Der Himmel über Sylt

Der Himmel über Sylt

von Philipp Neudert

 

Mei­ne Augen sind offen. Ich habe auf­ge­hört, an Felix zu den­ken. Wir sind uns im Urlaub auf Sylt begeg­net. Wir müs­sen sech­zehn gewe­sen sein. Viel­leicht sieb­zehn. 

Es war beim Bier­kau­fen in List auf Sylt, in einer alten, engen Geträn­ke­hand­lung, in der immer die Beat­les oder die Ani­mals oder die Beach Boys und sol­che Sachen lie­fen. Der Ver­käu­fer war so ein alter Hip­pie, mit wei­ßen Haa­ren bis zum Hin­tern und lan­gem Bart und Ohr­rin­gen und was weiß ich. 

Felix stand mit einem Six­pack Jever vor mir in der Schlan­ge. Ich hat­te mir ein paar Astra Urtyp geholt. Mir war gleich sei­ne schö­ne, gleich­mä­ßi­ge Bräu­ne auf­ge­fal­len, und der Sand, der an sei­nen Waden kleb­te und lang­sam trock­ne­te und dabei irgend­wie glänz­te oder viel­mehr glit­zer­te. Ich weiß nicht genau, wie ich das beschrei­ben soll. Er war sehr schlank. Sein Haar war dun­kel und feucht, er muss­te schwim­men gewe­sen sein. Sein Blick war glei­cher­ma­ßen inten­siv und ver­träumt, als begrei­fe er alles, was ihn umgab, und neh­me es zugleich nicht zur Kennt­nis. Ein Blick, wie ich ihn nie­mals wie­der gese­hen habe.

Es war einer der hei­ßes­ten Som­mer auf Sylt, an den ich mich erin­nern kann. Die Son­ne brann­te von einem leuch­tend blau­en Him­mel her­un­ter. Das Meer war wild, die Gischt fast unna­tür­lich weiß. Alle Urlau­ber gin­gen sur­fen, schwim­men oder wenigs­tens Rad­fah­ren. Alle waren gut­ge­launt. Alle tru­gen Son­nen­bril­len. Allen war es wich­tig, eine Son­nen­bril­le zu tra­gen. Ich trug eine sil­ber­ne, ver­spie­gel­te Ray Ban. Das weiß ich noch genau. Ob wir im Laden ins Gespräch kamen oder auf dem Weg zum Strand, ich bin mir nicht mehr sicher. Felix frag­te mit einem Blick auf das Bier, ob ich jetzt gut vor­be­rei­tet sei auf den Abend. Er frag­te das mit einem iro­ni­schen Unter­ton und gleich­zei­tig selbst­iro­nisch, als bedaue­re er eigent­lich, dass er mich auf die­se Wei­se anspre­chen muss­te, dass es gewis­ser­ma­ßen kei­ne ande­re, kei­ne bes­se­re Mög­lich­keit gab. Sein Aus­weg bestand dar­in, so zu tun, als neh­me auch er sei­ne Ver­stel­lung nicht ernst. Sein Blick war da bereits anders als im Laden: etwas müde und etwas trau­rig aus intel­li­gen­ten Augen. Er trug kei­ne Son­nen­bril­le. Was ich ihm ent­geg­ne­te, weiß ich nicht mehr. 

Es stell­te sich her­aus, dass wir bei­de auf dem Weg zum West­strand waren. Wir gin­gen und spra­chen von Wel­len und Wind. Auf unse­rem Weg fie­len mir ein paar Leu­te auf, die ich von frü­her kann­te, ich war schon als Kind immer auf Sylt gewe­sen. Ohne dass wir es expli­zit the­ma­ti­siert hät­ten, bil­de­te sich eine Grup­pe, und wir lie­fen gemein­sam wei­ter, nicht in dau­ern­dem Gespräch, aber ein­an­der immer zuge­wandt. Nie­mand dräng­te sich auf. Alles ergab sich locker und natür­lich. 

Am West­strand ange­kom­men, leg­ten wir uns in den Sand und öff­ne­ten unse­re Bier­fla­schen. Die Stim­mung war gut. Wir spra­chen von Seri­en, von Mode und Musik. Ab und zu wur­de Vol­ley­ball gespielt oder Boc­cia. Alle blie­ben, bis die Son­ne unter­ging. Fast alle blie­ben länger.

Der Nacht­wind war ange­nehm kühl nach so viel Son­ne. Wir bespra­chen inzwi­schen fast nur noch abs­trak­te The­men, rede­ten von Ideen, von fer­nen Kon­flik­ten und theo­re­ti­schen Pro­ble­men, von Poli­tik und Gen­der­fra­gen, nicht von uns. Und doch tas­te­te man sich ab in sol­chen Unter­hal­tun­gen, prüf­te, wer noch wel­che Anspie­lung ver­stand, wer wann nichts mehr begriff und aus­stei­gen muss­te. Wir tes­te­ten ein­an­der und stell­ten uns den Tests der Ande­ren. Dazu tran­ken wir und tran­ken wir und rauch­ten Zigaretten.

Eine Stun­de nach Son­nen­un­ter­gang kam die Idee auf, schwim­men zu gehen. Eini­ge schwam­men nackt. Der Him­mel über Sylt war unbe­wölkt. Der Mond war annä­hernd voll. Ich fühl­te mich frei, auf eine beängs­ti­gen­de Wei­se. Der Sand war kalt gewor­den. Das Was­ser war sehr kalt. Auf dem Meer glit­zer­te das Licht des Mon­des und der Ster­ne. Eine Wel­le strich über mei­ne Zehen. Ich ging noch eini­ge Schrit­te, bis ich bis zur Hüf­te im Was­ser stand. Felix war neben mich getre­ten. Mei­ne Hän­de waren kalt. Er frag­te, ob ich mich noch an das Lied aus dem Geträn­ke­la­den erin­nern kön­ne. Es waren die Beat­les gelau­fen, das wuss­te ich noch. Den Titel des Lie­des hat­te ich ver­ges­sen. Ich nick­te. 

Felix lächel­te. »Ich habe die Stones ja immer lie­ber gehabt als die Beat­les. Ich den­ke, das ver­rät eini­ges über mich.«

Ich ver­such­te mich an einem fra­gen­den Blick.

»Die Beat­les waren Arbei­ter­söh­ne, die ins Bür­ger­tum dräng­ten, ins Popu­lä­re”, erklär­te Felix. Er hat­te einen Hang zum Erklä­ren. »Die Beat­les haben den Mas­sen­ge­schmack bedient und gleich­zei­tig klas­si­sche Ein­flüs­se her­ein­ge­las­sen. Auch Exo­tik, Eso­te­rik. Was immer das Bür­ger­tum gera­de beweg­te. Im Grun­de woll­ten sie nichts ande­res, als in einer behü­te­ten, sta­bi­len Mit­te ankom­men, mit der sich jeder abfin­den kann. Die Stones dage­gen kamen selbst aus der Mit­tel­schicht, aber sie dräng­ten ins Anar­chi­sche, Extre­me. Jag­ger trifft Richards auf dem Weg zur Lon­don School of Eco­no­mics, aber die Musik, die sie machen, ist das Gegen­teil von Auf­klä­rung, sie ist gegen die Nor­ma­li­tät gerich­tet. Da ist so viel Rohes, Bar­ba­ri­sches, Kör­per­li­ches. Kno­chen­ge­klap­per, das aus dem Urwald dringt. Rape, mur­der! It‘s just a shot away! Sie fei­ern die Zer­stö­rung. Sie umar­men die Zer­stö­rung. Sie wis­sen: Glück hat viel mit Zer­stö­rung zu tun. Dyl­an, der ist noch so ein bür­ger­li­cher Rene­gat, auf sei­ne Wei­se. Und ich…« 

Er unter­brach sich. Ich warf mei­nen Ziga­ret­ten­stum­mel in die Wel­len. Er wur­de mit­ge­ris­sen. Obwohl mich der Inhalt sei­ner Erklä­run­gen sel­ten inter­es­sier­te, hör­te ich Felix immer gern zu, in die­sem Moment und auch spä­ter noch. 

Er nahm mei­ne Hand. »Glück hat viel mit Zer­stö­rung zu tun, und Bar­ba­rei viel mit Frei­heit.« 

Ich erwi­der­te den Blick sei­ner trau­ri­gen klu­gen Augen.

»Smells like teen spirit.«

Sein Lächeln war matt. Er beug­te sich zu mir her­un­ter, um

mich zu küs­sen. Ich schloss mei­ne Augen. Er schmeck­te nach

Jever. Am Strand wur­de uns, glau­be ich, applaudiert.

»With the lights out, it‘s less dan­ge­rous«, flüs­ter­te er in

mein Ohr. Ich lächel­te. Wir küss­ten uns erneut. Der Mond war voll. So voll.

»Hast du Lust, schwim­men zu gehen?«, frag­te ich.

Natür­lich hat­te er. 

Wir fass­ten uns an den Hän­den und spran­gen ins Was­ser. Wir schwam­men ein paar Meter hin­aus und dann par­al­lel zum Strand. Wir ent­fern­ten uns von den Ande­ren. Es war sehr kühl, sehr dun­kel. Ich hat­te kei­ne Angst. Wir spra­chen wei­ter von Glück und Musik. Nach fünf­zig Metern blie­ben wir ste­hen. Das Was­ser war nicht tief. Mei­ne Zehen ver­gru­ben sich im Sand. Wir küss­ten uns wie­der. Er strei­chel­te mei­ne Hüf­te, mei­nen Rücken. Ich küss­te ihn wil­der. Er war ein wirk­lich hüb­scher Junge.

Sie­ben oder acht Jah­re spä­ter sit­ze ich in der Cof­fee Lounge im Wol­ken­krat­zer von B&C, der Groß­bank, bei der ich ange­stellt bin, in einem beque­men Scha­len­ses­sel mit rauch­grau­em Bezug. Ich kann mir kos­ten­los Kaf­fee in diver­sen Zube­rei­tungs­for­men und Röst­stu­fen, frisch gemix­te Smoot­hies und täg­lich wech­seln­des Gebäck ser­vie­ren las­sen. Ich habe eini­ges getan, um hier sit­zen zu kön­nen. Ich bin mir mei­nes Glü­ckes bewusst. Das jewei­li­ge Gebäck des Tages steht auf einer Schie­fer­ta­fel mit Krei­de ange­schrie­ben. Heu­te gibt es: Din­kel-Sco­nes mit Soja-Sah­ne und Goji-Mar­me­la­de. Die Schie­fer­ta­fel sieht auf dem grau karier­ten, makel­lo­sen Tep­pich­bo­den denk­bar fremd aus. Ich bin nicht beson­ders häu­fig in der Cof­fee Lounge. Nicht aus Pro­test, schlicht aus Zeit­man­gel. Ich trin­ke unge­süß­ten Espres­so. Im Augen­blick bin ich der ein­zi­ge Gast.

Ich war­te auf den neu­en Pro­jekt­ma­na­ger. Ich bin nicht ner­vös. Wir hät­ten uns auch in einem Büro tref­fen kön­nen, der Mana­ger hat die Cof­fee Lounge vor­ge­zo­gen. Es macht mir nichts aus. Ich ver­mu­te in ihm ein Exem­plar der neu­en Füh­rungs­kraft, die nicht als Auto­ri­tät gefürch­tet, eher wie ein gro­ßer Bru­der ange­him­melt wer­den will. Er ver­spä­tet sich ein wenig. Ich warte.

Haupt­säch­lich in sol­chen Momen­ten den­ke ich an Sylt, an den Him­mel über Sylt. Ich ver­die­ne die­se Momen­te nicht. Ich pla­ne sie nicht. Ich rüh­re in mei­nen Espres­so. Ich rücke mei­nen Kra­gen zurecht. Ich leh­ne mich zurück. Ich schlie­ße mei­ne Augen.

Felix und ich blie­ben nicht lan­ge im Was­ser. Es war ein­fach zu kalt. Wir leg­ten uns an den Strand. Wir waren allein. Ich bat ihn, mich zu küs­sen. Ich fror, ich war nass, ich war san­dig. Auch er war klamm und zit­ter­te, doch als er mich umarm­te, spür­te ich sei­ne Erek­ti­on. Ich fühl­te sie an mei­nem lin­ken Ober­schen­kel. Ich kann mich genau an die Stel­le erin­nern. Er leg­te eine kal­te Hand auf mei­ne Hüf­te und küss­te mei­nen Hals. Lang­sam tas­te­ten sich sei­ne eisi­gen Fin­ger an der Innen­sei­te mei­ner Ober­schen­kel nach oben.

Ich bli­cke aus dem Fens­ter. Die Luft außer­halb unse­res Wol­ken­krat­zers ist grau und undurch­sich­tig. Wir sind in dich­ten Nebel gehüllt. Viel­leicht in eine Wol­ke. Weder die Stadt noch das Meer sind zu sehen. Mir kommt der sinn­lo­se Gedan­ke, dass die gan­ze, von uns finan­zier­te Welt mög­li­cher­wei­se längst nicht mehr vor­han­den sein könn­te, dass es mög­li­cher­wei­se nichts gibt, kein Aus­land, kei­ne Märk­te, kein Meer. Nur unse­re Büros. Nur unse­re Cof­fee Lounge. Ich sehe nichts wei­ter. Nebel und Wind. Regen. Schlie­ren am Glas. Ich schlie­ße mei­ne Augen. Wie­der. 

Felix Eltern bewohn­ten ein palast­ar­ti­ges Feri­en­haus. Es gab eine pracht­vol­le Rosen­he­cke, Blu­men­bee­te, meh­re­re hoch­ge­wach­se­ne Bir­ken und Lin­den­bäu­me. In der weit­läu­fi­gen Gar­ten­an­la­ge stand eine Hüt­te, in der Felix schlief. Hier nis­te­ten wir uns ein. 

»Wir könn­ten auch ins Haus gehen«, sag­te Felix, »mei­ne Eltern wer­den nichts dage­gen haben, dass du da bist. Abge­se­hen davon geht es sie auch nichts an.«

Sol­che Aus­sa­gen lie­ßen ihn abge­klärt und selbst­si­cher wir­ken in mei­nen jun­gen Augen. Sein offen­sicht­li­ches Wis­sen mach­te ihn zusätz­lich attrak­tiv. Ich genoss es, mich sei­ner Anzie­hungs­kraft hin­zu­ge­ben. Was an die­ser Figur echt war und was nicht, konn­te ich nicht fest­stel­len. Es inter­es­sier­te mich auch nicht. Ich woll­te nicht sein wie er, aber ich woll­te so sein kön­nen. 

Die fol­gen­den Tage ver­brach­ten wir fast aus­schließ­lich zusam­men. Wir unter­hiel­ten uns. Wir gin­gen schwim­men. Wir hat­ten jede Men­ge Sex. Es war eine wirk­lich gute Zeit. Drei Tage, nach­dem wir uns getrof­fen hat­ten, ver­ließ ich Sylt, um von Ham­burg nach Sin­ga­pur zu flie­gen. Ich besuch­te dort eine stu­di­en­vor­be­rei­ten­de Sum­mer Aca­de­my der Sin­g­a­po­re Finance&Business School mit inter­na­tio­na­ler Aus­rich­tung. Die Bewer­bung für die Aca­de­my und ein ent­spre­chen­des Sti­pen­di­um war eines der ers­ten Pro­jek­te, die ich ohne jede Hil­fe erfolg­reich ange­gan­gen war. Dass es geklappt hat­te, ver­mit­tel­te mir das Gefühl, auto­nom und erwach­sen gewor­den zu sein. Ich ging in Ham­burg zum Gate, die Son­ne ver­schwand hin­ter dem Roll­feld, und ich trat in mein neu­es, bes­se­res, freie­res Leben. So dach­te ich es damals.

Felix und ich hat­ten Kon­takt­da­ten aus­ge­tauscht. Dar­aus ergab sich erstaun­lich wenig. Ein paar Mal ver­such­ten wir, uns zu einem Tref­fen zu ver­ab­re­den, zu dem es letzt­end­lich nie kam. Unser Kon­takt wur­de sel­te­ner, dann spo­ra­disch. Schließ­lich ließ er nichts mehr von sich hören. Er schreibt Gedich­te und stu­diert Kunst­ge­schich­te. Das ist das Letz­te, was ich von ihm weiß. Dass ich davon erfah­ren habe, liegt nun drei Jah­re zurück. Ich schrei­be ihm nicht mehr. Zu oft hat er mei­ne Nach­rich­ten, auch län­ge­re, emo­tio­na­le, unbe­ant­wor­tet gelas­sen. Ich weiß nicht, was aus ihm gewor­den ist. Ich habe das alles nie so schwer genom­men. Ich habe auf­ge­hört, an Felix zu denken.

Abends nach der Arbeit gehen alle fei­ern. Ich gehe mit allen. In Augen­bli­cken, in denen ich mich unbe­ob­ach­tet füh­le, star­re ich ins Stro­bo­sko­plicht, bis es weh­tut, bis mei­ne Augen trä­nen. Ich höre die Wel­len. Ich sehe den Mond. Ich füh­le mich leicht, und das Gewicht der Welt wird spür­bar. Ich füh­le mich frei. Ich füh­le mich leben­dig. Als ich an die­sem Strand auf dem Rücken lie­ge, liegt alles, mein gan­zes Leben, so vie­le Leben beängs­ti­gend offen vor mir. Ich muss nur mei­ne Hand aus­stre­cken. Ich muss nur eine Tür auf­sto­ßen. Mein Blick ist in den Ster­nen­him­mel gerich­tet. Mein Rücken wird in den küh­len Sand gepresst. Er ist über mir – schwer, geschickt und vol­ler Kraft. Ich sehe den Mond. Ich sehe die Ster­ne. Mei­ne Augen sind offen.

Phil­ipp Neu­dert (*1997) war Preis­trä­ger des Tref­fens Jun­ger Autoren in den Jah­ren 2014 und 2016. Er ist Sti­pen­di­at des Lite­ra­tur­la­bors Wol­fen­büt­tel (2016) und der Bay­ri­schen Aka­de­mie des Schrei­bens (2018). Sei­ne lite­ra­ri­sche Tätig­keit umfasst erzäh­len­de Pro­sa, Essays, Blog­bei­trä­ge und Thea­ter­kri­ti­ken. Er stu­diert Philosophy&Economics in Bayreuth.