© Sony Pictures
Von Sarah Kling
Am 07. Mai startete „Nürnberg“ von Regisseur James Vanderbilt, basierend auf Jack El-Hais Buch „The Nazi and the Psychiatrist“, in den deutschen Kinos. Schon die Besetzung macht neugierig: Russell Crowe als Hermann Göring und Rami Malek als Douglas Kelley.
Die komplexen Nürnberger Prozesse in einem Spielfilm darzustellen, ist eine gewaltige Herausforderung. Deshalb setzt der Film einen klaren Fokus: Im Zentrum steht das Machtspiel zwischen Hermann Göring als Angeklagtem und dem US-amerikanischen Psychiater Douglas Kelley, der psychiatrische Gutachten über die NS-Angeklagten erstellen soll.
In der ersten Hälfte des Films beobachten die Zuschauenden, wie sich die beiden Männer zwischen Misstrauen und irritierender Nähe bewegen. Dabei stellt sich zunehmend die Frage, wer hier eigentlich wen durchschaut. Mit der Zeit verschwindet die Distanz zwischen ihnen immer mehr. Spätestens als Kelley Kontakt zu Görings Familie aufnimmt und dessen Frau und Tochter besucht, möchte man ihn am liebsten daran erinnern, welche Verbrechen Göring mitzuverantworten hatte.
Doch genau das übernimmt der Film selbst: Während einer Gerichtsverhandlung wird Videomaterial über die Befreiung der Konzentrationslager gezeigt. Hier macht der Film für mich einen klaren Cut – vermutlich auch deshalb, weil diese Bilder nicht spurlos an einem vorbeigehen können. Der Einsatz solcher Gräuelbilder, etwa in Gedenkstätten oder Dokumentationszentren, ist bis heute nicht unumstritten. Obwohl mir bewusst war, dass sich der Film mit den Nürnberger Prozessen beschäftigt, hatte ich nicht erwartet, dass diese Aufnahmen in einem solchen Umfang gezeigt werden, besonders bei einer FSK-12-Freigabe.
In „Nürnberg“ sorgen diese Bilder jedenfalls dafür, dass Kelley endgültig jeden emotionalen Zugang zu Göring verliert. Er schreit ihn an und man bekommt das Gefühl, dass Kelley hier nicht mehr als Psychiater, sondern als Mensch reagiert.
„Sie sind aber nicht Alexander der Große! Sie sind ein fetter Mann in einer Zelle – und Sie haben es gewusst!“
Im weiteren Verlauf rückt der Gerichtsprozess, insbesondere der Schlagabtausch zwischen den Anklägern und Hermann Göring im Zeugenstand, in den Mittelpunkt. Die Szenen vor Gericht verleihen dem Film zeitweise eine fast duellartige Spannung.
Ohne zu viel vorwegzunehmen, es wird auch die Hinrichtung eines verurteilten Kriegsverbrechers gezeigt – aufgrund der expliziten Darstellung keine leichte Szene.
Spätestens seit den gezeigten Aufnahmen der befreiten Konzentrationslager hat der Film eine neue Schwere gewonnen. Unterstützt wird diese durch die eindringliche Musik, die etwa Hermann Görings Schritte begleitet und die historische Tragweite des Prozesses unterstreicht.
Neben dem Verhältnis zwischen Angeklagtem und Psychiater thematisiert der Film auch die Entstehungsgeschichte der Nürnberger Prozesse. Fragen nach Gerechtigkeit, Schuld, Rache und Prävention werden angerissen. So fällt beispielsweise häufiger der Satz: „Wieso erschießt ihr ihn nicht einfach?“
Gleichzeitig reicht ein Spielfilm kaum aus, um die gesamte Bedeutung dieser Prozesse vollständig abzubilden. Gerade die Perspektive der Opfergruppen hätte teilweise mehr Raum verdient.
Wer sich intensiver mit dem Thema beschäftigen möchte, dem kann ich das Buch „Sag immer deine Wahrheit. Was mich 100 Jahre Leben gelehrt haben“ von Benjamin Ferencz empfehlen. Ferencz war Chefankläger bei den Nürnberger Prozessen und setzte sich später für die Gründung des Internationalen Strafgerichtshofs ein. Auch in seinem Buch geht es um Fragen von Schuld und Gerechtigkeit. Die Prozesse aus der Perspektive eines Zeitzeugen geschildert zu bekommen, hilft dabei, ihre historische Bedeutung besser zu verstehen.
Letztendlich ist „Nürnberg“ vor allem die Geschichte zweier Männer, in der Macht, Schuld und die Frage nach dem Bösen im Menschen eine zentrale Rolle spielen. Gleichzeitig bleibt streitbar, wie nah man einer Figur wie Göring kommen darf – und ob sich der Regisseur bewusst dafür entschieden hat, mit dieser Grenze zu spielen, auch durch die Besetzung mit dem charismatischen Russell Crowe.
Überrascht hat mich der Film außerdem dadurch, dass die Notwendigkeit einer internationalen juristischen Instanz angesprochen wird. Zudem werden am Schluss Brücken zur Aktualität dieser Fragen geschlagen, die ich so in einem US-amerikanischen Film nicht erwartet hätte. Die Nürnberger Prozesse bringen jedoch so viele Themen mit sich, dass einige Aspekte zwangsläufig nur oberflächlich behandelt werden können. Trotzdem liefert der Film Denkanstöße, die bis heute aktuell sind und nicht in Vergessenheit geraten dürfen.
