„Ist es spannend? Ist es legal? Hat’s ein Geschmäckle?“ — Ein Gespräch mit Holger Sabinsky-Wolf über investigativen Journalismus

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Bild: Ulrich Wagner

Von Natalia Götz

Hol­ger Sab­in­sky-Wolf ist nicht nur Res­sort­lei­ter der Abtei­lung Bay­ern und Welt, son­dern lei­tet zugleich auch das Inves­ti­ga­tiv­team der Augs­bur­ger All­ge­mei­nen. Für die Recher­chen erhiel­ten er und sei­nen Team Aus­zeich­nun­gen wie den Wäch­ter­preis der deut­schen Tages­pres­se oder den Deut­schen Lokal­jour­na­lis­ten­preis der Kon­rad-Ade­nau­er-Stif­tung. Der Jour­na­list half, die CSU-Mas­ken­af­fä­re auf­zu­de­cken, recher­chier­te zum Fol­ter­skan­dal in der JVA Augs­burg-Gab­lin­gen und jüngst über Ver­bin­dun­gen der AfD zu rechts­extre­mis­ti­schen Vereinigungen.

Nata­lia Götz hat sich mit Hol­ger Sab­in­sky-Wolf getrof­fen und nach­ge­fragt: Was reizt ihn am Jour­na­lis­mus und was braucht es, um inves­ti­ga­ti­ven Jour­na­lis­mus zu betreiben?

NG: Fan­gen wir von vor­ne an: Wie hat sich Ihre beruf­li­che Lauf­bahn gestal­tet und wie sind Sie letzt­end­lich bei der Augs­bur­ger All­ge­mei­nen als Res­sort­lei­ter gelandet?

HSW: Ger­ne, auch wenn das jetzt für Stu­die­ren­de nicht gera­de wie ein Ruh­mes­blatt aus­se­hen mag. Ehr­li­cher­wei­se war ich ein sehr schlech­ter Stu­dent an der Uni­ver­si­tät Augs­burg. Ich war ganz wenig da und hat­te ganz vie­le ande­re Inter­es­sen: Habe das Leben genos­sen, bin viel gereist und in einer Band habe ich auch gespielt. Nach dem Zivil­dienst hat­te ich mir gedacht, dass ich mal ein Stu­di­um auf­neh­me und schaue, wohin sich das ent­wi­ckelt. Ich woll­te etwas Schö­nes, Geis­tes­wis­sen­schaft­li­ches stu­die­ren. Lite­ra­tur- und Sprach­wis­sen­schaf­ten haben mich interessiert.

NG: Sie haben Ger­ma­nis­tik im Haupt­fach studiert.

HSW: Ja, und dazu Poli­tik­wis­sen­schaf­ten im Neben­fach, ganz klas­sisch in Rich­tung Magis­ter. Das plät­scher­te alles so vor sich hin und irgend­wann über­legt man doch mal, wo das alles enden soll. Irgend­wann braucht man eine beruf­li­che Per­spek­ti­ve. Und weil ich tat­säch­lich gar kei­nen Plan hat­te, habe ich neben dem Magis­ter- das Lehr­amts­stu­di­um auf­ge­nom­men. Ich dach­te mir, dass das ein sehr ehren­wer­ter Beruf ist, denn man ver­mit­telt jun­gen Leu­ten Wis­sen und Wer­te. Dann habe ich jedoch Prak­ti­ka gemacht und gemerkt, dass das doch nicht das Rich­ti­ge für mich ist. Par­al­lel kam die ers­te Idee auf, dass ich in Rich­tung Medi­en gehen möchte.

NG: Wo haben Sie dann ange­fan­gen, die­se Idee zu verfolgen?

HSW: Ein Freund hat mir begeis­tert von einer Hos­pi­tanz bei einer Lokal­re­dak­ti­on der Augs­bur­ger All­ge­mei­nen in Günz­burg erzählt. Da das zufäl­lig mein Hei­mat­ort war, habe ich mir gedacht: Das pro­bierst Du auch mal. Dort habe ich damals ein groß­ar­ti­ges Team vor­ge­fun­den mit einem Redak­ti­ons­lei­ter, Alfred Schmidt, der mich vom ers­ten Tag an unter sei­ne Fit­ti­che genom­men hat und früh erkannt hat, dass mir die Arbeit Spaß macht und auch gewis­ser­ma­ßen liegt. Schließ­lich bin ich zum Stu­di­um zurück­ge­kehrt und genau jener Mann hat mich eines Tages ange­ru­fen und gesagt, er hät­te die Mög­lich­keit, mir einen Pau­schal­ver­trag für acht Mona­te als fes­ten Redak­ti­ons­an­ge­stell­ten anzubieten.

NG: Und die­se Chan­ce konn­ten Sie sich nicht ent­ge­hen lassen…

HSW: Ja, dann bin ich gesprun­gen. Mir hat das zuvor schon sehr viel Spaß in die­ser Hos­pi­tanz gemacht. Dann bin ich hier tat­säch­lich in die­sem Haus gelan­det, bei der Augs­bur­ger All­ge­mei­nen, und habe im Anschluss an die­sen Anstel­lungs­ver­trag das Volon­ta­ri­at gemacht, also die Redak­teurs­aus­bil­dung. Und nun bin ich immer noch dort.

NG: Sie haben erzählt, dass Sie bei einer Lokal­re­dak­ti­on gear­bei­tet haben und dann nach Augs­burg in die Zen­tral­re­dak­ti­on gekom­men sind, die schließ­lich um eini­ges grö­ßer ist und in dem auch der Man­tel­teil der Augs­bur­ger All­ge­mei­nen ent­steht. Wor­in liegt der größ­te Unterschied?

HSW: Grund­sätz­lich fin­de ich es gut, wenn Leu­te im Loka­len anfan­gen – und das darf ich auch des­we­gen sagen, weil ich das selbst in Günz­burg und Augs­burg gemacht habe. Dort lernt man sehr vie­le Grund­la­gen und das Hand­werk. Also sehr viel, das man ein gan­zes Berufs­le­ben lang braucht. Wie gehe ich auf die Leu­te zu? Wel­che Fra­gen muss ich mir selbst stel­len? Was möch­te ich eigent­lich alles wis­sen? Der Job ist so viel mehr, als nur zu einem Ter­min zu gehen und dann auf­zu­schrei­ben, was dort pas­siert ist. Wenn das The­ma stimmt, dann packt das einen und dann fängt man schon sehr viel frü­her an, sich damit zu befas­sen. Im bes­ten Fall recher­chiert man auch bereits vor­her, wenn man sich mit etwas über­haupt nicht aus­kennt, denn man muss sich auf einen gewis­sen Stand brin­gen, damit man auch mit­re­den und den Leu­ten ein paar schlaue Fra­gen stel­len kann. Die­ses Grund­ge­rüst, das bleibt gleich, ob nun in der Lokal­re­dak­ti­on in Dil­lin­gen, Wert­in­gen, Augs­burg oder ob man hier im Man­tel­teil oder beim Spie­gel arbei­tet. Du brauchst Neu­gier, Offen­heit und die Bereit­schaft, dich immer auf The­men und Men­schen einzulassen.

NG: Ver­ste­he, dann gibt es gar kei­ne gro­ßen Unterschiede?

HSW: Es unter­schei­det sich nur gra­du­ell dadurch, dass man eben beach­ten muss, dass die The­men, über die man hier im Man­tel berich­tet, meist eine ande­re Flug­hö­he haben. Im Loka­len geht es dezi­diert dar­um, nah an dem zu sein, was dort pas­siert. Das ist das, was die Leser und Lese­rin­nen wis­sen wol­len: Was tut sich im Han­del? Was tut sich in der Stadt­ent­wick­lung? Was tut sich im Bau­ge­biet neben mir? Und ich glau­be, da hat eine Lokal­zei­tung kon­kret vor Ort eine wich­ti­ge Auf­ga­be. Im bes­ten Fall nimmt man immer die Per­spek­ti­ve der Leu­te ein, die zu uns kom­men und nach Infor­ma­tio­nen und Ein­schät­zun­gen suchen. Und das ist bei uns hier nicht anders. Meist inter­es­siert ein The­ma, eine Geschich­te nicht nur die Leu­te in Augs­burg oder Schwa­ben, son­dern viel­leicht in ganz Bay­ern oder Deutsch­land. Inzwi­schen lie­fern wir sehr vie­le unse­rer Man­tel­in­hal­te auch an ande­re Zei­tun­gen, ein­mal halb durch den Frei­staat. Dadurch hat sich auch die Arbeit verändert.

NG: Wenn wir schon beim Bay­ern­res­sort sind: Sie sind dort der Res­sort­lei­ter und gleich­zei­tig auch Lei­ter des Inves­ti­ga­tiv­teams. Ich kann mir vor­stel­len, dass Sie einen vol­len Ter­min­ka­len­der haben. Wie brin­gen Sie das unter einen Hut?

HSW: Gar nicht (lacht). Unter einen Hut ist da fast nichts zu brin­gen, höchs­tens unter meh­re­re. Es kom­men ja noch wei­te­re Rol­len hin­zu, zum Bei­spiel als Chef der Titel­sei­te, was ein klei­nes Team im wöchent­li­chen Wech­sel macht. Das Gute bei Bay­ern und dem Inves­ti­ga­ti­ven ist, dass es Schnitt­men­gen gibt. Das Inves­ti­ga­ti­ve, das wir hier betrei­ben, spielt sich in ers­ter Linie auch bei uns hier in der Regi­on oder in Bay­ern ab. Inso­fern ergibt es inhalt­lich schon Sinn, aber im All­tag ist das natür­lich eine gro­ße Her­aus­for­de­rung, die­se zwei unter­schied­li­chen Rol­len zu ver­ei­nen. Auf der einen Sei­te bist du nor­ma­ler Jour­na­list, recher­chierst und ver­suchst zu schrei­ben und auch mit dem Inves­ti­ga­tiv­team zusam­men Sachen zu recher­chie­ren. Auf der ande­ren Sei­te ist dann noch ein eige­nes Res­sort, wo Dei­ne Rol­le Dir vie­le ande­re Din­ge abverlangt.

NG: Liegt die­se Ver­ant­wor­tung allein auf Ihnen?

HSW: Die Res­sort­lei­ter­stel­le tei­le ich mir mit einem Kol­le­gen und das heißt auch, dass wir uns immer wochen­wei­se abwech­seln im The­men­ma­nage­ment. Zu unse­rem Res­sort gehört auch die Die Drit­te Sei­te mit den lan­gen Repor­ta­gen und das Pan­ora­ma, genau wie die Medi­zin­sei­te. Das will auch alles befüllt sein. Das geht teil­wei­se wirk­lich nur mit enor­mem Enga­ge­ment des gesam­ten Teams und dar­über hin­aus. Auch nach Fei­er­abend, wenn man sich eigent­lich hin­set­zen, lesen und ent­span­nen möch­te, muss man sich häu­fig moti­vie­ren und  sagen: Das geht jetzt lei­der nicht.

NG: Ein Fei­er­abend ist dann bei Ihnen wirk­lich nicht in Sicht.

HSW: Die­ser Beruf birgt das hohe Risi­ko einer 24/7‑Befassung. Es pas­siert ja immer irgend­was auf der Welt und man muss schon auf­pas­sen, dass man das nicht alles zu sei­nem Busi­ness macht. Das ist dann beson­ders pro­ble­ma­tisch, wenn du eine Fami­lie und Kin­der hast. Eine Nacht mit mehr als sechs Stun­den Schlaf ist bei mir extrem sel­ten. Das geht irgend­wann an die Sub­stanz. Aber ich will nicht jammern.

NG: Was genau macht Ihnen denn dann sol­chen Spaß an ihrem Beruf als Jour­na­list und am Jour­na­lis­mus selbst?

HSW: Ich war von Kind­heit weg schon sehr breit inter­es­siert. Ich mag es mit Spra­che umzu­ge­hen und dass du in die­sem Beruf Zugang zu Leu­ten und The­men hast, den du sonst nie in dei­nem Leben bekom­men wirst. Man kann sein eige­nes Spek­trum und den Hori­zont erwei­tern. Es ist auch eine gehö­ri­ge Por­ti­on Span­nung dabei, wenn wir jetzt zum The­ma Inves­ti­ga­ti­ves kom­men. Da ist schon ein gewis­ser Thrill mit dabei. Ganz klar, das lie­be ich. Ich mag es auch ein­zu­tau­chen, zu wüh­len und die wirk­li­chen Grün­de zu erfah­ren. Ich mag außer­dem das Feed­back von Lese­rin­nen und Lesern. Wenn man da erst­mal in einem The­ma drin ist, dann merkt man auch, wie man ganz vie­le Infor­ma­tio­nen zuge­tra­gen bekommt, und dann ist man in so einem Kreis­lauf drin­nen. Und wenn die eige­nen Recher­chen dann auch noch einen Impact haben, also dazu bei­tra­gen, dass sich etwas ver­än­dert, ver­bes­sert – dann erfüllt einen das schon mit Freu­de und Stolz. Das sind die Haupt­punk­te. Das klingt jetzt ein wenig pathe­tisch, aber ich sage es ganz ohne Pathos: Für mich kann ich mir kei­nen bes­se­ren Beruf auf der Welt vorstellen.

NG: Kom­men wir dann auf das The­ma des inves­ti­ga­ti­ven Jour­na­lis­mus. Wie kommt der ers­te Fun­ke der Idee, bei dem man sich im Anschluss denkt ‚Die­ses The­ma neh­me ich jetzt und da boh­re ich genau­er nach‘?

HSW: Das kann ich gar nicht pau­schal beant­wor­ten, es gibt ganz ver­schie­de­ne Wege. Ich kann aber ein paar Bei­spie­le nen­nen. Neh­men wir die CSU-Mas­ken­af­fä­re in der Coro­na-Zeit. Damals platz­te die Nach­richt her­ein, dass das Ber­li­ner Bun­des­tags­bü­ro von Georg Nüß­lein durch­sucht und sei­ne Immu­ni­tät als Abge­ord­ne­ter auf­ge­ho­ben wur­de. Da Nüß­lein ein regio­na­ler CSU-Abge­ord­ne­ter war, den hier vie­le kann­ten und gespro­chen hat­ten, hat das natür­lich erst ein­mal reingehauen.

NG: Das kann ich mir gut vorstellen!

HSW: Als Regio­nal­zei­tung bist du da natür­lich von null auf hun­dert. Wir haben sofort die  Kol­le­gen aus unse­rem Ber­li­ner Büro raus­ge­schickt um her­aus­zu­fin­den, was vor Ort geschieht und was dahin­ter ste­cken könn­te. Im ers­ten Moment war völ­lig unklar, wor­um es über­haupt geht. Von­sei­ten der Jus­tiz bekommst du erst­mal nur ganz dün­ne offi­zi­el­le Infor­ma­tio­nen, weil das bri­san­te lau­fen­de Ermitt­lun­gen sind. Unser Poli­tik­chef Micha­el Stif­ter und ich haben dann in den Tagen und Wochen danach mit ande­ren Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen inten­siv recher­chiert. Es galt, alle erdenk­li­chen Quel­len in Jus­tiz, Poli­tik und anders­wo anzu­zap­fen. Dabei hilft es, wenn man sich in die­sen Netz­wer­ken und in den dunk­len Ecken des Poli­tik­be­trie­bes auskennt.

NG: Wie ist dann das wei­te­re Vor­ge­hen, wenn man Infor­ma­tio­nen aus dem Netz­werk bekom­men hat?

HSW: Dann arbei­tet man einen stra­te­gi­schen Plan aus. In dem Fall ist es, jour­na­lis­tisch betrach­tet, glän­zend auf­ge­gan­gen. Für eini­ge Wochen waren wir ganz vorn mit unse­rer Bericht­erstat­tung und konn­ten dann eben die­ses Netz­werk hin­ter den Mas­ken­ge­schäf­ten gut aus­leuch­ten. Das fan­den wir span­nend und vor allem auch wich­tig, weil man inmit­ten der töd­lichs­ten Pan­de­mie unse­rer Zeit halt den Ver­dacht haben muss­te, dass die­se Leu­te sich unter Aus­nut­zung ihrer Kennt­nis­se, mög­li­cher­wei­se auf ille­ga­len Wegen, die Taschen voll­ge­macht haben.

NG: Eigent­lich unvorstellbar.

HSW: Ja, sehr unschön. Ich bin zunächst ein­mal ein Men­schen­freund, aber wenn ich dann sehe, dass Leu­te wirk­lich Din­ge zum Nach­teil ande­rer gna­den­los aus­nut­zen, ver­lie­re ich auch schnell das Ver­ständ­nis. Der Bun­des­ge­richts­hof hat dann übri­gens ent­schie­den, dass die Mas­ken­ge­schäf­te nach frü­he­rem Recht nicht straf­bar waren. Spä­ter wur­de dann aber das Gesetz zur Abge­ord­ne­ten­be­stechung ver­schärft. Aus­lö­ser war vor allem die­ser Fall.

NG: Macht man sich mit sei­nen Recher­chen nicht auch Feinde?

HSW: Das kann sein, klar. Es gibt gera­de in die­sem Bereich, wenn man etwas genau wis­sen möch­te und dann auch straf­recht­lich rele­van­te Din­ge im Raum ste­hen, natür­lich gewal­ti­ge Inter­es­sens­kon­flik­te. Ich will das alles ans Licht der Öffent­lich­keit holen. Die Gegen­sei­te hat ein Inter­es­se dar­an, dass alles ver­tuscht wird, gera­de dann, wenn es ille­gal war. Das ist ja auch klar und irgend­wie sogar nach­voll­zieh­bar. Man spürt, wenn man in die poli­ti­sche Rich­tung vor­stößt, dass die Sache manch­mal sehr unver­söhn­lich wer­den kann. Natür­lich gab es auch Bedro­hun­gen und Droh­mails, bis hin zu Mord­dro­hun­gen, aber das kommt dann eher aus har­ten kri­mi­nel­len Milieus.

NG: Trotz­dem ist das ja irgend­wie beunruhigend…

HSW: Sol­che Ange­le­gen­hei­ten gehen dann selbst­ver­ständ­lich an Poli­zei und Jus­tiz. Ich habe auch eini­ge Schutz­vor­keh­run­gen getrof­fen, zum Bei­spiel die Sper­rung der Pri­vat­adres­se. Um das auf die Mas­ken­af­fä­re zurück­zu­füh­ren: Ja klar wer­den die Betrof­fe­nen nicht dar­über begeis­tert gewe­sen sein, aber das blieb alles in einem ver­nünf­ti­gen Rah­men. Es gibt nicht einen Ver­nich­tungs­feld­zug gegen irgend­wen, den Vor­wurf hört man auch ab und zu. Ins­ge­samt aber herrscht meist ein sehr pro­fes­sio­nel­les Ver­hält­nis. Ich mache mei­ne Arbeit ja nicht, um mei­ne Neu­gier­de zu befrie­di­gen oder um ein­fach schmut­zi­ge Wäsche zu waschen. Das sehen die meis­ten ein.

NG: Ich kann mir vor­stel­len, dass es sicher­lich auch eini­ge Rege­lun­gen gibt, die Sie bei einer sol­chen Bericht­erstat­tung berück­sich­ti­gen müssen.

HSW: Es gibt glas­kla­re Grund­la­gen für unse­re Arbeit. Was ist von öffent­li­chem Inter­es­se und was ist durch das Pres­se­recht gedeckt? In wel­chen Fäl­len müs­sen Behör­den Aus­kunft geben und so wei­ter… Ich schrei­be das, was pas­siert ist und was ich raus­ge­fun­den habe – und zwar ohne Anse­hen der Per­son. Und ich bin sehr dank­bar, dass die Chef­re­dak­ti­on und die Her­aus­ge­be­rin der Augs­bur­ger All­ge­mei­nen die­se Art von Jour­na­lis­mus unterstützt.

NG: Ein sehr aktu­el­les The­ma ist der Fol­ter­skan­dal in der JVA Gab­lin­gen, zu des­sen Fall Sie und Ihr Team eben­falls recher­chiert haben. Es wur­de erst kürz­lich gegen die frü­he­ren Lei­te­rin­nen Ankla­ge erho­ben. Wie ist das für Sie vom Gefühl her, einen Fall recher­chiert zu haben und an die Öffent­lich­keit gebracht zu haben, der nun umfas­sen­de Kon­se­quen­zen hat?

HSW: Das ist natür­lich nicht so, dass man jetzt die Faust ballt. Da geht es nicht um Tri­umph oder Scha­den­freu­de. Was einen mit Freu­de erfüllt ist, wenn man Miss­stän­de auf­deckt und die­se dann besei­tigt wer­den. Wenn die Arbeit etwas Kon­kre­tes bewirkt. Und was mich auch freut: Unse­re Recher­chen – die mitt­ler­wei­le seit ein­ein­halb Jah­ren lau­fen – stim­men zum aller­größ­ten Teil mit dem über­ein, was die Staats­an­walt­schaft ermit­telt hat. Wir haben unse­re Infor­ma­tio­nen müh­sam über vie­le Mona­te hin­weg aus ganz vie­len ver­schie­de­nen Quel­len zusam­men­ge­tra­gen. Bei Milieus, die abge­schlos­sen sind, hat man am Ende immer so einen klei­nen Unsi­cher­heits­fak­tor, wenn es um das Veri­fi­zie­ren geht. Wir haben in dem Fall mit dut­zen­den Leu­ten gespro­chen: Infor­man­ten, ehe­ma­li­gen und aktu­el­len Beschäf­tig­ten, ehe­ma­li­gen Insas­sen und Ermitt­lern. Und da waren auch Ex-Häft­lin­ge dabei, wo man logi­scher­wei­se genau prüft, was die über einer Welt hin­ter Git­tern erzäh­len, auf die man selbst gar kei­nen Zugriff hat.

NG: Wie prü­fen Sie und ihr Team, dass die Quel­len ver­trau­ens­wür­dig und veri­fi­zier­bar sind?

HSW: Also man ver­sucht das recht­lich mit eides­statt­li­chen Ver­si­che­run­gen abzu­si­chern, aber das allein reicht nicht. Man muss auch che­cken, inwie­fern die Schil­de­run­gen zusam­men­pas­sen, ob sie zeit­lich und ört­lich stim­mig sind und vie­les mehr. Eine Ankla­ge­er­he­bung ist dann schon ein Mei­len­stein. Und wir kön­nen mit etwas Stolz sagen: Wir haben gut und sau­ber gearbeitet.

 NG: Gibt es aktu­ell ein bri­san­tes The­ma, an dem Sie und Ihr Team arbei­ten? Falls Sie über­haupt etwas dazu sagen dür­fen und können.

HSW: Grund­sätz­lich kann ich sagen, dass wir wei­ter ver­su­chen in Bran­chen und Berei­che zu schau­en, wo man immer schon den Ver­dacht haben muss­te, dass da die Din­ge nicht gut lau­fen. Zum Bei­spiel bei Abhän­gig­keits­ver­hält­nis­sen oder Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­sen. Und auch in Sachen der AfD wer­den wir wei­ter genau hin­gu­cken – und das hat jetzt gar nichts mit par­tei­po­li­tisch moti­vier­ten Din­gen zu tun. Da sind für mich eini­ge Fra­gen offen: Inwie­fern sich die­se Par­tei noch in einem recht­lich ver­tret­ba­ren Rah­men bewegt. Wie stark sich die Par­tei­mit­glie­der zum Teil mit bein­har­ten Rechts­extre­mis­ten ver­net­zen. Bei Extre­mis­mus in jeg­li­cher Form, da müs­sen Medi­en aus mei­ner Sicht ganz genau hingucken.

NG: Ange­nom­men, ich habe mein Stu­di­um abge­schlos­sen und habe vor, ein Volon­ta­ri­at bei der Augs­bur­ger All­ge­mei­nen zu machen, wie wür­de ich Teil das Inves­ti­ga­tiv­teams werden?

HSW: Mein Gefühl ist, dass zwei Sachen bei jun­gen Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen am ange­sag­tes­ten sind: digi­ta­le Dar­stel­lungs­for­men – wie Video, Pod­cast und Social Media – und das Inves­ti­ga­ti­ve. Da haben vie­le Lust drauf. Ich habe sogar fast ein wenig den Ein­druck, das ist eine klei­ne Trend­wel­le gewor­den. Da bekom­me ich fast ein wenig Bauchschmerzen.

NG: Kön­nen Sie das genau­er erklären?

HSW: Vie­le Medi­en haben das Inves­ti­ga­ti­ve in den ver­gan­ge­nen Jah­ren hoch­ge­jazzt und ich fin­de, man muss auf­pas­sen, dass das nicht über­höht wird. Vie­les davon ist nor­ma­les jour­na­lis­ti­sches Hand­werk oder soll­te es sein. Ange­nom­men, du gehst aus der Lokal­re­dak­ti­on in eine Gemein­de­rats­sit­zung und danach kommt ein Kom­mu­nal­po­li­ti­ker ver­trau­lich mit einer bri­san­ten Infor­ma­ti­on daher, bei­spiels­wei­se: Der Sohn des Bür­ger­meis­ters soll in ille­ga­le Grund­stücks­ge­schäf­te ver­wi­ckelt sein. Da beginnt der inves­ti­ga­ti­ve Jour­na­lis­mus. Du musst ver­su­chen mit die­ser Infor­ma­ti­on umzu­ge­hen und wei­ter zu gra­ben. Da musst du dich dann fra­gen: Wie kann ich das veri­fi­zie­ren? Wel­che Quel­len gibt es? Wo könn­ten dazu schrift­li­che Doku­men­te sein? Ist am Ende der Bür­ger­meis­ter selbst in den Skan­dal ver­wi­ckelt? Ist es span­nend? Ist es legal? Hat’s ein Geschmäck­le? Und ist das am Ende auch berich­tens­wert? Und am Ende dann pres­se­recht­li­che Fra­gen: Darf man berich­ten, nennt man Namen…?

NG: Die­se Infor­ma­tio­nen beschaf­fe ich mir durch ande­re Per­so­nen und Quellen.

HSW: Was bei der Arbeit hilft, ist einen guten Umgang mit Leu­ten zu haben. Men­schen müs­sen einem ver­trau­en, wenn sie Infor­ma­tio­nen her­aus­ge­ben. Dabei ist wich­tig zu wis­sen, dass wir Jour­na­lis­ten nicht ein­mal vor Gericht unse­re Quel­len preis­ge­ben müs­sen. Als jun­ger Jour­na­list kann man aber nicht auf ein Netz­werk zurück­grei­fen, wie ein Kol­le­ge mit zwan­zig Jah­ren Erfah­rung, logisch. Aber man muss anfan­gen, sich ein Netz­werk auf­zu­bau­en, in mög­lichst vie­len Berei­chen. Du weißt nie, aus wel­cher Ecke die nächs­te Sto­ry ums Eck kommt. Da ist es hilf­reich, wenn du Kon­tak­te in die Kul­tur­sze­ne eben­so hast wie in die Jus­tiz, die Poli­tik oder die Wirt­schaft. Auch das gehört klas­si­scher­wei­se zum inves­ti­ga­ti­ven Jour­na­lis­mus. Ins­ge­samt ist die Fra­ge aber nicht ein­fach zu beant­wor­ten. Es braucht eine gro­ße the­ma­ti­sche Offen­heit. Man muss bereit sein, sich auf Leu­te ein­zu­las­sen. Es hilft auch eine gewis­se Men­schen­kennt­nis zu haben, weil Leu­te auch Unwahr­hei­ten erzäh­len. Hart­nä­ckig­keit und Mut sind auch förderlich.

NG: Das kann ich mir vor­stel­len. Muss ich denn bestimm­te fach­li­che – jour­na­lis­ti­sche – Fähig­kei­ten im Vor­hin­ein mitbringen?

HSW: Es sind weni­ger spe­zi­el­le jour­na­lis­ti­sche Fähig­kei­ten gefragt, weil die nach und nach mit der Erfah­rung kom­men. Wie man über einen Straf­pro­zess oder eine Stadt­rats­sit­zung am span­nends­ten berich­tet, lernt man mit der Zeit. Aber gute The­men, die Use­rin­nen und User, Lese­rin­nen und Leser inter­es­sie­ren, lie­gen über­all auf der Stra­ße. Wir haben da ja tech­nisch mitt­ler­wei­le ganz vie­le Mög­lich­kei­ten her­aus­zu­fin­den, was die Men­schen inter­es­siert. Wenn jemand Lust hat, soll­te sie oder er ein­fach mal für ein Prak­ti­kum rein­schnup­pern und dann muss man mal schauen.

NG: Haben Sie abschlie­ßend noch Tipps oder Rat­schlä­ge für Stu­die­ren­de, die Lust haben im Jour­na­lis­mus zu arbei­ten oder reinzuschnuppern?

HSW: Eine Grund­vor­aus­set­zung ist in den aller­meis­ten Fäl­len eine Art von Stu­di­um, aber man muss letzt­end­lich nicht Jour­na­lis­mus oder ver­wand­te Fächer stu­diert haben. Viel mehr ist eine Vor­aus­set­zung, dass man über­haupt Lust auf das jour­na­lis­ti­sche und seriö­se Arbei­ten hat. Das Schö­ne heut­zu­ta­ge ist, dass es vie­le Aus­prä­gun­gen des­sen gibt und man mit ganz ver­schie­de­nen Medi­en arbei­ten kann. Heu­te hast du Social Media, machst Vide­os oder Pod­casts und hast tau­send ver­schie­de­ne Dar­stel­lungs­mög­lich­kei­ten. Ansons­ten muss man eine gewis­se Offen­heit mit­brin­gen. Es hilft natür­lich, wenn man mit Spra­che umge­hen kann, aber das ist etwas, wo man auch viel dazu­ler­nen kann. Grund­sätz­lich kann ich ein­fach nur dazu raten, Prak­ti­ka zu machen. Ich glau­be, man muss schon mal in Redak­tio­nen gear­bei­tet haben, um zu sehen, wie der Ablauf ist und ob das über­haupt etwas für jeman­den ist.

NG: Und nach einem Prak­ti­kum? Wie sieht die Aus­bil­dung im jour­na­lis­ti­schen Bereich aus?

HSW: Ganz vie­le Medi­en­häu­ser bie­ten Volon­ta­ria­te an, die zum Teil wahn­sin­nig modern und mul­ti­me­di­al auf­ge­stellt sind. Das wür­de ich auch für unser Haus in Anspruch neh­men. Wir haben unse­re eige­ne Jour­na­lis­ten­schu­le, die Gün­ter Hol­land Jour­na­lis­ten­schu­le, mit einer tol­len Lei­te­rin, Lea Thies, die da wahn­sin­nig enga­giert, krea­tiv und bes­tens in der Bran­che ver­netzt ist. Ich glau­be, unse­re Aus­bil­dung gehört zu den bes­ten im deutsch­spra­chi­gen Raum. Wenn man dann mal Feu­er gefan­gen hat, lässt einen die­ser Beruf nicht mehr los. Ein Beruf mit sehr vie­len Frei­hei­ten, der sehr viel Spaß macht im bes­ten Fall und mit dem man was bewir­ken kann. Wer auf sowas Lust hat, soll ein­fach mal hier vor­bei­schau­en und aus­pro­bie­ren, ob es ihm taugt.

NG: Herr Sab­in­sky-Wolf, ich dan­ke Ihnen für die­ses inter­es­san­te Gespräch und wün­sche viel Erfolg bei Ihrer Arbeit.