Auf Rot

Auf Rot

von Michelle Mück

Glä­ser­klir­ren, Kla­vier­ge­klim­per, Pie­pen, Freu­den­schreie und Ent­täu­schungs­ru­fe erfüll­ten mei­ne Ohren, doch ich nahm sie kaum wahr, so ver­traut waren mir die Lau­te. Genau­so ver­traut wie der rote Tep­pich­bo­den, die extra­va­gan­ten, aber den­noch bil­lig wir­ken­den Lam­pen und gol­de­nen Säu­len. All das erin­ner­te mich an ein alt­mo­di­sches Kreuz­fahrt­schiff, zumin­dest wie ich es mir vor­stell­te – viel­leicht die Tita­nic. Wahr­schein­lich kam ich des­we­gen so gern her: weil es prunk­voll war. Ich fühl­te mich als wäre ich ein ande­rer, ein Rei­cher. Dass die gol­de­nen Rah­men der Spie­gel, die hohen Vasen, der Mar­mor­t­re­sen, das alles, nur Imi­ta­te waren, das stör­te mich nicht, ich blen­de­te es ein­fach aus und gab mich der Vor­stel­lung hin, einer zu sein, der es geschafft hat­te. Und ja, viel­leicht stimm­te das sogar schon bald.

Ich bin nicht dumm, ich wuss­te, dass das hier kei­ne gute Idee war, dass ich aller Wahr­schein­lich­keit nach ver­lie­ren wür­de. Aber heu­te hat­te ich ein gutes Gefühl. Immer wenn ich bis­her ver­lo­ren hat­te, hat­te ich davor ein schlech­tes Gefühl gehabt, hat­te ver­sucht es zu ver­drän­gen, und dann trotz­dem gespielt. Das war dumm gewe­sen. Aber heu­te: gutes Gefühl. For­tu­na schien wohl­wol­lend auf mich her­ab­zu­bli­cken, ja, mich sogar zu anzu­feu­ern. Fast glaub­te ich, ihre Hand statt der des Crou­piers am Rad zu sehen.

Und außer­dem war Rou­let­te ein Spiel, bei dem man gute Chan­cen hat­te: Schwarz oder Rot. So ein­fach konn­te man sei­nen Ein­satz ver­dop­peln. So ein­fach konn­te man sein Leben ändern. So ein­fach konn­te man den Vor­sprung, die­sen Rie­sen­vor­sprung, den alle ande­ren hat­ten und der immer und immer grö­ßer zu wer­den schien, wett machen. Inner­halb von Sekunden.

Mein Freund, Frank Woy­tasch, der hat­te aus­ge­sorgt. Der hat­te nicht nur die rich­ti­ge Far­be, son­dern auch noch die rich­ti­ge Zahl genannt. Und jetzt hieß es, nie wie­der arbei­ten. Natür­lich guck­te der mich nicht mal mehr mit dem Arsch an. Leu­te mit Geld eben.

Das Rad dreh­te und dreh­te sich unter mei­nem ange­spann­ten Blick: und hielt bei schwarz, ver­dammt. Kurz über­kam mich Panik, ein Blitz­schlag, der mei­ne Schä­del­de­cke traf und sich durch mei­nen gan­zen Kör­per fraß. Egal, ich hat­te noch was. Und das muss­te ich jetzt auch set­zen, denn Ele­na durf­te nicht mer­ken, dass das Geld weg war. Sie hat­te das Geld genau im Blick, kei­ner­lei Ver­trau­en in den eige­nen Mann. Ich muss­te zumin­dest wie­der das rein­ho­len, was ich eben ver­lo­ren hat­te. Aber am bes­ten mehr.

Ich bekräf­tig­te mei­nen Ent­schluss mit einem Nicken. Dies­mal wür­de es bestimmt klap­pen. Das war ja auch logisch: Irgend­wann muss­te rot kom­men. Ich leg­te also den nächs­ten Chip wie­der auf das rote Feld, das mich magisch anzu­leuch­ten schien. So ein klei­ner bil­li­ger sil­ber­ner Chip hat­te einen Wert von 10.000€. Ins­ge­samt hat­te ich drei von ihnen gehabt, jetzt war neben dem, der schon im Feld lag, nur noch einer übrig.

Ich hör­te Ele­nas mah­nen­de Stim­me in mei­nem Ohr, doch ein Gedan­ke ver­trieb sie sogleich: Was wird sie sagen, wenn ich gewon­nen habe? Vor mei­nem inne­ren Auge sah ich ihren ungläu­bi­gen Blick, wenn ich es ihr erzäh­len wür­de, ihre Augen, die sonst meist sor­gen­voll ver­engt waren, wären dann vol­ler Glanz und Freu­de, die sie nur mir verdankte.

Mit über­zo­ge­ner Stim­me und star­kem deut­schen Akzent rief der Crou­pier »rien ne va plus!« und warf die Kugel in das sich schon dre­hen­de Rad. Klap­pernd sprang sie über die Fel­der, hüpf­te von Rot zu Schwarz zu Schwarz zu Rot zu Grün. Dreh­te und dreh­te sich.

Als ich das Casi­no ver­ließ, waren mei­ne Hän­de pures Eis, und kal­tes Was­ser schien mir vom Haar­an­satz den Nacken hin­ab­zu­lau­fen. Mei­ne Ohren rausch­ten. Mei­ne Hän­de tas­te­ten nach einer Wand, denn ich hat­te das Gefühl, jeden Moment in Ohn­macht zu fal­len. So wie sich eben noch das Rad gedreht hat­te, ein Geschmier aus Rot und Schwarz, dreh­te sich nun auch alles ande­re vor mei­nen Augen. Oben war unten und unten oben, der Mond am Boden, die dre­cki­gen Pfüt­zen auf Beton in der Luft. Die Wand floss zwi­schen mei­nen Fin­gern und eine unkon­trol­lier­ba­re Übel­keit über­kam mich, die noch geför­dert wur­de durch den Gestank aus Aus­puff, Ziga­ret­ten­rauch und Urin, der mich umgab.

Wie­so hat­te die­se ver­damm­te Kugel nicht noch ein Feld wei­ter rol­len kön­nen. War­um hat­te sie sich die­ses scheiß Feld aus­ge­sucht, um ein­zu­ras­ten. Ich fühl­te mich betro­gen. Von der Kugel. Von For­tu­na. Und vom Leben.

Ein­mal im Leben hät­te ich ein biss­chen Glück gebraucht. Nein nicht Glück: Logik. Aber nein, weit und breit kein Glück und kei­ne Logik. Nicht in mei­nem Leben. Nur bei den anderen.

Fickt euch.

Ich schlug den Kopf gegen die halt­brin­gen­de Wand. Das Rau­schen in mei­nen Ohren ver­stärk­te sich und mein Kopf dröhn­te, doch nun zog immer­hin der Schmerz, der mir die Brust zuschnür­te, wei­ter in mei­nen Kopf. Als ich die­se hel­fen­de Maß­nah­me also sogleich noch ein­mal wie­der­ho­len woll­te, hör­te ich eine amü­sier­te Stim­me hin­ter mir: „Ent­schul­di­gen Sie?“.

Ich fuhr her­um und blick­te einem jun­gen Mann in die dunk­len Augen, die aus eini­ger Höhe auf mich gerich­tet waren. Es irri­tier­te mich, wie weit er von mir ent­fernt stand: die Wor­te hat­ten so geklun­gen, als hät­te er sie direkt in mei­ne rau­schen­den Ohren gesprochen.

Der Mann trug einen schi­cken dun­kel­blau­en Anzug, der sich so per­fekt an sei­nen mage­ren Kör­per schmieg­te, als wäre er mit ihm auf die Welt gekom­men. Eine etwas zu lan­ge Nase, die eine dunk­le Horn­bril­le trug, und ein schma­ler, zu einem Lächeln ver­zo­ge­ner Mund saßen in einem hage­ren, von dunk­len Locken gerahm­ten Gesicht. Sei­ne Erschei­nung hat­te etwas Femi­ni­nes. »Kann man Ihnen vielleicht…helfen?« Ich hat­te den star­ken Impuls, auf den Mann los­zu­ge­hen, ihn anzu­schrei­en: Die­ser Ton … Es lag so ein Spott dar­in, und selbst wenn der Mann ehr­lich besorgt wäre: Wie soll­te er mir hel­fen kön­nen? Wie soll­te er mich ver­ste­hen, die­ser Mann, der alles hat­te, einen teu­ren Anzug, wahr­schein­lich ein Wahn­sinns­au­to, ein Wahn­sinns­haus, ein Wahn­sinns­le­ben. Und all das war ihm wahr­schein­lich in die Wie­ge gelegt wor­den, denn er war viel zu jung, um sich selbst ein Ver­mö­gen auf­ge­baut haben zu kön­nen. Und trotz­dem stand er hier und spottete.

Ich schluck­te die auf­kei­men­de Wut her­un­ter und stieß ein Nein her­vor, bevor ich mich wie­der der Wand zudreh­te, auf der ein klei­ner glit­zern­der dunk­ler Fleck erklär­te, was mir gera­de in die Augen rann.

»Ich den­ke schon.« Der Mann fass­te mir an die Schul­ter und ich fuhr erneut her­um und sah ihm jetzt, leicht tau­melnd von der schnel­len Bewe­gung, direkt in die Augen. „Ach ja, und wie, bit­te, wie wol­len Sie mir hel­fen?“ Sein amü­sier­tes Lächeln schwand nicht, son­dern wur­de eher noch grö­ßer. Es schien ihm rie­si­ge Freu­de zu berei­ten, wie ich litt und immer mehr außer mich geriet. Die Wut dar­über bil­de­te einen Pfrop­fen in mei­nem Hals, der kaum Luft, geschwei­ge denn Wor­te, hindurchließ.

»Ich ver­spre­che, ich kann Ihnen hel­fen«, sag­te der Mann ganz lang­sam, als wäre ich schwer von Begriff.

Immer wie­der schluck­te ich, dann schließ­lich, eher vol­ler Ver­zweif­lung als mit dem Hass, den ich eigent­lich in mei­ne Stim­me hat­te legen wol­len, stieß ich her­vor: »Und wie?«

Der Mann kicher­te kind­lich und leck­te sich über sei­ne Lip­pen, was mir einen Schau­er des Ekels über den Nacken jag­te. »Sie brau­chen Geld.«

Ein mul­mi­ges Gefühl über­kam mich. Man muss­te kein Hell­se­her sein, um zu wis­sen, dass ein ver­zwei­fel­ter Mann vor einem Casi­no in Geld­not steck­te. Aber was woll­te der Mann dafür? Er sah ganz sicher nicht aus wie ein Samariter.

Aber ich nick­te stumm.

»Wie viel?«, frag­ten die schma­len Lippen.

»Fünf­zig­tau­send«, log ich, denn eigent­lich hat­te ich ja nur drei­ßig ver­lo­ren, konn­te aber auch fünf­zig gut brau­chen und schließ­lich war ich ja heu­te hier gewe­sen, um das Geld mehr wer­den zu lassen.

»Nur? Die krie­gen Sie.« Dün­ne Fin­ger zogen einen Scheck und einen Stift aus der Anzug­ta­sche und füll­ten ihn an der Wand aus, direkt auf mei­nem glit­zern­den Fleck. Ich starr­te den Mann an. Noch immer fühl­te ich eine dump­fe Wut, eine läh­men­de Ver­zweif­lung, aber kei­nen Anflug von Dank­bar­keit, ich emp­fand nur Ver­wun­de­rung. Zum einen, weil die­ser Mann mir ein­fach so die­ses gan­ze Geld geben woll­te. Zum ande­ren wegen des Schecks: Wer zahl­te denn so? Das kann­te ich höchs­tens aus ame­ri­ka­ni­schen Fil­men und viel­leicht aus tief ver­gra­be­nen Kindheitserinnerungen.

Der Mann hielt mir lächelnd den wert­vol­len Papier­fet­zen hin. Ich zöger­te, streck­te die Hand aus und zog sie dann doch wie­der zurück: Wahr­schein­lich war das alles ein Scherz und der Scheck funk­tio­nier­te über­haupt nicht. Oder es war nichts dar­auf außer einer ordi­nä­ren Zeich­nung oder etwas Ähnlichem.

»Los, neh­men Sie ihn schon!« Die dunk­len Augen leuch­te­ten begie­rig. Wie­der zuck­te die Zun­gen­spit­ze über sei­ne Lippen.

Zöger­lich nahm ich den Scheck. „Was … was muss ich dafür tun?“, frag­te ich lang­sam, als ich den Scheck vor­sich­tig und mit spit­zen Fin­gern ent­ge­gen­nahm. Ich inspi­zier­te ihn aus­gie­big. Hell­ro­te Fle­cken spren­kel­ten das dün­ne Papier. Ich wuss­te nicht genau, wie so etwas aus­zu­se­hen hat­te, aber alle Fel­der waren aus­ge­füllt, er war unter­schrie­ben und da stand sie, die Zahl 50 000. Da durch­fuhr mich wie­der ein klei­ner Strom­schlag. Das Feld ganz unten for­der­te die Nen­nung eines Emp­fän­gers. Hier stand Jan Kowin­ski. Mein Name, ja, das war mein Name. Ich starr­te in das hage­re Gesicht des Man­nes, der mich wei­ter­hin amü­siert mus­ter­te. Mir wur­de flau im Magen. Was ging hier vor sich?

»Nichts.« Die dün­nen amü­sier­ten Lip­pen zogen sich zurück und der Mann zeig­te vie­le klei­ne Zäh­ne. Doch ich war ein­fach nur froh, dass er die Zun­ge für ein paar Augen­bli­cke in sei­nem Mund behielt.

Nie­mand schenk­te einem Frem­den die­se Men­ge an Geld. Ich fuhr mir ner­vös über den Haar­an­satz. Schon wie­der sam­mel­te sich dort der Schweiß.

»Bis wann habe ich Zeit? Ich brau­che ein wenig, um das zusam­men zu bekom­men.« Mein Blick husch­te über mei­ne Schul­ter zum Casi­no, das hin­ter mir thronte.

»Denk nicht mal dran. Außer­dem will ich das Geld nicht zurück – das gehört dir.« Er kniff die Augen zusam­men, das soll­te wohl sym­pa­thisch wir­ken, doch in Kom­bi­na­ti­on mit die­sem Lächeln war rein gar nichts sym­pa­thisch. »Also.« Er streck­te mir eine Hand ent­ge­gen, an der die Fin­ger­nä­gel deut­lich zu lang waren, was in schar­fem Kon­trast zu sei­nem sonst so gepfleg­ten Äuße­ren stand. »Haben wir einen Deal?«

Bevor ich wei­ter dar­über nach­den­ken konn­te, schlug ich mit dem Mann ein. Der Hän­de­druck war fest und eisig, doch das konn­te auch an mei­nen noch immer kal­ten Hän­den lie­gen. Wäh­rend der Mann mei­ne Hand fest­hielt, began­nen sei­ne Augen zu schim­mern und sei­ne Zun­ge zuck­te erneut über die Lip­pen. Ich woll­te nichts mehr, als mich los­zu­rei­ßen, weg­zu­kom­men von die­sem Mann, von die­sem Ort und die­ser Situa­ti­on. Ruck­ar­tig ent­wand ich mei­ne Hand sei­nem Griff und schnapp­te vor Schmerz nach Luft. Es fühl­te sich an, als hät­te ich mei­ne Hand über ein Rasier­mes­ser gezo­gen und als ich auf sie her­ab­blick­te, sah ich eini­ge Blut­trop­fen in sat­tem Rot aus der Han­din­nen­flä­che quellen.

»Ach, das tut mir leid«, der Mann zog die Mund­win­kel her­ab, doch sie schnell­ten gleich wie­der zurück, »ich bräuch­te drin­gend mal wie­der eine Mani­kü­re.« Er sah auf sei­ne eige­ne dür­re Hand, an der eben­falls Blut kleb­te, und inspi­zier­te es so aus­gie­big, dass ich für einen Moment dach­te, er wür­de es able­cken wol­len. Doch dann wand­te sich sein Blick wie­der mir zu. »Guten Abend, Herr Kowin­ski«, sag­te er und ging.

Was hat­te ich getan

Der Gedan­ke kreis­te auf dem Weg vom Casi­no nach Hau­se in mei­nem Kopf, schrie in mei­nem Kopf, kämpf­te dar­um, mich umdre­hen und alles rück­gän­gig machen zu las­sen. Doch was soll­te das brin­gen? So oder so war die­ser Mann wahr­schein­lich längst ver­schwun­den und ich hat­te kei­ne Ahnung, wo ich ihn fin­den könnte.

Doch, was mich vor allem dar­an hin­der­te, war, dass das alles, der Ver­lust unse­rer gesam­ten Erspar­nis­se, der Mann, der Scheck, die Ängs­te um Ele­na, so wirk­te, als wäre es nicht erst eben pas­siert, son­dern als läge es sehr weit zurück oder als wären die Din­ge nicht mir pas­siert, son­dern einem Frem­den, einem armen Sack, der mir das alles nur am Tre­sen einer Bar über einem Bier gebeugt erzählt hat­te oder doch mir, aber dann nur in einem Traum, den ich schon fast wie­der ver­ges­sen hat­te und bei dem es mir nur noch bruch­stück­haft gelang, ihn wie­der zusam­men­zu­set­zen. Das führ­te dazu, dass ich es nicht schaff­te, die Situa­ti­on ernst zu neh­men und die einen kla­ren Gedan­ken zu fas­sen, was jetzt zu tun sei.

Ich fuhr nicht direkt heim, son­dern einen unnö­tig lan­gen Weg, denn nor­ma­ler­wei­se gelang es mir so, mich zu beru­hi­gen. Doch in mei­nem Kopf wur­de es immer wir­rer und düs­te­rer. Es half nichts: Ich muss­te nach Hause.

Als ich dann end­lich dort ankam und zu Ele­na ins Bett stieg, über­kam mich uner­war­tet die lang ersehn­te Ruhe und all die kon­fu­sen, schrei­en­den Gedan­ken stopp­ten mit einem Mal; alles wür­de gut wer­den. Wir hat­ten ein Hap­py End ver­dient und wir wür­den ein Hap­py End bekom­men. Dafür wür­de ich ab jetzt sorgen.

Ich strei­chel­te Ele­na sanft über die Wan­ge, eine blon­de Sträh­ne hat­te sich aus dem knub­be­li­gen Dutt auf ihrem Kopf gestoh­len und lag ihr im Gesicht. Wäre sie wach wür­de sie das stö­ren, doch wenn sie schlief, schlief sie wie ein Stein. Dar­um hat­te ich sie schon immer benei­det. Wäh­rend ich sie ansah, fiel ich in einen Schlaf, der domi­niert wur­de von einer lan­gen Gestalt, einer zucken­den Zun­ge und lan­gen Klau­en statt Händen.

Ich wach­te auf und merk­te, dass mei­ne Hand kleb­te. Als ich dann auch noch ein Bren­nen an der Han­din­nen­flä­che bemerk­te, setz­te mein noch vom Schlaf wir­res Gehirn das Puz­zle zusam­men: Der Schnitt, der Mann, Blut an mei­ner Hand, das kleb­te. Doch es kleb­te nicht nur die Han­din­nen­flä­che, wo der Schnitt war, son­dern auch die ein­zel­nen Fin­ger, die ich jetzt anein­an­der rieb; ja, selbst mein Unter­arm kleb­te. Ich öff­ne­te die Augen, die ich bis­her noch vor dem mor­gend­li­chen Son­nen­licht, das hell durch das offe­ne Fens­ter fiel, mit geschlos­se­nen Lidern hat­te schüt­zen wol­len. Doch jetzt öff­ne­te ich sie erst einen Spalt, dann riss ich sie auf, und gleich dar­auf auch mei­nen Mund und schrie.

Ele­nas gesam­te unte­re Sei­te des Bet­tes bedeck­te eine Blut­la­che, ein roter Teich auf dem wei­ßen Lacken.

„Ele­na! Ele­na!“ Schrie ich immer wie­der panisch, und da kam sie aus dem Bad gerannt und sah mich ent­geis­tert an.

Doch ihr Anblick beru­hig­te mich nicht, ganz im Gegen­teil. Denn ihr Nacht­hemd war eben­so blu­tig wie das Laken, ab ihrem Schritt war es hell­rot statt babyblau.

Jetzt heul­te ich auf, denn ich begriff: Das Baby, das Baby war fort. Ich ver­grub mein Gesicht in mei­nen Hän­den und schluchz­te halt­los. Ele­na kam auf mich zu und riss mir die Hän­de vom Gesicht,

„Jan, was ist bit­te los? Du machst mir total Angst.“

Ich sah nach oben, erst in ihr Gesicht und dann an ihr hin­ab: baby­blau und nicht rot war der Stoff ihres Nachthemds.

„Was? Ich… ich habe kei­ne Ahnung“ Stam­mel­te ich und ver­such­te mich zu beru­hi­gen, doch mein Atem ging stoß­wei­se und mein Herz schlug so schnell und laut, dass ich jeden ein­zel­nen Schlag in mei­nem Kopf hör­te. Ich strich über das wei­ße Laken. „Ich ver­lie­re wohl mei­nen Verstand.“

Die Gedan­ken an den Mor­gen domi­nier­ten mei­nen Tag. Dazu kam mei­ne Hand, die dumpf vor sich hin poch­te; nicht so schmerz­haft, dass es mir ernst­li­che Sor­gen gemacht hät­te, aber doch beun­ru­hi­gend und ner­vend. Das pene­tran­te Pochen erin­ner­te mich auch per­ma­nent an den Scheck, der sich noch in mei­ner Jacken­ta­sche befand. Einer­seits woll­te ich nichts mehr, als zur Bank und ihn end­lich ein­lö­sen, ande­rer­seits wür­de dann die letz­te Hoff­nung plat­zen und ich wäre damit kon­fron­tiert, dass wir mit nichts, rein gar nichts da stan­den. Ele­na über­nahm die Ent­schei­dung für mich: besorgt wegen mei­nes mor­gend­li­chen Auf­tritts streif­te sie den gan­zen Tag um mich her­um und erst am Nach­mit­tag nutz­te ich ihren Frau­en­arzt­ter­min, um ihrer Wacht zu entkommen.

Sobald sie durch die Tür war, lief ich zur Kom­mo­de im Schlaf­zim­mer, auf der ich mei­ne Jacke ges­tern abge­legt hat­te, und tat­säch­lich, da in der Tasche war der Scheck. Es war also tat­säch­lich pas­siert. Wie­der betrach­te­te ich ihn eine Wei­le, dann pack­te ich ihn sorg­sam zurück in die Tasche der Jacke und zog sie an. Dann fuhr ich zur Bank mit einem ungu­ten Gefühl, das von mei­ner lin­ken Jacken­ta­sche aus­zu­ge­hen schien. In mei­nem Kopf spiel­ten sich unan­ge­neh­me Sze­nen ab: Wie die Bank­mit­ar­bei­te­rin mir mit­teil­te, dass der Scheck ungül­tig sei, wie Ele­na anhand der Bank­ab­rech­nung erkann­te, was ich getan hat­te, wie wir uns furcht­bar des­we­gen strit­ten, sie mir alles vor­warf, was ich jemals falsch gemacht hat­te (vie­le Din­ge) und was sie alles für mich getan hat­te (hier wür­de sie maß­los über­trei­ben), und wie sie mich ver­ließ, für immer. Von vorn: Wie­der Bank­ar­bei­te­rin, Bank­ab­rech­nung, Ele­na bemerkt es, Streit, Auszug.

Die Schlei­fe in mei­nem Kopf hielt abrupt an, als ich am Bank­tre­sen ange­kom­men war und vor der hüb­schen, jun­gen Bank­kauf­frau stand, die der aus mei­nem Kopf­ki­no über­ra­schend ähn­lich sah. Sie nahm den Scheck offen­her­zig lächelnd ent­ge­gen – dabei ver­such­te sie ein­deu­tig die Blut­fle­cken auf dem Papier zu igno­rie­ren, doch ihr Gesicht ent­gleis­te kurz zu einem leicht ange­ekel­ten Blick – tipp­te ein paar Daten in ihren PC ein und frag­te mich, ob ich das Geld aus­ge­zahlt haben wol­le oder auf mein Kon­to über­wie­sen. Ver­dat­tert sah ich sie an, ich spür­te sogar, dass mein Mund dabei dümm­lich und kli­schee­haft offen­stand, wie bei einem Fisch. Dann fass­te ich mich und ant­wor­te­te ihr, dass das Geld bit­te aufs Kon­to gehen soll­te, da wo Ele­na es ja auch wei­ter­hin ver­mu­te­te. Wenn sie dann bemer­ken wür­de, dass es aus- und wie­der ein­ge­zahlt wor­den war, sogar 10.000 € mehr – und ja, wie soll­te sie das auch nicht bemer­ken – wür­de ich ihr wohl oder übel sagen müs­sen, dass ich wie­der­ge­spielt hat­te. Sie wür­de dar­über nicht son­der­lich glück­lich sein, aber auch nicht son­der­lich ver­är­gert, weil es ja mehr und nicht weni­ger gewor­den war, und sich rela­tiv leicht besänf­ti­gen las­sen. Aber das Thea­ter konn­te warten.

Der Abend, an dem ich zuerst mei­ne Fami­lie ver­lo­ren und dann auf wun­der­sa­me Wei­se wie­der­be­kom­men hat­te, schien mir jetzt, da alle Kon­se­quen­zen aus­ge­bü­gelt waren und der Scheck end­lich ver­schwun­den war, noch ent­fern­ter. Auch wenn ich es ver­su­chen wür­de – was ich nicht woll­te, denn es über­kam mich dabei ein Unwohl­sein, das ich nicht erklä­ren konn­te – ich konn­te mich nicht mehr an den Mann als Gan­zes erin­nern. Wohl hat­te ich noch Ein­zel­hei­ten im Kopf (lan­ge Nägel, Locken, Anzug, Bril­le, dün­ne Lip­pen und grü­ne, nein brau­ne? Augen) aber sie woll­ten sich nicht mehr zu einem Mann ver­bin­den und eine nach der ande­ren wichen auch sie mir aus dem Gedächt­nis, bis nichts mehr von ihm übrig war.

Eines nachts weck­te mich Ele­na dann: Sie habe Wehen, wir müss­ten ins Kran­ken­haus. Has­tig schnapp­te ich mir ihre wich­tigs­ten Sachen – es waren eigent­lich noch zwei Wochen bis zum ange­setz­ten Ter­min und so hat­ten wir bis­her noch kei­ne Tasche gepackt. Ele­na wech­sel­te auf der Fahrt immer wie­der zwi­schen freu­di­gem Lachen und Schmer­zens­lau­ten und auch ich schwank­te eben­falls zwi­schen ängst­li­cher Auf­re­gung und eupho­ri­scher Erwartung.

Ich konn­te es nicht fas­sen: Gleich wür­de ich sie ken­nen­ler­nen, mei­ne Toch­ter, eine Mischung aus Ele­na und mir, der Mensch, der mir für immer am meis­ten bedeu­ten wür­de, für den ich alles geben wer­de. Die ich trös­ten wer­de, der ich Bad­min­ton zei­gen wür­de, deren Freun­de ich ver­grau­len wür­de, wenn sie mir nicht pass­ten, und die ich zum Altar brin­gen wür­de, wenn sie dann doch einen fand, der ihrer wür­dig war, die mich lie­ben wür­de, egal was war, denn ich war ihr Vater.

Zwei Stun­den spä­ter schon hat­te ich sie dann im Arm – Maria – und Ele­na beob­ach­te­te uns mild lächelnd, wäh­rend ich dem win­zi­gen stram­peln­den Ding unter Trä­nen ver­kün­de­te, was es mir bedeu­te­te und es genau das sei, was ich gebraucht hät­te, um mich zu ändern. Wäh­rend Ele­na kurz dar­auf ein­schlief, hielt ich mei­ne Toch­ter die gan­ze rest­li­che Nacht im Arm und wach­te über ihr.

Plötz­lich waren in mei­nem Leben alle Ampeln auf grün gesprun­gen. Die Sträh­ne, die ich mir im Casi­no immer gewünscht, aber nie gehabt hat­te, bekam ich dafür jetzt im ech­ten Leben. Alles, was wir angin­gen, klapp­te: wir beka­men den Kre­dit fürs Haus, in mei­nem Job lief es und ich wur­de zum Bau­auf­se­her befördert.

Und Maria: Maria war ein Son­nen­schein, jeder sag­te uns, dass sie das süßes­te und klügs­te Kind sei, dass sie je getrof­fen hät­ten und ja, das war das, was man allen frisch­ge­ba­cke­nen Eltern immer sag­te, doch ich war mir sicher, dass das in die­sem Fall auch stimm­te. Sie war außer­ge­wöhn­lich, in allen Berei­chen.  Doch am stol­zes­ten war ich dar­auf, dass ich ihr Lieb­ling war. Klar, Ele­na hat­te die Milch, aber trotz­dem: mich hat­te sie lieber.

Wir ver­stan­den uns auf einer Ebe­ne, mit der ich mich mit kei­nem erwach­se­nen Men­schen ver­stand. Noch kei­ne drei Jah­re war sie und trotz­dem hat­te sie einen bes­se­ren Humor als die aller­meis­ten. Jeden Nach­mit­tag sah ich mit ihr ihre Lieb­lings­se­rie, in der Feen auf eine Aka­de­mie gin­gen, auf der sie ver­schie­de­ne Feen­küns­te lern­ten, jeden Abend las ich ihr vor, wäh­rend sie in mei­nem Arm lag, und wenn sie einen Alb­traum hat­te, hielt ich sie, bis sich ihr Wei­nen in sanf­te schnau­ben­de Schlaf­ge­räu­sche verwandelte.

Und da war er schon, ihr drit­ter Geburts­tag, ich konn­te es nicht fas­sen. Ich und Ele­na woll­ten erst­ma­lig eine rich­ti­ge Fei­er für sie machen, zum einen, weil das Haus und der Gar­ten nun auch vor­zeig­bar waren – mehr als vor­zeig­bar tat­säch­lich, wir hat­ten uns ein klei­nes Para­dies geschaf­fen – und zum ande­ren, weil wir in einem Eltern­rat­ge­ber gele­sen hat­ten, dass Kin­der in die­sem Alter anfin­gen, Erin­ne­run­gen zu sam­meln, die dann auch ein Leben lang blie­ben: die Fei­er wür­de sich also jetzt auch lohnen.

Also besorg­te ich Luft­bal­lons und sogar eine klei­ne Hüpf­burg, Ele­na buk eine Scho­ko-Bana­nen-Tor­te, wir luden befreun­de­te Eltern mit ihren Spröss­lin­gen ein und besorg­ten sogar einen Clown. Ich konn­te es gar nicht glau­ben, aber die Vor­be­rei­tun­gen mach­ten mir einen rie­si­gen Spaß und ich konn­te den 15. Mai gar nicht erwar­ten: die Augen, die Maria machen wür­de, wenn sie all das sah, was ich als Kind nie gehabt hat­te. Jeden Abend, wenn ich sie ins Bett brach­te, frag­te sie auf­ge­regt, wie vie­le Tage es noch bis dahin waren, wie vie­le Stun­den, wie vie­le Minuten

Dann war der Mai­tag gekom­men. Kin­der mit scho­ko­um­ran­de­ten Mund wusel­ten um mei­ne Bei­ne, freu­den­vol­le Schreie hall­ten aus der Hüpf­burg und der Clown ver­teil­te Pudel aus Bal­lons, die den Boden zu fül­len began­nen. Alles war per­fekt, wobei Ele­na noch Angst gehabt hat­te, es könn­te zu kalt für eine Gar­ten­par­ty sein. Aber jetzt schien die Son­ne und ließ alles bunt erstrah­len. Der Spaß der Kin­der erfüll­te die Luft. Ich hat­te ein dümm­li­ches Lächeln auf den Lip­pen, das ich gar nicht mehr weg bekam. Mein Herz war zum Bers­ten gefüllt mit Lie­be und Freu­de, wäh­rend ich mei­ne klei­ne Toch­ter beob­ach­te­te, die schö­ne Erin­ne­run­gen sam­mel­te und immer wie­der in halt­lo­ses Geläch­ter aus­brach. Sie trug ein gel­bes Prin­zes­si­nen­kleid und ein Dia­dem, denn heu­te war ihr Tag und das soll­ten ruhig alle wissen.

Der Clown führ­te nun eine klei­ne Zau­ber­show auf und bat um eine Assis­ten­tin. Wild fuch­tel­te Maria mit den Armen und schrie lau­ter als alle ande­ren Kin­der, die auch woll­ten. Ich stand mit den ande­ren Eltern in der hin­ters­ten Rei­he, ein zwei­tes Stück Tor­te auf dem Tel­ler, und lach­te laut über den Elan, den mei­ne Toch­ter zeigte.

„Na schön Prin­zes­sin, dann darfst du mir heu­te behilf­lich sein!“ rief der Clown und nahm ihre klei­ne Hand in sei­ne. „Was für ein schö­nes Dia­dem du hast. Ist das teu­er gewesen?“

Maria nick­te nur schüch­tern und fass­te sich in die geschmück­ten Haa­re; jetzt schien sie doch ein wenig auf­ge­regt zu sein.

„Kei­ne Angst dei­ne Auf­ga­be ist gar nicht schwer, Liebes.“

Er deu­te­te auf eine gro­ße Box aus rotem Sand mit einem schwar­zen Stern darauf.

„Mit Hil­fe die­ser Box kann ich Din­ge ver­schwin­den las­sen! Glaubst du mir das?“

Noch immer etwas scheu schüt­tel­te Maria den Kopf und lach­te dem Clown freund­lich ent­ge­gen. Auch aus den Rei­hen der Kin­der kamen lau­te „Nein!“ Schreie und lau­tes Lachen.

„Nicht? Na, dann wer­de ich es euch zeigen!“

Der Clown führ­te Maria zur Box, die ihren Gäs­ten noch ein­mal freu­dig wink­te, bevor sie durch die vom Clown auf­ge­hal­te­ne Tür in die Box stieg und artig war­te­te, bis die­ser sie wie­der schloss.

Wild ges­ti­ku­lier­te der Clown vor der Box mit den behand­schuh­ten Hän­den und sag­te einen Satz in einer unver­ständ­li­chen und lus­tig klin­gen­den Spra­che auf. Die Kin­der kreisch­ten vor Freude.

Dann trat er wie­der auf die Box zu und wäh­rend er lang­sam sei­ne dün­ne Hand aus­streck­te, um sie zu öff­nen, sah er mir direkt in die Augen. Und leck­te sich flink über die Lippen.

Michel­le Mück, gebo­ren 1997 in Bam­berg, hat 2022 ihr Mas­ter­stu­di­um der neue­ren deut­schen Lite­ra­tur an der Otto-Fried­rich-Uni­ver­si­tät Bam­berg abge­schlos­sen. Zur­zeit arbei­tet sie als Fach­re­dak­teu­rin in einem Fach­buch­ver­lag in Kulm­bach, wohnt jedoch noch immer in ihrer Geburts­stadt. Am liebs­ten schreibt sie Kurz­ge­schich­ten aus dem Gen­re Hor­ror. Ihr Lieb­lings­au­tor ist – sur­pri­se, sur­pri­se – Ste­phen King. Wei­te­re lite­ra­ri­sche Vor­bil­der sind Dani­el Kehl­mann und Franz Kaf­ka. Neben dem Schrei­ben und der Arbeit liest sie ger­ne deren Bücher, ver­bringt Zeit mit ihrem Hund, wan­dert oder schaut Hor­ror­fil­me. An die­sen liebt sie vor allem das Uner­war­te­te, Span­nen­de und Ver­stö­ren­de – Ele­men­te, die sie auch in ihren Geschich­ten umzu­set­zen versucht.