„Was ist das für ein Gefühl, König zu sein?“

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© S. Fischer

Der Roman Zsömle ist weg von László Krasznahorkai

von Philipp Maier

Um es vor­weg­zu­neh­men: Der neue Roman des unga­ri­schen Schrift­stel­lers László Kraszn­ahor­kai, der jüngst mit dem Nobel­preis aus­ge­zeich­net wur­de, ist ein schlicht­weg groß­ar­ti­ges Buch. Dabei trumpft es nie­mals auf, ist nie prä­ten­ti­ös, son­dern zurück­hal­tend und von gehei­mer Sub­ti­li­tät und Tie­fe. Es schöpft aus dem unend­li­chen Ver­mö­gen der Ima­gi­na­ti­on, das Lite­ra­tur heißt, um doch in dem Schock der Wirk­lich­keit zu enden, den die Lek­tü­re von Zsmöle ist weg bedeutet.

Onkel Józ­si lebt mit sei­nem Hund Zsmöle auf einem Berg und schürt sei­nen Holz­ofen nicht ein. Statt­des­sen nutzt der Neun­zig­jäh­ri­ge eine Elek­tro­koch­plat­te, um den Kaf­fee zu erwär­men, den er auf der Ter­ras­se sei­nes klei­nen Häus­chens trinkt. In der Resi­gna­ti­on des Alters und der Ein­sam­keit beharrt er auf dem Stand­punkt: „Ich lege kein Holz mehr nach.“ Mit die­sem knap­pen Satz fin­det der Roman sei­nen Anfang. Es wer­den nach ihm noch elf wei­te­re Sät­ze fol­gen: Ein Satz erstreckt sich über die Län­ge eines Kapi­tels des knapp drei­hun­dert­sei­ti­gen Buches. Der Text ist damit ein mäan­dern­der Strom an Gedan­ken und Wor­ten mit elf Zäsu­ren. Nahe­zu unmerk­lich fließt es von einer Iro­nie, wel­che die Grund­sät­ze zu Fall bringt, zu einer Tra­gik, mit der alle Ord­nung wiederkehrt.

[…] mit was für einem atem­be­rau­ben­den Schau­spiel der Herr im Him­mel die beschenk­te, die an ihn glau­ben, sie nah­men den Hocker hin­aus, und auf die klei­ne Bank pass­ten zusam­men mit ihm drei, die Übri­gen such­ten sich ein­fach auf dem Ter­ras­sen­bo­den einen Platz, und alle blick­ten nach Wes­ten, sie waren wie ein klei­nes Son­nen­blu­men­feld, alle in einer Rich­tung, hin zur Son­ne, […] sie sahen in eine Rich­tung nach Wes­ten, wäh­rend alle an den Osten dach­ten, und das Schau­spiel begann, die Wol­ken­strei­fen glit­ten über­ein­an­der oder schweb­ten mit der Leich­tig­keit eines Got­tes­seuf­zers am Him­mel, und da waren das Blut­rot, das Oran­ge und das Gelb, das leich­te und tie­fe Lila, aber in unzäh­li­gen Nuan­cen, und all das folg­te mit dem noch strah­len­den Him­mel im Vor­der­grund der Wel­len­li­nie des Berg­kamms, der sich über dem Tal erhob, der Abend sank her­ab, Vögel zwit­scher­ten, Gras­mü­cken und Rot­kehl­chen, Zip­pam­mern, Bie­nen­fres­ser und Pie­per, denn die Nach­ti­gal­len lie­ßen sich erst ver­neh­men, wenn der Groß­teil der ande­ren Vögel schon in den Nes­tern war, dann kamen sie aus der Höhe her­ab und gaben ein Kon­zert, das sei­nes­glei­chen such­te und auch nie­mals fin­den kann, sag­te er nach dem lan­gen Schwei­gen, denn die Nach­ti­gall ruft jeden Abend den lie­ben Gott an, bevor auch sie zur Ruhe kehrt, und den lie­ben Gott kann man nur mit gött­li­chen Gesän­gen anrufen.

Die­se glau­bens­ma­chen­de Schil­de­rung der unter­ge­hen­den Son­ne schließt das vier­te Kapi­tel. Das fünf­te eröff­net mit dem Leben des Trot­tel­to­ni. Die­ser ver­sucht jede Woche die Lebens­ge­fähr­tin sei­nes Bru­ders durch eine Zah­lung von hun­dert Forint zu über­zeu­gen, ihre Brust­war­zen strei­cheln zu dür­fen. Sie scheucht ihn aller­dings davon, „und so blieb die Sehn­sucht, und da er sei­nem Ziel kein Stück näher kam, wenn die Frau ihn mit einem ‚Fick dei­ne Mut­ter‘ dahin schick­te, wo der Pfef­fer wächst“; zahl­te er das Geld an sei­nen Bru­der für ihre Schlüp­fer, „der Schlüp­fer stank, doch für ihn betö­rend, etwas Betö­ren­de­res gab es nicht“.

Mit Fein­heit und Gespür erzählt Kraszn­ahor­kai von den har­ten Tat­sa­chen des sons­ti­gen Lebens. Dabei ist die­se Detail­liert­heit nie­mals nach dem geläu­fi­gen Modell übli­cher Lite­ra­tu­ren, wel­che die Auf­merk­sam­keit auf etwas Rand­stän­di­ges len­ken, um dar­aus irgend­ei­ne Rele­vanz für die Hand­lung zu erzeu­gen. Das Peri­phe­re ist das eigent­li­che Sujet in Zsöm­le ist weg. Es dient kei­nem höhe­ren Zweck, son­dern durch­wirkt den Text, wie es die end­lo­se Man­nig­fal­tig­keit des Wirk­li­chen prägt.

Im Mit­tel­punkt des Buches steht die Figur des Onkel Józ­si, wel­cher sich für den im Ver­bor­ge­nen leben­den König von Ungarn hält. Im Krieg schoss ihm ein Gra­nat­split­ter durch die Schä­del­de­cke, der seit­dem dort steckt. An sei­nem „Kom­ju­ter“ [sic.] tippt er Mails an den Bun­des­prä­si­den­ten, den Papst, den Fürs­ten von Mona­co usw., um die­se von sei­ner Sache zu über­zeu­gen. Dort wird eine Trup­pe von Roya­lis­ten auf ihn auf­merk­sam, wel­che end­lich den ver­lo­re­nen Mon­ar­chen von Ungarn gefun­den zu haben glaubt. Die Unzu­frie­den­heit der mit­un­ter schwer bewaff­ne­ten Ver­schwö­rer zielt gegen den Orbán und auch gegen den sons­ti­gen Lauf der Welt, den ihr König fol­gend skizziert:

[…] denn alle den­ken hier ans Raf­fen, nie­man­den inter­es­siert etwas ande­res, sie inter­es­siert nur, immer mehr und mehr und noch mehr zu haben, wir leben vom Geld, sagen sie zynisch und glau­ben, sie hät­ten recht, und des­halb sind sie zum nie­der­träch­tigs­ten Ver­hal­ten fähig, erst bege­hen sie nur klei­ne Sün­den, doch wenn sie sich die ers­ten erlaubt haben, fol­gen die nächs­ten, und dann gibt es für sie kein Hal­ten mehr, […]

Die Hand­lung wan­delt von Absur­di­tät zur Rea­li­täts­kun­de, so lässt sich für den deut­schen Kon­text auf die soge­nann­ten Reichs­bür­ger ver­wei­sen, die sich gleich­sam im Staats­streich ver­su­chen. Die Umstürz­ler von Zsöm­le ist weg arbei­ten auf das Ziel der Restau­ra­ti­on der abso­lu­ten Erb­mon­ar­chie in Ungarn hin. Onkel Józ­si sei der Erb­fol­ger der Árpá­den-Dynas­tie, wel­che bis 1301 in Ungarn regier­te und deren Thron­fol­ger seit­dem im Ver­bor­ge­nen leben. Das Buch schließt dabei die poten­ti­el­le Mög­lich­keit der Wahr­heit von Onkel Józ­si Annah­men nie­mals aus, fällt von Wahn in Ord­nung in Wahn. So gelingt es Onkel Józ­si und sei­nen Unter­ta­nen bis zum Prä­si­den­ten des unga­ri­schen Par­la­ments zu kom­men, wel­cher Sym­pa­thien für ihre Sache zu haben scheint.

Zsöm­le ist weg stellt für unse­re Gegen­wart die gewich­ti­ge Fra­ge, wie vie­le Men­schen an einen Wahn glau­ben müs­sen, damit es fort­an kei­ner mehr ist und das Wort alle Bedeu­tung ver­liert? Das Buch zeigt, wie fra­gil die Ord­nun­gen des Wis­sens sind, mit deren wir uns in der Welt ver­an­kern. Es ent­larvt ihre Kon­stru­iert­heit durch einen Schock, jenes Rea­li­täts­prin­zip, an des­sen Ende der Tod steht und den Wahn der Hoff­nun­gen und Zie­le zurück­lässt, die Lebendigkeit.

Der neue Roman „Zsöm­le ist weg“ von László Kraszn­ahor­kai erschien im Dezem­ber 2025 im S. Fischer Ver­lag und ist aus dem Unga­ri­schen von Hei­ke Flem­ming exzel­lent übersetzt.