Sirene

Sirene

von Philipp Schlüter

Liv war eine Sire­ne – ent­stie­gen den leben­di­gen, schäu­men­den Was­sern. Das sal­zi­ge Meer und die skan­di­na­vi­sche Son­ne hat­ten Livs Haar aus­ge­bleicht. Satt war das Braun ihrer Haut. Sie sonn­te sich in ihrem schwar­zen Biki­ni auf den stei­ner­nen Ter­ras­sen am Ran­de des Fjords. Wie Bin­sen strei­chel­te der Küs­ten­wind die klei­nen blon­den Här­chen auf ihren ath­le­ti­schen Unter­ar­men. Wann immer ich sie sah oder wir zusam­men Zeit ver­brach­ten, fühl­te ich mich ein­ge­bun­den in etwas, das so groß war, dass ich dafür kei­ne Wor­te hat­te. 

Damals hat­ten Max, Sabri­na, Leo­nie, Fred­dy und ich uns ein klei­nes weiß­ge­stri­che­nes Holz­haus auf einer Insel im nor­we­gi­schen Hor­da­land unweit von Ber­gen gemie­tet. Nach der Schu­le woll­ten wir die vol­le Frei­heit: Som­mer, wei­te, wil­de Land­schaft. Wir pad­del­ten von unse­rer Unter­kunft zum Super­markt, wo wir Brot, Auf­stri­che und Ziga­ret­ten besorg­ten. Wir lagen in den Wie­sen oder auf den mit Flech­ten gepols­ter­ten Fel­sen und rauch­ten. Wir blie­sen Rauch­krin­gel unter das knall­blaue Dach. Dass ich im Herbst an der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät in Ber­lin Maschi­nen­bau stu­die­ren wür­de, kam mir dort zwi­schen Fjor­den, Fel­sen­klip­pen und Kie­fern­wäl­dern min­des­tens eine Gala­xie weit ent­fernt vor. Die Wär­me säug­te unse­re Kör­per, Muße nähr­te uns und mach­te die See­len wun­der­bar leicht.

Oft fing ich den Fisch selbst. Den einen Tag, wäh­rend ich den Blin­ker an der Angel­schnur tän­zeln ließ, hör­te ich eine Stim­me in mei­nem Rücken. 

»You caught a fish?«

Die Göt­ter hiel­ten die Tage eine zögern­de Sekun­de an.

Mir fiel vor Schreck die Ziga­ret­te aus dem Mund, lan­de­te auf mei­nem Fuß, die Glut fraß sich in mei­ne Haut. Ich ver­such­te, mir nichts anmer­ken zu las­sen, wäh­rend ich mir der schö­nen jun­gen Frau ganz gewahr wur­de. Ihre Augen waren so leben­dig, ihr Kör­per vol­ler Span­nung. Woher kam die­se skan­di­na­vi­sche Sire­ne? War sie womög­lich über den Bifröst in die Welt der Men­schen heruntergestiegen?

»Got lucky this morning«, sag­te ich und schnipp­te die Ziga­ret­te mit dem ande­ren Fuß ins Gras und leg­te die Angel ab. Das Brand­mal tat höl­lisch weh. 

Liv kicher­te.  

»Gre­at!«, sag­te sie. »Whe­re are you from?«

»My name is Enno and I am from Ger­ma­ny. We are on holi­day. My friends are up the hill.« Ich zeig­te mit dem Arm in Rich­tung des anstei­gen­den Pfa­des hin­ter unse­rem Boots­haus. Zum Angeln hat­te ich die fel­si­gen Schä­ren auf­ge­sucht, die unse­re Bade­bucht, in der auch der höl­zer­ne Boots­steg trieb, ein­rahm­ten. 

»I´m Liv! Wie geht es dir?«, frag­te sie mich. 

»Du sprichst Deutsch?«

»Ich habe es gelernt in die Schu­le«, ant­wor­te­te sie.

Ihr nor­we­gi­scher Akzent, das fremd­ver­trau­te dar­an mach­te mich ganz ver­rückt. Liv trat einen Schritt näher an mich her­an. Unter ihrem wei­ßen, eng­an­lie­gen­den T‑Shirt zeich­ne­ten sich die Umris­se ihres schwar­zen Biki­nis ab.

»Darf ich sehen?«, frag­te sie mich und zeig­te auf den wei­ßen Plas­tik­ei­mer, der neben mir auf dem Boden stand. 

»No pro­ble­mo.«

»En makrell«, sag­te Liv. Der Fisch hat­te ein sil­bern bläu­li­ches Tiger­mus­ter auf dem Rücken. Er beweg­te sich nicht. Es war schon Mit­tag und die Son­ne brannte.

»Wohnst du hier auf der Insel?«, frag­te ich.

»Ich bin heu­te Mor­gen mit dem Kayak gekom­men, von die ande­re Seite.«

Liv zeig­te in Rich­tung Süden, in die ich mei­nen Blin­ker aus­ge­wor­fen hat­te. Dabei schob sich die rech­te Sei­te ihres Ober­teils ein wenig nach oben und gab dabei den Blick auf ein Tat­too in Höhe ihrer Tail­le frei. Ich mein­te, den schwarz in die Haut ein­ge­sto­che­nen Umriss eines Qual­len­schirms zu erken­nen. Die Gewäs­ser hier wim­mel­ten nur so von Feu­er­qual­len, wenn die Strö­mung ungüns­tig war.

»Mei­ne Eltern woh­nen in Ber­gen, mit dem Auto braucht man eine hal­be Stund«, erklär­te Liv. 

Nimm mich mit, lass uns zusam­men in den Son­nen­un­ter­gang pad­deln, wünsch­te ich, und das Brand­mal auf mei­nem Fuß poch­te heiß. 

»Ich muss auch zurück zu mei­nem Kayak. Wir sehen uns – Hei!«, sag­te Liv. 

»Ja, cool, sehr cool«, sag­te ich und dann schau­te ich ihr hin­ter­her, wie sie leicht­fü­ßig von einer Schä­ren­for­ma­ti­on zur nächs­ten sprang und hin­ter Kie­fern und Gebüsch ver­schwand. 

Ich schnapp­te mir mei­ne am Boden lie­gen­de Angel, häng­te den Blin­ker auf Span­nung in eine der Metall-Ösen ein und nahm den Eimer mit der Makre­le in die ande­re Hand. Ich fühl­te mich wie aus­er­wählt. Geschwind ging ich am Boots­haus vor­bei und zurück zu unse­rer Holz­hüt­te. Ich muss­te den ande­ren von ihr erzäh­len … 

In einer die­ser Näch­te, in denen sich das Gefühl ein­stellt, man kön­ne die Ewig­keit zwi­schen den Ster­nen atmen, zwi­schen Feu­er und Fun­ken­schlag, leg­te sie ihre Wan­ge auf mei­ne Schul­ter, und ich spür­te, wie elek­tri­sie­rend ein zar­tes Sich-Berüh­ren wir­ken kann. Erst spä­ter las ich auf ihrem Kör­per die Wor­te dazu: Die Schwal­ben strei­fen die Flu­ten / Und trin­ken Fahrt und Nacht. 

Am nächs­ten Mor­gen hat­te ich mei­ne Angel schon früh wie­der an der glei­chen Stel­le aus­ge­wor­fen. Auch wenn mir mein poten­ti­el­ler Fang gleich­gül­tig war, hat­te ich gegen Mit­tag doch eini­ge Dor­sche und Makre­len gefan­gen. Nur von Liv kei­ne Spur. 

Spä­ter saßen wir kaf­fee­trin­kend vor unse­rer weiß­ge­stri­che­nen Feri­en­un­ter­kunft im Schat­ten eines gel­ben Son­nen­schirms. Ich schlug den bei­den Pär­chen vor, die Fische am Abend über dem Feu­er zu gril­len und es uns mit Decken und Gitar­re dabei bequem zu machen. 

»Und was ist mit dei­ner Fergie?«

 »Audrey Hepburn! «

»Ach, seid still«, sag­te ich. »Wenn, dann Sirene!«

Ich sah sie als ers­ter den klei­nen Pfad her­auf­kom­men. Das unweg­sa­me Gelän­de mach­te ihr nichts. Ich wink­te ihr zu und rief: »Hal­lo Liv! Komm doch rüber!«

»Hei Enno!«, rief sie und mei­nen Namen aus ihrem Mund zu hören, mach­te mich stolz. 

Kata­pult­ar­tig sprang ich von mei­nem Plas­tik­stuhl auf und zog für mein Mythen­we­sen einen wei­te­ren her­an. Ich fühl­te mich wie ein Ent­de­cker, des­sen all­seits belä­chel­te Erzäh­lun­gen völ­lig uner­war­tet beglau­bigt wur­den. Wäh­rend ich drin­nen hei­ßes Was­ser in den mit Kaf­fee­pul­ver gefüll­ten Fil­ter­auf­satz goss, kamen mei­ne Freun­de mit Liv ins Gespräch. 

»Tusen takk for kaf­fen«, Liv strahl­te mich an. Es war dann Fred­dy, der sie freund­lich ein­lud, heu­te Abend mit uns am Lager­feu­er zu grillen.

Was ich von Liv lern­te, war eine bro­deln­de, star­ke Lie­be. Das begann, als ihre Wan­ge mei­ne Schul­ter fand. Und führ­te sich fort, als sie über Nacht bei uns blieb und mir im Schein der Lager­feu­er­flam­men ihr Tat­too zur Gän­ze zeig­te: Eine fili­gran gesto­che­ne Feu­er­qual­le, deren Arme sich um ver­schie­de­ne Sym­bo­le leg­ten, die für ele­men­ta­re Din­ge in Livs Leben ste­hen muss­ten. Ein Kunst­werk, ein Gleich­nis aus Tin­te von der Tail­le zum Rücken bis hoch zur Schul­ter. Ledig­lich schwar­ze Far­be hat­te sie sich unter die Haut ste­chen las­sen. Beson­ders gut erin­ne­re ich mich an das kan­ti­ge Motiv eines Kei­lers. Ich betrach­te­te es als eine dem Kör­per ein­ge­schrie­be­ne Lie­bes­er­klä­rung an den Nor­we­gi­an Way of Life. Auch die nor­di­sche Göt­tin Freya ritt auf einem Eber, Hilis­vi­ni genannt. 

Und dann gab es einen Vers auf ihrem Schul­ter­blatt, von einem wei­te­ren Ten­ta­kel jugend­stil­ar­tig ein­ge­rahmt. An jeder der vier Ecken prang­te ein Vogel mit sichel­för­mi­gen Flü­geln. Dar­in die Benn‘schen Ver­se. 

Ich weiß noch, mit wel­cher Inbrunst sie das Gedicht auf Deutsch vor­trug. Meis­tens saßen wir dann nach etli­chen Glä­sern Rot­wein auf ihrem Bal­kon. Auch heu­te noch die­se Gän­se­haut, wenn die vor­letz­te Stro­phe aus­klingt: Der Som­mer stand und lehn­te / und sah den Schwal­ben zu.

***

Drau­ßen ras­te ein Kran­ken­wa­gen mit einem schreck­lich lau­ten Mar­tins­horn die Stra­ße ent­lang. Die U‑Bahn ras­sel­te ober­ir­disch vor­bei. Eine leich­te Vibra­ti­on durch­zog die Haus­wän­de. Ich schloss das gekipp­te Fens­ter. Mitt­ler­wei­le war ich zwi­schen Spree, Fried­richs­hain und dem Pots­da­mer Platz ange­kom­men. Dafür brauch­te ich aber das gan­ze ers­te Semes­ter. Ber­lin war schnel­ler als mein Lebens­rhyth­mus. Ich brauch­te eini­ge Mona­te um mit­zu­hal­ten. 

Dann. Ein gutes Jahr spä­ter. Das zwei­te Semes­ter mei­nes Maschi­nen­bau-Stu­di­ums lag in den letz­ten Zügen, als auf mei­nem Lap­top das klei­ne blaue E‑Mail-Fens­ter­chen Post ver­kün­de­te. Es war Liv. Sie wür­de für das anste­hen­de Win­ter­se­mes­ter nach Ber­lin kom­men. Ich hielt es für einen Scherz, doch Wit­ze die­ser Art pass­ten nicht zu Liv. 

Mei­ne Gedan­ken wühl­ten sich ins Ver­gan­ge­ne, durch­quer­ten Zeit und Raum. Und dann hat­te ich es wie­der: Die­ses Gefühl eines Lebens­som­mers. Von Fjor­den, Son­nen­bä­dern und von Liv flan­kiert.  

Die For­meln und Defi­ni­tio­nen für die Mecha­nik 2‑Klausur ver­blass­ten, statt­des­sen: Livs aus­drucks­star­kes Gesicht, ihre blon­de Mäh­ne, die sie damals in künst­le­risch-fei­nen Hoch­steck­fri­su­ren gebän­digt hat­te. Die an ihrer gebräun­ten Haut her­ab­rin­nen­den Salz­was­ser­trop­fen ver­ma­ßen Liv wie ein Kunst­werk immer wie­der neu. 

Ich hat­te nicht gedacht, dass wir uns nach der Zeit im nor­we­gi­schen Hor­da­land noch ein­mal wie­der­se­hen wür­den. Auch wenn das Lied mei­ner Sire­ne immer wie­der durch die Wel­len mei­nes All­tags brach. Liv tauch­te aus den Was­sern her­vor, mit­ten in die klei­ne Nuss­scha­le mei­nes Jetzt. Sie wür­de nach Ber­lin kommen.

Lang­sam fand die­se unver­hoff­te Nach­richt ihren Weg in mei­nen vom Ler­nen ver­kleb­ten Kopf. 

Noch am sel­ben Abend, als die Son­ne im Rot des Abends ertrank, ant­wor­te­te ich Liv. Die Göt­ter hat­ten wohl was übrig für mich. Viel­leicht gab es eine gemein­sa­me Zukunft für uns. Mein Mund fühl­te sich tro­cken an. In mei­ner Brust zit­ter­ten Glücks­ge­füh­le wie die Flü­gel eines Zitro­nen­fal­ters, der aus sei­ner Win­ter­star­re erwacht. 

»Will­kom­men in der Haupt­stadt! Ver­rückt, du bist echt hier.« 

Ich sah ihr in die grün-blau­en Augen. Die Fas­zi­na­ti­on war unge­bro­chen. 

»Ja, Enno, es ist gut, dass ich dich hier ken­ne. Ich will alles wis­sen von die­se Stadt, es muss so viel geben zu erleben!«

Die gol­de­nen Kreo­len wipp­ten im Takt ihrer Bewe­gun­gen mit, zier­ten die Fein­heit ihres schö­nen Hal­ses. 

»Aber hal­lo, das gibt es! Manch­mal auch zu viel.« 

Als sich die ers­ten Blät­ter lang­sam vom tie­fen Grün des Som­mers ver­ab­schie­de­ten, saßen Liv und ich an der Spree. Unse­re Bei­ne lie­ßen wir über dem Fluss bau­meln. Wir fan­den kein Ende beim Erzäh­len. Nipp­ten wie um kurz zu ver­schnau­fen an unse­rem Rad­ler. Liv wür­de ihr sechs­tes Semes­ter an der Frei­en Uni­ver­si­tät ableis­ten und hat­te ein Zim­mer in Wed­ding gefunden.

Die bro­deln­den Wol­ken­for­ma­tio­nen über der Stadt ver­hie­ßen nichts Gutes. Wir teil­ten uns noch ein Rad­ler. Wind kam auf und wir fuh­ren mit der U‑Bahn nach Wed­ding, in Livs neue Woh­nung. Dort zeig­te sie mir ihr Tat­too. 

»Schau mal, hier. Das ist mir beim Klet­tern pas­siert: Ein Stein wie ein Messer!«

Liv zog den Bund ihrer Hose her­un­ter, ihr T‑Shirt ein wenig nach oben. Eine noch rosi­ge Nar­be lief quer durch das Motiv, durch­schnitt eini­ge Arme der Qual­le. Die soge­nann­te Löwen­mäh­ne, wie man die­se Feu­er­qual­len­art in Nor­we­gen nennt, hat­te durch die Ver­let­zung auf Livs Haut ihre Ver­bin­dun­gen zwi­schen den Sym­bo­len ver­lo­ren. Ich küss­te Liv auf jene Stel­le. Sie zuck­te den Refle­xen geschul­det kurz zurück, muss­te dann aber kichern. Ich war nie aber­gläu­bisch gewe­sen. Spuck­te auf kaput­te Spie­gel und die Sache mit der schwar­zen Katze.

Des­halb sah ich dar­in auch kein Omen für das, was in den kom­men­den Mona­ten mit Liv gesche­hen sollte.

»Enno, du bist süß! Du brauchst kei­ne Sor­gen haben.«

Das war nicht das, was ich von Liv ger­ne gehört hät­te, als ich sie auf ihren kaum zu über­se­hen­den Schlaf­man­gel ansprach. Ein eisi­ger Ost­wind blies durch die Stra­ßen und feg­te über die frei­en Plät­ze Ber­lins. Die Trüb­heit des Novem­bers ver­deckt so man­che Far­be. Aber mir war, als strahl­te Livs Licht nicht mehr so hell wie sonst. Ich woll­te sie so erhal­ten, wie sie mir vor ein­ein­halb Jah­ren unter dem herr­li­chen, skan­di­na­vi­schen Him­mel begeg­net war. Sie nicht mit dem Scheiß-egal-Gefühl der Groß­stadt tei­len. Sie soll­te nicht wie eine Löwen­mäh­ne in den Wogen eines Sturms her­um­ge­wir­belt wer­den.  

Liv spiel­te geis­tes­ab­we­send am weich gewor­de­nen Wachs der Ker­ze, die vor uns auf dem Bar­tisch brann­te. Das abge­knib­bel­te Wachs hielt sie in die zün­geln­de Flam­me, die sofort zu rußen begann. Irgend­wie woll­te ich die Balan­ce fin­den zwi­schen einem all­zu elter­li­chen Ton und einem all­zu ver­lieb­ten Nach­fra­gen. 

Liv trank von ihrer Ber­li­ner Wei­ße mit Wald­meis­ter­si­rup. Sie war voll­kom­men ver­rückt nach dem Zeug. Ich räus­per­te mich.

»Mor­gen also am Vor­mit­tag zum Floh­markt am Boxi?«, frag­te ich. 

»Ja, ganz ger­ne. Du weißt, Enno, ich woll­te schon lan­ge haben eini­ge Sachen für mein Woh­nung. Einen klei­nen Tisch für neben das Bett und die­se – wie sagt man – für Tee zum hineingeben …«

»Tee­kan­ne«, rief ich.

»Genau die­se! Wann wol­len wir uns dann tref­fen? Spä­ter gehe ich noch in einen Club mit die­se Leu­te von AStA; sie sind sehr cool«, sag­te Liv.

Der Club hieß Exit. 

»Viel­leicht so gegen halb elf, elf? Du kannst spä­ter ger­ne zu mir kom­men und bei mir schla­fen, wenn du willst. Dann fah­ren wir zusam­men zum Boxi«, schlug ich vor. 

Der Abend war noch jung. Liv und ich saßen in einer mit dunk­lem Holz aus­ge­klei­de­ten Bar in Kreuz­berg unweit vom Gör­lit­zer Park. Von der Decke hin­gen Vin­ta­ge-Glüh­bir­nen weit in den Raum hin­ein, durch deren dünn­wan­di­ge Glas­kör­per die Glüh­fä­den wie geschmol­ze­ner Stahl leuch­te­ten. Links von mir schlu­gen Flam­men an die Innen­sei­te einer Kamin­tür. 

»Das ist nett von dir, Enno. Wenn ich näher bin an dei­ner Woh­nung als an mei­ne, dann kom­me ich zur dir.«

»Wo trefft ihr euch denn?«, frag­te ich Liv.

»Wir tref­fen uns an der Schön­hau­ser Allee, um 10 Uhr.« 

Liv tanz­te ger­ne. Ich bewun­der­te ihre selbst­ver­ges­se­nen, sou­ve­rä­nen Bewe­gun­gen. Sie schien die natür­lich gege­be­ne Gewichts­kraft zu mini­mie­ren, sobald Musik ein­setz­te. Liv schweb­te über fast allem. Wie eine Seil­tän­ze­rin, die von der Schlucht unter sich nichts wahr­zu­neh­men scheint. 

Dann sah ich auf die Uhr.

»Oh, du musst ja gleich los. Einen Moment«, sag­te ich zu Liv und strei­chel­te ihr im Vor­über­ge­hen über den Unter­arm. Sie hielt mich am Ober­arm fest und drück­te mir einen Kuss auf die Wange.

Als ich von der Toi­let­te wie­der­kam, schwank­te der Raum, die Tho­mas-Edi­son-Glüh­bir­nen schwam­men im Raum wie leuch­ten­de Tief­see­qual­len. Zer­frans­te Flos­sen, Glied­ma­ßen wie Begräb­nis­schlei­er in einer abso­lu­ten Schwär­ze, in der sich trotz­dem Leben fin­det. Ich durch­quer­te den Raum, vor­bei am Bar­kee­per, der dort Spi­ri­tuo­sen und gehei­me Ingre­di­en­zi­en zu ord­nen schien. Unser Tisch war frei. Kei­ne Spur von Liv. Auf der Rück­sei­te der Rech­nung stand in geschwun­ge­ner Hand­schrift: »Kom­me spä­ter zu Dir. Erklä­re es dann. Kuss, Liv.«

Phil­ipp Schlü­ter, gebo­ren 1989 in Vlotho (Ost­west­fa­len), absol­vier­te nach dem Abitur ein Frei­wil­li­ges Sozia­les Jahr auf Sylt. Anschlie­ßend stu­dier­te er an der Uni­ver­si­tät Bam­berg Ger­ma­nis­tik und Geschich­te. Nach zwei­jäh­ri­gem Volon­ta­ri­at im Aus­stel­lungs­be­reich am Düs­sel­dor­fer Hein­rich-Hei­ne-Insti­tut, ging es 2017 wie­der zurück ins ober­frän­ki­sche Bam­berg, um sich im lieb­ge­won­nen Umfeld dem Mas­ter-Stu­di­um der Neue­ren Deut­schen Lite­ra­tur zu wid­men. Er arbei­te­te als frei­er Mit­ar­bei­ter bei der Neuss-Gre­ven­broi­cher Zei­tung und ver­öf­fent­lich­te etli­che Lite­ra­tur­kri­ti­ken und Inter­views bei der stu­den­ti­schen Zeit­schrift Rezen­söhn­chen. Vor­wie­gend wid­met er sich der Lyrik, durch die Baye­ri­sche Aka­de­mie des Schrei­bens ent­stand nun der ers­te fer­ti­ge Prosatext.