„Be careful what you wish for” – warum „Obsession – Du sollst mich lieben” Horror-Fan-Herzen höherschlagen lässt

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Bild: FOCUS FEATURES LLC.

von Valentin Drexl

Es ist wohl nicht nur der am häu­figs­ten dis­ku­tier­te Hor­ror­film des Jah­res, son­dern gen­reun­ab­hän­gig eines der Wer­ke, die 2026 am meis­ten für Auf­se­hen sor­gen. Die Rede ist von „Obses­si­on – Du sollst mich lie­ben“. Mit einem Bud­get von gera­de mal 750.000 Dol­lar spiel­te der Film bereits über 300 Mil­lio­nen Dol­lar in die Kino­kas­sen, wie „Film­starts“ berich­tet.[1]
Der Film han­delt von Bear, der sich in ein Mäd­chen aus sei­nem Freun­des­kreis na-mens Nik­ki ver­guckt hat. Er fin­det jedoch nicht den Mut, ihr sei­ne Gefüh­le zu geste­hen. Als er mit einem soge­nann­ten „One Wish Wil­low“ in Kon­takt kommt, wünscht er sich, dass Nik­ki ihn „mehr liebt als alles ande­re.“ Zer­bricht man das „Wil­low“ an-schlie­ßend, geht die­ser Wunsch in Erfül­lung.
Bei der Hand­lung sowie dem deut­schen Zusatz­ti­tel des Films könn­te zunächst davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass es sich hier um eine simp­le und toxi­sche Lie­bes­ge­schich­te han­delt. Bei nähe­rem Ein­tau­chen wird jedoch schnell klar, dass Cur­ry Bar­kers Werk weit­aus mehr bereit­hält als ein­fa­che Streits oder Eifer­suchts­sze­nen. Gera­de der schein­bar ‚Gute‘ ver­ur­sacht durch sei­nen Ego­is­mus die anschlie­ßen­den Kata­stro­phen. Es han­delt sich hier nicht nur um eine außer­ge­wöhn­li­che Art, eine Geschich­te zu erzäh­len. Jemand, der aus Ver­zweif­lung eine ver­werf­li­che Tat begeht, hat das Mit­leid der Zuschau­en­den auf sei­ner Sei­te, obwohl er sich der Gefühls­welt einer eigen­stän­di­gen Frau bemäch­tigt. Somit wer­den die ver­meint­lich ein­deu­ti­gen Kate­go­rien von Gut und Böse auf den Prüf­stand gestellt und kri­tisch hin­ter­fragt. Die­se nar­ra­ti­ve Krea­ti­vi­tät gehört hier­bei aus­drück­lich gelobt. Durch die her­bei­ge­wünsch­te Abhän­gig­keit wird das Macht­ge­fü­ge zwi­schen Mann und Frau sehr klar dar­ge­stellt. Der Film reflek­tiert zwar nicht expli­zit das Ver­hal­ten des Prot­ago­nis­ten, aller­dings wird das durch den Wunsch ent­stan­de­ne Abhän­gig­keits­ver­hält­nis von ihm reue­los aus­ge­nutzt, wes­halb sich Zuschau­en­de bald ein ent­spre­chen­des Bild der Figur machen können.

Wenn es um Hor­ror­stim­mung geht, hält sich „Obses­si­on“ nicht zurück. Das Color-Gra­ding über­zeugt von Anfang an durch dunk­le Far­ben, die eine düs­te­re Aura erzeu­gen. Selbst in Sze­nen, die mit­ten am Tag spie­len, lässt der Film sei­ne Zuschauer*innen spü­ren, dass ent­we­der gera­de etwas Unan­ge­neh­mes pas­siert oder sich eine sol­che Situa­ti­on anbah­nen könn­te. Die schwa­che Beleuch­tung in Bears Woh­nung gibt die­ser Atmo­sphä­re einen zusätz­li­chen Touch, auch, wenn dies in Tei­len ein wenig zu hor­ror-ste­reo­typ wirkt. Das 4:3‑Format ver­leiht dem Strei­fen dar­über hin­aus zusätz­li­che Düs­ter­heit. Der Bild­schirm wird hier­bei seit­lich von zwei schwar­zen Bal­ken ein­ge­nom­men, was ein Gefühl der Enge her­vor­ruft und gut zu den oft unan­ge­neh­men Sze­nen passt.
Der dra­ma­tur­gi­sche Auf­bau erweist sich als sehr gelun­gen. Zunächst wird die Freun­des­grup­pe vor­ge­stellt, nach Bears erfüll­tem Wunsch tre­ten noch ‚klei­ne­re Unan­nehm­lich­kei­ten‘ auf, die etwa dar­in bestehen, dass Nik­ki stän­dig in sei­ner Nähe sein möch­te und nicht mehr ohne ihn sein kann oder ihre über­trie­be­ne Eifer­sucht, wel­che Bear ver­bie­tet, mit ande­ren Mäd­chen in Kon­takt zu tre­ten. Bears Wunsch, dass Nik­ki ihn mehr lie­be „als alles ande­re auf der Welt“ nimmt somit – euphe­mis­tisch gesagt – uner­wünsch­te Neben­wir­kun­gen an. Die­se wer­den im wei­te­ren Ver­lauf des Films zu schreck­li­chen Erleb­nis­sen gestei­gert, wel­che den Weg für ein min­des­tens eben­so dra­ma­ti­sches Fina­le berei­ten. Bear kos­tet in die­sem Zusam­men­hang sei­ne eige­ne Medi­zin, da Nik­ki unter dem von ihm auf­er­leg­ten Fluch immer unan­ge­neh­mer für ihn und ande­re wird und er es schließ­lich selbst ist, der (zu Recht) unter die­sem von ihm erschaf­fe­nen Macht­ver­hält­nis leidet.

Ob man die Hand­lung bereits kennt oder nicht, das erst­ma­li­ge Anse­hen ist eine Erfah­rung, die jede film­be­geis­ter­te Per­son genie­ßen wird, da inter­es­san­te Ein­bli­cke in die Grup­pen­dy­na­mik der Cha­rak­te­re gege­ben wer­den und es span­nend zu sehen ist, wie zu Beginn noch eine schein­ba­re Nor­ma­li­tät den Film domi­niert.
Hier­bei darf kei­nes­falls die groß­ar­ti­ge Per­for­mance der Haupt­dar­stel­le­rin Inde Nava­ret­te außer Acht gelas­sen wer­den. Sie haucht der Figur Nik­ki, bezie­hungs­wei­se ihrer ver­wünsch­ten Ver­si­on, eine so angst­ein­flö­ßen­de Aura ein, dass Hor­ror-Fans defi­ni­tiv auf ihre Kos­ten kom­men. Spe­zi­ell ihre Mimik kommt in jeder Sze­ne zur Gel­tung, ganz gleich, ob es sich nun um ein über­na­tür­lich gro­ßes Grin­sen oder das Drü­cken auf die Trä­nen­drü­se han­delt.
Regis­seur Cur­ry Bar­ker scheint selbst ein gro­ßer Fan von Hor­ror-Fil­men zu sein, da sich zahl­rei­che Refe­ren­zen auf ande­re Ver­tre­ter des Gen­res fin­den las­sen, die teil­wei­se auch sehr expli­zit gemacht wer­den. Ent­spre­chen­de Sze­nen wie die Urin­sze­ne, stam­men etwa aus Hor­ror-Wer­ken wie „Der Exor­zist“ (1973) oder das Schrei­en im Auto aus „Lon­glegs“ (2024), auch wenn zwei­te­re eher auf Spe­ku­la­ti­on des Rezen­sen­ten beruht. Eine selbst­re­fe­ren­ti­el­le Anspie­lung auf den Namen des Regis­seurs lässt sich eben­falls fin­den, etwa als sich die Freun­des­grup­pe in „Bar­kers Pub“ aufhält.

Alles in allem ist „Obses­si­on“ ein Film, wel­cher sei­nem aktu­el­len Hype größ­ten­teils gerecht wird. Er ist eine will­kom­me­ne Abwechs­lung im Hor­ror-Gen­re, wel­ches zwar nicht das Rad neu erfin­det, aber fri­schen Wind von einer neu­en Gene­ra­ti­on für eine neue Gene­ra­ti­on welt­weit in die Kinos bringt. Anstatt auf plum­pe Jump Sca­res, ein paar blu­ti­ge Todes­fäl­le oder semi-span­nen­de Sze­nen, setzt Cur­ry Bar­ker auf Atmo-sphä­re, dra­ma­ti­sche Kon­flik­te und eine nahe­zu per­ma­nent ange­spann­te Stim­mung. All dies macht das Gen­re des Hor­ror­films sehens- und erle­bens­wert. Nun muss auf die­sem Fun­da­ment nur noch auf­ge­baut wer­den. Da sich das erfolg­rei­che Ergeb­nis sehen lässt, wer­den womög­lich ande­re Film­schaf­fen­de zu ähn­lich krea­ti­ven Wer­ken inspi­riert wer­den und geben Hol­ly­wood damit inno­va­ti­ve Impulse.

[1] Moll, Kamil: Über die­sen Hor­ror-Hype spricht gera­de die gan­ze Welt: “Obsession”-Regisseur Cur­ry Bar­ker im gro­ßen FILM­STARTS-Inter­view, filmstarts.de   https://www.filmstarts.de/nachrichten/1000210221.html (Zugriff am 27.6.2026)