999 Plätze besetzt

999 Plätze besetzt
© Andrea Palmucci 

Gitarrenlegende John McLaughlin bricht Rekorde im Augsburger Jazzsommer

von Roman Matzke

Als Miles Davis 1969 „John McLaugh­lin“ für Bit­ches Brew ein­spiel­te, war bereits klar, dass der im Titel geehr­te Gitar­rist aus einer Musik­ge­schichts­schrei­bung des 21. Jahr­hun­derts nicht weg­zu­den­ken sein wird. Wenn es dar­um geht, den Auf­tritt im bota­ni­schen Gar­ten Augs­burgs prä­gnant zusam­men­zu­fas­sen, erscheint die Wort­wahl sur­re­alnicht über­trie­ben. In jun­gen Jah­ren jamm­te er mit Jimi Hen­drix und gab Jim­my Page Gitar­ren­un­ter­richt; was er anschlie­ßend der Jazz­welt bei­steu­er­te, muss kei­nem mehr erzählt wer­den. Die frü­he Fin­dungs­pha­se liegt nun mehr als ein hal­bes Jahr­hun­dert hin­ter McLaugh­lin, den­noch spielt und lebt der mitt­ler­wei­le 80 Jah­re jun­ge Jazz Fusi­on Pio­nier auch heu­te noch wie damals mit 27. Mit sel­ber Haar­pracht und viel­leicht sogar noch mehr Lebensfreude.

Dass der Griff­brett­ma­es­tro am 14.07.22 auch Augs­burg mit einem Besuch beehr­te, bliebt den Fans nicht ver­bor­gen. Wer beim über­ra­schend vol­len Park­platz noch den Zoo ver­däch­tig­te, konn­te die McLaugh­lin-Eupho­rie spä­tes­tens am Ein­gang nicht mehr über­se­hen. Schil­der mit der Auf­schrift „brau­che Kar­ten!!!“ ver­deut­lich­ten den Ankom­men­den schnell, mit wel­chem Starka­li­ber wir es zu tun hatten.

Bevor es los­ging, ver­riet Fes­ti­val­lei­ter Til­man Her­pich­böhm, dass alle 999 Plät­ze besetzt sind. Aus­ver­kauft. Das hat in der Pavil­lon Loca­ti­on noch kein Jazz Act geschafft! Ein zwei­ter Rekord konn­te von Sei­ten des Publi­kums gebro­chen wer­den: die wei­tes­te Anrei­se nahm ein Fan von Sant­ia­go de Chi­le auf sich. Stel­len wir uns an die­ser Stel­le ein­fach mal vor, das Kon­zert wäre der Haupt­grund für den Flug gewe­sen. Was für eine Dedikation!

Die rest­li­chen 998 Sitz­plät­ze schie­nen jedoch nicht von weni­ger begeis­ter­ten Hörern gefüllt zu sein. Ani­mier­te Gesprä­che über Tony Wil­liams, der neben John maß­geb­lich zur Jazz Fusi­on Ent­wick­lung bei­steu­er­te, oder Alben-Ran­kings der McLaugh­lin Dis­ko­gra­fie schlän­gel­ten sich durch die Rei­hen der lang­jäh­ri­gen Fans. Die Anspan­nung vor dem Sturm war elektrisch.

Stür­misch wur­de es glück­li­cher­wei­se nur in den Hän­den der Musi­ker: John sag­te zuver­sicht­lich „das Wet­ter hatgehal­ten“ bevor es über­haupt los­ging —  und das Wet­ter gehorch­te brav. Aber das greift etwas vor, denn es lohnt sich, die Begrü­ßung hier noch ein­mal aus­drück­lich zu loben. McLaugh­lin ist Per­for­mer der alten Schu­le und weiß, wie mit dem Publi­kum umge­gan­gen wird. Den Weg zur Büh­ne umhüll­te Jubel, jedoch nahm John die­sen nicht als selbst­ver­ständ­lich wahr. Er bedank­te sich offen­her­zig und sprach mit sei­nem bes­ten Deutsch über die Freu­den des bevor­ste­hen­den Abends. So ein authen­tisch klin­gen­des „Augs­burg“ kommt sel­ten aus dem Mund eines Eng­län­ders. Die­se klei­nen Ges­ten zeig­ten von Anfang bis Ende ehr­li­ches Inter­es­se – das macht Besu­cher zu Fans.

Auch der Umgang mit der zen­tra­len Pavil­lon Loca­ti­on ver­riet Johns Klas­se. Schon so manch ein Musi­ker spiel­te sein Set aus­schließ­lich Rich­tung A‑Block, was durch­aus die Fra­ge stel­len ließ, ob die kreis­run­de Bestuh­lung Sinn mach­te. Nicht so bei John, denn der dreh­te sich durch­weg zu allen Sei­ten. Wenn ein Mit­mu­si­ker ein Solo spiel­te, begab er sich an den Rand, um das Spot­light auf den momen­ta­nen Star zu len­ken. Ego und bös­wil­li­ge Kon­kur­renz such­te man hier ver­geb­lich. Kein Wun­der, wo doch McLaugh­lin inne­re Ruhe und Zufrie­den­heit wie kein Zwei­ter aus­strahlt. Jede Mög­lich­keit, mit sei­nen Mit­mu­si­kern zu inter­agie­ren, ist ein Geschenk, so scheint es.

Johns Kom­men­tar zum zwei­ten Song des Abends („Lock­down Blues“) ver­mit­tel­te nicht nur genau die­se zurück­er­ober­te Freu­de am Per­for­men, son­dern the­ma­ti­sier­te auch die men­ta­le Last der zwei­jäh­ri­gen Zwangs­ren­te. Da öff­ne­te das Cover vom spi­ri­tu­el­len „The Creator Has a Mas­ter­plan“ weit posi­ti­ve­re Pfor­ten und deu­te­te McLaugh­lins neu­es­te Inspi­ra­ti­ons­quel­le an: das Uni­ver­sum. Johns Web­site spricht von Gott-gewor­de­nen Pla­ne­ten im har­mo­ni­schen Tanz zur Cho­reo­gra­fie der Son­ne. Da mag nicht jeder mit­ge­hen. Ein Glück, dass sich die Lyrics der Sanders/Thomas Kom­po­si­ti­on viel­sei­tig inter­pre­tie­ren las­sen. „Peace and Har­mo­ny“ – dar­auf kommt es an.

Schön übri­gens, dass die Musi­ker den Gesang sel­ber über­nah­men und nicht zum Mit­sin­gen auf­for­der­ten. Da wuss­te jemand, das Publi­kum zu lesen, wel­ches lie­ber zuhö­ren und aus rein­ge­schmug­gel­ten Tup­per­do­sen naschen woll­te (jedes Jahr fra­ge ich mich, ob jemand das extra­va­gan­te Char­cu­te­rie Board eines beson­ders stil­vol­len Ehe­paars über­trump­fen wird). 

Mit musikum­schrei­ben­den Meta­phern gilt es vor­sich­tig umzu­ge­hen. Ob moda­le Har­mo­nien den bota­ni­schen Gar­ten über­schwemm­ten und Ska­len inein­an­der flo­gen? Bass und Gitar­re simul­ta­ne Ara­bes­ken bil­de­ten, die frei durch den Laven­del flo­gen? Für mei­nen Geschmack darf man die Flug­ma­nö­ver den Hum­meln über­las­sen. Was man aber sagen kann: Reper­toire und Ambi­en­te wur­den exzel­lent auf­ein­an­der abge­stimmt, was zu einem durch­weg begeis­ter­ten Publi­kum führte.

„Hija­cked“ brach­te die Men­ge dank Éti­en­ne Mbap­pés phä­no­me­na­lem Bass Solo zum Glü­hen; „Abba­ji“ schaff­te es anschlie­ßend mit humor­vol­ler Note von intro­spek­ti­ver Atmo­sphä­re Rich­tung „Mr. DC“ zu len­ken, wel­ches mit dem Den­nis Cham­bers Akro­nym viel Platz für Schlag­zeu­ge ver­sprach. Ja, Plu­ral ist hier kein Tipp­feh­ler. Mul­ti­in­stru­men­ta­list Gary Hus­band wech­sel­te von Key­board zu Schlag­zeug und lie­fer­te zusam­men mit Drum­mer Nico­las Vic­ca­ro eine Show, die den ein oder ande­ren mal ganz schnell das Film­ver­bot ver­ges­sen ließ. Momen­te wie die­ser blei­ben aller­dings auch ganz ohne digi­ta­ler Repro­duk­ti­on in Erinnerung.

Zuga­ben sind grund­sätz­lich ein Guck-guck-Spiel für Erwach­se­ne. Sind die Musi­ker denn wirk­lich fort? … Oh, wer hät­te es gedacht, da sind sie wie­der! Grund­sätz­lich, denn wer den dies­jäh­ri­gen Start des Augs­bur­ger Jazz­som­mers erlebt hat, darf abso­fort durch­aus skep­tisch sein. Für John McLaugh­lin & the 4th Dimen­si­on war es jedoch klar, dass einer ordent­li­chen Zuga­be nichts im Wege steht. Nach solch toben­dem Applaus – einer Stan­ding Ova­ti­on, wie sie der Pavil­lon wohl sel­ten erlebt hat – gleich drei­mal nicht. Abge­run­det wur­de das Set mit einem Paco de Lucía Tri­bu­te, was bereits bei der Namens­nen­nung zu Freu­den­ru­fen unter der Fri­day Night in San Fran­cis­co Genera­ti­on führte.

Wohl kaum einer hät­te es sich vor der Pro­gramm­ver­öf­fent­li­chung erträumt, bald solch einen Star­gast in Augs­burg begrü­ßen zu dür­fen. John McLaugh­lin live zu erle­ben war eine Ehre. Ein wah­res Pri­vi­leg. Abschlie­ßend bleibt zu hof­fen, dass sich Johns Fas­zi­na­ti­on mit den Tie­fen des Uni­ver­sums noch vie­le Jah­re auf Spe­ku­la­tio­nen von unse­rem Pla­ne­ten aus beschrän­ken muss.