Rock im Park 2022 

Rock im Park 2022 

© Andre­as Müller

Der lange Weg nach Hause

von Andre­as Müller

Nach drei gefühlt end­los lan­gen Jah­ren kann der Som­mer 2022 wie­der ein Fes­ti­val Som­mer wer­den. Zum ers­ten Mal seit 2019 fand am ers­ten Juni­wo­chen­en­de zum nun­mehr 24. Mal das Fes­ti­val Rock im Park in Nürn­berg statt – und noch nie hat es sich so sehr ange­fühlt, als wäre man wie­der nach Hau­se gekom­men, wie die­ses Mal.

Organisatorische Anlaufschwierigkeiten

Dass wie­der ein­mal die Cam­ping­plät­ze deut­lich frü­her geöff­net wer­den, um die Stadt zu ent­las­ten und die Men­schen­mas­sen von den öffent­li­chen Stra­ßen und Plät­zen zu bekom­men, erweist sich als ers­tes Ärger­nis. Erfah­re­ne Besucher*innen wis­sen mitt­ler­wei­le, dass man min­des­tens zwei Stun­den frü­her vor Ort sein muss, um nicht in einer ent­le­ge­nen Ecke der Cam­ping­plät­ze zu lan­den. Zahl­rei­che Neu­lin­ge hat die­ses Schick­sal aber auch die­ses Jahr wie­der ereilt. Gäbe es eine Patent­lö­sung, um hier ordent­li­che Abläu­fe zu schaf­fen, um die­je­ni­gen, die sich an die offi­zi­el­len Vor­ga­ben hal­ten, nicht zu benach­tei­li­gen, sie wäre bestimmt längst umge­setzt worden.

Lei­der offen­ba­ren die ers­ten Stun­den des Fes­ti­vals ein wei­te­res Pro­blem, das sich wie ein roter Faden durch das Wochen­en­de zie­hen wird. Denn bereits bei der Öff­nung der Check­points, bei denen die Tickets gegen die Fes­ti­val­bänd­chen getauscht wer­den kön­nen, wird klar, dass zu wenig und teil­wei­se auch nur unzu­rei­chend geschul­tes Per­so­nal vor Ort ist. Sowohl beim Anle­gen der Bänd­chen als auch beim Ein­lass auf die Cam­ping­plät­ze kommt es zu Schlan­gen, die sogar erfah­re­ne Besu­cher des Fes­ti­vals erstau­nen müssen.

Bei aller Kri­tik, auch ein paar gute Nach­rich­ten: Nach­dem die Situa­ti­on rund um die sani­tä­ren Anla­gen 2019 noch einer der größ­ten Kri­tik­punk­te war, wur­de hier tat­säch­lich ent­spre­chend reagiert. Auf die all­ge­mei­ne Sau­ber­keit der Cam­ping­plät­ze wird die­ses Jahr erfreu­lich gro­ßer Wert gelegt. Man kann nur hof­fen, dass die­se Ver­bes­se­run­gen bei­be­hal­ten wer­den. Kei­ne Über­ra­schung mehr ist dage­gen der offi­zi­el­le Fes­ti­val­su­per­markt. Die­ser uner­war­te­te Luxus ist schon lan­ge nicht mehr wegzudenken!

Endlich wieder Live Musik

Sau­be­re Toi­let­ten, ein vol­ler Magen, gestill­ter Durst – es gibt weiß Gott schlech­te­re Vor­aus­set­zun­gen, um end­lich mal wie­der ein biss­chen Live Musik zu bekom­men. Tat­säch­lich ist es für eini­ge der Künstler*innen wie auch für vie­le Fans dabei mit­un­ter die ers­te Mög­lich­keit seit zwei Jah­ren oder auch mehr, um end­lich wie­der in den Genuss von Kon­zer­ten zu kom­men und es ist spür­bar. Es wer­den an die­sem Wochen­en­de vie­le Trä­nen ver­gos­sen und sicher nicht weni­ger ver­drückt, vor und auf den Büh­nen. Mit einem Mal ist ein­fach klar, was so lan­ge gefehlt hat. Und wie sehr man es auch ver­misst hat, nichts konn­te einen dar­auf vor­be­rei­ten, wie emo­tio­nal die­se Momen­te wer­den würden.

Als siche­re Bank für den ers­ten besuch­ten Auf­tritt des Wochen­en­des erwei­sen sich wenig über­ra­schend die aus­tra­li­schen Hard Rocker von Air­bourne. Im strah­len­den Son­nen­schein – ohne­hin hat man am Wochen­en­de mit dem Wet­ter uner­war­tet viel Glück – wer­den auf der Uto­pia Sta­ge mit durch­gän­gig gedrück­tem Gas­pe­dal Hits aus mitt­ler­wei­le 21 Jah­ren Band­ge­schich­te, zehn­mi­nü­ti­ge Soli und die wie immer gna­den­los anste­cken­de Bewe­gungs­freu­de von Front­mann Joel O’Keeffe gefei­ert. Wen die Son­ne nicht bereits ins Schwit­zen gebracht hat, ist spä­tes­tens nach dem Gig dann froh über die nächs­te Abküh­lung. Eben­falls als siche­re Bank betrach­tet wer­den kön­nen nach eini­gen schwä­che­ren Jah­ren Mit­te der 00er und Anfang der 10er Jah­re die Nu Metal Vete­ra­nen Korn. Zwar kann einem die Erkennt­nis, dass eini­ge der gespiel­ten Songs mög­li­cher­wei­se älter als man­che der anwe­sen­den Besucher*innen sind, kurz schmerz­haft in den von der ers­ten Nacht im Zelt geplag­ten Rücken fah­ren, aber schon kurz nach Beginn des Sets, das mit den Klas­si­kern Fal­ling Away from Me, Got the Life und Here to Stay schon in den ers­ten 15 Minu­ten eine Hit­dich­te bie­tet, von der ande­re Bands ihr Leben lang nur träu­men kön­nen, sind die Schmer­zen vom sat­ten Bass Sound aus dem Leib geblasen.

Wäh­rend auf der Man­do­ra Sta­ge, der klei­ne­ren der bei­den Open Air Büh­nen, kurz dar­auf vor­über­ge­hend eine Unwet­ter­war­nung aus­ge­ge­ben wird, durch die sich das Pro­gramm kurz­zei­tig ver­zö­gert, ist davon in der über­dach­ten Orbit Sta­ge glück­li­cher­wei­se fast nichts zu bemer­ken. Ein­zig die Mas­se an Men­schen, die in trop­fen­den Regen­capes die Are­na füllt, gibt Auf­schluss über etwai­ge Wet­ter­ka­prio­len. So kommt es, dass nicht nur freu­dig war­ten­de Fans, son­dern auch Gelegenheitszuschauer*innen, die nur vor dem Regen flüch­ten woll­ten, in den Genuss von Drang­sal kom­men. Mit dem mitt­ler­wei­le drit­ten Album Exit Stra­te­gy im Gepäck wird deut­lich, dass sich durch die zuneh­men­de Erfah­rung mit Live Auf­trit­ten auch deren Qua­li­tät noch ein­mal stark gestei­gert hat. Mit einer aus­ge­wo­ge­nen Mischung aus Fan Favo­ri­ten wie Love Me Or Lea­ve Me Alo­ne oder Turm­bau zu Babel und neu­en Stü­cken wie dem Titel­track des jüngs­ten Albums ist sowohl für die Fans der älte­ren, noch stär­ker von Depe­che Mode und The Smit­hs beein­fluss­ten Stü­cke als auch für Fans der pop­pi­ge­ren Aus­rich­tung der jüngs­ten Relea­ses etwas gebo­ten. Ein beson­de­res High­light ist an die­ser Stel­le der Gast­auf­tritt von Sän­ge­rin Mia Mor­gan. Die gute Freun­din der Band per­formt ihren Song Valen­tins­tag mit der Band, um ein Zei­chen gegen die zu einer gro­ßen Mehr­heit männ­li­chen Acts zu set­zen. Es bleibt zu hof­fen, dass die­ser Appell an ein aus­ge­wo­ge­ne­res Boo­king nicht unge­hört ver­hal­len wird! Nach einer für die­se Musik eigent­lich eher unty­pi­schen Wall of Death und einem wun­der­bar augen­zwin­kern­den Cover von Rio Rei­sers König von Deutsch­land bleibt nur noch eine Erkennt­nis: Max Gru­ber ist ein Rock­star und es gibt kei­nen Grund zur Reue, ihn den wie immer höchst moti­vier­ten Beat­steaks vor­ge­zo­gen zu haben.

Den Tages­ab­schluss auf der Man­do­ra Sta­ge bil­den in der Fol­ge noch Bil­ly Talent, zu denen lei­der auf­grund des Wegs zurück in das Camp nichts gesagt wer­den kann. An die­ser Stel­le sol­len dafür zwei Kri­tik­punk­te ste­hen, die sich beim/nach dem Auf­tritt in aller Deut­lich­keit gezeigt haben. Einer­seits ist die Man­do­ra Sta­ge als ein­zi­ge der bei­den Open Air Büh­nen, die auch nach 23 Uhr noch bespielt wur­de, an Auf­la­gen des Ord­nungs­am­tes zur Laut­stär­ke gekop­pelt. Dies führt dazu, dass im Lau­fe des Wochen­en­des alle drei Acts, die auf die­ser Büh­ne den letz­ten Slot beklei­den – Bil­ly Talent, Scoo­ter & Casper –, deut­lich lei­ser sind als der Rest der auf­tre­ten­den Künstler*innen. Was direkt vor der Büh­ne noch nicht wei­ter stö­rend ist, wird offen­sicht­li­cher, je wei­ter man auf dem Gelän­de nach hin­ten geht. Wenn ein Gespräch in nor­ma­ler Laut­stär­ke die Band über­tö­nen kann, dann besteht drin­gen­der Ver­bes­se­rungs­be­darf. Noch schwer­wie­gen­der muss jedoch die Situa­ti­on am Aus­lass nach den Shows bewer­tet wer­den. Durch eine schwam­mi­ge Abspra­che der Secu­ri­ties unter­ein­an­der, ein nicht aus­ge­reif­tes Kon­zept zum Aus­lass mit sich kreu­zen­den Besu­cher­strö­men und dem Ver­neh­men nach Secu­ri­ties, die der Situa­ti­on nicht mit dem nöti­gen Ernst begeg­nen, wur­de hier ein Gedrän­ge geschaf­fen, in dem zwar glück­li­cher­wei­se nichts pas­siert ist, das aber in die­ser Form ein unver­ant­wort­li­ches Gefah­ren­po­ten­ti­al bie­tet. Eine ähn­li­che Situa­ti­on bie­tet sich am Sams­tag am spä­ten Nach­mit­tag vor der Uto­pia Sta­ge, auch dort ist es ein­mal mehr eher dem Zufall als der Orga­ni­sa­ti­on zu ver­dan­ken, dass eine Men­ge, die über einen lan­gen Zeit­raum die Büh­ne nicht ver­las­sen kann, ruhig bleibt. Das ist nicht selbst­ver­ständ­lich und muss sich im Ver­gleich zum nächs­ten Jahr drin­gend ändern. Die Sicher­heit der Besucher*innen vor den Büh­nen soll­te nicht nur einer gehö­ri­gen Por­ti­on Glück über­las­sen werden.

Hitze, Verzögerungen und neue Superstars

Eine lan­ge Nacht und die ers­ten offen­kun­di­gen Aus­fall­erschei­nun­gen unter der Besu­cher­schaft spä­ter wird der Sams­tag zum hei­ßes­ten Tag des Fes­ti­vals. Ein Lob ver­dient an die­ser Stel­le auch für die Was­ser­stel­len auf dem Büh­nen­ge­län­de. Hier hat der Ver­an­stal­ter sei­ne Ver­ant­wor­tung erkannt, die er ganz spe­zi­ell den Besucher*innen gegen­über hat, seit­dem die­se nicht ein­mal mehr klei­ne Trink­fla­schen und Tetra Paks mit zu den Büh­nen neh­men dürfen.

Nach­dem man sich also auf­ge­rafft hat, den gera­de ach so gemüt­li­chen Cam­ping­stuhl und den lebens­ret­ten­den Schat­ten des Pavil­lons zu ver­las­sen, wird man für die­sen Wage­mut mit den ita­lie­ni­schen Senk­recht­star­tern von Månes­kin mehr als ent­lohnt. Dass die­se Beloh­nung mit einem har­ten Stück Arbeit ver­bun­den ist, bleibt dabei nicht zuletzt einer schweiß­trei­ben­den zwan­zig- bis drei­ßig­mi­nü­ti­gen Ver­zö­ge­rung des Ablauf­plans auf­grund von Pro­ble­men mit dem Sound geschul­det. Die Gewin­ner des letzt­jäh­ri­gen Euro­vi­si­on Song­con­tests sur­fen eine Erfolgs­wel­le, wie sie Rock­bands heut­zu­ta­ge nur noch sel­ten sur­fen, und so wird auch ihre Pre­mie­re auf den ganz gro­ßen Büh­nen Deutsch­lands zu einem Tri­umph­zug. Der gro­ße Hit Zit­ti e buo­ni, der nicht etwa als nahe­lie­gen­der krö­nen­der Abschluss auf der Set­list steht, son­dern das Kon­zert eröff­net, macht jeden Ärger über Tem­pe­ra­tu­ren und Ver­zö­ge­run­gen ver­ges­sen und bringt ein begeis­ter­tes Publi­kum augen­blick­lich auf Betriebs­tem­pe­ra­tur. Jede Rock­star Pose die­ser vier 21- bis 23-jäh­ri­gen New­co­mer trifft ziel­si­cher ins Schwar­ze, ohne dabei ein­fach nur Kli­schees zu repro­du­zie­ren oder auf­ge­setzt zu wir­ken. Sel­ten sieht man so viel auf­rich­ti­ge Spiel­freu­de! Es bleibt zu hof­fen, dass Månes­kin sich die­se auch künf­tig erhalten.

Lei­der hät­te der Kon­trast zur nächs­ten Band kaum grö­ßer sein kön­nen. Wäh­rend Korn am Vor­tag noch zei­gen, wie man auch nach fast 30 Jah­ren Band­ge­schich­te noch einen fri­schen Ein­druck macht, wird man bei den Punk­rock Vete­ra­nen von The Off­spring mitt­ler­wei­le lei­der das Gefühl nicht los, dass eine Band mit Legen­den­sta­tus sich auf eben die­sem aus­ruht. Ein bis zum Bers­ten gefüll­tes Infield zeigt zwar, dass das Inter­es­se und die Lust, lieb­ge­won­ne­ne Klas­si­ker wie The Kids aren’t alright oder Self Este­em laut­hals mit­zu­sin­gen, bei den Fes­ti­val Besucher*innen nach wie vor unge­bro­chen sind, doch die sta­ti­sche – um nicht zu sagen hüftstei­fe – Per­for­mance der Band wird den Songs, die immer noch so vol­ler jugend­li­cher Ener­gie ste­cken, ein­fach nicht gerecht. Zum Glück machen die Broi­lers das schon kur­ze Zeit spä­ter mit der ihnen eige­nen Ener­gie schnell wie­der ver­ges­sen. Zwar fehlt den Düs­sel­dor­fern auf­grund einer Coro­na Erkran­kung Bas­sis­tin Ines May­baum, das soll aber weder der Spiel­freu­de der Band, noch der Tanz­freu­de der Fans einen Abbruch tun. Jede Ansa­ge, jede Publi­kums­in­ter­ak­ti­on, die von einem etwas spitz­bü­bi­schen, aber immer ehr­li­chen Lächeln des Front­man­nes Sam­my Ama­ra beglei­tet wird, wickelt das Publi­kum noch ein klein wenig mehr um den Fin­ger. Sor­gen, dass sich jün­ge­re Stü­cke, die stel­len­wei­se viel­leicht schon mehr im Bereich der Pop­mu­sik als in den Punk­rock Wur­zeln der Band zu ver­or­ten sind, mit eben jenen ker­ni­gen Hym­nen der Anfangs­ta­ge bei­ßen könn­ten, wer­den schnell ad acta gelegt. Wenn man von einem Co-Head­liner nicht nur erwar­tet, die eige­nen Fans glück­lich zu machen, son­dern das Publi­kum auch noch für den Head­liner anzu­hei­zen, hät­te der Job nicht bes­ser erfüllt wer­den können.

Wäh­rend Green Day als Head­liner vie­len nach dem Auf­tritt befrag­ten freu­de­strah­len­den Gesich­tern zufol­ge mühe­los an die Stim­mung anknüp­fen kön­nen, kommt der Tages­ab­schluss auf der Man­do­ra Sta­ge als Kon­trast­pro­gramm ohne Gitar­ren aus. Mar­te­ria ist mitt­ler­wei­le eine eta­blier­te Grö­ße in den obers­ten Regio­nen der Fes­ti­val­pla­ka­te des Lan­des und sein Auf­tritt lässt kaum einen Zwei­fel dar­an, dass das sei­ne Rich­tig­keit hat. Ein reich­hal­ti­ges Port­fo­lio an Hits und ein phä­no­me­nal guter, drü­cken­der Bass Sound, bei dem die Tontechniker*innen gan­ze Arbeit geleis­tet haben, las­sen selbst die größ­ten Tanz­muf­fel und Skep­ti­ker min­des­tens wohl­wol­lend mit­wip­pen. Viel­leicht hat nie­mand so viel ehr­li­che Wie­der­se­hens­freu­de ver­mit­telt wie Mar­te­ria – Bad in der Men­ge inklusive.

Wäh­rend Mar­te­ria mitt­ler­wei­le durch­aus als Stamm­gast des Fes­ti­vals ange­se­hen wer­den kann, muss­ten die Besucher*innen auf den letz­ten Act des Tages lan­ge Jah­re war­ten – und ein nicht uner­heb­li­cher Teil des Stamm­pu­bli­kums war dar­über auch ein biss­chen froh. Akus­ti­sche Qual für die einen, kul­ti­ges Phä­no­men für die ande­ren – Büh­ne frei für Scoo­ter! Wäh­rend ers­te­re nach Mar­te­ria die Flucht ergrei­fen oder die Büh­ne von vorn­her­ein weit­läu­fig mei­den, fei­ern die Fans eine der größ­ten Par­tys des Wochen­en­des. Nicht ein­mal die bereits ange­spro­che­ne her­un­ter­ge­fah­re­ne Laut­stär­ke kann die Stim­mung schmä­lern, zu groß ist die Lust auf mitg­röhl­taug­li­che Gas­sen­hau­er der Mar­ke How much is the Fish?. Ein­zi­ger Wehr­muts­trop­fen: Man muss lei­der fest­hal­ten, dass die Tän­ze­rin­nen, deren Cho­re­os so ein­fach sind, dass auch H. P. Baxx­ter sie gele­gent­lich mühe­los mit­tan­zen kann, nicht etwa da sind, um ihr sicher­lich vor­han­de­nes Talent zu zei­gen, son­dern ver­mut­lich eher als Eye Can­dy. Zeit­ge­mäß ist das aus gutem Grund nicht mehr. Spaß macht der Auf­tritt trotz­dem; auf einem Fes­ti­val, das ohne­hin nur eine über­schau­ba­re Men­ge an Musi­ke­rin­nen auf­bie­tet und sich dafür gro­ßer Kri­tik aus­ge­setzt sieht, passt dies aber lei­der auf uner­freu­li­che Wei­se ins Bild.

Zwischen Fan Service und Verweigerung

Nach­dem Baro­ness aus Savan­nah, Geor­gia bei ihrem ers­ten Auf­tritt 2018 in der damals noch als Altern­are­na bekann­ten Orbit Sta­ge in der Hal­le spiel­ten, dür­fen sie ihr Kön­nen die­ses Jahr am letz­ten Fes­ti­val­tag unter frei­em Him­mel unter Beweis stel­len. Fes­ti­val Auf­trit­te in der Hal­le brin­gen eine ganz eige­ne Inti­mi­tät mit sich, Open Air ist es dage­gen schwer, die­se zu repro­du­zie­ren. Die Sor­gen, dass dies dem Auf­tritt scha­den könn­te, sind schon bei den ers­ten Tönen des Ope­ner Take my Bones away zum Glück schnell besei­tigt. Zu gut, zu fes­selnd ist der Mix aus har­ten Sludge Rhyth­men, pro­gres­si­ven Melo­die­füh­run­gen und dem Gespür für Hits. Beson­ders Gitar­ris­tin Gina Glea­son, seit 2017 Teil der Band, sorgt durch eine phä­no­me­na­le Büh­nen­prä­senz und Inter­ak­tio­nen mit dem Publi­kum sofort für eine Ver­bin­dung zwi­schen Band und Zuschauer*innen, die mit Musik allein kaum her­zu­stel­len ist. Die­ser Sprung aus dem inti­men Rah­men auf die gro­ßen Büh­nen kann nur als geglückt erach­tet werden!

Die Ent­wick­lung von dre­cki­gem, har­tem Sludge über pro­gres­si­ve Meis­ter­wer­ke bis hin zum Ent­de­cken ihrer Lie­be zu pop­pi­gen Melo­dien und Refrains, die sich gna­den­los im Ohr fest­set­zen, haben auch Mastodon hin­ge­legt. Wäh­rend es bei die­sen zwei­fels­oh­ne nie an der spie­le­ri­schen Klas­se oder der kom­po­si­to­ri­schen Fines­se fehl­te, bekam man bei ver­gan­ge­nen Auf­trit­ten doch hin und wie­der den Ein­druck, dass die­se Qua­li­tä­ten nicht zu 100 Pro­zent auf die Büh­ne trans­por­tiert wer­den konn­ten. Ganz anders in die­sen leicht ver­nie­sel­ten Nach­mit­tags­stun­den. Die Abstim­mung der Band ist so gut wie viel­leicht nie, jeder Ton sitzt, der Sound wird jeder fei­nen Nuan­ce ihres abwechs­lungs­rei­chen Klang­kos­mos gerecht und wo die Här­te not­wen­dig ist, spie­len sie hart und treff­si­cher wie ein Uhr­werk. Ein Riff­ge­wit­ter so aus­ge­wo­gen wie Mega­lodon auf die Büh­ne zu brin­gen ver­dient ein Son­der­lob an Band und Tontechniker*innen glei­cher­ma­ßen. Cir­cle Pits, eine Viel­zahl an Crowdsurfer*innen und die obli­ga­to­ri­sche Wall of Death beim Raus­schmei­ßer Blood and Thun­der sind ein deut­li­cher Beleg dafür, dass das Publi­kum hier min­des­tens genau­so viel Spaß hat wie die Band selbst.

Eine deut­lich grö­ße­re Distanz zum Publi­kum legen bald dar­auf Pla­ce­bo an den Tag, die auf der Uto­pia Sta­ge den Co-Head­liner Slot des letz­ten Fes­ti­val­ta­ges beklei­den. Bands nut­zen die Fes­ti­val­si­tua­ti­on vor einem gemisch­ten Publi­kum ger­ne, um mit den größ­ten Hits und Fan­fa­vo­ri­ten im Reper­toire Wer­bung für sich zu machen. Pla­ce­bo ver­wei­gern sich die­ser Erwar­tungs­hal­tung hier aller­dings kon­se­quent. Mit einem Set, das einen deut­li­chen Focus auf Stü­cke der jüngs­ten Alben legt, wer­den hier ganz klar ein­ge­fleisch­te Fans und Liebhaber*innen der Band bedient (sowie ein gutes Stück Wer­bung für das neue Album Never Let Me Go, aus dem es sechs Stü­cke auf die Set­list schaf­fen, betrie­ben). Auf Klas­si­ker wie Every You, Every Me oder Meds war­ten die Fans der­weil ver­geb­lich. Sich den Erwar­tun­gen so kon­se­quent zu ver­wei­gern kann einem sicher­lich Respekt abnö­ti­gen. Letz­ten Endes zeigt die Bilanz, dass der Auf­tritt an vie­len Gelegenheitshörer*innen vor­bei­geht, die gewillt sind, sich live von der Band über­zeu­gen zu las­sen. So ver­gibt sie die Chan­ce, sich neue Fans zu erspielen.

Dem­entspre­chend hät­te der Kon­trast zum letz­ten Head­liner des Fes­ti­vals kaum grö­ßer sein kön­nen. Wo Pla­ce­bo sich den Ansprü­chen an die bekann­tes­ten Songs noch ver­wei­gern, las­sen Muse kaum einen Wunsch offen. Nicht nur die frü­hen Erfol­ge und die Stü­cke, die den end­gül­ti­gen Durch­bruch der Band beglei­te­ten, wie Upri­sing, sor­gen für Begeis­te­rung und las­sen das Publi­kum laut­hals mit­sin­gen. Auch der über­ra­schend har­te Titel­track des im August erschei­nen­den neun­ten Stu­dio­al­bums Will of the Peop­le als Ope­ner – Feu­er­show inklu­si­ve – fügt sich naht­los in das Set ein. Alle Pha­sen der bald 30-jäh­ri­gen Kar­rie­re der Band wer­den abge­deckt und kaum Wün­sche offen­ge­las­sen. Sicher lie­ße sich argu­men­tie­ren, dass gewis­se Show Ele­men­te, wie die rie­si­gen Bal­lons, die bei Star­light auf das Publi­kum los­ge­las­sen wer­den, mitt­ler­wei­le alt bekannt sind. Die auf und vor der Büh­ne jeder­zeit spür­ba­re Freu­de zeigt aber, dass das Alt­be­kann­te hier noch lan­ge nicht aus­ge­dient hat. Wer mit einem Monu­men­tal­werk wie Knights of Cydo­nia als letz­ter Zuga­be glänzt, darf sich auch das Kli­schee erlau­ben, das Stück mit Mor­rico­nes Man with a Har­mo­ni­ca aus dem Wes­tern­klas­si­ker Spiel mir das Lied vom Tod ein­zu­lei­ten. Für vie­le Besucher*innen bil­det die­ser Head­liner­auf­tritt das letz­te gro­ße High­light des Fes­ti­vals. Und man darf mit Fug und Recht behaup­ten, ein grö­ße­res High­light wäre an die­sem Abend schwer mög­lich gewesen.

Take me home, Nürnberg Roads

Letz­ten Endes lässt sich bilan­zie­ren, dass Rock im Park wei­ter­hin ein Fes­ti­val geprägt von Licht und Schat­ten bleibt. Auch wenn die hel­len Momen­te für vie­les ent­schä­di­gen, so macht der ers­te Besuch nach zwei kom­plett fes­ti­val­lo­sen Jah­ren doch deut­lich: auf den Ver­an­stal­ter war­ten eini­ge Hausaufgaben.