Robert Schneider – Die Offenbarung – (1)

Robert Schneider – Die Offenbarung – (1)

von Eva Huber

Jakob Kemper ist frustriert. Nichts in seinem Leben verläuft so, wie er es sich wünscht. Er ist nichts und er hat nichts. Und niemand nimmt ihn ernst. Schon gar nicht Prof. Dr. Dr. h.c. Sperling, der ein renommierter Bachforscher ist. Das wäre Jakob Kemper auch zu gerne. Ein berühmter und angesehener Forscher des großen Musikers.

Die im Folgenden präsentierte Rezension entstand im Rahmen der von Dr. Evi Zemanek an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg angebotenen Übung “Rezensionen schreiben”. Zum Zweck einer kontrastiven Beleuchtung der besprochenen Neuerscheinungen ebenso wie zur Demonstration verschiedener kritischer Betrachtungsweisen sind je zwei von StudentInnen verfasste Rezensionen einander gegenübergestellt. Zur zweiten Rezension.

So viele Adjektive

Jakob Kemper ist frustriert. Nichts in seinem Leben verläuft so, wie er es sich wünscht. Er ist nichts und er hat nichts. Und niemand nimmt ihn ernst. Schon gar nicht Prof. Dr. Dr. h.c. Sperling, der ein renommierter Bachforscher ist. Das wäre Jakob Kemper auch zu gerne. Ein berühmter und angesehener Forscher des großen Musikers.

Jakob Kemper hatte bislang auch kein Glück in der Liebe. Er hat es allerdings auch noch nicht oft mit ihr versucht. Genauer gesagt ein Mal. Bei Eva. Aber die hat ihn nur ausgelacht als er ihr eine Komposition widmete und jetzt ist sie seine Stiefmutter. Das Verhältnis zu seinem Vater ist nicht nur deshalb mehr als angespannt. Der Vater, Inhaber einer eigenen Bürstenmacher-Werkstatt, erwartet von seinen Söhnen, dass sie ebenfalls Bürstenmacher oder zumindest überhaupt produktive Mitglieder der Gesellschaft werden. Jakobs älterer Bruder Karl wäre wohl so jemand geworden. Er war jedenfalls bereits als Kind in allem besser als Jakob und somit der ganze Stolz seiner Eltern. Aber Karl starb früh, seine Mutter versank in Schweigen und Robert erfüllte die Erwartungen seines Vaters nicht.

Er wurde kein Bürstenmacher sondern Organist und Klavierlehrer.

An Heiligabend 1992 macht er eine Entdeckung, die sein ganzes Leben verändert. Er findet eine unbekannte, autographe Partitur von Bach. Eine Offenbarung. Und ein Mysterium. Denn diese Musik ist nicht von dieser Welt.

So virtuos Bach komponierte, so schreibt Robert Schneider. Dieser Roman hat alles. Ihm fehlt nichts. Die Sprache ist präzise, die Wortwahl intelligent. Hier haben wir es mit einem wunderbaren Geschichtenerzähler zu tun. Einer der weiß, wie man Figuren formt und sie lebendig werden lässt, wie man Spannung erzeugt, wie man unterhält.

Beeindruckend beschrieben sind die Beziehungen der Figuren zueinander und gegeneinander. Die Beziehung zwischen Jakob Kemper und seinem Vater, zwischen Jakob Kemper und seinem gut drei Jahrzehnte jüngeren Halbbruder und zwischen Jakob Kemper und Lucia. Hier versucht er es ein zweites Mal mit der Liebe. All diese nicht unkomplizierten zwischenmenschlichen Konstellationen werden mit großem psychologischem Gespür beschrieben. Dadurch bekommt dieser Roman eine Tiefe, die berührt. Kitschig wird er jedoch nie. Aber humorvoll, auf eine sehr feinsinnige Art.

Man will nicht viel verraten, von dieser Geschichte des kautzigen und wunderbar unperfekten Jakob Kemper. Viele positive Adjektive könnten für ihre Beschreibung noch verwendet werden. So viele Adjektive, wie Kemper einsparen will, um nicht aufzufallen. Eines gönne ich ihr allerdings noch. Meisterhaft.