Ein nostalgisches Wieder-Sehen — Coming 2 America

Ein nostalgisches Wieder-Sehen — Coming 2 America

© Quant­rell D Col­bert /Amazon Studios

von Ste­ven Gabber

Nicht weni­ger als 33 Jah­re ist es her, als die ame­ri­ka­ni­sche Film­ko­mö­die Com­ing to Ame­ri­ca (Der Prinz aus Zamun­da) auf den Lein­wän­den der 80er Jah­re zu sehen war. Es dau­er­te nicht lan­ge und der Film erar­bei­te­te sich einen Legen­den­sta­tus im Come­dy-Gen­re. Dafür gibt es zahl­rei­che Grün­de, die über die erst­klas­si­ge schau­spie­le­ri­sche Leis­tung von Eddie Mur­phy und Arse­nio Hall hin­aus­ge­hen. Viel­mehr legt der Film auch sei­ne Fin­ger in die offens­ten Wun­den der ame­ri­ka­ni­schen Kul­tur, wenn er bei­de Figu­ren aus dem fik­ti­ven, afri­ka­ni­schen Staat Zamun­da in die Rea­li­tät der Zuschauer*innen rei­sen lässt: Das ernüch­tern­de New York, 1988, das sei­ne Träu­me und Vor­ur­tei­le auf die Prot­ago­nis­ten loslässt.

Zur Erin­ne­rung der Plot in Kür­ze: Eddie Mur­phy flieht in der Haut des Thron­er­ben Zamundas Akeem nach Queens, um sei­ner arran­gier­ten Hoch­zeit zu ent­kom­men und um schließ­lich eine Frau zu fin­den, ohne dass die­se ihn sofort als einen Prin­zen wahr­nimmt. In Ame­ri­kas har­ter Rea­li­tät ange­kom­men gibt er sich für einen mit­tel­lo­sen Stu­den­ten aus und lernt sei­ne Aus­er­ko­re­ne Lisa McDo­well (Shari Head­ley) ken­nen. Über vie­le komi­sche Umwe­ge, kul­tu­rel­le Miss­ver­ständ­nis­se, Schein und Sein brö­ckelt die Fas­sa­de jedoch, Akeems wah­re Iden­ti­tät fliegt auf, als sich sein Vater in die Ange­le­gen­heit ein­mischt, und erst nach einer Bewäl­ti­gung des Kon­flikts kommt das Paar schließ­lich vor dem Trau­al­tar zusammen.

Eigent­lich eine run­de Sache. Wozu einen zwei­ten Teil pro­du­zie­ren? Ohne sich die­ser (für die Film­in­dus­trie ohne­hin rhe­to­ri­schen) Fra­ge anzu­neh­men, setz­ten die Para­mount Stu­di­os die­ses Pro­jekt auf Bie­gen und Bre­chen um: Kur­zer­hand war die alte Beset­zung wie­der zusam­men­ge­trom­melt, mit eini­gen neu­en Gesich­tern auf­ge­frischt und schon floss neu­er Wein durch die alten Schläu­che die­ser längst ver­staub­ten Coming-of-Age-Geschichte.

Da nicht nur inner­halb der Hand­lung, son­dern auch in der Rea­li­tät gut drei­ßig Jah­re ver­gan­gen sind, liegt es nahe, Eddie Mur­phy nun für Com­ing 2 Ame­ri­ca (Der Prinz aus Zamun­da 2) in die Rol­le eines altern­den Regen­ten zu ste­cken, der nun dar­an denkt, für sei­ne ältes­te Toch­ter Mee­ka (KiKi Lay­ne) eine Ehe mit dem Spröss­ling aus dem Nach­bar­staat Nex­do­ria zu arran­gie­ren. Doch die­se Plä­ne gera­ten auf Eis, als König Akeem von sei­nem ster­ben­den Vater (James Earl Jones) erfährt, dass Akeem als jun­ger Prinz auf sei­ner Braut­schau (die Dis­ko­sze­ne im ers­ten Teil) den unehe­li­chen Sohn Lavel­le (Jer­mai­ne Fow­ler) gezeugt hät­te. Auf­grund sei­nes männ­li­chen Geschlechts recht­mä­ßi­ger Thron­er­be Zamundas. Akeem zögert nicht und holt Lavel­le mit­samt sei­ner Fami­lie nach Afri­ka. Doch bald kommt dem Thron­an­wär­ter der berech­tig­te Ver­dacht, dass er nur zur Lösung der Erb­fol­ge benutzt wird, sodass er mit sei­ner zamunda­ni­schen Fri­seu­se Mirem­be nach Queens flieht und das Paar dort hei­ra­tet. Obgleich Akeem ent­schlos­sen war, sei­nen Sohn aus Ame­ri­ka zurück­zu­ho­len, über­kom­men ihn Erin­ne­run­gen an sei­ne eige­nen jün­ge­ren Jah­re, sodass er bald alle Zwän­ge gegen­über sei­nen Kin­dern ver­wirft und sei­ne ältes­te Toch­ter zur weib­li­chen Nach­fol­ge­rin erklärt. 

Es ist auf­grund der vie­len inhalt­li­chen Par­al­le­len offen­sicht­lich, dass man den zwei­ten Teil nur auf der Folie des ers­ten sehen und ver­ste­hen kann. Sich als Zuschauer*in in die­sem enor­men Figu­renar­se­nal und Infor­ma­ti­ons­über­fluss über­haupt ori­en­tie­ren zu kön­nen, ist nahe­zu unmög­lich, wenn man nicht Teil Eins in den letz­ten 33 Jah­ren bis zur Zitier­fä­hig­keit ver­in­ner­licht hat — ein ers­tes Indiz dafür, dass die Ziel­grup­pe etwas spe­zi­ell ist. Der Film ist näm­lich das, was Literaturwissenschaftler*innen “inter­tex­tu­ell” nen­nen: Er lebt förm­lich davon, dass er sich stän­dig auf sei­nen Vor­gän­ger zurück­be­zieht — eine Tat­sa­che, die das Wie­der­erken­nen von bekann­ten Schau­plät­zen, Figu­ren und Inhal­ten zum Grund­mo­dus der Zuschauer*innen macht. Die­se Tech­nik sorgt sicher­lich für zahl­rei­che nach­som­mer­lich-nost­al­gi­sche Momen­te im Publi­kum, auch wenn das immer­glei­che Copy-Pas­te-Sche­ma mit geal­ter­tem Cast manch­mal ermü­dend ist. Es scheint, als wäre der Nach­fol­ger über wei­te Stre­cken zu sehr mit dem Kult des Vor­gän­gers beschäf­tigt und macht sich dabei der­ar­tig abhän­gig von sei­ner Vor­la­ge, dass die eigen­stän­di­ge the­ma­ti­sche Ent­wick­lung von Inhal­ten kaum mög­lich wird.

Bli­cken wir zum Bei­spiel auf das enor­me kul­tur­kri­ti­sche Poten­zi­al des ers­ten Teils, das ein Plot bie­tet, der zwei hoch­ge­bo­re­ne Afri­ka­ner mit dem urba­nen Ame­ri­ka kon­fron­tiert. Die­se Kon­stel­la­ti­on ist logi­scher­wei­se kul­tur­po­li­tisch hoch­bri­sant, weil sie sich nicht nur mit dem The­ma sozia­ler Schicht beschäf­tigt, son­dern auch zwei sich völ­lig frem­de Kul­tu­ren mit­ein­an­der kol­li­die­ren lässt — Anlass, um kräf­tig an den Vor­ur­tei­len Ame­ri­kas gegen­über dem afri­ka­ni­schen “Ande­ren” zu rüt­teln. Damit kann Teil 2 kaum mit­hal­ten, wenn er ledig­lich zeigt, wie auf umge­kehr­te Wei­se Afri­ka auf einen ame­ri­ka­ni­schen Neu­an­kömm­ling reagiert. Anstatt aus den Pro­ble­men zwi­schen­kul­tu­rel­ler Ver­stän­di­gung komi­sche Effek­te zu erzeu­gen, reiht sich Com­ing 2 Ame­ri­ca viel­mehr in älte­re, bei­na­he “kul­tur­im­pe­ria­lis­ti­sche” Tra­di­tio­nen ein, wenn der Film zahl­rei­che Kli­schees kari­kie­rend ver­fes­tigt anstatt sie auf­zu­bre­chen. So besitzt etwa Zamundas Königs­haus einen gera­de­zu pein­li­chen, mit getrock­ne­ten Vor­häu­ten han­tie­ren­den Scha­ma­nen oder einen abge­grif­fen tri­via­len Dik­ta­tor aus dem Nach­bar­staat. Dass Lavel­le, um sich als wür­di­ger Thron­fol­ger zu erwei­sen, als Rei­fe­prü­fung einem schla­fen­den Löwen eine Wim­per abschnei­den muss, ist eben­falls nichts als unkri­ti­scher, plum­per Afri­ka-Sen­sa­tio­na­lis­mus, der dem gera­de­zu dekon­stru­ie­ren­den Scharf­sinn des ers­ten Teils weit hin­ter­her hinkt.

Com­ing 2 Ame­ri­ca trübt lei­der auch den Fort­schritts­op­ti­mis­mus, den sein Vor­gän­ger inne­hat­te: Akeem, einst Sinn­bild für den Wan­del tra­di­tio­nel­ler, patri­ar­cha­ler Struk­tu­ren, steckt nun selbst in den Schu­hen sei­nes kon­ser­va­ti­ven Vaters — gewillt, die eta­blier­ten Macht­ver­hält­nis­se zu erhal­ten. Sein einst hart erkämpf­ter Sieg gegen die Tyran­nei sei­nes Vaters scheint nicht gehal­ten zu haben. Er, der einst Lisa als nicht­ade­li­ge Frau ein Mit­spra­che­recht geben woll­te, hat zu Beginn von Teil 2 anschei­nend alle Lek­tio­nen ver­lernt. Pro­vo­ka­tiv gefragt: Aus­druck von Zwei­fel an poli­ti­schem Fort­schritt auf afri­ka­ni­schem Kon­ti­nent? Auch wenn man sich nicht so weit aus dem Fens­ter leh­nen muss und es gut tut, dass der Film die Din­ge gegen Ende wie­der ins Lot rückt — der Regress folgt dann wohl in Teil 3 -, wirft die Andeu­tung von Teil 2, dass jeder Fort­schritt nur rela­tiv ist und sich schnell in sein Gegen­teil ver­keh­ren kann, einen beträcht­li­chen Schat­ten auf das aber­mals pro­gres­si­ve Fil­men­de, in dem Akeem mit Gedan­ken an sei­ne ver­stor­be­ne Mut­ter die Thron­fol­ge zuguns­ten sei­ner Toch­ter verändert. 

Doch ist nicht alles faul im Staa­te Zamun­da. Hin­sicht­lich des The­mas Gen­der trumpft Teil 2 zumin­dest mit der Tat­sa­che auf, dass weib­li­che Figu­ren ver­stärkt in akti­ven Hand­lungs­po­si­tio­nen gezeigt wer­den. Es sind nicht mehr die Patri­ar­chen des ers­ten Teils, die die Spiel­räu­me set­zen, in denen sich Frau­en bewe­gen kön­nen. Was es der dama­li­gen Köni­gin an Stim­me und Durch­set­zungs­ver­mö­gen fehl­te, haben Akeems Gat­tin Lisa sowie deren Töch­ter nun im Über­fluss. Auch die Tat­sa­che, dass Zamun­da eine weib­li­che Thron­fol­ge­rin besitzt und die patri­ar­cha­le Linie somit durch­bro­chen wird, ist ein sinn­vol­ler, längst über­fäl­li­ger Impuls. Man darf auch dar­über schmun­zeln, dass nun anders als im ers­ten Teil auch Bade­jun­gen für die „Kör­per­pfle­ge“ der weib­li­chen Figu­ren zur Ver­fü­gung ste­hen —  eine ange­neh­me Umkehr der unkri­ti­schen Geschlech­ter­ver­hält­nis­se des ers­ten Teils.

Von einem femi­nis­ti­schen Para­dig­men­wech­sel soll­te man trotz­dem nicht spre­chen, zumal ein Groß­teil des Plots nach wie vor um sei­ne männ­li­chen Akteu­re kreist. Immer noch domi­nie­ren Mur­phy und Hall die Bild­flä­che, direkt gefolgt von Jer­mai­ne Fow­ler, der im Gegen­satz zu den weib­li­chen Rol­len sehr viel Screen­ti­me genießt. Da lässt sich fra­gen, ob es nicht aus­ge­reicht hät­te, die Hand­lung auf Akeems Töch­ter zu rich­ten, anstatt auf umständ­li­che Wei­se einen ame­ri­ka­ni­schen Sohn in die Gescheh­nis­se des ers­ten Teils ein­zu­flech­ten. Dass Akeems Töch­ter tat­säch­lich häu­fig nur als Kol­lek­tiv auf­tre­ten und dabei kaum indi­vi­du­el­le Cha­rak­ter­ei­gen­schaf­ten besit­zen, trübt die Umstän­de wei­ter — eben­so wie die Tat­sa­che, dass Lisa und Lavel­les Mut­ter Mary (Les­lie Jones) stär­ker in kari­kier­te Ver­hal­tens­ty­pen (ins­be­son­de­re das patri­ar­cha­le Shrew-Kli­schee) gedrängt werden.

Auch wenn sich Com­ing 2 Ame­ri­ca kaum aus dem Schat­ten sei­nes Vor­gän­gers hin­aus­wagt und in sei­ner The­men­ent­fal­tung mei­len­weit hin­ter­her­hinkt, bie­tet der Film Fans des Zamun­da-Uni­ver­sums genug komi­sches Poten­zi­al für 108 Minu­ten unkri­ti­sche Unter­hal­tung. Für ein bes­se­res Urteil stört die Tat­sa­che, dass sich der Film zu para­si­tär vom inno­va­ti­ven Geist des ers­ten Teils bedient, ganz ohne dabei eige­ne, eben­bür­tig komi­sche Impul­se mit zu set­zen. Was bleibt, ist ein nost­al­gie­er­füll­tes Wieder-Sehen.