Stadt der Perlen

Stadt der Perlen

von Christina Weidl

Wenn ich eine Far­be sein könn­te, wäre ich weiß. Erin­nerst du dich noch dar­an? Ich kann dein Flüs­tern in der Dun­kel­heit hören und wie ich sag­te, hä, wie­so denn weiß, ich wär lie­ber rosa. Klei­ne Heim­lich­kei­ten, die wir von Bett zu Bett im Kin­der­zim­mer austauschten.

Seit­dem sie zwölf ist, besteht sie dar­auf, nur noch Neel genannt zu wer­den. Ich habe ihr den Gefal­len getan, aber Amma und Baba haben sich zunächst gewei­gert, bis sie auf Neeli­ma ein­fach nicht mehr hörte.

Unse­re Umar­mung am Bahn­steig ist kurz und flüch­tig, sie weicht mei­nem Kör­per aus. Trotz­dem spü­re ich, wie schmal ihr Rücken ist unter dem fes­ten Woll­stoff, wie scharf umris­sen ihre Schul­tern sind. Sie ver­steckt sich in dem wei­ten grau­en Man­tel, obwohl sie frü­her am liebs­ten enge Jeans und T‑Shirts getra­gen hat. Amma hat sie oft kri­ti­siert, weil ihre Klei­dung zu kör­per­be­tont sei. Jetzt trägt sie auch kei­nen Schmuck, nur die klei­ne wei­ße Per­le in ihrem lin­ken Nasen­flü­gel ist geblie­ben. Wenn er sich beim Spre­chen oder Lachen wei­tet, bewegt sich die Per­le mit, es hat mich immer fas­zi­niert. 

»Wie war die Fahrt?« 

Neel hebt die Schul­tern. Dabei rutscht der Rie­men ihrer grü­nen Sport­ta­sche ein Stück her­un­ter und sie hält ihn rasch fest, klam­mert ihre Hand dar­an. 

»Die Regio­nal­bahn aus Würz­burg hat­te Ver­spä­tung«, sagt sie, »aber es ging.« 

Ihre Tasche sieht schwer aus, ich wür­de ihr anbie­ten, sie zu tra­gen, doch ich bin sicher, sie wür­de ableh­nen.
Viel­leicht mein­test du ein Weiß wie Atta, das Mehl, das Ammas Hän­de mit unge­wohn­ter Weich­heit über­zog, wenn sie Cha­pa­tis back­te. Fei­ne wei­ße Hand­schu­he an brau­nen Hand­ge­len­ken. Wie oft stan­den wir neben­ein­an­der in der Küche und sahen ihr zu?
Ich habe mei­ne Schwes­ter seit fast zwei Jah­ren nicht gese­hen, das letz­te Mal auf mei­ner Hoch­zeit. Und jetzt, als ich glaub­te, das mit dem Ver­schwin­den sei ihr end­lich gelun­gen, steht sie wie­der vor mir. 

Wir ver­las­sen das lee­re Gleis. Neel geht rechts von mir, sodass ihre Sport­ta­sche zwi­schen uns hängt. Mei­ne Woh­nung ist nicht weit, nur zwei Stra­ßen vom Bahn­hof ent­fernt, doch zu weit, um zu schwei­gen.
»Ich habe Chi­cken Bir­ya­ni gemacht«, sage ich. 

Sie lächelt, breit, die klei­ne Per­le schiebt sich zur Sei­te und leicht nach oben. »Dann hat sich die Fahrt ja gelohnt.« Ich habe gleich nach dem Auf­ste­hen begon­nen, das Hühn­chen zu mari­nie­ren und den Reis vor­zu­be­rei­ten. Dann alles abwech­selnd in einen gro­ßen Topf geschich­tet, Fleisch, Soße und Reis, wie Amma es mir bei­gebracht hat, und min­des­tens drei Stun­den garen las­sen. Ich weiß, dass Ravi in mei­ner Abwe­sen­heit, wann immer er an dem Topf vor­bei­kommt, den Deckel heben wird, um von dem Safran­reis zu naschen, und Jai wird er auch ein paar gel­be Kör­ner geben, die der klei­ne Mann dann von der Hand­flä­che schle­cken wird, die Pat­sche­hand flach vor den Mund gepresst. 

Amma hat den Nach­barn manch­mal Essen vor­bei­ge­bracht, Bir­ya­ni an Dus­seh­ra und Diwa­li, aber auch ein­fach so. Wir haben immer nur die lee­ren Tel­ler zurück­be­kom­men. Wenn ich geba­cken habe, brin­ge auch ich Kuchen vor­bei, oder Samo­sas oder Pako­re. 

Wir woh­nen in einem der weni­gen Mehr­fa­mi­li­en­häu­ser im Ort, es war nicht leicht, etwas zu fin­den. Unter uns ein älte­res Ehe­paar, die Vogels, die nie grü­ßen und Ravi und mir seit Jais Geburt nur noch fins­te­re Bli­cke zuwer­fen, wenn wir ihnen im Trep­pen­haus begeg­nen. Als wür­de Jai mehr schrei­en als ande­re Babys. Ihnen brin­ge ich kei­ne Samo­sas. 

All das wür­de Neel wohl nicht inter­es­sie­ren. Sie holt eine Ziga­ret­ten­schach­tel aus ihrer Man­tel­ta­sche, ohne zu fra­gen, ob es mich stört. Sie soll­te nicht mehr rau­chen. Schon immer habe ich das Gefühl, mich um sie sor­gen zu müs­sen, obwohl sie doch die Älte­re ist. Sie spürt mei­nen Blick und zögert. Die Ziga­ret­te hängt locker zwi­schen ihren Fin­gern wie eine schlecht durch­dach­te Requi­si­te, mit der sie nichts recht anfan­gen kann.

Als Neel mit dem Rau­chen anfing, muss­te ich schwö­ren, nichts zu sagen. Natür­lich bemerk­te Amma es trotz­dem und mehr als ihr Zorn beein­druck­te mich nur Neels Uner­schro­cken­heit. 

Jetzt steckt mei­ne Schwes­ter die Ziga­ret­te zurück in die Schach­tel und ver­dreht leicht die Augen, als täte sie es nur für mich. Ich beschlie­ße, es zu igno­rie­ren. Kur­zes Schwei­gen, das ich mit nichts Sinn­vol­lem fül­len kann.
»Ich hat­te schon Angst, Amma und Baba am Bahn­hof zu tref­fen.« 

Sie lacht ver­le­gen, die Per­le wan­dert nach links und ich fra­ge mich, war­um sie das sagt, wenn es ihr unan­ge­nehm ist. 

»Aber mor­gen kommst du doch mit?« 

Ein klei­nes Nicken. »Wie geht es ihnen denn?« 

»Gut. Amma ist ganz ver­rückt nach Jai, sie kommt stän­dig vor­bei. Baba ist wie immer.« 

Immer noch nennt er mich manch­mal Moti. Frü­her habe ich mich gern künst­lich brüs­kiert, dass er mich als Dicker­chen bezeich­ne­te, um ihn augen­zwin­kernd sagen zu hören, er mein­te natür­lich die zwei­te Bedeu­tung, ich sei sei­ne Per­le. Hyder­abad ist schließ­lich die Stadt der Per­len. Und die des bes­ten Bir­ya­nis in ganz Indi­en. Neel nann­te Baba nie Moti, aber sie war ja auch immer dün­ner als ich. 

Oder weiß wie die mar­mor­nen Tem­pel­tür­me des Bir­la Man­dir, die vor dem blau­en Win­ter­him­mel über Hyder­abad glänz­ten. Ein Strich aus roter San­del­holz­pas­te auf dei­ner Stirn, den der Tem­pel­pries­ter dir auf­ge­malt hat­te. Als Amma nicht hin­sah, hast du die Far­be rasch mit dem Hand­rü­cken abge­wischt. 

Wir waren erst drei­mal in Hyder­abad und es hat mich stets etwas über­for­dert. Ich glau­be, Neel gefiel es bes­ser. Mit sei­nen gut sie­ben Mil­lio­nen Ein­woh­nern ist es eine Stadt, der ihre Men­schen ganz gleich­gül­tig sind, die sich nicht dar­um schert, wenn sie gehen. Dort wäre es mei­ner Schwes­ter sicher leich­ter gefal­len, zu verschwinden.

Blau und pink gemus­ter­te Saris neben akku­rat gestutz­ten Schnurr­bär­ten unter schwarz glän­zen­den Gel­fri­su­ren. Leuch­tend gel­be Auto­ricks­haws, die zwi­schen sil­ber­nen Scoo­tern die Stra­ßen ver­stop­fen. Hell­häu­ti­ge Frau­en in west­li­cher Klei­dung, die von bun­ten Wer­be­pla­ka­ten her­un­ter­lä­cheln. Fair and pret­ty. Wenn wir Uncle Sureshs Fami­lie in Bir­ming­ham besuch­ten, besorg­te Neel sich immer einen Vor­rat an Bleaching Cream. Sie crem­te sich mit hart­nä­cki­ger Igno­ranz jeden Abend Gesicht und Arme ein, obwohl sie doch mer­ken muss­te, dass das Zeug nichts half. Baba sag­te, es sei ver­schwen­de­tes Geld. 

»Wie läuft es denn in Mün­chen?«, fra­ge ich. 

»Alles super.« 

Ihr Blick ist her­aus­for­dernd, die Per­le bleibt reg­los. Ich habe oft über­legt, wie sie dort wohl lebt, was sie tut, wenn sie nie­man­den mehr hat, dem sie trot­zen kann. Aber ich fra­ge nicht wei­ter nach.

Die Son­ne kommt durch für einen flüch­ti­gen Moment und ein röt­li­cher Hen­na­stich glänzt in ihrem Haar. Sofort wirkt die Herbst­luft wär­mer, die Stra­ße weni­ger grau.

Neel mein­te ein­mal, es läge an die­sem Ort, aber ich glau­be, Amma und Baba waren schon immer so. Wir frag­ten uns bei­de, was sie hier hielt. Viel­leicht das­sel­be, wie mich jetzt. Zu wis­sen, was man hat. Wir hät­ten nach Stutt­gart zie­hen kön­nen, wo Uncle Manoj lebt oder zu Aun­ty Kavi­ta nach Köln. Viel­leicht wäre es Neel in so einer Stadt ja bes­ser ergan­gen. 

Sie hat Mün­chen gewählt, dort ken­nen wir nie­man­den. Ich hät­te nicht die­sen Mut beses­sen. In Mün­chen wür­de mich die Fri­sö­rin bestimmt nicht jedes Mal laut­stark um mei­ne dicken, schwar­zen Haa­re benei­den und mei­nen, die Inde­rin­nen hät­ten eben Glück mit ihren Genen. In man­cher Hin­sicht kann ich sie verstehen.Ein Stück lau­fen wir schwei­gend. Neel trägt sicht­lich schwer an ihrer Tasche und ich gebe vor, es nicht zu bemer­ken. 

Als wir klein waren, spiel­ten wir noch viel mit den ande­ren Kin­dern im Ort. Neel hat sich dabei stän­dig ver­letzt. Auf dem Spiel­platz ist sie vom Klet­ter­ge­rüst gestürzt oder unsanft gelan­det, wenn sie von der schwin­gen­den Schau­kel sprang. Sie war auch gut dar­in, mit dem Fahr­rad mit­ten in die Brom­beer­he­cken am Ende unse­rer Stra­ße hin­ein­zu­ra­sen, wo das Feld beginnt. Ich bin dann immer schnell gelau­fen, um Amma zu holen. Wenn wir zurück­kehr­ten, lag sie manch­mal tat­säch­lich noch heu­lend am Boden, die Male, als es wirk­lich schlimm war, als sie sich den Knö­chel ver­dreht oder das Hand­ge­lenk gebro­chen hat­te. Aber häu­fi­ger stand sie schon wie­der und tat, als ob nichts sei, als ob sie nie geweint hät­te und war wütend auf mich, weil ich Amma her­ge­bracht hat­te. 

Sie soll­te auch mit mir zusam­men von der Grund­schu­le nach Hau­se gehen, aber das tat sie sel­ten, oft lief sie vor­aus, weil ich ihr zu lang­sam war. Sie war­te­te dann vor dem Stra­ßen­schild, damit wir gemein­sam das Haus betre­ten konn­ten und es aus­sah, als hät­te sie mich den gan­zen Weg beglei­tet. Sie gewann nichts dadurch, schließ­lich muss­te sie ja doch auf mich war­ten, aber für sie war es wohl nicht das Glei­che. 

Weiß wie die Man­da­las, die an Dus­seh­ra die Stra­ßen ver­zie­ren. Du hast mit dem Krei­de­pul­ver akku­rat ver­schlun­ge­ne Lini­en auf den Asphalt gezo­gen und ich setz­te gel­be Blü­ten dazwi­schen.
Wir sind fast da. Ihre Sport­ta­sche zwi­schen uns ver­sperrt mir den Blick auf ihren Bauch, es ist wohl ohne­hin noch nichts zu sehen. Ich muss es jetzt ansprechen.

»Wie weit bist du?« 

Sie lächelt auf mei­ne Fra­ge, als hät­te sie nur dar­auf gewar­tet, doch sie blickt wei­ter­hin nach vorn. Ich betrach­te ihre Per­le im Pro­fil. 

»Ich hab noch Zeit.« 

»Und dann?« 

Mei­ne Schwes­ter hebt die Schultern.

Chris­ti­na Weidl, gebo­ren 1996, stu­diert Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft, Ger­ma­nis­tik und All­ge­mei­ne Sprach­wis­sen­schaft in Bam­berg. Nach der Schu­le leb­te sie im Zuge eines Frei­wil­li­gen Sozia­len Jah­res elf Mona­te lang in Indi­en. Neben der Arbeit im jour­na­lis­ti­schen Bereich und in der Unter­neh­mens­kom­mu­ni­ka­ti­on schreibt Chris­ti­na bereits seit vie­len Jah­ren lite­ra­ri­sche Tex­te. Sie hat meh­re­re Thea­ter­stü­cke für Kin­der sowie 2010 einen Jugend­ro­man veröffentlicht.