­ke ich, dass der Schat­ten die wei­che Gren­ze zwi­schen Objekt und Nicht-Mehr-Objekt-begrün­det. Und die Zwi­schen­zo­ne, die ent­steht, soll mei­ne Zone sein: so wie ich immer in allen Zwi­schen­zo­nen woh­ne (und nur da). Es ist pri­mi­tiv, aber mög­lich, das Jetzt als solch eine Zwi­schen­zo­ne zu ver­ste­hen. Auch hier woh­ne ich (und nur da).

Auf dem Nach­hau­se­weg flas­hen mich die Mücken, die sich im Schein der Stra­ßen­la­ter­nen ver­sam­meln. Man­che von ihnen flie­gen direkt in die Lam­pe, wo sie ver­glü­hen. Ich lag doch eben auf einer Wie­se und habe mich im Gras fest­ge­hal­ten, weil ich Angst hat­te aus der Gegen­wart zu fal­len – oder war das schon vor Tagen? Viel­leicht war es auch mor­gen. Ich fra­ge mich, was die Sui­zi­da­len Mücken wohl für mor­gen geplant haben. Wahr­schein­lich genau­so wenig wie alle ande­ren Mücken.

Schat­ten­rei­che berüh­ren mich mit lan­gen Fin­gern, die mir lang­sam und wol­lüs­tig den Mund auf­bie­gen, um mir tief in mei­nem Kör­per zu fas­sen und mit fes­tem Druck mei­ne Orga­ne abzu­tas­ten. Kann ich den Druck stand­hal­ten oder wer­de ich vom Etwas-Mehr-Als-Nichts zer­drückt, unbe­merkt an irgend­ei­ner Later­ne ste­hend, viel­leicht genau hier und viel­leicht schon vor lan­ger Zeit, wäh­rend ein­fach alles wei­ter­geht. („Die Geschich­ten­er­zäh­ler machen wei­ter, die Auto­in­dus­trie macht wei­ter, die Arbei­ter machen wei­ter, die Regie­run­gen machen wei­ter, die Rock’n Roll-Sän­ger machen wei­ter, die Prei­se machen wei­ter, das Papier macht wei­ter, die Tie­re und Bäu­me machen wei­ter, Tag und Nacht macht weiter“)

„Just a per­fect day

you made me for­get myself

I thought I was

Someo­ne else, someo­ne good“