Die brennende Masse

Die brennende Masse

von Jasmina Zakaria

Ich lag zusam­men­ge­kau­ert unter einem der Bier­ti­sche. Mein Bein war ein­ge­schla­fen und mach­te sich bemerk­bar. Nein, ich kann mich jetzt nicht bewe­gen! Aber wir müs­sen hier schon ewig liegen…vielleicht kann ich mich doch ein biss­chen bewe­gen. Ich dreh­te vor­sich­tig mein Bein und lag nun direkt neben Nina. Als die Schüs­se fie­len hat­te ich sie am Hand­ge­lenk gepackt und sie unter den Tisch gezerrt. Woher hat­te ich die­se Ein­ge­bung? Da lagen wir nun neben­ein­an­der, aber ich konn­te immer noch nicht able­sen, was Nina fühl­te. Ihr wird’s wohl genau­so gehen. Ich hat­te gebe­tet, gefleht, an mei­ne Fami­lie gedacht, mit den Trä­nen gekämpft, den Wür­ge­reiz unter­drückt, die Schnapp­at­mung besiegt. Wahr­schein­lich hat­te das nie­mand mit­be­kom­men. Wird Gott dich wohl gehört haben? Wird er dich über­haupt beach­ten, dich beken­nen­de Athe­is­tin, die bei jeder Gele­gen­heit Zwei­fel und Kri­tik an der Kir­che äußert, die heu­te zum ers­ten Mal gebe­tet hat? Ich reck­te mei­nen Kopf ein wenig, um zu sehen, wo die ande­ren waren. Ich sah Mar­kus und Corin­na vor uns lie­gen, bei­de bewe­gungs­los. Corin­na hat­te die Augen geschlos­sen. Sie ist sehr gläu­big, sie betet sicher­lich auch. Aber ihr Gebet wird wohl erhört. Lass das, hör auf sowas Trau­ri­ges zu den­ken. Denk an etwas Fröh­li­ches. Fami­lie! Mei­ne Fami­lie! Die wer­de ich viel­leicht nicht mehr wie­der­se­hen. Ich sah mei­ne Schwes­ter am Mit­tags­tisch einen Witz erzäh­len und uns alle lachen. Oh Gott, wie schreck­lich, ich weiß nicht, ob ich sie wie­der­se­he. Ein Fels­bro­cken drück­te auf mei­ne Brust, ich konn­te nicht mehr rich­tig atmen. Beru­hig dich! Oder er hört dich! Er, er, ich hat­te ihn gese­hen, ich hat­te die­sen wil­den, ver­rück­ten, fixen Aus­druck in sei­nen schwar­zen Augen gese­hen. Wie­der eine die­ser Ein­ge­bun­gen, woher kamen die? Mein Bauch hat­te sich zusam­men­ge­zo­gen als sich unse­re Bli­cke tra­fen. Woher wuss­te ich so genau, dass er es war? Es hät­te jeder sein kön­nen. Nein, er war es, ganz sicher, ganz ganz sicher. Mein Bauch hat­te sich zusam­men­ge­zo­gen, aber ich hat­te kein Wort her­aus­brin­gen kön­nen. Bin ich schuld, dass ich nicht alle gewarnt habe? Ach was, seit wann hört die Poli­zei auf Ein­ge­bun­gen?! Aber ich bin schuld, dass ich hier bin! Ja, hät­te ich mal auf mei­ne Eltern gehört. Viel­leicht sehe ich sie nie wie­der. Oh Gott! Wie­der konn­te ich nicht mehr rich­tig atmen. Beru­hig dich! Das hät­te doch nie­mand ahnen kön­nen. Nach den gan­zen ande­ren Anschlä­gen haben sie schließ­lich ein Ruck­sack­ver­bot erlas­sen. Und du woll­test dei­ne Freun­de wie­der­se­hen, nie­mand macht dir das zum Vor­wurf. Denk an etwas Schö­nes! War­um tref­fe ich eigent­lich immer fal­sche Ent­schei­dun­gen? Und dau­ernd rege ich mich über Klei­nig­kei­ten auf! Über Mar­kus hat­te ich mich jeden Tag geär­gert, weil er ver­ges­sen hat­te sei­ne Son­nen­creme mit zum Strand zu neh­men, weil er zu wenig Bar­geld auf die Aus­flü­ge mit­ge­nom­men hat­te, weil er stän­dig hung­rig war und andau­ernd den­sel­ben Witz brach­te. Und jetzt hoff­te ich ein­fach nur, dass er noch am Leben war! Aber er sieht leben­dig aus, ja, er ist noch am Leben. Moment, wo sind eigent­lich Lau­ra und Mar­ti­na? Wie hat die­ser ver­damm­te Kerl eine Waf­fe ins Zelt schmug­geln kön­nen? Wie ver­dammt noch mal? Mona­te­lang haben die doch dar­über dis­ku­tiert. Ruck­sack­ver­bot hin, Ruck­sack­ver­bot her. Mehr Sicher­heits­kräf­te hin, mehr Sicher­heits­kräf­te her. Viel­leicht haben die Popu­lis­ten doch Recht, viel­leicht hät­ten wir die Flücht­lin­ge nicht ins Land las­sen dür­fen. Nein, nein, nein, das ist Blöd­sinn! Ker­le wie die­ser Scharf­schüt­ze, das sind doch die, vor denen die Flücht­lin­ge flüch­ten. Weiß doch jeder! Woher willst du denn wis­sen, dass das ein isla­mis­ti­scher Anschlag war? Weiß ich ein­fach, ich habs an sei­nen Augen gese­hen. So, genug mit dem Blöd­sinn! Du hast gar nichts gese­hen! Wo sind die ande­ren? Es ist plötz­lich so ruhig. Die Schreie waren ver­hallt und die Stil­le kleb­te wie Blei an mei­nen Glie­dern. Ich zog mei­ne Bei­ne zusam­men und hielt mei­ne Knie. Autsch! Vor­sich­tig reck­te ich mei­nen Kopf unter dem Tisch her­vor. Nichts beweg­te sich. Ich mach­te Nina ein Zei­chen und stand auf. Die Hal­le war völ­lig ver­wüs­tet, kaput­tes Glas, über­all Blut. Ich fing an zu schrei­en, Trä­nen ström­ten unkon­trol­liert über mein Gesicht. Ich schmeck­te das Salz, das ein­zi­ge Zei­chen, dass ich noch am Leben war. Die Sani­tä­ter kamen. Dann die Poli­zei. Dann die Repor­ter. Ich stand immer noch so da, ich konn­te nicht auf­hö­ren zu schrei­en. Hör auf zu schrei­en! Hör jetzt auf zu schreien!

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Der Spie­gel hat­te ein Bild von mir geti­telt, von mei­nem schmerz­ver­zerr­ten Gesicht, hin­ter mir die apo­ka­lyp­ti­sche Ver­wüs­tung. Bild­über­schrift: Wie kön­nen wir noch so wei­ter­ma­chen? Anschei­nend hat­te ich auch ein Inter­view gege­ben. Ich hat­te erzählt von den vier Schüs­sen, die ich gehört hat­te – oder waren es fünf? – und von mei­nem Instinkt, Nina mit unter den Bier­tisch zu zie­hen. Ich hat­te erzählt, dass wir noch zwei Freun­din­nen ver­miss­ten, dass wir uns eigent­lich hier zusam­men­ge­fun­den hat­ten, um nach dem Aus­lands­se­mes­ter wie­der als Grup­pe zusam­men­zu­kom­men. Und dann muss­te ich spu­cken, ab da setzt mei­ne Erin­ne­rung wie­der ein. Wie eine leb­lo­se Hül­le ließ ich mich trei­ben, zu den Ärz­ten, zur Poli­zei, zum Psy­cho­lo­gen, zur The­ra­pie, nach Hau­se, wo ich es nicht lan­ge aus­hielt, mei­ne Eltern woll­ten mich nicht mehr los­las­sen. Zurück in mei­ne Woh­nung, die mich ver­höhn­te, weil sie genau­so leb­los war wie ich. Zurück zur Arbeit, wo ich ein­fach nur mecha­nisch alles abar­bei­te­te, was mir in die Hand gege­ben wur­de. Du bist ein gott­ver­damm­ter Robo­ter! Ich sah mei­ne Kol­le­gen nur still an, wenn sie einen Scherz mach­ten. Wie kann man über­haupt gera­de lachen? Hat denn kei­ner von denen die Bil­der in den Nach­rich­ten gese­hen, von der auf­ge­lös­ten, völ­lig erstarr­ten Mas­se, von den zer­stör­ten Bier­krü­gen, von den Blut­la­chen, von den ent­setz­ten Gesich­tern? Kann denn irgend­wer jetzt ein­fach so wei­ter­le­ben? Sie hat­ten Lau­ra und Mar­ti­na wie­der­ge­fun­den. Lau­ra schlepp­te Mar­ti­na, sie zog ihr stei­fes Bein hin­ter sich her. Er hat­te sie getrof­fen! Oh Gott, ich hät­te doch jeman­dem Bescheid sagen sol­len! Ich sah Mar­ti­na aus­ge­las­sen tan­zen, Sal­sa, Jive, Tan­go, sie konn­te ein­fach alles. Sie kann einen gan­zen Raum mit ihrer Fröh­lich­keit tra­gen. Kann? Oder konn­te? Ich wuss­te schon als wir noch unter den Tischen lagen, dass wir uns nie­mals unbe­freit wie­der­se­hen wür­den, dass all unse­re Erin­ne­run­gen über­klebt wor­den waren. Ich hat­te nicht mal Nina wie­der­ge­se­hen. Naja gut, wie denn auch? Du hast ja seit­dem dein Han­dy nicht mehr ange­schal­tet. Nach Fei­er­abend ging ich vor­bei an den wüten­den, flam­men­den Mas­sen, die nun das Stadt­bild präg­ten. Mer­kel auf dem Schei­ter­hau­fen, Mer­kel erhängt, Mer­kel erwürgt. Das Brül­len war gren­zen­los. Auf der Arbeit hat­ten sie von ver­folg­ten Flücht­lin­gen erzählt. Von bren­nen­den Asyl­hei­men. Naja, man­che hat­ten auch schon vor­her gebrannt. Aber jetzt brann­te das gan­ze Land. Die Mas­se schrie und keif­te, irgend­wo sah ich Pla­ka­te mit mei­nem Gesicht, mit mei­nem schmerz­ver­zerr­ten, mit Trä­nen über­ström­ten Gesicht, hin­ter mir die Apo­ka­lyp­se. Ich rann­te nach Hau­se, viel­leicht könn­te ich mit jeman­dem tele­fo­nie­ren, viel­leicht Nina anru­fen. Ich schal­te­te mein Han­dy an, Whats­app-Nach­rich­ten flu­te­ten mei­nen Bild­schirm. Am 01. Okto­ber um 17:56 Uhr hat­te Corin­na geschrie­ben: „Mar­ti­na, wo bist du?“ „Lau­ra, wo bist du?“ „WO SEID IHR?“ Ich rann­te zurück zur Arbeit und steck­te mei­ne hand­ge­schrie­be­ne Kün­di­gung in den Brief­schlitz am Ein­gangs­tor. Zehn Stun­den spä­ter lag ich an einem wei­ten Sand­strand und stell­te mich tot.

Dass man kei­ne Geis­tes­wis­sen­schaft­le­rin sein muss, um gesell­schaft­lich rele­van­te Lite­ra­tur zu schrei­ben, beweist Jas­mi­na Zaka­ria, Jahr­gang 1991. Um eine Teil­nah­me an unse­ren Schreib­work­shop bewarb sie sich mit einer Kurz­ge­schich­te und einem sze­ni­schen Text – zwei sen­si­bel erzähl­te Abbil­dun­gen der Trau­ma­ta jun­ger Erwach­se­ner in einer Gesell­schaft, die mit­ten in Ver­än­de­rung begrif­fen ist. Eine jun­ge Frau über­lebt den Bom­ben­an­schlag auf ein Volks­fest, ver­liert aber das Ver­trau­en in ihr Umfeld. Eine Ande­re ver­sucht ihrem Vater klar­zu­ma­chen, dass sie als Ein­wan­de­rer­kind zwei­ter Genera­ti­on mehr vom Leben erwar­tet als ein siche­res Aus­kom­men. Beim Ver­such einer Klä­rung über­tönt sie ihn der­art, dass der Vater schwei­gend zurück­bleibt. Seit ihrem Mas­ter of Sci­ence in Betrieb­wirt­schafts­leh­re an der Uni­ver­si­tät Bay­reuth und einem Aus­lands­se­mes­ter in Bra­si­li­en arbei­tet Jas­mi­na Zaka­ria in einer Bank in Frank­furt am Main. Wenn sie über ihre Arbeit spricht, hört man ihr deut­lich ein tie­fes Inter­es­se an markt­wirt­schaft­li­chen Pro­zes­sen an, aber auch am Umgang mit Men­schen. Auch ihr neu­er Text lässt eines nie außer Acht: den Respekt vor dem ein­zel­nen Men­schen und sei­nen lie­bens­wer­ten, ver­flix­ten Eigenheiten.

Geschrie­ben von Ulri­ke Almut Sandig.