“Am Schreibtisch liege ich unter dem Bett der Menschen”

“Am Schreibtisch liege ich unter dem Bett der Menschen”

Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Markus Orths

von Ste­pha­nie Wal­dow, Agnes Bidmon

Was ein Zim­mer­mäd­chen immer diens­tags unter die Bet­ten von Hotel­gäs­ten treibt, was es wäh­rend des­sen umtreibt und was all das mit der Tätig­keit eines Autors zu tun hat, das erör­ter­te Mar­kus Orths in einem Gespräch mit Schau ins Blau anläss­lich des 28. Erlan­ger Poe­ten­fes­tes 2008. Schau ins Blau sprach mit Mar­kus Orths über sein neu­es Buch Das Zim­mer­mäd­chen (Schöff­ling, Frank­furt a.M. 2011), über Kom­mu­ni­ka­ti­ons­lo­sig­keit, über die (Un)Möglichkeit von Bezie­hungs­mus­tern um die Jahr­tau­send­wen­de sowie über das ste­ti­ge Oszil­lie­ren der mensch­li­chen Exis­tenz zwi­schen dem „Sich-Geschenkt-Wer­den” und dem „Sich-Aus­blei­ben”. Letzt­lich reift die Erkennt­nis, dass ein Zim­mer­mäd­chen wie Lynn in jedem von uns steckt.

 

SCHAU INS BLAU: Herr Orths, nach Ihrem Stu­di­um haben Sie erst meh­re­re Jah­re als Leh­rer gear­bei­tet, bevor Sie zu schrei­ben begon­nen haben. Füh­len Sie sich in irgend­ei­ner Form als ‚Spät­be­ru­fe­ner’ und inwie­fern hat Ihr Beruf ihr Schrei­ben beein­flusst, wenn man ins­be­son­de­re an Ihren Best­sel­ler Roman “Leh­rer­zim­mer” denkt?

MARKUS ORTHS: Erst­mal hab ich immer schon geschrie­ben, nicht erst nach dem Leh­rer­be­ruf, son­dern im Prin­zip schon mit sechs, sie­ben Jah­ren. Mit zwölf Jah­ren ent­stand so ein Roman à la Karl May, mit neun­zehn etwas Phil­ip­pe-Dji­an-Mäßi­ges. Das Schrei­ben war immer schon für mich das Wich­tigs­te, ich hab halt nur nie gedacht, dass man davon leben kann. Des­we­gen gab es die­sen Brot­be­ruf. Stu­diert habe ich aus Inter­es­se, Phi­lo­so­phie und Lite­ra­tur­wis­sen­schaft, und bin dann mehr oder weni­ger zufäl­lig auch Leh­rer gewor­den und nicht, weil ich das unbe­dingt woll­te. Ich muss aber zuge­ben, dass mich nach dem Absprung aus der Schu­le das Buch Leh­rer­zim­mer schon eine gewis­se Zeit über Was­ser gehal­ten hat. Inso­fern war ich sehr froh, die Leh­rer-Erfah­rung gemacht zu haben.

SCHAU INS BLAU: Mit “Das Zim­mer­mäd­chen” haben Sie seit ihrem Debüt 2001 nun bereits ihr sechs­tes Buch ver­öf­fent­licht. Sind Sie dann so was wie ein regel­rech­ter ‚Work­aho­lic’, dass Sie so vie­le Bücher in so kur­zer Zeit pro­du­zie­ren kön­nen, die ja auch alle von einem hohen Niveau sind? Und woher neh­men Sie all die­se Ideen?

MARKUS ORTHS: Zum einen kann ich da auch mas­siv wider­spre­chen: Wenn man sich mal die Manu­skript­sei­ten vor Augen hält, sind das ca. sie­ben- oder acht­hun­dert. Frank Schät­zings Buch Der Schwarm hat cir­ca fünf­zehn­hun­dert. Das heißt mit ande­ren Wor­ten: Mei­ne Bücher sind rela­tiv kurz und in sie­ben Jah­ren sie­ben­hun­dert Sei­ten zu schrei­ben, hal­te ich für nicht viel, im Gegen­teil, ich wünsch­te mir, ich hät­te mehr Zeit und könn­te das, was mir so im Kopf schwebt, noch mehr aufs Papier brin­gen. Ich hal­te mich, wie vie­le Schrift­stel­ler, für im Grun­de genom­men etwas faul. Ich den­ke immer, dass ich etwas mehr tun könn­te, als ich eigent­lich tue. Inso­fern trifft ‚Work­aho­lic’ lei­der nicht zu. Mei­ne Selbst­wahr­neh­mung ist ein­fach so, dass es zwar vie­le Bücher sind, aber nicht viel Text­men­ge. Ande­rer­seits ist in den letz­ten Jah­ren auch viel ent­stan­den, was ich in der Schub­la­de gelas­sen hab, oder auch viel raus­ge­kürzt wor­den, so dass es natür­lich schon mehr als sie­ben­hun­dert Sei­ten in die­sen sie­ben Jah­ren gewe­sen sind.
Der zwei­te Teil der Fra­ge: Woher kom­men die Ideen? Das ist ganz unter­schied­li­cher Natur. Wie im Fall vom Leh­rer­zim­mer ist es immer auch ein Kern des­sen, was man sel­ber erlebt hat; der wird dann aller­dings natür­lich in der Sati­re auf völ­lig gro­tes­ke Wei­se über­trie­ben. Ich bin kein Freund von zu rea­lis­ti­schem Schrei­ben. Ich mag immer lie­ber ent­we­der eine Ver­frem­dung der Form, wie in der Sati­re, oder eben eine Ima­gi­na­ti­ons­kraft, also die Tat­sa­che, dass ein Buch von irgend­ei­ner Idee lebt, von etwas, das man erfin­det. Jemand, der beson­ders gut rie­chen kann, jemand hört auf zu wach­sen, ein Zoo erlei­det Schiff­bruch mit Tiger usw. Es gibt immer sehr ori­gi­nel­le, phan­tas­ti­sche Erfin­dun­gen, und das ist eigent­lich eher die Tra­di­ti­on, in der ich mich ver­ste­he und weni­ger sozu­sa­gen das Abpin­seln der Rea­li­tät. Das wäre mir auf Dau­er auch zu lang­wei­lig. Es gibt natür­lich Schrift­stel­ler, bei denen es auf her­vor­ra­gen­de Wei­se gelingt, und es ist auch eine Her­an­ge­hens­wei­se ans Schrei­ben, aber nicht so sehr mei­ne.
Ich füh­le, dass ich ent­we­der in der Über­trei­bung oder aber in der Ima­gi­na­ti­on einen viel packen­de­ren Zugriff auf Rea­li­tät habe, als im Beschrei­ben. Tho­mas Bern­hard sag­te mal sinn­ge­mäß, nur in der Über­trei­bung las­se sich so etwas Wahr­heit über­haupt dar­stel­len. Da ist was dran. Und in vie­len phan­tas­ti­schen Geschich­ten eines Julio Cor­tá­zar steckt für mich ein viel höhe­rer exis­ten­zi­el­ler Rea­li­täts­ge­halt, als bei­spiels­wei­se im Turm von Uwe Tell­kamp, der eine Beschrei­bungs- und Erin­ne­rungs­li­te­ra­tur ver­folgt. Das sind unter­schied­li­che Lite­ra­tur­vor­stel­lun­gen, unter­schied­li­che Schwer­punk­te, aber, und das ist das schö­ne an der Lite­ra­tur: Bei­de haben genau­so ihre Berech­ti­gung wie ande­re Lite­ra­tur­vor­stel­lun­gen auch.

SCHAU INS BLAU: Ihr neu­es, viel beach­te­tes Buch, das auch beim Bach­mann­preis in die­sem Jahr aus­ge­zeich­net wur­de, han­delt ja von einem Zim­mer­mäd­chen, das unter die Bet­ten von Hotel­gäs­ten kriecht und so am ‚Leben der Ande­ren’ teil­hat. Ist die­ser Voy­eu­ris­mus, den die­ses Zim­mer­mäd­chen Lynn prak­ti­ziert, eine Art, sich in frem­de Iden­ti­tä­ten zu flüch­ten, um kei­ne eige­ne kon­sti­tu­ie­ren zu müs­sen und um über­haupt noch in irgend­ei­ner Form mensch­li­che Bezie­hun­gen leben zu kön­nen, indem man in frem­de Klei­der schlüpft?

MARKUS ORTHS: Ja bei­des, da wür­de ich zustim­men. Also, Burk­hard Spin­nen hat­te da in Kla­gen­furt das Wort Vam­pi­ris­mus geprägt, das fin­de ich eigent­lich sehr tref­fend, fast noch mehr als Voy­eu­ris­mus. Lynn ver­sucht, das Leben der Ande­ren aus­zu­sau­gen und zu schau­en: Wie gelingt denen das Leben? Was machen die über­haupt im Gegen­satz zu mir? Und an der Quel­le des­sen steht natür­lich ein Unbe­ha­gen mit dem eige­nen Leben, ein eigent­lich Nicht-Wis­sen, was Lynn mit ihrem Leben machen soll, ein krampf­haf­tes Sich-Fest­hal­ten an Ritua­len, wie die­ses Put­zen und die­ses Arbei­ten. Und ich glau­be, da liegt auch der exis­ten­zi­el­le Gegen­warts­be­zug, das, was die Men­schen und Leser an die­sem Buch auch bei sich selbst fin­den, etwas, das, glau­be ich, sehr vie­le Men­schen ken­nen: Eine gewis­se Sinn­lo­sig­keit des­sen, was man tut, eine Ermü­dung. Das spie­gelt sich in die­ser Figur Lynn Zapa­tek wieder.

SCHAU INS BLAU: Inwie­fern wird auch dem Leser eine Art Ver­ant­wor­tung über­tra­gen, indem er ja die Beob­ach­te­rin beob­ach­tet, also somit an die­sem Vam­pi­ris­mus auch partizipiert?

MARKUS ORTHS: Ich fän­de es schön, wenn der Leser durch Lynns Geschich­te beginnt, über sich und sein Leben nach­zu­den­ken: Wor­an hal­te ich mich fest? Was sind mei­ne Ritua­le und Struk­tu­ren? Wo lie­gen mei­ne Sicher­hei­ten? Wie habe ich mir das Leben schön per­fekt zurecht­ge­legt? Wo habe ich auf­ge­hört, etwas an mich her­an­zu­las­sen? Ich möch­te den Leser ver­un­si­chern, aus sei­ner Behag­lich­keit zer­ren, ihn somit zur Ver­ant­wor­tung auf­ru­fen, die ihm für sein eige­nes Leben auf­ge­tra­gen ist. Inso­fern ist Lite­ra­tur für mich immer Ver­un­si­che­rung. Blo­ße Unter­hal­tungs­li­te­ra­tur ist dage­gen immer Ver­si­che­rung. Das ist völ­lig wert­frei gespro­chen. Bei­de Bedürf­nis­se gibt es im Men­schen, inso­fern ist es nur natür­lich, wenn bei­de bedient wer­den. Rosa­mun­de Pil­cher hät­te zwei­fel­los nie so etwas schrei­ben kön­nen wie Franz Kaf­ka, aber Franz Kaf­ka auch nicht so etwas wie Rosa­mun­de Pilcher.

Und zwei­tens: Der Leser fühlt sich durch Lynns Han­deln im idea­len Fall natür­lich auch ent­larvt in sei­nem Voy­eu­ris­mus oder Vam­pi­ris­mus. Und man könn­te die­ses Bild ja auch als Alle­go­rie auf ein gesell­schaft­li­ches Phä­no­men ver­ste­hen. Wenn man sich all die Cas­ting-Shows mal anguckt, Big Bro­ther und Top Model und wie sie alle hei­ßen, Super­star, dann saugt man ja als Zuschau­er auch sozu­sa­gen das Leben der Ande­ren aus dem Fern­se­her her­aus. Man ergötzt sich an die­sen Pein­lich­kei­ten, in denen die Ande­ren sich erge­hen und lebt aber eigent­lich nicht sel­ber, son­dern stellt sein eige­nes Leben vor dem Fern­se­her ab und zieht die Befrie­di­gung aus dem Leben der Ande­ren, auch aus dem Schei­tern des Lebens der Ande­ren, also aus die­sem Fer­tig­ma­chen der Ande­ren. Wenn dann noch in der Koch-Are­na, oder was es da alles gibt — es gibt ja mitt­ler­wei­le vie­le von die­sen Shows -, wenn dann so ein Star­koch fer­tig gemacht wird, dann labt das ja den­je­ni­gen, der sel­ber in sei­nem Leben auch ähn­li­che Situa­tio­nen kennt. Und es ist ein Gemisch aus Scha­den­freu­de und, ja, viel­leicht dann auch Mit­leid mit dem Ande­ren, aber man lebt nicht selbst, son­dern schaut den Ande­ren beim Leben zu.

SCHAU INS BLAU: Es ist ja auch ein Gefühl von Scham, was bei dem Leser ent­steht, gera­de weil Sie gesagt haben, es ist auch eine Lee­re, die auch dort dar­ge­stellt wird durch die­sen Vam­pi­ris­mus. Also man muss sich in das Leben der Ande­ren hin­ein bei­ßen um selbst leben zu kön­nen, weil auch das eige­ne Leben eigent­lich so viel Lee­re hat. Ist die­ses Gefühl der Scham, was dann beim Leser unter Umstän­den ent­steht, auch die Scham dar­über, dass eben auch das Leben des Lesers unter Umstän­den von die­ser Lee­re befal­len ist? Und ist das nicht auch ein ethi­scher Aspekt?

MARKUS ORTHS: Ja, das ist rich­tig. Wir spre­chen immer sehr all­ge­mein jetzt über Leser und Men­schen, und ich sage das ja auch. Ich will damit natür­lich nicht leug­nen, dass es auch wirk­lich sinn­erfüll­tes, glück­li­ches Leben gibt, aber ich glau­be, gera­de die­ser ande­re Aspekt unse­rer Gesell­schaft, eine Sinn­lee­re, ein Nicht-mehr-zurecht-Kom­men auch mit den viel­fäl­ti­gen Mög­lich­kei­ten, die es heut­zu­ta­ge gibt, das ist schon ein sehr wich­ti­ger Aspekt. Und wenn man dann zur Ethik kommt, wäre mei­ne Sache sicher­lich schon die, dass es dem Men­schen ein Stück weit auf­ge­tra­gen ist, für sich und sein Leben Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men und zu schau­en, was will ich eigent­lich mit mei­nem Leben, was mach ich aus mei­nem Leben, aus der Zeit, die mir gege­ben ist. Das ist jetzt noch vor einer Ethik, die sich auf den Ande­ren bezieht, aber es ist so eine Art Selb­st­ethik, Selbst­hy­gie­ne. Wie gehe ich mit mei­nem Leben um und was tue ich da? Und inso­fern ist das Buch für mich auch ein sehr exis­ten­zi­el­les Buch, das sich genau die­ser Fra­ge stellt: Wie kann ich dem Leben, das sich mir zeigt, etwas abrin­gen? Karl Jas­pers hat mal die­ses Begriffs­paar von ‚Sich­ge­schenkt­wer­den’ und ‚Sich­aus­blei­ben’ geprägt, und ich glau­be, was im Zim­mer­mäd­chen beschrie­ben wird, ist die­ses ‚Sich­aus­blei­ben’. Ein Mensch bleibt sich aus, er weiß nicht, was er machen soll, er sucht krampf­haft nach Din­gen und schei­tert letzt­lich. Das will ich nicht denun­zie­ren, son­dern ein­fach darstellen.

SCHAU INS BLAU: Also im Sin­ne eines Ange­bots an den Leser zum Weiterdenken?

MARKUS ORTHS: Genau.

SCHAU INS BLAU: Wel­chen Stel­len­wert besitzt dann bei die­ser The­ma­tik, gera­de bei der Kon­sti­tu­ti­on der Iden­ti­tät, auch der Aspekt der Kör­per­lich­keit? Die spielt ja auch in “Das Zim­mer­mäd­chen” eine Rol­le, indem Lynn ja auch an der Sexua­li­tät par­ti­zi­piert, indem sie sich selbst befrie­digt, wenn auf dem Bett von ande­ren Men­schen Sexua­li­tät betrie­ben wird. Oder auch in Ihrem Roman “Cata­li­na”, in dem die Frau sich in eine ande­re Kör­per­lich­keit, näm­lich die eines Man­nes, flüch­tet? Ist das noch eine Form, um sich selbst spü­ren, ein Selbst kon­sti­tu­ie­ren zu können?

MARKUS ORTHS: Das ist, glau­be ich, ein Hin­weis auf die Ver­ein­ze­lung des Men­schen. Lynn bleibt ja eigent­lich im Grun­de allein und hat sowohl in der Kom­mu­ni­ka­ti­on als auch im Sexu­al­akt, also im Kör­per­li­chen, den Bezug zu den Men­schen ver­lo­ren. Mit Heinz, dem Geschäfts­füh­rer, hat sie ein­mal in der Woche ein Date, wodurch sie die­sen Job bekom­men hat; zu Chia­ra, der Pro­sti­tu­ier­ten, fühlt sie sich hin­ge­zo­gen, man kann viel­leicht sogar von Ver­liebt­heit spre­chen, aber die Wahr­heit ist natür­lich, dass die Pro­sti­tu­ier­te das natür­lich nur macht, weil sie Geld dafür bekommt. Lynn ver­liert eigent­lich die Mög­lich­keit einer Begeg­nung, sowohl in der Kom­mu­ni­ka­ti­on als auch im Kör­per­li­chen, und ich den­ke mir mal, dass das schon auch ein Pro­blem unse­rer Zeit ist, die­se Über­flu­tung von allen mög­li­chen Rei­zen und Din­gen, dass man wirk­lich die­se ein­fa­che, grund­le­gen­de Kom­mu­ni­ka­ti­on, das Zuein­an­der-Fin­den nicht mehr so leben kann oder lebt, wie es viel­leicht auch — ich will das jetzt nicht roman­ti­sie­ren -, aber wie es viel­leicht schon frü­her anders geführt wor­den ist. Das Phä­no­men der stän­di­gen Part­ner­wech­sel ist, glau­be ich, in der heu­ti­gen Zeit, sag ich jetzt mal, schon ein Hin­weis dar­auf, dass da irgend­was nicht mehr stimmt. Dass irgend­wo die­ses Unge­nü­gen an der Kom­mu­ni­ka­ti­on und an der kör­per­li­chen Bin­dung da ist. Umge­kehrt kann man dem natür­lich auch ent­ge­gen­hal­ten, dass frü­her auf­grund von gesell­schaft­li­chen Nor­men die Frau beim Mann blieb, oder der Mann bei der Frau, und dass da natür­lich sehr viel unter den Tep­pich gekehrt wur­de, und dass man heu­te die Frei­heit hat, das wirk­lich anders zu lösen. Aber ich glau­be, das ist nur eine Sei­te der Medail­le, ich glau­be, das ande­re, was ich eben gesagt habe, spielt da auch eine gro­ße Rolle.

SCHAU INS BLAU: Gegen die­se gro­ße Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit und Ver­ein­ze­lung ver­sucht Lynn ja eine Rei­he von Ritua­len zu setz­ten. Sie gibt den Tagen Far­ben, sie macht immer die­se Zah­len­spie­le mit den Zim­mer­num­mern und auch mit dem Kran­ken­zim­mer ihrer Mut­ter, sie legt sich immer diens­tags unters Bett. Ist das eine Form — das wur­de ja auch beim Bach­mann­preis von Ijo­ma Man­gold erwähnt -, eine Struk­tur ins Cha­os oder eine Ord­nung die Kon­tin­genz des Lebens zu brin­gen? Also letzt­lich eine Form, den Nihi­lis­mus zu über­win­den, der ja in vie­ler­lei Form durch eben die­se Kom­mu­ni­ka­ti­ons­lo­sig­keit und vie­les mehr in die­sem Roman vor­ge­führt wird?

MARKUS ORTHS: Ja, das kann man wirk­lich so sagen, dass sie sich qua­si eigent­lich defi­niert über die­se Ritua­le. Das ist es eigent­lich, was ihr Leben aus­macht. Sie sucht zwar einen Sinn, aber im Grun­de genom­men fin­det sie die­sen Sinn nur im Ritu­al. Gleich­zei­tig merkt sie, dass da was nicht stimmt, dass da irgend­was noch nicht genü­gend ist, dass das eigent­lich ein Sich-selbst-etwas-Vor­ma­chen ist. Und des­we­gen glau­be ich, dass der Akt des unters-Bett-Gehens zwei­fach moti­viert ist. Näm­lich zunächst ein­mal tat­säch­lich als Ret­tung und Zufluchts­ort vor dem Beim-Schnüf­feln-Erwischt­wer­den: Also sie hat Angst, beim Schnüf­feln erwischt zu wer­den und dann zwangs­läu­fig die­sen Job zu ver­lie­ren: Sie hat wirk­lich Angst davor, ihr Leben, so wie es jetzt ist, mit den Ritua­len, die sie am Leben erhal­ten, zu ver­lie­ren. Gleich­zei­tig gibt es in ihr aber para­do­xer­wei­se auch eine Sehn­sucht danach, die­sen Job zu ver­lie­ren: Das ist für sie der Reiz, erwischt zu wer­den. Lynn will eigent­lich die­sen Job ver­lie­ren, um dann viel­leicht her­aus­zu­fin­den, was sie wirk­lich will in ihrem Leben. Und in die­sem Span­nungs­ver­hält­nis — Angst davor und Sehn­sucht danach — glau­be ich, sie­delt sich das unterm-Bett-Lie­gen an. Das wäre mei­ne Interpretation.

SCHAU INS BLAU: In Ihrem Text heißt es ja auch: „Wir leben in einer Welt der Gegensätzlichkeiten.”

MARKUS ORTHS: Genau.

SCHAU INS BLAU: Es geht also auch dar­um, all die­se Ambi­va­len­zen aus­zu­lo­ten. Wel­che Rol­le spielt dabei, also im Bezug auf die­se Cha­os- und Ord­nungs­struk­tur, dass Lynn im Hotel Eden putzt? Eden eben als para­die­sisch kon­no­tier­ter Ort der Wohl­ge­ord­net­heit des Kos­mos — war das eine bewuss­te Namens­ge­bung oder mehr… Zufall?

MARKUS ORTHS: Zufall. Also mit Namen ist es wirk­lich schwie­rig. Ent­we­der man hat gleich einen Namen oder man hat ihn nicht, und dann sucht man ewig, und die­ses Hotel soll­te Hotel „Edenkoben” hei­ßen, ich weiß auch nicht, wie mir die­ser Name unter­lau­fen ist, das ist aller­dings ein Ort in der Pfalz, den es wirk­lich gibt: Edenkoben. Das war mir anfangs nicht so bewusst. Als mir dann die Lek­to­rin das sag­te, hab ich gedacht: ja, stimmt, klar, Edenkoben in der Pfalz. Und damit wäre die­ser Roman ver­or­tet gewe­sen, und das woll­te ich nicht. In exis­ten­zi­el­len Tex­ten mag ich es nicht, wenn das Gesche­hen zu sehr an einem Platz spielt, ich möch­te lie­ber, dass die Geschich­te eine all­um­span­nen­de Kraft bekommt, sozu­sa­gen etwas Arche­ty­pi­sches oder bes­ser All­ge­mein-Mensch­li­ches, etwas, das wirk­lich über­all spie­len könn­te, egal in wel­chem Kaff oder wel­cher Stadt, etwas, das alle Men­schen auf der gan­zen Welt angeht und betrifft. Und dann ist schlicht und ergrei­fend, muss ich sagen, aus Edenkoben Eden gewor­den. Und mir war das über­haupt nicht wich­tig, dass man das auch mit dem Para­dies gleich­set­zen könn­te. Das war nicht mei­ne Absicht, ich hät­te mir viel­leicht noch etwas ande­res über­le­gen sol­len, man führt damit den Leser ja so ein biss­chen in die fal­sche Rich­tung, aber es ist jetzt so.
Auch der Name Lynn ist zufäl­lig ent­stan­den. Sie soll­te zunächst Hill hei­ßen, Abkür­zung von Hil­la­ry, aber das klang nicht gut, auch wäre es schwer gewe­sen zu begrün­den, wes­halb die Mut­ter ihr einen eng­li­schen Namen gibt. So wur­de aus Hill Lynn. Auch hier ein unbe­wuss­ter Pro­zess: Lynn ist der Vor­na­me des Pro­du­zen­ten, der die Ver­fil­mung vom Leh­rer­zim­mer betreut. Und aus Lynn wur­de dann beim Schrei­ben „Lin­da”, die­ser Name ist genau der, den die Mut­ter im Zim­mer­mäd­chen, die ich vor Augen hat­te, Lynn gege­ben hätte.

SCHAU INS BLAU: Könn­te man Lynn auch als eine Art von Autorin bezeich­nen, die also eine Art von Autor­schaft lebt, indem sie ja an dem Leben der Ande­ren nicht nur par­ti­zi­piert und es aus­saugt, wie wir vor­hin schon bespro­chen haben, son­dern sich ja auch, wäh­rend sie unter dem Bett liegt oder die Zim­mer säu­bert, Geschich­ten aus­malt, also sich selbst Geschich­ten
erzählt, in einer Phan­ta­sie­welt lebt?

MARKUS ORTHS: Auf alle Fäl­le, das war auch wirk­lich ein Impuls beim Schrei­ben. Ich fra­ge mich immer, bevor ich los­le­ge: Was hat das alles mit mir zu tun? Was hat also die­se Lynn mit mir zu tun? Und ich sehe da sehr gro­ße Par­al­le­len im Akt des Unterm-Bett-Lie­gens. Am Schreib­tisch lie­ge ich auch irgend­wie unter dem Bett der Men­schen und hor­che auf das, was sie mir gesagt haben oder den­ke nach, erin­ne­re mich und krie­che in die Köp­fe von Ande­ren und fang natür­lich an, Geschich­ten zu spin­nen, zu ima­gi­nie­ren. Also um eben nicht in die­sem Rea­lis­mus zu ver­har­ren. Und so ähn­lich macht die Lynn das ja auch: oben ist qua­si der Rea­lis­mus, aber in ihrem Kopf spie­len sich oft ande­re Geschich­ten ab. Inso­fern ist die Kern­me­ta­pher des Buchs, das Unterm-Bett-Lie­gen, sicher­lich eine Alle­go­rie auf den Beruf des Schrift­stel­lers. Auch das Put­zen, die Text­be­ar­bei­tung, da sehe ich sehr gro­ße Par­al­le­len: Wenn man eine Roh­fas­sung des Tex­tes hat, dau­ert es ewig, ehe die­ser Text fer­tig geputzt, gekürzt, gestri­chen, ergänzt ist und so wei­ter ist. Also das sind zwei Parallelen.

SCHAU INS BLAU: Beim Stich­wort Alle­go­rie fällt mir natür­lich das alle­go­ri­sche Schrei­ben ein. Das hat mich natür­lich zum einen an Ben­ja­min erin­nert, aber eben auch die­ses Schrei­ben um Leer­stel­len her­um. Und zwei Fra­gen: ist Ihr eige­ner Schreib­pro­zess eben auch ein Schrei­ben um Leer­stel­len her­um, also um etwas zu beschrei­ben, was letzt­end­lich immer auch ein biss­chen in der Schwe­be gehal­ten wird, und wor­aus sich wie­der­um ein Ange­bot an den Leser ablei­tet, das eben auch wei­ter zu schrei­ben — also dass nicht nur die Figur Lynn, son­dern auch der Leser mit in die Autor­schaft ein­be­zo­gen wird?

MARKUS ORTHS: Auf alle Fäl­le, in der Lite­ra­tur sind Leer­stel­len ja eigent­lich mit das Wich­tigs­te. Wenn man den Leser zuschüt­tet mit Erklä­run­gen, Begrün­dun­gen, Kom­men­ta­ren, dann bleibt nichts mehr für den Leser übrig. Die Phan­ta­sie beim Lesen ent­steht ja erst durch Leer­stel­len. Für mich sind die schöns­ten Geschich­ten die, die dann anfan­gen, wenn sie auf­hö­ren. Das heißt: Der Film beginnt erst, wenn das Buch zu Ende ist, im Kopf des Lesers, und natür­lich auch zwi­schen­drin beim Lesen. Inso­fern bin ich eigent­lich kein gro­ßer Freund von Erklä­run­gen und Begrün­dun­gen und mag lie­ber das Ange­deu­te­te. Ich wür­de daher auch ungern von einem Psy­cho­gramm spre­chen. Psy­cho­gram­me haben den Cha­rak­ter des Abso­lu­ten: Ich weiß genau, wie ein sol­cher Mensch tickt, ken­ne sein Krank­heits­bild, erstel­le eine Dia­gno­se, ver­schrei­be eine The­ra­pie, weiß genau, was zu tun ist, und am Ende mache ich einen Strich, und unten bleibt kein Rest mehr übrig. So ist der Mensch zum Glück nicht. Jeder hat sein Geheim­nis, und es ist wich­tig, dass er es behält, bei allen Bemü­hun­gen, den Ande­ren zu ver­ste­hen. Mich inter­es­sie­ren aber genau die­se Geheim­nis­se, die­ses viel­leicht Uner­klär­ba­re, die Brü­che, die Abgrün­de, die Wider­sprü­che. Vie­le frag­ten mich: Ist Lynn Klep­to­ma­nin? Ist sie Zwangs­neu­ro­ti­ke­rin? Woher kommt ihre Beses­sen­heit? Ich sage: Sie ist ein Mensch, sie hat kei­nen Stem­pel auf der Stirn, sie steckt in kei­ner Schub­la­de, eine Zwangs­neu­ro­ti­ke­rin wür­de, wenn man einen Psy­cho­lo­gen frag­te, nie­mals frei­wil­lig aus der Rou­ti­ne aus­bre­chen und sich unters Bett legen. Lynn tut es. Sie ist ein Indi­vi­du­um, deren Brü­che und Ris­se wich­tig sind und sie zum Men­schen machen. Vie­les von dem, was sie tut, geschieht in der Über­trei­bung der Obses­si­on und Zwang­haf­tig­keit, gewiss, aber durch die­se Über­trei­bung kann es viel bes­ser gelin­gen, einen Blick auf unse­re eige­nen ver­steck­ten Brü­che und Ris­se zu werfen.

SCHAU INS BLAU: Die­se Beob­ach­ter­per­spek­ti­ve poten­ziert sich ja auch, indem Sie als Erzäh­ler eine Beob­ach­tung der Beob­ach­te­rin ein­neh­men und der Leser noch mal beob­ach­tet dann in der drit­ten Potenz qua­si. Ist dann die­se Beob­ach­ter­per­spek­ti­ve nicht auch eine Art der Alle­go­rie, indem sich dann die Leer­stel­le natür­lich auch potenziert?

MARKUS ORTHS: Was den Erzäh­ler betrifft: Man kann ja sagen, man hat eine per­so­na­le Erzähl­si­tua­ti­on, das heißt, man ist sehr nahe an Lynn dran. Man kriecht auch oft in ihren Kopf, und sie redet dann in der Ich-Per­spek­ti­ve, wenn man ihren Gedan­ken folgt. Und da gab es dann auch schon mal Stim­men, die gesagt haben, da mischt sich der Autor ein und gibt ihr so eine Art phi­lo­so­phi­schen Grund­ton, der nicht zu die­sem Zim­mer­mäd­chen passt. Da wür­de ich mas­siv wider­spre­chen. Wenn sie jetzt z.B. Hei­deg­ger oder Kant oder Fich­te oder Nietz­sche zitie­ren wür­de, wür­de ich schon sagen, das ist nicht authen­tisch. (Obwohl man auch da sagen könn­te: Wir wis­sen nicht, was sie vor­her gemacht hat. Viel­leicht war sie ja Stu­den­tin der Phi­lo­so­phie.) Aber was Lynn in dem Buch denkt, sind all­ge­mei­ne Gedan­ken, die ich jedem Men­schen prin­zi­pi­ell zuord­nen und zutrau­en wür­de. Es sind die gewöhn­li­chen exis­ten­zi­el­len Fra­gen, die sich jeder Mensch irgend­wann stellt. Und dann zu sagen, das traue ich einem Zim­mer­mäd­chen nicht zu, hal­te ich schon für sehr arro­gant, bis hin zu, ja, auch ein biss­chen men­schen­ver­ach­tend, denn war­um soll nicht ein Zim­mer­mäd­chen auch sol­che exis­ten­ti­el­len Gedan­ken haben?

SCHAU INS BLAU: In man­chen Rezen­sio­nen wur­de ihr Roman zum Teil auch als Novel­le gele­sen, was ja auch in vie­len Punk­ten zutrifft, wenn man z.B. die klas­si­schen Merk­ma­le anle­gen wür­de wie die ‚uner­hör­te Bege­ben­heit’ des sich Unters-Bett-Legens und ja doch auch die­sen sehr ein­strän­gi­gen nar­ra­ti­ven Raum, Herr Stei­nert hat in die­sem Zusam­men­hang von einem Kam­mer­spiel gespro­chen. Kann man Sie mit die­sem Text auch viel­leicht in die Tra­di­ti­on die­ser neu­en Novel­lis­tik um 2000 ein­ord­nen oder wür­den Sie dem widersprechen?

MARKUS ORTHS: Die Gat­tungs­be­zeich­nung ist eine heik­le Sache. Mir war schon klar, dass es jetzt in jeder Kri­tik hei­ßen wird, das wäre kein Roman. Dem kann man aber ent­ge­gen­hal­ten: Wer sagt eigent­lich, was ein Roman ist? War­um kann sich auch eine Gat­tung wie der Roman nicht auch mal wan­deln? Die Autoren kön­nen den Roman neu erfin­den oder defi­nie­ren. Es ist natür­lich ein Kurz­ro­man, und wenn ich, muss ich jetzt mal pole­misch sagen, jedes Fit­zel­chen, das mir irgend­wie ent­ge­gen schwebt, und jedes Blatt und jeden Schritt beschrei­be, dann kom­me ich auch auf tau­send Sei­ten. Es geht doch auch in einem Roman um Ver­dich­tung, dar­um, dass man die Sachen ver­knappt. Weil sonst auch jeg­li­che Span­nung ver­lo­ren­geht. Und wenn man sagt, ein Roman hat grö­ße­res Per­so­nal als das „Zim­mer­mäd­chen”, dann kann ich vie­le Roma­ne in der Lite­ra­tur­ge­schich­te auf­zäh­len mit weni­ge­ren Leu­ten. Und wenn man die Form anspricht: Es gibt einen Roman von Wolf Haas, der nur dia­lo­gisch ist, oder Der Kuss der Spin­nen­frau — nur Dia­log mit Fuß­no­ten. Ich wür­de also die­se Gat­tungs­be­zeich­nung nicht so eng fas­sen wie sie dann immer gemacht wird. Im Gegen­teil sehe ich die Gat­tung Erzäh­lung und Novel­le als viel enger und genau­er defi­niert, und da wür­de ich schon sagen, dass Das Zim­mer­mäd­chen doch letzt­lich auf kei­ne der Gat­tun­gen Erzäh­lung oder Novel­le zu 100% zutrifft.
And­rer­seits muss ich ehr­li­cher­wei­se auch zuge­ben, dass die Gat­tungs­be­zeich­nung auch ver­lags­po­li­ti­sche Grün­de hat. Erzäh­lun­gen ver­kau­fen sich nicht, das ist ein Fakt. Wenn da „Erzäh­lung” drauf steht, ist das Buch tot ver­kaufs­tech­nisch gese­hen, mit „Novel­le” kann auch kaum jemand was anfan­gen, und wenn da gar nichts drauf steht, fragt man sich auch, was soll denn das jetzt sein, so dass vie­le Ver­la­ge ganz knall­hart ein­fach „Roman” drauf schrei­ben, obwohl, das gebe ich zu, die­ses Buch im klas­si­schen Sin­ne kein Roman ist.
Aber das sind jetzt die zwei Sei­ten der Medail­le: man kann offen­siv sagen, der Roman ist im Wan­del oder ist eine sehr brei­te, dehn­ba­re Gat­tung, oder defen­siv kann man auch sagen, es ist ein­fach ein Ver­kaufs­ar­gu­ment. Ich möch­te ja, dass vie­le Men­schen das Buch lesen und davon in irgend­ei­ner Form berührt werden.

SCHAU INS BLAU: Was ja u.a. auch als wei­te­res cha­rak­te­ris­ti­sches Ele­ment für die­se Novel­len­tra­di­ti­on spre­chen wür­de, wäre ja eben die­ser Aspekt des Geschich­ten-Erfin­dens, also gera­de auch die Geschich­ten in der Geschich­te. Könn­te man dann sagen, dass in Ihren Augen, um dem Buch auch dies­be­züg­lich eine posi­ti­ve Kon­no­ta­ti­on mit­zu­ge­ben, in all die­ser Kom­mu­ni­ka­ti­ons­lo­sig­keit der Moment des Sich-Geschich­ten-Aus­ma­lens und Geschich­ten-Erfin­dens noch ein Moment ist in die­ser unstruk­tu­rier­ten unte­leo­lo­gi­schen Welt, Sinn zu stif­ten für sich selbst und viel­leicht sogar auch im Zusam­men­spiel mit dem Anderen?

MARKUS ORTHS: Da wür­de ich jetzt per­sön­lich für mich spre­chen, dass es in mei­nem Fall natür­lich zutrifft, dass ich mei­nen Lebens-Sinn in gro­ßen Tei­len aus die­sem Geschich­ten­er­zäh­len und Spin­nen und Fabu­lie­ren und Träu­men zie­he. Inso­fern ist da die­se Par­al­le­le sicher­lich auch gege­ben. Wie das jetzt bei ande­ren Men­schen aus­sieht, ist natür­lich sehr schwie­rig zu sagen.

SCHAU INS BLAU: Dann hof­fen wir, lie­ber Herr Orths, dass Sie noch viel Stoff zum Erzäh­len und Spin­nen und Fabu­lie­ren fin­den und wir, Ihre Leser, dadurch noch viel Anlass zum Träu­men haben wer­den.
Wir dan­ken Ihnen sehr herz­lich für die­ses Gespräch.

Mar­kus Orths wur­de 1969 in Vier­sen gebo­ren, stu­dier­te Lite­ra­tur­wis­sen­schaft und Phi­lo­so­phie und war als Leh­rer tätig, bevor er beschloss, sich auf das Schrei­ben zu kon­zen­trie­ren. Für sei­ne Erzäh­lun­gen wur­de er mit dem Moer­ser Lite­ra­tur­preis aus­ge­zeich­net und gewann den ‚Open Mike’, einen der wich­tigs­ten Lite­ra­tur­wett­be­wer­be für jun­ge Schrift­stel­ler. Für sei­nen Roman Cor­pus wur­de ihm der Mar­bur­ger Lite­ra­tur­preis (För­der­preis) ver­lie­hen. Neben zahl­rei­chen Sti­pen­di­en, u.a. des Lite­ra­ri­schen Col­lo­qui­ums Ber­lin, erhielt er zuletzt den För­der­preis des Lan­des NRW für jun­ge Künst­le­rin­nen und Künst­ler, den Lim­burg-Preis des Kunst­ver­eins Bad Dürk­heim sowie den Gol­de­nen Lor­beer für den bes­ten his­to­ri­schen Roman 2006. Für Erzäh­lun­gen aus Flucht­ver­su­che wur­de ihm 2006 das Hein­rich-Hei­ne-Sti­pen­di­um zuge­spro­chen. Mit Das Zim­mer­mäd­chen ver­öf­fent­lich­te er in die­sem Jahr sein sechs­tes Buch, das unter ande­rem bei den Tagen der deutsch­spra­chi­gen Lite­ra­tur 2008 in Kla­gen­furt mit dem Tele­kom-Aus­tria-Preis aus­ge­zeich­net wur­de. Mar­kus Orths lebt und arbei­tet in Karlsruhe.