Der Fluss, über den der Fährmann fährt, ist die Sprache

Der Fluss, über den der Fährmann fährt, ist die Sprache

von Mir­jam Pressler

Jeder, der mit Spra­che zu tun hat, vor allem jeder, der meint, Über­set­zen sei ja eigent­lich ganz ein­fach, wenn man über den ent­spre­chen­den Wort­schatz in einer Fremd­spra­che ver­fügt, soll­te noch ein­mal lesen, was Mark Twain über die schreck­li­che deut­sche Spra­che geschrie­ben hat: “Bestimmt gibt es kei­ne ande­re Spra­che, die so unge­ord­net und unsys­te­ma­tisch, so schlüpf­rig und unfass­bar ist; man treibt völ­lig hilf­los in ihr umher, hier­hin und dahin; und wenn man schließ­lich glaubt, man hät­te eine Regel erwischt, die fes­ten Boden böte, auf dem man inmit­ten der all­ge­mei­nen Unru­he und Rase­rei aus­ru­hen kön­ne, blät­tert man um und liest: “Der Schü­ler beach­te sorg­fäl­tig fol­gen­de Aus­nah­men.” Man lässt das Auge dar­über glei­ten und ent­deckt, dass es mehr Aus­nah­men als Bei­spie­le für die Regel gibt!” Natür­lich geht es hier um das Erler­nen der deut­schen Spra­che, aber es ist nun ein­mal sie, in die wir über­set­zen müs­sen. Und ehr­lich gesagt, ich kann mir wirk­lich kei­nen Beruf vor­stel­len, bei dem der Boden unter den Füßen des Aus­üben­den schwan­ken­der und schlüpf­ri­ger ist, als den des Über­set­zers. Aber, um beim Bild des Unter­grunds zu blei­ben: Schon mei­ne Oma hat immer gesagt, wenn es dem Esel zu wohl ist, geht er aufs Eis tan­zen. Und viel­leicht fühlt er, der Über­set­zer, sich ja auch wohl auf dem schwan­ken­den, schlüpf­ri­gen Unter­grund, viel­leicht gibt ihm das ja den Kick, den er braucht? “Was, Sie sind Über­set­ze­rin? Aus wel­cher Spra­che?”, wer­de ich oft gefragt, und wenn ich dann sage, “vor­wie­gend aus dem Nie­der­län­di­schen und Hebräi­schen”, ver­zie­hen sich die Gesich­ter, die Augen­brau­en heben sich, auf der Stirn erschei­nen Run­zeln, die Lip­pen run­den sich zu einem erstaun­ten “Oh” oder die Mund­win­kel gehen nach unten und ich bekom­me ein bla­sier­tes “Ach, wirk­lich? Inter­es­sant.” zu hören. Als gäbe es in die­sen Spra­chen kei­ne Lite­ra­tu­ren. Meist füge ich dann schnell hin­zu, dass ich auch schon eine gan­ze Rei­he Bücher aus dem Eng­li­schen über­setzt habe. Dann kann ich sicher sein, dass sich die Gesichts­zü­ge mei­nes Gegen­übers ent­span­nen, das bla­sier­te Erstau­nen weicht erleich­ter­tem Spott, und ich bekom­me zu hören, wie vie­le schlech­te Über­set­zun­gen aus dem Eng­li­schen man bereits gele­sen habe, wirk­lich, heut­zu­ta­ge traue sich offen­bar jeder Idi­ot, zu über­set­zen, wenn er nur drei Jah­re Eng­lisch in der Berufs­schu­le gelernt habe, ha-ha. Und wie vie­le Angli­zis­men man selbst schon ent­deckt habe, für “they roun­ded the cor­ner …” stand da doch tat­säch­lich, “sie run­de­ten die Ecke …”, ha-ha, da zie­he man es doch vor, die Bücher im Ori­gi­nal zu lesen, statt sich sol­chen Unfug bie­ten zu las­sen, beim Ori­gi­nal wis­se man wenigs­tens, was man habe. Das selbst­ge­fäl­li­ge, amü­sier­te Kichern mei­nes Gegen­übers zeigt mir, dass er kei­ne Ahnung hat von der Arbeit eines Über­set­zers, einer Über­set­ze­rin. Über­set­zen gehört für mich zum All­tag, ich kann es nicht als etwas Abge­ho­be­nes sehen. Aus die­sem Grund wer­de ich mich im Fol­gen­den auf mei­ne per­sön­li­chen Schwie­rig­kei­ten und Freu­den beschrän­ken. Denn lite­ra­ri­sche Tex­te zu über­set­zen, macht Freu­de. Ich brau­che mir nur vor­zu­stel­len, ich müss­te Bedie­nungs­an­lei­tun­gen für Wasch­ma­schi­nen oder Video­re­kor­der über­set­zen! Über­set­zen ist ein ein­sa­mes Geschäft, Über­set­zer arbei­ten im Hin­ter­grund und wer­den sel­ten gelobt. Man sitzt sozu­sa­gen in einer Iso­lier­zel­le, abge­schnit­ten vom Rest der Welt, und grü­belt, denn je geüb­ter und trai­nier­ter man wird, umso höhe­re Kri­te­ri­en legt man an, ohne dass man sie je wirk­lich mit jeman­dem dis­ku­tie­ren könn­te. Höchs­tens viel­leicht, wenn man einen so guten Lek­tor hat wie ich. Aber sonst? So etwas wie eine ästhe­tisch-kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit den über­set­ze­ri­schen Pro­ble­men und ihrer ver­schie­de­nen Lösungs­mög­lich­kei­ten fin­det nicht statt. Dabei ist doch eine Tat­sa­che unbe­streit­bar: Ohne Über­set­zer gäbe es kei­ne Welt­li­te­ra­tur. Es gäbe kei­ne wech­sel­sei­ti­ge Inspi­ra­ti­on der Schrift­stel­ler, kein Wach­sen anein­an­der, nichts Frem­des, kei­ne Aben­teu­er und kei­ne Exo­tik für unse­re Träu­me. Ohne Über­set­zer hät­te es den Ein­fluss der Anti­ke nie gege­ben, ohne Über­set­zer wären die Autoren aller Län­der viel­leicht im jeweils Völ­ki­schen ste­cken geblie­ben. Auf jeden Fall wären die Rega­le in Biblio­the­ken und Pri­vat­woh­nun­gen viel lee­rer. Trotz­dem kön­nen Über­set­zer froh sein, wenn bei einer Bespre­chung ihr Name über­haupt erwähnt und viel­leicht sogar rich­tig geschrie­ben wird. Wären wir Über­set­zer in unse­rem Selbst­wert­ge­fühl nur von der Außen­welt abhän­gig, hät­ten wir schon längst den Grif­fel fal­len gelas­sen oder den Com­pu­ter­ste­cker aus der Steck­do­se gezo­gen und uns einer ein­deu­ti­ge­ren und auf jeden Fall bes­ser bezahl­ten Arbeit zuge­wandt. Aber ein ech­ter Über­set­zer rech­net im Gehei­men und übt sich in Beschei­den­heit, schon weil er kei­ne ande­re Wahl hat. Gegen wen könn­te er sich weh­ren? Wen könn­te er zur Rede stel­len? Von wem könn­te er Ach­tung oder wenigs­tens Beach­tung ein­for­dern? Etwa von sei­nem Arbeit­ge­ber? Von wel­chem? Ein Über­set­zer hat min­des­tens drei Arbeit­ge­ber, denen er es, will er sich auch in Zukunft But­ter auf sein Früh­stücks­brot schmie­ren, irgend­wie recht machen muss. Arbeit­ge­ber, die nie ganz zufrie­den zu stel­len sind und deren berech­tig­te Ansprü­che der Über­set­zer ins­ge­heim auch aner­kennt, selbst wenn er manch­mal mit den Zäh­nen knirscht und die hin­ter dem Rücken ver­steck­ten Hän­de zu Fäus­ten ballt. Da sind ers­tens der Autor und sein Werk, dann gibt es noch den Ver­lag und schließ­lich die Leser. Ein Son­der­fall sind die Kri­ti­ker. Die­se ver­schie­de­nen Arbeit­ge­ber brin­gen den armen Über­set­zer unver­meid­lich in mehr oder weni­ger bedrü­cken­de Loya­li­täts­kon­flik­te. Natür­lich soll­ten der Autor und sein Werk ganz oben ste­hen, aber was man unter Treue dem Werk gegen­über ver­steht, oder wenigs­tens ver­ste­hen soll­te, ist kei­nes­wegs ein­deu­tig fest­ge­legt. Ich wer­de spä­ter noch dar­auf ein­ge­hen. Der zwei­te Arbeit­ge­ber ist der Ver­lag, und das ver­kom­pli­ziert die Arbeit des Über­set­zers schon unge­mein. Denn der Ver­lag ist ja nicht irgend­ei­ne abs­trak­te Insti­tu­ti­on, es sit­zen dort Men­schen, die sich berufs­hal­ber mit Spra­che beschäf­ti­gen, genau wie Autoren, Über­set­zer, Jour­na­lis­ten und Ande­re. Sie wer­den dafür bezahlt, dass sie Wör­ter und For­mu­lie­run­gen fin­den und die­se dann auch hin­schrei­ben, vor­zugs­wei­se in das Manu­skript, das der Über­set­zer nach wochen- oder mona­te­lan­ger Arbeit hof­fent­lich recht­zei­tig abge­lie­fert hat. Der Lek­tor nimmt das Manu­skript, ohne sich vor­her durch stil­les Ver­sen­ken und das Anzün­den einer Ker­ze in die ange­mes­se­ne Stim­mung ver­setzt zu haben, und macht sich an die Arbeit. Natür­lich hat er dafür nicht wochen- oder mona­te­lang Zeit, schließ­lich war­tet die Dru­cke­rei und er hat ja auch noch etwas ande­res zu tun. Und außer­dem ist er selbst gewis­sen Zwän­gen aus­ge­lie­fert. Zum Bei­spiel muss er sich pro­fi­lie­ren und sei­nem eige­nen Arbeit­ge­ber, dem Ver­lags­lei­ter näm­lich, die Not­wen­dig­keit sei­nes Arbeits­plat­zes bewei­sen. Man­che Lek­to­ren glau­ben nun, die rich­ti­ge Metho­de, dies zu tun, bestün­de dar­in, nach Gut­dün­ken in der Arbeit des Über­set­zers her­um­zufum­meln, womög­lich sogar, ohne ihn über­haupt in ihre Über­le­gun­gen ein­zu­be­zie­hen. Zehn, zwan­zig geän­der­te Wör­ter und For­mu­lie­run­gen pro Sei­te sind gar nicht so sel­ten. Die­se Ände­run­gen sind zuwei­len über­flüs­sig, oft geschmäck­le­risch, und manch­mal ver­än­dern sie die Sprach­ebe­ne und wir­ken dann sogar ver­fäl­schend. Die Ent­schei­dung für oder gegen ein bestimm­tes Wort ist eine Sache des Gefühls und des Geschmacks. Immer könn­te man das Geschrie­be­ne auch ganz anders for­mu­lie­ren, einen Satz anders kom­po­nie­ren, und die­se alter­na­ti­ven Mög­lich­kei­ten fal­len bestimm­ten Lek­to­ren auch prompt ein. Oft sind es aber genau die Vari­an­ten, die der Über­set­zer  — viel­leicht nach lan­gem Abwä­gen — ver­wor­fen hat. Im schlimms­ten Fall ist der Lek­tor also der Feind des Über­set­zers. Aber er kann auch sein bes­ter Freund sein, sein Mit­strei­ter und Kum­pan, sein Hel­fer und Ret­ter vor der Betriebs­blind­heit, die auch Über­set­zer ein­holt, wenn sie nur lan­ge genug an einem Werk arbei­ten. Bestimm­te Eigen­hei­ten einer frem­den Spra­che wer­den einem dann so ver­traut, dass man über­haupt nicht mehr merkt, dass sie durchs Über­set­zen falsch wer­den. Jede Über­set­zung ent­steht unter einem gewis­sen Ter­min­druck und wird auch zu schlecht bezahlt, als dass der Über­set­zer es sich leis­ten könn­te, abzu­war­ten und sei­ne Arbeit nach eini­gen Wochen noch ein­mal  — und dies­mal distan­zier­ter — zu beur­tei­len. Die­sen distan­zier­ten Blick wünscht er sich vom Lek­tor, und die­ser Wunsch wird zum Glück auch manch­mal erfüllt. Dann näm­lich, wenn der Lek­tor Bücher liebt, wenn er sich in Geschrie­be­nes ein­füh­len kann, wenn er einem Text die­nen möch­te und bereit ist, sich auf jenen Balan­ce­akt zwi­schen Sich-Ein­brin­gen und Sich-Zurück­neh­men ein­zu­las­sen, wie er auch von Über­set­zern erwar­tet wird. Viel­leicht ist die Ein­sam­keit des Über­set­zers ja schuld dar­an, dass sei­ne Erwar­tun­gen an Lek­to­ren oft zu hoch sind und des­halb zwangs­läu­fig von Zeit zu Zeit ent­täuscht wer­den müs­sen. Die Lie­be zu Büchern, beson­ders zu dem einen, dem spe­zi­el­len, das man gera­de über­setzt, ist die wich­tigs­te Vor­aus­set­zung für eine gute Arbeit. Das gilt für bei­de glei­cher­ma­ßen, für den Lek­tor und den Über­set­zer. Eigent­lich müss­te Über­set­zen doch ganz ein­fach sein. Man hat den Text und die Figu­ren, der Hand­lungs­ver­lauf ist fest­ge­legt. Man braucht nur noch, viel­leicht mit Hil­fe eines Wör­ter­buchs, den vor­ge­ge­be­nen Wör­tern und Sät­zen zu fol­gen. Aber war­um fin­det man dann einer­seits immer wie­der schlech­te und mit­tel­mä­ßi­ge Arbei­ten, ande­rer­seits kon­ge­nia­le, um nicht zu sagen genia­le? Weil es näm­lich nicht um die Wort-für-Wort oder Satz-für-Satz-Über­set­zung eines Tex­tes geht. Wäre das so, könn­te auch ein Com­pu­ter über­set­zen. Das klappt aber nicht, wie jeder leicht fest­stel­len kann, wenn er über­setz­te Gebrauchs­an­wei­sun­gen für Video­re­kor­der oder ande­re Gerä­te liest. Und dabei han­delt es sich bei die­sen Gebrauchs­an­wei­sun­gen nicht um Lite­ra­tur, son­dern um die blo­ße Benen­nung klar defi­nier­ba­rer Hand­grif­fe an klar defi­nier­ba­ren Tei­len. Ein Schal­ter links oben ist ein Schal­ter links oben, müss­te man mei­nen, egal in wel­cher Spra­che. Beim Über­set­zen lite­ra­ri­scher Wer­ke geht es aber nicht nur um die blo­ße Benen­nung, um das kor­rek­te Wort, son­dern um die Stim­mung, die Atmo­sphä­re und den Sprach­duk­tus eines Buchs. Es geht dar­um, dass ein Buch in der Über­set­zung annä­hernd so gut, gleich gut oder sogar (wegen des dop­pel­ten und drei­fa­chen Lek­to­rats) noch bes­ser ist als im Ori­gi­nal. Wird das erreicht und genie­ßen deut­sche Leser ein Buch so, wie es die Leser der Ori­gi­nal­spra­che tun, dann kann man von einer gelun­ge­nen Über­set­zung spre­chen. Es ist wie in der Musik. Man hat die Noten, man hat eine gewis­se Fin­ger­fer­tig­keit, man kann sich ans Kla­vier set­zen und das Musik­stück nach­spie­len. Trotz­dem: Selbst wenn man kei­nen Feh­ler macht, kann etwas völ­lig ande­res her­aus­kom­men als der Kom­po­nist gemeint oder der Zuhö­rer erwar­tet hat. Die Dar­bie­tung kann höl­zern sein, aus­drucks­los, steif und wenig anspre­chend. Ton für Ton oder Wort für Wort ist viel­leicht deckungs­gleich, soli­de und kor­rekt, aber das Ergeb­nis bleibt see­len­los und stumpf, wenn es dem Inter­pre­ten am Gefühl und am Ver­ständ­nis für das Werk fehlt. Oder neh­men wir ein ande­res Bild, den Fähr­mann. Er fährt mit sei­nem Floß über den Fluss zwi­schen zwei Län­dern. Sein Auf­trag ist es, ein Buch von einem Land ins ande­re zu brin­gen. Die Fahrt über den Fluss geschieht unter einer unge­heu­ren Span­nung, ob das Buch heil ankommt, ob es auch so ver­stan­den wird, wie es ver­stan­den wer­den will, ob nicht Eigen­tüm­lich­kei­ten des Her­kunfts­lan­des dazu füh­ren, dass es im Ziel­land zum Bei­spiel als Kitsch abge­tan und zum Ster­ben ver­ur­teilt wird. Auf sei­ner Fahrt von einer Welt zur ande­ren, von einem Ufer zum ande­ren, ist der Fähr­mann sehr allein, er hat nur das Buch — und die Hoff­nung, dass er es heil an Land bringt und dass es gut “ankommt”. Der Fluss, über den der Fähr­mann fährt, ist die Spra­che. Oft muss er Untie­fen aus­wei­chen, Strö­mun­gen, Strom­schnel­len und Stru­deln, zuwei­len gibt es Gegen­wind oder gar Sturm, und manch­mal, zum Glück nur sel­ten, geht das Floß unter, und der Fähr­mann muss das Buch, für das er die Ver­ant­wor­tung über­nom­men hat, auf dem eige­nen Rücken an Land brin­gen. Der Fähr­mann, der Über-Set­zer, lebt in einer Zwi­schen­welt, und sei­ne Hei­mat ist die Spra­che. War­um über­set­ze ich über­haupt, wenn es ein so schwie­ri­ges Unter­fan­gen ist, bei dem man  ‑zumin­dest stel­len­wei­se — zwangs­läu­fig schei­tern muss? Die ein­fachs­te Ant­wort auf die­se Fra­ge ist: Ers­tens ist es eine Arbeit, mit der ich einen Teil mei­nes Lebens­un­ter­halts ver­die­ne, und zwei­tens macht es mir Spaß. Die­se Ant­wort ist aller­dings unzu­rei­chend, denn ers­tens gehört Über­set­zen nicht gera­de zu den gut bezahl­ten Jobs, und zwei­tens ist es viel mehr als nur Spaß: Ich lie­be Bücher im All­ge­mei­nen und man­che Bücher im Beson­de­ren. Und wenn ich ein Buch mag, über­fällt mich so etwas wie mis­sio­na­ri­scher Eifer, dann möch­te ich, dass ande­re Leu­te, ande­re Leser, eben­falls erfah­ren, wie schön, gut, anre­gend, inter­es­sant oder was auch immer die­ses Buch ist. Über­set­zen ist ein intel­lek­tu­el­les Ver­gnü­gen, etwas, das bei wei­tem den Genuss des Nur-Lesens über­steigt. Es führt zu einer tief­ge­hen­den Kom­mu­ni­ka­ti­on mit dem Autor, manch­mal ist es fast, als wür­de man in die ande­re Per­son hin­ein­krie­chen. Die Gren­zen zwi­schen Autor, Werk und Über­set­zer ver­schwim­men. Zugleich ist Über­set­zen eine Kom­mu­ni­ka­ti­on mit den Lesern. Denn selt­sa­mer­wei­se den­ke ich, wenn ich selbst ein Buch schrei­be, nie an zukünf­ti­ge Leser, wohl aber beim Über­set­zen. Manch­mal, wenn ich glau­be, eine beson­ders gelun­ge­ne For­mu­lie­rung gefun­den zu haben, freue ich mich bei dem Gedan­ken, dass irgend­je­mand beim Lesen stut­zen wird, ich stel­le mir vor, wie er oder sie anfängt zu lachen, wie er oder sie trau­rig oder nach­denk­lich wird, je nach­dem. Ich möch­te nicht ver­schwei­gen, dass es auch ande­re Gefüh­le gibt, die einen Über­set­zer erfas­sen kön­nen. Das heißt, es sind mei­ne Gefüh­le, ich habe kei­ne Ahnung, ob ande­re auch so emp­fin­den. Da ist zum Bei­spiel Neid auf den Autor, die Autorin, die ich gera­de über­set­ze, weil es ihm oder ihr offen­bar so schwe­re­los gelun­gen ist, etwas aus­zu­drü­cken, was in mir selbst ver­bor­gen war, was ich aber erst jetzt, in die­sem Moment, erken­nen kann. Über­set­zer müs­sen sich aber auch immer wie­der mit Argu­men­ten gegen das Über­set­zen aus­ein­an­der­set­zen. Ihre Arbeit, ihr Beruf, wird ange­zwei­felt. Eines der ältes­ten Argu­men­te, das durch die häu­fi­ge Ver­wen­dung aller­dings auch nicht bes­ser oder rich­ti­ger wird, ist, man kön­ne nur ent­we­der ver­frem­dend oder ein­bür­gernd über­set­zen, man müs­se sich zwi­schen der “bel­le infi­dè­le” oder der “häss­li­chen Treue” ent­schei­den. Ich kann mir nicht vor­stel­len, dass ein Über­set­zer die­ses Ent­we­der-Oder ohne wei­te­res akzep­tier­ten wird. Mei­nes Erach­tens ist es immer ein Sowohl-als-auch, bei­de Metho­den gehen inein­an­der über, mischen sich und las­sen sich im bes­ten Fall nicht mehr von­ein­an­der tren­nen. Ich gehe davon aus, dass rei­ne Ent­we­der-Oder-Ver­sio­nen nicht beson­ders attrak­tiv wer­den kön­nen. Jede Über­set­zung ist eine neue Her­aus­for­de­rung und eine Anma­ßung, ein Balan­ce­akt zwi­schen Treue zum Ori­gi­nal und dem Dienst am neu ent­ste­hen­den Buch, und dazwi­schen bewegt sich die Treue zum Autor. Ist sei­ne Spra­che im Ori­gi­nal flüs­sig und ele­gant, darf sie in der Über­set­zung nicht kom­pli­ziert oder gar holp­rig sein, ist sie knapp und prä­zi­se, darf sie nicht lite­ra­risch “auf­ge­peppt” wer­den. Bei guten Autoren ist das Pro­blem gerin­ger als bei eher schlech­ten bis mit­tel­mä­ßi­gen, es ist wirk­lich eine Faust­re­gel: Je bes­ser ein Autor ist, umso genuss­vol­ler lässt er sich über­set­zen. Das bedeu­tet, dass man auch Schwie­rig­kei­ten ger­ne in Kauf nimmt. Die­se Regel gilt in mei­nem Fall vor allem bei Über­set­zun­gen aus dem Nie­der­län­di­schen. Nah­spra­chen erlau­ben eine gewis­se Ähn­lich­keit in der Wort­wahl, und bestimm­te Satz­kon­struk­tio­nen las­sen sich oft ein­fach über­neh­men. Trotz­dem ist das Über­set­zen, auch von Nah­spra­chen, ein stän­di­ges Hin und Her zwi­schen vor­ge­ge­be­nen Struk­tu­ren und den Mög­lich­kei­ten, die die eige­ne Spra­che bie­tet. Da sich die Bedeu­tungs­fel­der der ein­zel­nen Wör­ter in Her­kunfts­spra­che und Ziel­spra­che fast nie decken, wird jedes Über­set­zen zwangs­läu­fig zu einem Inter­pre­tie­ren. Wie hat es der Autor gemeint? Wo lie­gen sei­ne Schwer­punk­te? Las­sen sich syn­tak­ti­sche Struk­tu­ren über­neh­men? Sol­len sie über­nom­men wer­den, wenn sie im Deut­schen schwer­fäl­li­ger und umständ­li­cher wir­ken als im Ori­gi­nal? Ein Buch, dem man stän­dig die gram­ma­ti­ka­li­schen Bedin­gun­gen der Her­kunfts­spra­che anmerkt, kann nicht wirk­lich gut über­setzt sein. Beson­ders vie­le Bei­spie­le dafür gibt es aus dem Eng­li­schen bzw. dem Ame­ri­ka­ni­schen, und For­mu­lie­run­gen wie “alter Jun­ge” füh­ren dazu, dass man “not amu­sed” die Augen­brau­en hoch­zieht. Ganz zu schwei­gen von eng­lisch­spra­chi­gen Aus­drü­cken wie “It makes no sen­se”, die immer häu­fi­ger, in die­sem Fal­le als “es macht kei­nen Sinn”, im Deut­schen auf­tau­chen. Dadurch, dass die­ser Unsinn wie­der­holt wird, ergibt er im Deut­schen noch lan­ge kei­nen Sinn. Aber es ist unsin­nig, sich dar­über zu strei­ten, irgend­wann wird er im Duden lan­den, als Denk­mal eines unbe­kann­ten Über­set­zers. Wich­ti­ger als die “Rich­tig­keit” einer Über­set­zung ist mir in vie­len Fäl­len die “Stim­mig­keit” eines ent­ste­hen­den Buchs, sei­ne Schön­heit. Falsch über­setz­te Wör­ter oder For­mu­lie­run­gen machen, obwohl sie natür­lich nicht vor­kom­men soll­ten, ein Buch nicht wirk­lich kaputt. Sie las­sen den Leser höchs­tens ver­wun­dert den Kopf schüt­teln, aber meist wird er etwai­ge Feh­ler ein­fach über­le­sen, wenn sie im Kon­text nicht beson­ders auf­fal­len. Ich habe vor ein paar Jah­ren ein­mal sehr gestutzt, als ich die deut­sche Über­set­zung eines israe­li­schen Autors las und auf eine Stel­le stieß, an der ein Mann über einen ande­ren sag­te: “Er hat Blut, er hat Eier.” Der Sinn die­ser rät­sel­haf­ten Wor­te wur­de mir erst klar, als ich die­se bei­den For­mu­lie­run­gen rück­über­setz­te: “Jesch lo dam, jesch lo bei­zim.” Zwei Aus­sa­gen, die das glei­che bedeu­ten, näm­lich: “Er hat Mut.” In die­sem Fall hät­te man also über­set­zen kön­nen: “Er hat Mut, er traut sich was.” Für einen deutsch­spra­chi­gen Leser muss­te die­se Stel­le unver­ständ­lich blei­ben, ein eng­lisch­spra­chi­ger hät­te sich mög­li­cher­wei­se etwas dabei den­ken kön­nen, schließ­lich kennt er die For­mu­lie­rung: “He has the guts to do some­thing.” Wie aller­dings dem zustän­di­gen Lek­tor der deut­schen Über­set­zung die­se Aus­sa­ge durch die Lap­pen gehen konn­te, wer­de ich nie ver­ste­hen. Noch etwas fällt mir zu Feh­lern ein. Anne­lie­se Schütz, die Über­set­ze­rin der alten Lese­aus­ga­be des Tage­buchs der Anne Frank, über­setz­te ein­mal “röt­li­che Kar­tof­feln”. Bei Anne Frank waren sie aller­dings “rot”, d. h. “fau­lig, ver­fault”, denn “rot” heißt auf Nie­der­län­disch “rood”. An einer ande­ren Stel­le schrieb Anne “de hele rata­plan”, d. h.: “der gan­ze Kram, der gan­ze Hau­fen”. Schütz kann­te das Wort “rata­plan” wohl nicht und über­setz­te es mit “das gan­ze Rat­ten­nest”. Den­noch sind es nicht die­se Feh­ler, die ihre Über­set­zung des Tage­buchs ins­ge­samt “falsch” machen, son­dern die unan­ge­mes­se­ne Sprach­ebe­ne, die fal­sche Far­be. Eben der fal­sche Ton. Grund­sätz­lich gilt, dass der Über­set­zer die rich­ti­ge Sprach­ebe­ne fin­den muss, den adäqua­ten Sprach­stil und — vor allem — den rich­ti­gen Sprach­rhyth­mus, denn bei den ein­zel­nen Sät­zen stim­men weder die Anzahl der Wör­ter noch die Zahl der Sil­ben über­ein, und der Wort­fluss ist die Vor­aus­set­zung für die Beto­nung bestimm­ter Wör­ter und macht den Rhyth­mus einer Spra­che aus. Der ist mei­nes Erach­tens für die Schön­heit eines Tex­tes eben­so wich­tig wie die Spra­che selbst, ja, bringt sie erst zum Klin­gen. Pro­bie­ren Sie doch ein­mal, einen klei­nen Text mit jeweils Fünf-Wort-Sät­zen oder bei­spiels­wei­se Sie­ben-Sil­ben-Sät­zen zu schrei­ben und lesen sie die dann laut vor. Hier muss man, den­ke ich, jedoch unter­schei­den, wel­che Art Text man zu über­set­zen hat. Bei Lyrik sind die Anfor­de­run­gen sicher­lich anders als bei Pro­sa, und bei Pro­sa für Kin­der und Jugend­li­che wie­der anders als bei der für Erwach­se­ne. In der “gro­ßen” Lite­ra­tur wird es viel eher um Genau­ig­keit gehen, bei Kin­der- und Jugend­bü­chern mehr um die “Schön­heit” einer Über­set­zung, um ihre Les­bar­keit — und außer­dem um die Lese­ge­wohn­hei­ten von Kin­dern und Jugend­li­chen. Dabei den­ke ich vor allem Bücher aus dem Hebräi­schen, das Nie­der­län­di­sche bie­tet in die­ser Hin­sicht weit weni­ger Schwie­rig­kei­ten. Es ist sicher nicht ein­fach, die adäqua­te Sprach­ebe­ne zu fin­den, denn es gibt dafür nur weni­ge greif­ba­re Anhalts­punk­te, eine ori­gi­nel­le Wort­wahl oder kom­pli­zier­te Satz­kon­struk­tio­nen rei­chen nicht aus. Ist es Intui­ti­on, die einen Über­set­zer dazu bringt, so oder so auf einen Text zu reagie­ren, die­ses oder jenes Wort zu wäh­len, sich für die eine oder ande­re Satz­form zu ent­schei­den, und zwar immer wie­der, durch ein gan­zes Buch hin­durch? Wenn er stän­dig nach­den­ken müss­te, wenn er jeden Satz neu in Fra­ge stel­len wür­de, käme nie im Leben ein flüs­si­ger, les­ba­rer Text her­aus. Der Leser wür­de an den Stel­len stol­pern, an denen er flüs­sig wei­ter­le­sen soll­te, und über ande­re hin­weg­le­sen, die ihn eigent­lich dazu brin­gen soll­ten, inne­zu­hal­ten. Jeder Über­set­zer, jede Über­set­ze­rin hat wohl eine eige­ne Metho­de, mit die­sem schwer fass­ba­ren Phä­no­men der Sprach­ebe­ne und dem, “was zwi­schen den Zei­len steht”, umzu­ge­hen. Ich wür­de auch ger­ne wis­sen, wie es die ande­ren machen, aber nor­ma­ler­wei­se wird gera­de dar­über nie gespro­chen. Ich kann Ihnen also nur erzäh­len, wie ich es mache, und die­se Aus­kunft ist nicht beson­ders auf­schluss­reich. Aber nicht etwa des­halb, weil ich nicht bereit wäre, mein Geheim­nis zu ver­ra­ten, son­dern weil es kein Geheim­nis gibt, weil ich es selbst nicht bes­ser weiß. Ich fan­ge eine Über­set­zung an und war­te ein­fach, bis ich “die Ant­wort aus dem Bauch” bekom­me. Manch­mal dau­ert es zehn Sei­ten, ein ander­mal aber auch drei­ßig, vier­zig, bis ich mer­ke: Jetzt! Jetzt hab ich’s! Fra­gen Sie mich ja nicht, was die­ses “Es” ist, aber es ist da, und wenn ich es erst ein­mal spü­re, beglei­tet es mich nor­ma­ler­wei­se durch die gan­ze Über­set­zung. Da ich mich auf die­se Erfah­rung ver­las­sen kann, wer­fe ich, habe ich die­sen Punkt erst ein­mal erreicht, die bereits über­setz­ten Sei­ten weg und fan­ge neu an. Über­set­zen ist also auch Gefühls­sa­che. Natür­lich ist die Kennt­nis der Her­kunfts­spra­che erfor­der­lich, das gehört so selbst­ver­ständ­lich zum Hand­werks­zeug, dass man es nicht zu erwäh­nen braucht. Weit wich­ti­ger ist jedoch die Kom­pe­tenz in der Mut­ter­spra­che, der geschrie­be­nen Mut­ter­spra­che, der krea­ti­ve, sen­si­ble und ver­ant­wor­tungs­be­wuss­te Umgang mit ihr, die Freu­de, die Hin­ga­be, die Beses­sen­heit. Ich den­ke, dass dies auch ein Grund dafür ist, dass sich gera­de unter sol­chen Men­schen vie­le Über­set­zer fin­den, die selbst schrei­ben und erst über das Schrei­ben zum Über­set­zen gelan­gen. Damit möch­te ich nicht behaup­ten, dass ein guter Über­set­zer immer selbst Autor sein soll­te. Aber von einem bin ich über­zeugt: Dass näm­lich ein Über­set­zer auch ein Leser sein muss, und nicht nur ein ein­fa­cher Leser, son­dern ein lei­den­schaft­li­cher. Er muss sich auf einen Text ein­las­sen kön­nen, ihn nicht nur intel­lek­tu­ell erfas­sen, son­dern auch erfüh­len kön­nen und spü­ren, was “zwi­schen den Zei­len” steht. Wör­ter und Begrif­fe, auch schwie­ri­ge, kann man nach­schla­gen, aber es ist, glau­be ich, ein gewis­ser Instinkt nötig, um aus den ver­schie­de­nen Defi­ni­tio­nen das rich­ti­ge Wort her­aus­zu­su­chen. Geben Sie doch spa­ßes­hal­ber ein­mal einen simp­len, belang­lo­sen Satz wie “Insek­ten kön­nen eine wah­re Pla­ge sein” in den Com­pu­ter ein und ändern Sie die Wör­ter mit Hil­fe des The­sau­rus. Ich nen­ne hier nur zwei der vie­len mög­li­chen Ergeb­nis­se: “Kerb­tie­re sind imstan­de, ein tat­säch­li­ches Ärger­nis zu sein.” Und: “Mücken besit­zen die Gabe, eine wahr­haf­ti­ge Bür­de dar­zu­stel­len.” Inhalt­lich wären die­se bei­den Vari­an­ten nicht falsch, aber die Emp­fin­dun­gen, die sie wecken, sind ande­re. Es ist ein Spiel, das mir von Zeit zu Zeit viel Ver­gnü­gen berei­tet. Oder in der The­sau­ru­s­al­ter­na­ti­ve: “Es ist ein Zeit­ver­treib, der mir zuwei­len viel Belus­ti­gung pro­du­ziert.” Dabei fällt mir noch ein Zitat von Mark Twain ein: “Der Unter­schied zwi­schen dem rich­ti­gen Wort und dem annä­hernd rich­ti­gen ist wie der Unter­schied zwi­schen einem Blitz und einem Glüh­würm­chen.” Ein Über­set­zer, der nicht gera­de grö­ßen­wahn­sin­nig ist, wird sich, wenn er bestimm­te For­mu­lie­run­gen nicht kennt, kom­pe­ten­te Hil­fe suchen. Als es bei der Über­set­zung der His­to­risch-Kri­ti­schen Aus­ga­be der Tage­bü­cher der Anne Frank um die “Hand­schrif­ten­ver­glei­chung” ging (es heißt wirk­lich so, nicht “Ver­gleich der Hand­schrif­ten”), war ich ziem­lich hilf­los. Nicht dass ich den Text nicht ver­stan­den hät­te, mir waren Wör­ter wie “Auf­strich” und “Abstrich”, “Schlau­fen” und “Häk­chen” durch­aus ein Begriff, aber die­ser Text war viel detail­lier­ter. Ich hat­te zwar das Gefühl, alles zu kapie­ren, wuss­te aber nicht, in wel­che deut­schen Wor­te ich die­se Erkennt­nis­se fas­sen soll­te. Ich arbei­te­te ein ent­spre­chen­des Fach­buch durch, ohne dass mei­ne Unsi­cher­heit wirk­lich besei­tigt wur­de. Dar­auf­hin schrieb ich an den Autor die­ses Werks, damals Pro­fes­sor an der Uni­ver­si­tät Hei­del­berg, und erklär­te ihm mein Dilem­ma. Zu mei­nem Erstau­nen war er sofort bereit, mir zu hel­fen und die ent­spre­chen­den Pas­sa­gen zu kor­ri­gie­ren. Ein ander­mal wuss­te ich nicht, wie ich die Ver­se eines Kin­der­lieds über­set­zen soll­te, frei­er und mit simp­len Rei­men, oder ori­gi­nal­ge­treu­er und dadurch kom­pli­zier­ter. Ich rief bei der nie­der­län­di­schen Bot­schaft an, und die­ser Anruf ent­wi­ckel­te sich außer­or­dent­lich ver­gnüg­lich. Ich wur­de an min­des­tens zehn Men­schen wei­ter­ver­mit­telt, und jeder ließ sich genüss­lich mein Pro­blem erklä­ren, bis mir am Schluss eine Frau das Lied ein­fach vor­sang. Da wuss­te ich, für wel­che der bei­den Alter­na­ti­ven ich mich zu ent­schei­den hat­te, näm­lich für die freie­re, simp­le­re. An die­ser Stel­le möch­te ich auf einen Vor­teil des Über­set­zens hin­wei­sen, der nicht zu ver­ach­ten ist: Über­set­zen bil­det unge­mein. Und noch etwas: Ich bin weder grö­ßen­wahn­sin­nig noch bil­de ich mir ein, selbst alles her­aus­fin­den zu kön­nen. Des­halb habe ich zwei Men­schen, die für mich jede Über­set­zung am Schluss noch ein­mal mit dem Ori­gi­nal ver­glei­chen. Sie sind in ihren jewei­li­gen Spra­chen Mut­ter­sprach­ler, haben ein gutes Sprach­ge­fühl und spre­chen aus­ge­zeich­net Deutsch. Für das Nie­der­län­di­sche ist das Fran­ci­en Gar­ritsen, für das Hebräi­sche Eldad Sto­bez­ki, der wun­der­ba­rer­wei­se auch noch Anglis­tik stu­diert hat. Die­sen bei­den, Fran­ci­en und Eldad, ver­dan­ke ich bei mei­ner Arbeit ein gehö­ri­ges Maß an Sicher­heit und Unbe­fan­gen­heit. Außer der Rich­tig­keit der gewähl­ten For­mu­lie­rung spie­len die Asso­zia­tio­nen, die von ein­zel­nen Wör­tern her­vor­ge­ru­fen wer­den, eine wich­ti­ge Rol­le. Asso­zia­tio­nen, die sich umso mehr unter­schei­den, je wei­ter der kul­tu­rel­le Hin­ter­grund der Her­kunfts­spra­che von der Ziel­spra­che ent­fernt ist. Das setzt vor­aus, dass ein Über­set­zer natür­lich auch Kennt­nis­se in der Geschich­te und Kul­tur und sogar in den geo­gra­phi­schen Bedin­gun­gen des Her­kunfts­lands haben muss. So wird sich ein deut­sches Kind mit Sicher­heit unter dem Wort “Wüs­te” etwas ande­res vor­stel­len als ein israe­li­sches. Israe­li­sche Kin­der den­ken ver­mut­lich genau wie deut­sche an die schmerz­haft bren­nen­de Son­ne, aber auch dar­an, wie kalt es dort in Win­ter­näch­ten ist und dass in Wüs­ten sogar Men­schen ertrin­ken kön­nen, wenn die Wadis plötz­lich vol­ler Was­ser sind. Deut­sche Kin­der haben nur gel­ben Sand vor Augen, israe­li­sche haben bestimmt alle schon erlebt, wie die Wüs­te nach einem Regen­fall plötz­lich auf­blüht. Und sie ken­nen das blass­graue Grün der Bäu­me und die viel­far­bi­gen Fel­sen. Nor­ma­ler­wei­se spie­len die ver­schie­de­nen opti­schen Vor­stel­lun­gen bei der Über­set­zung von Pro­sa kei­ne beson­de­re Rol­le, sie kom­men ledig­lich zu den ohne­hin vor­han­de­nen, indi­vi­du­ell gepräg­ten und bio­gra­phisch bestimm­ten Asso­zia­ti­ons­ket­ten hin­zu, die sich je nach Bil­dungs­stand, Lese­er­fah­rung und per­sön­li­chen Erleb­nis­sen unter­schei­den und auf die man als Über­set­zer oder Über­set­ze­rin kei­nen Ein­fluss hat. Und manch­mal wer­den bestimm­te Unver­ständ­lich­kei­ten ja auch im Lau­fe des Buchs auf­ge­löst, das heißt, das deut­sche Kind kann sei­ne per­sön­li­che opti­sche Vor­stel­lung von “Wüs­te” erwei­tern und dif­fe­ren­zie­ren. Über­set­zer tun aber gut dar­an, sich die­se Unter­schie­de von Zeit zu Zeit in Erin­ne­rung zu rufen, damit sie bei ihrer Arbeit umso sorg­fäl­ti­ger mit Asso­zia­ti­ons­mög­lich­kei­ten umge­hen und gewis­se Unter­schie­de nicht unbe­ach­tet über­ge­hen. Grö­ße­re Schwie­rig­kei­ten berei­ten Wör­ter, die eine Kennt­nis des kul­tu­rel­len oder reli­giö­sen Hin­ter­grunds des Her­kunfts­lan­des vor­aus­set­zen, zum Bei­spiel die Namen von Fes­ten. Kom­men in einem Manu­skript vie­le sol­cher Begrif­fe vor, bie­tet es sich an, ein Glos­sar anzu­fü­gen, auch bei Kin­der- und Jugend­bü­chern. Tau­chen nur weni­ge und leicht erklär­ba­re Wör­ter auf, kann man eine Fuß­no­te machen, wie z. B. in Büchern von Ida Vos das Wort “mof, mof­fen — Schimpf­wort für Deut­sche”. Eine Mög­lich­keit ist es, den Text zu glät­ten und even­tu­ell stö­ren­de Fremd­hei­ten her­aus­zu­neh­men. Als Bei­spiel dafür könn­te man das hebräi­sche Fest “Bar Miz­wa” neh­men. Es lie­ße sich sinn­ge­mäß mit “Kon­fir­ma­ti­on” über­set­zen, da der Bar Miz­wa (der Gebots­pflich­ti­ge) im Alter dem Kon­fir­man­den in etwa ent­spricht. Ich hal­te das jedoch für unzu­läs­sig, weil es den Unter­schied zwi­schen den Reli­gio­nen negiert. Man könn­te natür­lich auch das betref­fen­de Wort durch einen kur­zen Zusatz im Text erklä­ren, doch das unter­bricht den Erzähl­fluss und birgt die Gefahr, den Text holp­rig, sper­rig oder zumin­dest umständ­lich zu machen. Falls es sich nicht anbie­tet, dem Text ein Glos­sar bei­zu­fü­gen, nei­ge ich dazu, das frem­de Wort uner­klärt ste­hen zu las­sen. Wenn ich ein Buch lese, ver­ste­he ich auch nicht immer jedes Wort, war­um soll­te es Kin­dern anders erge­hen? Etwas “Frem­des” ein­fach umzu­mo­deln oder zu ver­schlu­cken, kann ja wohl nicht das Ziel sein. Und jeder Über­set­zer muss sich damit abfin­den, dass es Details, Wör­ter, Bil­der und For­mu­lie­run­gen gibt, die nicht über­setz­bar sind. Ich habe in einem Buch, das ich vor eini­gen Jah­ren aus dem Ame­ri­ka­ni­schen über­setzt habe, ein wun­der­ba­res Bei­spiel dafür gefun­den, das ich Ihnen nicht vor­ent­hal­ten möch­te. Das Buch heißt “Jid­disch. Eine Spra­che reist um die Welt”, von Miri­am Wein­stein. Das betref­fen­de Bei­spiel spielt in einer Zeit, in der es in Isra­el abso­lut ver­pönt war, Jid­disch zu spre­chen. Wer es tat, wur­de auf der Stra­ße ange­pö­belt, und Kiosk­be­sit­zer, die jid­di­sche Zei­tun­gen ver­kauf­ten, muss­ten damit rech­nen, dass ihr Kiosk ange­zün­det wurde.

Man erzählt von einem Mann namens Schtibl, der in den frü­hen Tagen der Pio­nier­zeit Sol­da­ten zusätz­lich zum Lehr­plan Box­un­ter­richt erteil­te. Er wur­de beschul­digt, sei­nen Unter­richt auf Jid­disch zu hal­ten. Er ver­tei­dig­te sich mit dem Argu­ment, dass Hebrä­isch mit nur vier Wör­tern für Schlag, Ohr­fei­ge, Stoß und Faust­schlag nicht genug Aus­drucks­mög­lich­kei­ten habe. Er beschrieb die jid­di­schen Alter­na­ti­ven: Ein tro­cke­ner Schlag aufs Kinn, der dei­nen Kopf zum Sin­gen bringt, ist a sbeng. Ein nor­ma­ler Schlag, nicht zu hart: a patsch. Aber ein bren­nen­der Schlag, der einen roten Fleck auf dei­nen Wan­gen hin­ter­lässt: a flask. Ein sehr schnel­ler Schlag mit der offe­nen Hand, der dich so ver­wirrt, dass du nicht weißt, was los ist: a wisch. Eine har­te Rech­te, die dir min­des­tens eine Rip­pe bricht: a knok. Ein Schlag aufs Auge, der für wenigs­tens zwei Mona­te lang ein Veil­chen hin­ter­lässt: a schnit. Ein Schlag mit dem Hand­rü­cken, der dei­ne Unter­lip­pe plat­zen lässt und dir manch­mal auch einen Zahn aus­schlägt: a riß. Eine kräf­ti­ge Kopf­nuss, die den Kopf des Geg­ners gegen die Wand haut: a sez. Eine lang­sa­me, aber star­ke Ohr­fei­ge: a flik. Ein hin­ge­wisch­ter Schlag, der weni­ger hef­tig als belei­di­gend ist und an der Stirn beginnt und die Haa­re über das gan­ze Gesicht wischt: a schmir. Sein Vor­ge­setz­ter war über­zeugt. Der Box­un­ter­richt wur­de auf Jid­disch fortgesetzt.

Zu den größ­ten Schwie­rig­kei­ten beim Über­set­zen gehört alles, was bei uns Kitsch wäre, es aber in der Her­kunfts­spra­che nicht ist. Das Deut­sche hat eine rei­che Kitsch­tra­di­ti­on, ande­re Spra­chen, z. B. das Jid­di­sche, nicht. Jid­disch war bis ins 18. Jahr­hun­dert eine vor­wie­gend gespro­che­ne Spra­che und geht daher viel unbe­fan­ge­ner mit Wör­tern und For­mu­lie­run­gen um, die im Deut­schen längst von der Tri­vi­al­li­te­ra­tur ver­ein­nahmt und geschän­det wor­den sind. Bei­spie­le: ein schmol­len­der Blond­schopf, lus­tig fun­keln­de Blau­au­gen, inni­ges Lächeln, glü­hen­des Herz usw. Dar­aus folgt: Kitsch, der im Ori­gi­nal nicht unbe­dingt als Kitsch emp­fun­den wird, muss in der Über­set­zung kor­ri­giert wer­den. Die­ser Ein­griff ist nicht nur berech­tigt, er bedeu­tet gera­de­zu Treue dem Ori­gi­nal gegen­über. Dazu gehö­ren auch gewis­se Feh­ler, die in der Her­kunfts­spra­che nicht als sol­che gewer­tet wer­den. Zum Bei­spiel: Du lügst, gähn­te er. Oder: Nein, sprang er vom Stuhl. Zu den Erzähl­kon­ven­tio­nen im Deut­schen gehört, dass als Regie­an­wei­sung bei wört­li­cher Rede nur Ver­ben des Sagens und Mei­nens zuläs­sig sind. Ver­än­de­run­gen gegen­über dem Ori­gi­nal sind manch­mal also durch­aus berech­tigt. Gar nicht so sel­ten kommt es bei Über­set­zun­gen zu Abwei­chun­gen vom Ori­gi­nal, die, so wie ich es erlebt habe, oft aber nicht vom Über­set­zer vor­ge­nom­men wer­den, son­dern vom Ver­lag, das heißt von Lek­to­ren. Grö­ße­re Ein­grif­fe sind mei­nes Erach­tens nur zuläs­sig, wenn das Buch so bedeut­sam ist, dass sei­ne Ver­brei­tung wich­ti­ger erscheint als die Treue dem Ori­gi­nal gegen­über, z. B. dann, wenn gewis­se Tabus in der Ziel­spra­che beson­ders groß sind. Als Bei­spiel möch­te ich hier “Das Tage­buch der Anne Frank” nen­nen. In die neue, welt­weit gül­ti­ge Lese­aus­ga­be wur­de eine Pas­sa­ge auf­ge­nom­men, in der Anne Frank die weib­li­chen Geni­ta­li­en beschreibt. Bei der Dis­kus­si­on mit dem Anne-Frank-Fonds, dem Rech­te­inha­ber, bestand ich dar­auf, dass in die Ver­trä­ge ein Pas­sus auf­ge­nom­men wur­de, der es aus­län­di­schen Ver­la­gen erlaubt, die­se Pas­sa­ge weg­zu­las­sen. Ich woll­te unbe­dingt ver­hin­dern, dass das Tage­buch in beson­ders prü­den Län­dern aus die­sem Grund viel­leicht über­haupt nicht neu ver­öf­fent­licht wer­den wür­de. Ein ande­res Pro­blem ist die Les­bar­keit. Beson­ders bei Über­set­zun­gen hebräi­scher Kin­der- und Jugend­li­te­ra­tur kann es ange­bracht sein, in den Satz­rhyth­mus ein­zu­grei­fen. Ein sehr kla­rer syn­tak­ti­scher Auf­bau der hebräi­schen Spra­che (Sub­jekt, Prä­di­kat, Objekt) führt dazu, dass dem Haupt­satz durch “und” lan­ge Rei­hun­gen ver­schie­de­ner Neben­sät­ze ange­fügt wer­den kön­nen, ohne dass die Ver­ständ­lich­keit — auch für jün­ge­re Kin­der — dar­un­ter lei­det. Im Deut­schen müs­sen der­ar­ti­ge Satz­rei­hen oft in meh­re­re Ein­zel­sät­ze zer­legt wer­den, weil der kind­li­che (lang­sa­me­re) Leser sonst den Anfang schon ver­ges­sen haben könn­te, wenn er beim Prä­di­kat ange­langt ist. In die­sem Zusam­men­hang spie­len auch zeit­ge­bun­de­ne Sprach- und Lese­ge­wohn­hei­ten eine Rol­le. Für die meis­ten Kin­der wäre es z. B. heu­te unmög­lich, die lan­gen, für heu­ti­ge Begrif­fe ver­schach­tel­ten Sät­ze alter Kin­der­bü­cher auf Anhieb zu ver­ste­hen. Aber: Der Über­set­zer, die Über­set­ze­rin muss jeden Ein­griff begrün­den kön­nen. Das bedeu­tet stän­di­ges Reflek­tie­ren, Inter­pre­tie­ren, Ent­schei­den. Oft habe ich schon dage­ses­sen, beson­ders bei Über­set­zun­gen aus dem Hebräi­schen, und mir über­legt, ob es in einem bestimm­ten Satz wich­tig ist, ein Sub­stan­tiv zu erhal­ten, oder ob ich es nicht lie­ber in ein Verb umwand­le, weil der Satz sonst auf Deutsch zu bom­bas­tisch klingt, zu auf­ge­bläht. Als Anfän­ge­rin habe ich sehr viel Zeit mit der­ar­ti­gen Über­le­gun­gen ver­bracht, inzwi­schen bin ich aller­dings so trai­niert und erfah­ren, dass ich mich auf mei­ne Intui­ti­on ver­las­sen kann. Über­set­zen muss stän­dig geübt wer­den, ähn­lich wie ein Musi­ker üben muss, um sei­ne Fin­ger­fer­tig­keit zu erhal­ten. Für einen Anfän­ger bedeu­tet das einen gro­ßen Zeit­auf­wand, zusätz­lich zur eigent­li­chen Über­set­zungs­ar­beit. Bei mir haben sich vie­le Trai­nings­vor­gän­ge schon so auto­ma­ti­siert, dass ich, wenn ich ein aus­län­di­sches Buch lese, unwill­kür­lich über­le­ge, wie ich bestimm­te Pas­sa­gen über­set­zen wür­de, auch wenn ich mit dem Buch beruf­lich nichts zu tun habe, ich also weder beauf­tragt bin, ein Gut­ach­ten zu erstel­len, noch es in Hin­blick auf eine mög­li­che Über­set­zung lese. Und wenn ich die deut­sche Über­set­zung eines aus­län­di­schen Autors lese, hal­te ich immer wie­der inne und den­ke: Das hat der Über­set­zer aber wun­der­bar hin­ge­kriegt. Oder: Das hät­te ich anders über­setzt. Und dann ver­su­che ich den Grund für mei­ne Begeis­te­rung oder für mei­ne Ableh­nung her­aus­zu­fin­den. Eben­so über­le­ge ich beim Lesen immer wie­der, wel­che Asso­zia­tio­nen bestimm­te Pas­sa­gen oder Wör­ter in mir her­vor­ru­fen. Asso­zia­tio­nen haben viel mit dem Gefühl, der eige­nen Bio­gra­phie und Lese­bio­gra­phie zu tun. Ich möch­te Ihnen ein, wie ich fin­de, anschau­li­ches Bei­spiel dafür geben, näm­lich ob in einer Über­set­zung ein Baum gefällt oder umge­schla­gen wird. Beim Fäl­len asso­zi­ie­ren wir “fal­len”, wir sehen den Rie­sen, der fällt, emp­fin­den auto­ma­tisch Bedau­ern und so etwas wie Ehr­furcht. Der Satz hat eine gewis­se Tra­gik. Ganz anders ist es, wenn der Baum umge­schla­gen oder umge­hau­en wird. Da sehen wir die Män­ner vor uns, die mit bru­ta­ler Gewalt dem Baum zu Lei­be rücken. Der Satz hat etwas Gewalt­tä­ti­ges. Die For­mu­lie­rung “einen Baum fäl­len” ist aller­dings typisch deutsch, ich ken­ne ihn aus ande­ren Spra­chen nicht. Man muss also beim Über­set­zen ent­schei­den, auf wel­che Art es dazu kom­men soll, dass der Baum am Schluss auf dem Boden liegt. Eine Regel kann es für sol­che Pro­ble­me nicht geben, eben­so wenig wie die ein­zig mög­li­che, kor­rek­te Über­set­zung. Man­ches ist — samt den dazu­ge­hö­ri­gen Asso­zia­tio­nen — nicht zu über­set­zen. Die wohl bekann­tes­ten Bei­spie­le sind “die Son­ne” und “der Mond”. In vie­len Spra­chen ist die Son­ne männ­lich und der Mond weib­lich. Wenn ein fran­zö­si­scher puber­tie­ren­der Kna­be “la lune” anschmach­tet, wird der Leser auto­ma­tisch in eine ande­re Stim­mung ver­setzt, als wenn ein gleich­alt­ri­ger deut­scher Jun­ge den Mond betrach­tet. Das Bild bleibt roman­tisch, klar, aber es fehlt die Ero­tik, die “la lune” den Fran­zo­sen schenkt. Und wenn es sich bei Kin­der­bü­chern um Tier­ge­schich­ten han­delt, kann man durch das ande­re Geschlecht der Sub­stan­ti­ve ganz schön ins Schwit­zen kom­men, beson­ders wenn die ent­spre­chen­de Illus­tra­ti­on einen zwingt, den Tie­ren ein ande­res als das gram­ma­ti­ka­li­sche Geschlecht zu ver­lei­hen. Die Lösung, aus der “Krö­te” einen “Krö­te­rich” zu machen, ist lei­der nicht immer mög­lich. Oft sind es auch die Defi­zi­te der deut­schen Spra­che, die Über­set­zern und Über­set­ze­rin­nen das Leben schwer machen. Da ist zum Bei­spiel der Aus­druck “das jun­ge Mäd­chen”, das mit dem Wort Mäd­chen als Bezeich­nung für ein weib­li­ches Kind auch noch die­ses unse­li­ge gram­ma­ti­ka­li­sche Geschlecht — die per­sön­li­che Geschlechts­lo­sig­keit — gemein hat. Wobei das “jun­ge Mäd­chen” ohne­hin schon eine plum­pe Hilfs­kon­struk­ti­on ist, um sie (oder es?) vom Kind-Mäd­chen zu unter­schei­den, denn das Wort “Frau” ist ein­deu­tig eine erwach­se­ne Frau und weckt ande­re Asso­zia­tio­nen, obwohl es in man­chen Krei­sen immer übli­cher wird, auch Vier­zehn- oder Fünf­zehn­jäh­ri­ge als Frau zu bezeich­nen. Aber eine Zwölf­jäh­ri­ge? Das jun­ge Mäd­chen, die sich für ein Fest schminkt? Das geht nicht, bei “das Mäd­chen, die” sträu­ben sich einem die Nacken­haa­re. Aber “das jun­ge Mäd­chen, das sich für ein Fest schminkt?” Da sträubt sich mein Bewusst­sein. Sie ist doch kein Kind mehr, sie hat doch ein Geschlecht und ist sich die­ser Tat­sa­che gera­de bei der Vor­be­rei­tung auf ein Fest wohl ganz beson­ders bewusst. Mit dem “jun­gen Mann” ist es nicht viel bes­ser, nach­dem uns Wör­ter wie “Jüng­ling” und “Bur­sche” so gut wie abhan­den gekom­men bzw. nur noch in Begrif­fen wie “Bur­schen­herr­lich­keit” erhal­ten geblie­ben sind, das Wort “Jugend­li­cher” von den Sozio­lo­gen ver­ein­nahmt ist und “Min­der­jäh­ri­ger” auch kei­ne Alter­na­ti­ve bie­tet. Auf Hebrä­isch fal­len mir auf Anhieb acht Bezeich­nun­gen ein, vom zar­ten Kna­ben bis hin zu einem jun­gen Mann, bei dem jeder sofort weiß, dass er reli­gi­ös ist. (rach, jeled, bachur, na´ar, rawak, kat­in, za´ir, awrech). Eine ande­re deut­sche Eigen­heit macht Über­set­zern das Her­stel­len kor­rek­ter Bezü­ge oft schwer, näm­lich das Wört­chen “sie”. Nur ein paar Bei­spie­le: Sie geht nach Hau­se. Ich sehe sie. (3. Pers. Sing. Nom. und Akk.) Sie sin­gen ein Lied. Ich höre sie sin­gen. (3. Pers. Plu­ral Nom. und Akk.) Dazu kommt “Sie” als Anre­de. Im Hebräi­schen gibt es für “sie” ein­schließ­lich der Höf­lich­keits­form vier­zehn ver­schie­de­ne Wör­ter, je nach­dem, ob Sin­gu­lar oder Plu­ral, Mas­ku­li­num oder Femi­ni­num, Nomi­na­tiv oder Akku­sa­tiv gemeint ist: hi, ota, hem, otam, hen, otan, ata, otcha, at, otach, atem, otchem, aten, otchen. Allein das “sie” ist häu­fig dafür ver­ant­wort­lich, dass eine Eins-zu-eins-Über­set­zung nicht mög­lich ist. Ein Bei­spiel­satz: “Sie gehen auf der Stra­ße, als sie sie tref­fen und sie fra­gen: Haben Sie sie gese­hen? Hat sie sie gebe­ten, dass sie ihr sagen, sie müss­ten sie abho­len?” Eine der unzäh­li­gen Auf­schlüs­se­lun­gen könn­ten sein: “Klaus und Peter gehen auf der Stra­ße, als sie Frau X tref­fen und sie fra­gen: Haben Sie Frau Y gese­hen? Und hat Frau Y Tomas und Anna gebe­ten, dass sie der Tan­te sagen, sie müss­ten die Oma abho­len?” An die­ser Stel­le möch­te ich erwäh­nen, dass das Deut­sche wie­der­um durch die drei Arti­kel “der, die, das”, die als Rela­tiv­pro­no­men benutzt wer­den kön­nen, manch­mal kor­rek­te Anschlüs­se beson­ders leicht macht. Schwie­rig­kei­ten berei­tet oft auch das Anre­de-Sie: Ted van Lies­hout lässt in sei­nem Buch “Bru­der”, einer Geschich­te, die in den sech­zi­ger Jah­ren spielt, die Kin­der ihre Eltern mit “Sie” anre­den. In den Nie­der­lan­den war das damals in Fami­li­en geho­be­ner Gesell­schafts­schich­ten noch üblich. Wür­de man es kor­rekt über­set­zen, klän­ge es auf Deutsch albern. Wegen die­ses Pro­blems kam es fast zum Bruch zwi­schen Autor, Ver­lag und mir. Im Hebräi­schen gibt es, genau wie im Eng­li­schen, kein “Sie”, außer­dem ist die Anre­de Herr oder Frau Sound­so nicht üblich und wird nur bei Men­schen benutzt, die sehr viel älter oder sozi­al wesent­lich höher gestellt sind. Wenn ich zum Bei­spiel in Isra­el in einem Rei­se­bü­ro anru­fe und einen Flug buche, wird die Ange­stell­te die Buchung anneh­men und sagen: Also, Mir­jam, dein Flie­ger geht um acht Uhr zehn. Ver­giss nicht, dass du eine hal­be Stun­de eher da sein musst. Sogar Leh­rer wer­den übli­cher­wei­se mit dem Vor­na­men ange­re­det. Bei einer Über­set­zung muss man stän­dig über­le­gen, wie die Bezie­hung zwi­schen den Per­so­nen ist, ob sie sich hier duzen wür­den, und wenn nicht, an wel­cher Stel­le sie ver­mut­lich vom “Sie” zum “Du” wech­seln. Die Faust­re­gel “spä­tes­tens nach dem ers­ten Kuss” lässt sich nur bei Lie­bes­paa­ren anwen­den. Ich habe schon oft genug fer­ti­ge Über­set­zun­gen noch ein­mal über­ar­bei­tet, weil ich nach­träg­lich die Anre­de für falsch hielt. Außer bei Wör­tern, Wort­fel­dern, Asso­zia­tio­nen und Bezü­gen gibt es natür­lich noch ande­re Pro­ble­me. Bei Über­set­zun­gen aus dem Hebräi­schen sind das vor allem Schwie­rig­kei­ten, die sich auf den Umgang mit den Zei­ten zurück­füh­ren las­sen. Auch beim Schrei­ben kön­nen israe­li­sche Autoren und Autorin­nen ohne ersicht­li­chen Grund von einer Zeit in die ande­re sprin­gen, ohne dass ihnen das per se als Feh­ler ange­rech­net wird. Ganz abge­se­hen davon, dass es im Hebräi­schen kei­ne zusam­men­ge­setz­ten Zei­ten gibt, weder Per­fekt noch Plus­quam­per­fekt, ganz zu schwei­gen vom zwei­ten Futur. Es gibt auch kei­nen Kon­junk­tiv und kei­nen Irrea­lis. Das macht, zusam­men mit den feh­len­den Per­fekt­zei­ten , das Über­set­zen von indi­rek­ter Rede zu einem Draht­seil­akt, der ohne Inter­pre­ta­ti­on — mit der stän­di­gen Gefahr von Feh­lern — nicht zu bewäl­ti­gen ist. Des­halb behaup­te ich, dass es eine “rich­ti­ge” Über­set­zung aus dem Hebräi­schen nicht gibt. Man muss stän­dig über­le­gen und ent­schei­den, ob etwas wirk­lich pas­siert ist, ob die Figur sich das Geschrie­be­ne viel­leicht nur wünscht oder denkt, und falls man sich für die Ver­si­on “wirk­lich pas­siert” ent­schei­det, über­legt man, wann es pas­siert ist oder pas­sie­ren wird, vor dem gera­de Erzähl­ten oder danach, oder gar erst in der Zukunft. Der Ver­such, die­ses Pro­blem mit dem israe­li­schen Autor zu klä­ren, ist nach mei­ner Erfah­rung von vorn­her­ein zum Schei­tern ver­ur­teilt. Die meis­ten Israe­lis haben im Eng­lisch­un­ter­richt zwar von die­sen selt­sa­men Zei­ten gehört, kön­nen aber ihre wirk­li­che Bedeu­tung nicht nach­emp­fin­den, auch nicht unse­re Reak­tio­nen auf den Umgang israe­li­scher Autoren mit der Zeit. Wie stark Lese­ge­wohn­hei­ten unse­re Rezep­ti­on von Büchern beein­flus­sen, beweist zum Bei­spiel, dass ich, wenn ich ein hebräi­sches Buch lese, kei­ner­lei Schwie­rig­kei­ten mit der Zeit habe. Ich stol­pe­re erst dar­über, wenn ich anfan­ge zu über­set­zen. Das mei­nes Erach­tens schwie­rigs­te Pro­blem beim Über­set­zen aus dem Hebräi­schen besteht aller­dings dar­in, eine adäqua­te Sprach­ebe­ne zu fin­den, da die gespro­che­ne Spra­che und die lite­ra­ri­sche Spra­che noch viel wei­ter aus­ein­an­der­klaf­fen als bei­spiels­wei­se im Eng­li­schen und die Umgangs­spra­che eher zögernd Ein­gang in die Lite­ra­tur fin­det. Eine der jün­ge­ren Autorin­nen, die sich auf genia­le Wei­se auf die­ses Aben­teu­er ein­lässt, ist z. B. Zeru­ya Shalev. Bei man­chen, vor allem jün­ge­ren und noch uner­fah­re­nen, Autoren führt die­se Dis­kre­panz zwi­schen gespro­che­ner und geschrie­be­ner Spra­che aber leicht dazu, dass sie ihre Spra­che hoch­schrau­ben und aus einem ein­fa­chen Bild oder Gedan­ken einen “geschwol­le­nen Furz” machen. Die­se For­mu­lie­rung stammt aus dem Hebräi­schen, nod nafu´ach, und ist so bild­haft, dass ich sie hier ger­ne über­neh­me. Oft fehlt dem Ori­gi­nal auch das Lek­to­rat. Nicht in allen Län­dern ist ein Lek­to­rat in unse­rem Sinn all­ge­mein üblich. (Ganz neben­bei, auch bei uns geht es lei­der immer mehr ver­lo­ren, was man man­chen Büchern auch deut­lich anmerkt.) Feh­ler, die ich in Kin­der- und Jugend­bü­chern gefun­den habe und die eigent­lich ein Lek­tor hät­te fin­den müs­sen, waren unter ande­rem: Frö­sche quak­ten zur fal­schen Jah­res­zeit, Brom­bee­ren und Him­bee­ren tru­gen zur glei­chen Zeit Früch­te. In West­afri­ka wuch­sen Bäu­me, die es dort gar nicht gibt. Beim Über­set­zen soll­te man vor­sichts­hal­ber alles nach­schla­gen. Ich habe ja schon gesagt, dass Über­set­zen bil­det. Auch fal­sche oder schrä­ge Bil­der las­sen sich nicht ein­fach über­neh­men. Deut­sche Leser — und vor allem deut­sche Kri­ti­ker — kön­nen nicht wis­sen, ob das schrä­ge Bild dem Ori­gi­nal oder dem Über­set­zer zuzu­schrei­ben ist. Kri­ti­ker wer­den in einem sol­chen Fall sofort den Über­set­zer beschul­di­gen. Ande­rer­seits muss man sich davor hüten, fal­sche Bil­der in einen Text hin­ein zu über­set­zen. So soll­te in einem Buch, das in Isra­el spielt, auf kei­nen Fall jemand mal eben “her­ein­schnei­en”. Zum Abschluss der beschrie­be­nen Pro­ble­me möch­te ich als Bei­spiel ein paar Sät­ze anfüh­ren. Es han­delt sich um den Text, den eine sehr gute Autorin vor über zwan­zig Jah­ren geschrie­ben hat, als ambi­tio­nier­te, sehr jun­ge Frau. Ich bin mit ihr befreun­det, des­halb habe ich den Über­set­zungs­auf­trag über­nom­men, aber wir saßen drei Tage zusam­men, um die frag­li­chen Stel­len zu klä­ren. Ein Mann beschreibt das Grab­bild­nis einer Frau. Im Ori­gi­nal heißt es: Nun erst schaue ich sie wirk­lich an. Ihr Gesicht ist oval, die Far­be hat den Ton von Wüs­ten­sand. Sie hat eine gera­de Nase, ein senk­rech­ter Strich läßt ihre Nach­denk­lich­keit in Trop­fen fal­len. Edle Augen, dün­ne Wim­pern in den Win­keln. Sorg­fäl­ti­ge Brau­en. Wie die Nase am Ende her­un­ter­glei­tet. Über der Lip­pe ein Grüb­chen wie ein Kind. Unschul­dig. Der Engel schlägt das Neu­ge­bo­re­ne auf den Mund. Es erin­nert sich nicht mehr an die Zufluchts­stät­te im Bauch. Nach Abspra­che mit der Autorin heißt es jetzt auf Deutsch: Ihr Gesicht ist oval, ihre Haut hat die Far­be von Wüs­ten­sand. Sie hat eine gera­de Nase mit trop­fen­för­mi­gen Nasen­flü­geln. Dar­über zwei gro­ße, man­del­för­mi­ge Augen. Edle Augen, in den Win­keln die zar­ten Lini­en ihrer Wim­pern. Auch ihre Brau­en sind sorg­fäl­tig gemalt. Die Ein­buch­tung über der Ober­lip­pe wie bei einem Kind. Unschul­dig. Der Engel zeigt dem Unge­bo­re­nen sein gan­zes zukünf­ti­ges Leben, aber einen Moment vor der Geburt legt er ihm den Fin­ger auf den Mund, um das Gese­he­ne aus dem Bewusst­sein zu löschen. Das Phil­t­rum ist der Abdruck des Engel­fin­gers. Übri­gens: Dies ist auch ein Bei­spiel dafür, wie ein Text erwei­tert wird, um etwas Unver­ständ­li­ches zu erklä­ren. Ich hät­te die­sen Zusatz aller­dings ohne den aus­drück­li­chen Wunsch der Autorin nicht ange­bracht. Ein zwei­tes Bei­spiel: Mein Vater frag­te vor­sich­tig, ob ich viel­leicht Lust hät­te, Jura zu stu­die­ren. Mein­te er, ich wür­de den Faden sei­ner Ver­trei­bung nähen? Auf Deutsch wur­de es: Hat er geglaubt, ich wür­de das voll­enden, was er ein­mal ange­fan­gen hat­te? Und ein drit­tes Bei­spiel: Ein Arzt sagt über sei­ne Pati­en­tin, eine alte Frau: Seit sie zuge­las­sen hat­te, daß ich ihr das Gesicht abwisch­te, hat­te sie ein wei­te­res Blatt abge­wor­fen. Es flat­ter­te noch durch das Zim­mer, unsicht­bar, aber unan­ge­nehm rie­chend. Auf Deutsch heißt es: Seit sie zuge­las­sen hat­te, dass ich ihr das Gesicht abwisch­te, hat­te sie, wie eine Zwie­bel, eine wei­te­re Scha­le abge­wor­fen, unsicht­bar, aber nach Ver­fall rie­chend. Und noch ein letz­tes Bei­spiel: Eine The­ra­peu­tin erzählt von einer Pati­en­tin: Sie sag­te zu mir: “Wenn du zuhö­ren musst, wel­che Abwäs­ser sich zwi­schen Men­schen ver­ber­gen, dann ist mein Schlamm nicht bes­ser und nicht weni­ger gut.” In der deut­schen Über­set­zung steht: Sie sag­te zu mir: “Wenn Sie sich anhö­ren müs­sen, wel­che üblen Din­ge sich zwi­schen den Men­schen abspie­len, dann ist das, was ich Ihnen zu erzäh­len habe, nicht bes­ser und nicht schlech­ter.” Wie gesagt, drei Tage haben die Autorin und ich dar­an gear­bei­tet, aber es war eine schö­ne Arbeit, die ich nicht mis­sen möch­te. Es war eine der weni­gen Gele­gen­hei­ten, die sich einem Über­set­zer bie­ten, sei­ne Ein­sam­keit bei der Arbeit zu über­win­den. Ich bin der pri­vi­le­gier­ten Situa­ti­on, dass ich in der Regel die Bücher aus­su­chen kann, die ich über­set­zen möch­te. Natür­lich spie­len lite­ra­ri­sche Über­le­gun­gen dabei die Haupt­rol­le. Dane­ben geht es mir aber auch dar­um, wie wich­tig die Bücher in poli­ti­scher, sozia­ler oder psy­cho­lo­gi­scher Sicht sind, was Leser erfah­ren kön­nen, was sie mei­ner Mei­nung nach unbe­dingt erfah­ren müss­ten. Aller­dings kann ich mich bei mei­ner Aus­wahl nur nach dem rich­ten, was ich von Ver­la­gen ange­bo­ten bekom­me. Denn es gibt eine sehr plat­te Aus­sa­ge, die trotz ihrer Bana­li­tät nicht weni­ger wahr ist: Über­set­zer wer­den auch dafür gebraucht, dass die Ver­la­ge Geschäf­te machen. Bücher sind nun ein­mal Waren, und nie­mand weiß das bes­ser als Über­set­zer. Ver­la­ge brin­gen oft das Argu­ment vor, ein paar Euro Sei­ten­ho­no­rar mehr führ­ten dazu, dass man ein Buch nicht mehr kal­ku­lie­ren kön­ne. War­um aller­dings beim schwächs­ten Glied in der Ket­te, die zur Ent­ste­hung eines Buches not­wen­dig ist, gespart wer­den muss, beim Über­set­zer, der Über­set­ze­rin, ist mir nicht ganz ein­sich­tig. Wir lie­fern eine ordent­li­che Arbeit — und Über­set­zen ist, bei allem Ver­gnü­gen, eine anstren­gen­de Arbeit — und soll­ten dafür ange­mes­sen bezahlt wer­den. Wenn es denn so teu­er ist, Bücher über­set­zen zu las­sen, war­um gibt es dann so vie­le Über­set­zun­gen, nicht nur in der Kin­der- und Jugend­li­te­ra­tur? Dar­auf gibt es wohl meh­re­re Ant­wor­ten: Ver­la­ge kön­nen sich aus der Viel­zahl der aus­län­di­schen Bücher die Rosi­nen her­aus­pi­cken und Bücher über­set­zen las­sen, die sich in ihrem Hei­mat­land bereits bewährt haben, sei es, dass sie sich gut ver­kauft oder dass sie beson­ders gute Kri­ti­ken bekom­men haben. Ein ande­rer Grund ist bestimmt auch, dass Frem­des, Anders­ar­ti­ges in der Regel span­nen­der ist als das, was man bereits kennt. Und selbst­ver­ständ­lich lese ich lie­ber etwas über Isra­el, was von israe­li­schen Autoren geschrie­ben ist, als das, was ein deut­scher Autor, der viel­leicht ein­mal ein paar Wochen Urlaub im Land gemacht hat, mir dar­über erzäh­len möch­te. Zusam­men­fas­send lässt sich sagen: Über­set­zen ist viel­fäl­tig. Ande­re Kul­tu­ren — und somit auch ihre Lite­ra­tu­ren — sind nicht nur span­nend, weil sie “anders” sind. Sie bie­ten uns nicht nur Infor­ma­tio­nen über ande­re Län­der, von denen wir sonst nicht viel wis­sen, son­dern sie machen uns auch mit den in die­sen Län­dern bevor­zug­ten Ein­stel­lun­gen, Wer­ten und Nor­men bekannt. Wir erfah­ren etwas über die Art, wie Men­schen mit­ein­an­der umge­hen, wie sie ihre per­sön­li­che Lebens­welt orga­ni­sie­ren und sie, so gut es eben mög­lich ist, lebens­wert machen. Das ist nicht nur span­nend, son­dern kann uns viel­leicht auch auf neue Ideen brin­gen. Das Über­set­zen von Büchern ist wich­tig, weil es der Völ­ker­ver­stän­di­gung dient, weil wir durch die Arbeit von Über­set­zern und Über­set­ze­rin­nen frem­de Kul­tur­krei­se ken­nen ler­nen, weil wir unse­ren Hori­zont erwei­tern, weil unse­re Lite­ra­tur ohne das Neue, Frem­de um vie­les lang­wei­li­ger wäre. Wie arm wäre unse­re Lite­ra­tur, wenn wir nicht durch Über­set­zun­gen frem­de Far­big­kei­ten und frem­de Ideen ken­nen ler­nen könn­ten! Wie arm wären wir, wenn wir uns mit dem Deutsch­tum und den in deut­scher Spra­che geschrie­be­nen Büchern begnü­gen müss­ten! Und wie arm wären umge­kehrt auch ande­re Kul­tu­ren, wenn sie auf deut­sche Bücher ver­zich­ten müss­ten! Mei­ner Mei­nung nach ist die Lite­ra­tur eines der weni­gen Gebie­te, auf dem der viel beschwo­re­ne mul­ti­kul­tu­rel­le Aus­tausch wirk­lich gedeiht. Dafür bin ich als Über­set­ze­rin und vor allem als Lese­rin immer wie­der dankbar.