Eine Frage des Geschmacks?

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Abb. 1: Col­la­ge von Mat­ti Keller

Von Simon Hintermayr und Matti Keller

Eine Frage des Geschmacks? Oder: Können Sie ihr Gehirn umstellen?

Am 16. Sep­tem­ber 2001 fin­det am Ran­de des Ham­bur­ger Musik­fes­tes eine Pres­se­kon­fe­renz mit dem renom­mier­ten Avant­gar­de-Kom­po­nis­ten Karl­heinz Stock­hausen statt. Es geht um Akus­tik, Archi­tek­tur, digi­ta­le Klän­ge im Kon­zert­saal – und dann bringt Stock­hausen selbst die Rede auf die fünf Tage zuvor ver­üb­ten Ter­ror­an­schlä­ge in New York, die er als ein Werk Luzi­fers bezeich­net. Was Stock­hausen in den fol­gen­den Minu­ten sagt, wird die Nach­ru­fe auf den sechs Jah­re spä­ter ver­stor­be­nen Künst­ler prägen:

“Also was da gesche­hen ist, ist natür­lich – jetzt müs­sen Sie alle ihr Gehirn umstel­len – das größ­te Kunst­werk, was es je gege­ben hat. Dass also Geis­ter in einem Akt etwas voll­brin­gen, was wir in der Musik nie träu­men könn­ten, dass Leu­te zehn Jah­re üben wie ver­rückt, total fana­tisch, für ein Kon­zert, und dann ster­ben. Das ist das größ­te Kunst­werk was es über­haupt gibt für den gan­zen Kos­mos, stel­len Sie sich das doch vor, was dort pas­siert ist, das sind also Leu­te, die sind so kon­zen­triert auf die eine Auf­füh­rung und dann wer­den 5000 Leu­te in die Auf­er­ste­hung gejagt, in einem Moment. Das könnt’ ich nicht. Dage­gen sind wir gar nix, also als Kom­po­nis­ten.” (Stock­hausen 2001: 1:05′ — 2:16′)

Wäh­rend Stock­hausen spricht, brei­tet sich ange­spann­tes Schwei­gen zwi­schen den anwe­sen­den Pressevertreter:innen aus. In ihren Köp­fen stellt sich ver­mut­lich eine Ein­sicht ein: Aus die­ser hoch­kul­tu­rel­len Nischen­ver­an­stal­tung hat sich gera­de eine inter­na­tio­na­le Skan­dal­mel­dung geschält. Was hier gesagt wur­de, das ist ein Ereig­nis. Und wie bei jedem wirk­li­chen Ereig­nis wur­de eine Gren­ze über­schrit­ten – aber wel­che eigentlich?

9/11 als Kunstwerk

Stock­hausens The­se, dass 9/11 das größ­te Kunst­werk sei, das es je gege­ben habe, bringt eine gan­ze Men­ge an Impli­ka­tio­nen mit sich. Bei­spiels­wei­se die Fra­ge, was Kunst eigent­lich ist und somit auch, in wel­chem Ver­hält­nis sie zum Leben steht.

Erhebung – Enthebung?

Eine Frage des Geschmacks?

„Stel­len Sie sich vor, ich könn­te jetzt ein Kunst­werk schaf­fen und Sie wären nicht nur erstaunt, son­dern Sie wür­den auf der Stel­le umfal­len, Sie wären tot und wür­den wie­der­ge­bo­ren, weil es ein­fach zu wahn­sin­nig ist. Man­che Künst­ler ver­su­chen doch auch, über die Gren­ze des über­haupt Denk­ba­ren und Mög­li­chen zu gehen, damit wir wach wer­den, damit wir uns für eine ande­re Welt öff­nen.“ (Stock­hausen 2001)

Für Stock­hausen selbst besteht das ästhe­ti­sche Moment der Ter­ror­an­schlä­ge offen­bar gera­de in ihrem Poten­zi­al der Annä­he­rung an die Rän­der des mensch­li­chen Erfah­rungs­rau­mes und schließ­lich deren Über­schrei­tung. Fol­gen wir also die­ser Grenz­li­nie, die den Kom­po­nis­ten zu sei­nen gewal­ti­gen Äuße­run­gen zu ani­mie­ren scheint, so führt sie uns zu der wohl schil­lernds­ten Voka­bel des Ästhe­tik­dis­kur­ses der ver­gan­ge­nen Jahr­tau­sen­de. Das ‚Erha­be­ne‘, einst eigen­stän­di­ge Kate­go­rie der anti­ken Rhe­to­rik­theo­rie und ‑leh­re, beschäf­tigt sich mit den Fra­gen nach dem Mäch­ti­gen, dem Über­gro­ßen und dem Gewal­ti­gen in der Kunst und ihrer Rezep­ti­on. Schon in sei­nen begriffs­ge­schicht­li­chen Aus­gän­gen im Latei­ni­schen ‚sub­li­mis‘ zeigt sich dabei eine augen­fäl­li­ge Nähe zu den Dimen­sio­nen des Gött­li­chen und Unend­li­chen: Die Ver­bin­dung des Prä­fi­xes ‚sub‘ (‚unter‘) und der Wort­fa­mi­lie um das Sub­stan­tiv ‚limen‘ (‚Schwel­le‘) bezeich­net dabei her­kömm­lich die nach oben hin zunächst begrenz­ten Sphä­ren des Menschlichen. 

Die­ses wird, wäh­rend Stock­hausen über die Ter­ror­an­schlä­ge spricht, in sei­ner grund­le­gends­ten, engen Bedeu­tung mani­fest, denn hier geht es wort­wört­lich um das Leben und den Tod rea­ler Men­schen, deren Kör­per fühl­ten und dach­ten. Der Kom­po­nist selbst aber scheint sich die­ses Umstan­des und sei­ner Bedeu­tung vor­erst nicht bewusst zu sein – im Gegen­teil, das Leben tritt bei ihm nur im Sin­ne sei­ner Dienst­bar­keit einem „Akt“ gegen­über auf. Damit gibt er uns einen Fin­ger­zeig, der uns auf den Spu­ren sei­nes Den­kens von der einen avant­gar­dis­tisch-hoch­kul­tu­rel­len Nische in eine ande­re führt: hin zum ita­lie­ni­schen Futu­ris­mus des frü­hen 20. Jahr­hun­derts.      
1909 ver­öf­fent­lich­te der Dich­ter Fili­po Toma­so Mari­net­ti einen Text mit dem Titel Mani­festo del Futu­ris­mo, das zu den wirk­mäch­tigs­ten Doku­men­ten der his­to­ri­schen Avant­gar­den gehört. Hier prä­sen­tiert er, ein­ge­bet­tet in die Erzäh­lung eines Auto­un­falls, zehn The­sen für eine Kunst, die die ita­lie­ni­sche Kul­tur ‚ver­jün­gen‘ soll­te. Es ist ein Appell zum Auf­bruch der Vor­hut – der Avant­gar­de – wenn es heißt:

„‘Lasst uns fah­ren‘, sag­te ich; lasst uns fah­ren, Freun­de! Lasst uns auf­bre­chen! End­lich haben sich die Mytho­lo­gie und die mys­ti­schen Idea­le als über­holt erwie­sen. Wir sind gera­de dabei, der Geburt eines Zen­tau­ren bei­zu­woh­nen, und schon bald wer­den wir die ers­ten Engel flie­gen sehen! … Wir wer­den an den Türen des Lebens rüt­teln müs­sen, um ihre Rie­gel und Angeln zu über­prü­fen!“ (Mari­net­ti 2018, S. 8)

Von unten also nähe­re sich der Mensch im Erha­be­nen dem Gött­li­chen, dem Gro­ßen an, zu dem er von Natur aus strebt. In der Rede­kunst ist es der blitz­ar­ti­ge Aus­bruch der ‚eksta­sis‘, der gewalt­sa­me Moment der Ent­rü­ckung, der die unend­li­chen divi­nen Sphä­ren in Aus­sicht stellt. Es lässt sich also erah­nen, wel­che Macht die Kunst über den Men­schen hat und wel­ches Moment Stock­hausen hier fasziniert.

Abb. 2: Joseph Cor­re­gio: Jagd­li­ches Stil­le­ben mit Fasan und Obst (1867).

Spä­tes­tens seit Edmund Bur­kes Phi­lo­so­phi­cal Enquiry into the Ori­gin of Our Ide­as of the Sub­li­me and Beau­tiful (1757) wird das Erha­be­ne kon­kret als Gegen­be­griff zum Schö­nen mani­fes­tiert. Nach sei­nem Ver­ständ­nis fin­den wir zum ‚delightful hor­ror‘, zur para­do­xen Anzie­hungs­kraft des Schreck­li­chen und Grau­en­vol­len also in der gro­ben, rohen Pracht der Natur: den unend­li­chen Wei­ten des stür­mi­schen Oze­ans, den stei­len Klip­pen der Gebir­ge, der unab­seh­ba­ren, fins­te­ren Tie­fe dich­ter Wäl­der. Das Inter­es­se gera­de für den unwi­der­steh­li­chen Sog der poten­zi­ell bedroh­li­chen und furcht­erre­gen­den Natur­ge­wal­ten führt uns über zwei­er­lei Wege zurück zu den Ansich­ten und Aus­las­sun­gen des Kom­po­nis­ten über die Ter­ror­an­schlä­ge des 11. Sep­tem­ber: Die Ver­schrän­kung von Über­macht, Ohn­macht und Kunst in der Burke‘schen Natur­er­fah­rung mag hier­bei zum einen unschul­di­ger – mora­lisch gefahr­lo­ser – wir­ken, da sie gänz­lich ohne Aggres­sor, ohne Ter­ro­ris­ten aus­kommt. Betrach­ten wir etwa Cas­par David Fried­richs Eis­meer (1823–1824) als ein künst­le­ri­sches Para­de­bei­spiel die­ser Gleich­zei­tig­keit zer­stö­re­ri­scher Erha­ben­heit und erha­be­ner Zerstörung:

Adres­siert ist die­ses Mani­fest aus­drück­lich an „alle leben­di­gen Men­schen die­ser Erde“ (Mari­net­ti 2018, S. 11), womit es, wie bereits bei Stock­hausen bemerkt, einen Gra­ben zwi­schen zwei Lebens-Begrif­fen eröff­net: Das Leben der füh­len­den und den­ken­den Kör­per, das Leben in sei­ner engen Bedeu­tung, und das Leben als geis­ti­ger Pro­zess, das zur Hand­lung ermäch­tigt – bei Mari­net­ti ver­stan­den als eigent­li­ches Leben und in die­sem Text als wei­te Bedeu­tung des Wor­tes Leben ver­han­delt. Das Mani­fest ord­net die­se Dicho­to­mie hier­ar­chisch an, was sich ins­be­son­de­re in sei­ner neun­ten The­se zeigt. Die­se befasst sich mit der inhalt­li­chen Aus­rich­tung der neu­en Kunst:

„Wir wol­len den Krieg ver­herr­li­chen – die­se ein­zi­ge Hygie­ne der Welt – den Mili­ta­ris­mus, den Patrio­tis­mus, die Ver­nich­tungs­tat der Anar­chis­ten, die schö­nen Ideen, für die man stirbt, und die Ver­ach­tung der Frau.“ (Mari­net­ti 2018, S. 11)

Die Idee steht über dem Leben des Kör­pers1 – wenig ver­wun­der­lich soll­ten die ita­lie­ni­schen Futu­ris­ten 20 Jah­re spä­ter zu wich­ti­gen Stich­wort­ge­bern des ita­lie­ni­schen Faschis­mus werden.

Abb. 3: Cas­par David Fried­rich: Eis­meer (1823/24).

Das Schiffs­wrack, begra­ben unter den mas­si­ven, zer­klüf­te­ten Eis­schol­len, erscheint als das letz­te Zeug­nis mensch­li­chen Über­mu­tes gegen­über der inten­ti­ons­lo­sen, unge­rich­te­ten Kraft der See; weni­ger also als Opfer der Natur, mehr als Opfer der eige­nen Hybris, als stürz­te es sich selbst in die Gewal­ten. Auf der ande­ren Sei­te sto­ßen wir in eben die­ser gedank­li­chen Tra­di­ti­on der Furcht und Demut erneut auf die Grenz­li­nie hin zum Gött­li­chen; wie­der­um also aus der Refle­xi­on über Macht, Mensch­sein und (Un-)Sicherheit: „Pri­mus in orbe deos fecit timor“ — „fear first crea­ted the gods in the world.“ (Sta­ti­us, The­bais, Buch 3, Z. 661 / Übers. nach Snaj­der 1968, S. 251) Der Weg zur höhe­ren Form des Daseins, zur Erhe­bung, war für Stock­hausen im ‚Wahn­sinn‘, in der grau­en­vol­len Über­macht der Ter­ror­an­schlä­ge offen­bar vor­ge­zeich­net. Die Furcht und der fun­da­men­ta­le Schre­cken, den die Gescheh­nis­se um 9/11 in die Welt brach­ten, erscheint ihm so gera­de als Beleg der (Wirk-)Macht des gro­ßen, des größ­ten Kunst­werks, da es ohne die Unend­lich­keit der gött­li­chen Sphä­ren nicht erst denk­bar wäre. Sei­ne eige­ne Gering­schät­zung als Kom­po­nist – ver­schwin­dend sein Instru­men­ta­ri­um im Ver­gleich zu dem der Ter­ro­ris­ten – folgt damit kon­se­quent die­ser Logik und Ästhe­tik des Erha­be­nen: Groß ist nur, was uns exis­ten­zi­ell über­steigt, über­trifft, überfordert.

 Auch bei Bur­ke ist es somit letzt­lich eine Form­fra­ge, die die Wir­kung des Schö­nen und des Erha­be­nen auf den Men­schen von­ein­an­der unter­schei­det: Schön erscheint das Maß­vol­le, das in sich Abge­schlos­se­ne, Voll­ende­te und Wohl­ge­ord­ne­te – das Erha­be­ne sprengt die­se Kate­go­rien. In sei­ner Unend­lich­keit und Über­macht über­steigt es die greif­ba­ren For­men wie auch unse­ren Wahr­neh­mungs­raum und eröff­net damit den Weg nach oben, über die Schran­ken unse­res Daseins hin­aus. In die­sem Erschau­ern vor dem Erha­be­nen sehen wir uns fort­ge­ris­sen, gelähmt, ohn­mäch­tig, voll­stän­dig ver­ein­nahmt, erfüllt. Dass nun der Anblick der ein­stür­zen­den Twin Towers eine kogni­ti­ve Über­for­de­rung bedeu­tet, dass wir erschau­ern vor dem unvor­stell­ba­ren Leid, das mit die­sem Tag in die Welt trat, ist mensch­lich. Betrach­ten wir aber 9/11 wirk­lich auf die­sel­be Wei­se, wie Fried­richs erha­be­ner Wan­de­rer über dem Nebel­meer (1817–1818) die eben­so mäch­ti­ge wie furcht­ein­flö­ßen­de Berg­ku­lis­se über­blickt? Kön­nen wir also die rea­le Kata­stro­phe ‚erha­ben‘ nennen? 

Klar wird hier: Der Avant­gar­dist Mari­net­ti wür­de dem Avant­gar­dis­ten Stock­hausens 9/11-The­se wohl zustim­men. Denn der Kunst­be­griff, den er hier ent­wirft, trägt in sei­nem Kern das­sel­be Pri­mat wie Stock­hausens Aus­füh­run­gen fünf Tage nach der Ver­nich­tungs­tat von New York. Im Zen­trum bei­der Ent­wür­fe steht der inten­tio­na­le „Akt“ als Lebens­äu­ße­rung mensch­li­cher „Geis­ter“, die so „an den Pfor­ten des Lebens rüt­teln“. Bes­ser noch – und viel­leicht macht das in Stock­hausens Augen die wah­re ‚Grö­ße‘ die­ser Tat aus – sie spren­gen die Pfor­te des Lebens, über­win­den die Gren­ze zwi­schen Leben und Tod und „jagen 5000 Men­schen in die Auf­er­ste­hung“. Wie auch die Futu­ris­ten ver­or­tet Stock­hausen Auf­ga­be und Ver­mö­gen der Kunst schein­bar meta­phy­sisch, als Mög­lich­keit, wenn nicht zur Apo­theo­se, dann eben doch zur Unsterb­lich­keit – aller­dings mit phy­si­schen Mit­teln. Schei­nen nicht die von den Tür­men fal­len­den Men­schen – „jetzt müs­sen Sie alle ihr Gehirn umstel­len“ – wie jene „ers­ten Engel“, von denen Mari­net­ti schrieb?

Es han­delt sich bei Stock­hausens grenz­über­schrei­ten­den Äuße­run­gen also kei­nes­wegs um einen ‚Ein­zel­fall‘, son­dern um Wie­der­gän­ger2 einer alten Idee, die in einer dop­pel­ten Gering­schät­zung mün­det: Der Gering­schät­zung des mensch­li­chen Lebens, die zugleich auch eine Gering­schät­zung der Kunst ist.
Einen gro­ßen Ein­fluss auf die ita­lie­ni­schen Futu­ris­ten übte Fried­rich Nietz­sche aus. Der ‚Phi­lo­soph mit dem Ham­mer‘ mein­te, die Welt und mit ihr das mensch­li­che Leben als trü­ge­ri­sche Kon­ven­ti­on zu ent­lar­ven und fand in der Kunst zwar nicht die Mög­lich­keit zur Befrei­ung aus die­ser Illu­si­on, doch aber einen Aus­gang aus dem ‚ver­lo­ge­nen‘ Kon­ven­tio­na­lis­mus, der sie kon­sti­tu­ie­re. Wie auch bei Mari­net­ti rich­tet sich sein Den­ken gegen die „Zweck­mä­ßig­keit“ (Mari­net­ti. 2018, S. 13)3 und ent­wi­ckelt so aus einer epis­te­mo­lo­gi­schen Kri­tik ein ästhe­ti­sches Welt­ver­ständ­nis: Gelin­ge es näm­lich dem „intui­ti­ven Men­schen“ (dem Künst­ler), „sei­ne Waf­fen gewal­ti­ger und sieg­rei­cher“ zu füh­ren als sei­nem Geg­ner, dem ver­nünf­ti­gen Men­schen, kön­ne „güns­ti­gen Falls […] die Herr­schaft der Kunst über das Leben sich grün­den“ (KSA 7, S. 889) Indem so das Leben im wei­te­ren Sin­ne zum Kunst­werk wird, wird es im enge­ren Sin­ne gleich­sam zum mög­li­chen Mate­ri­al der Kunst. 

Abb. 4: Pom­peii: Guss­fi­gur aus dem ‘Gar­ten der Flüchtenden’.

Die Ope­ra­ti­on, die es zulässt, das Gehirn auf die­se Wei­se umzu­stel­len, besteht dar­in, einen Grund­satz infra­ge zu stel­len, indem man ihn zur ver­han­del­ba­ren Kon­ven­ti­on erklärt. Die­ser Grund­satz ist viel­fach for­mu­liert: „Die Wür­de des Men­schen ist unantastbar.“

 Frü­he kul­tur­theo­re­ti­sche Ver­su­che, das Atten­tat des 11. Sep­tem­ber im glo­ba­len (macht-)politischen Kon­text des begin­nen­den 21. Jahr­hun­derts ein­zu­ord­nen, bedie­nen sich mit­un­ter die­ser Mit­tel des Sub­li­men: Das schie­re Aus­maß der Zer­stö­rung, das Ver­stum­men der Nach­rich­ten­spre­cher ange­sichts der unfass­ba­ren Kata­stro­phe, erscheint hier als eben­so rea­ler wie sym­bo­li­scher Kol­laps: Mit dem Ter­ror­akt fie­len so nicht nur die Twin Towers, son­dern der gesam­te poli­ti­sche Wes­ten. Der Akt der Gewalt erschüt­te­re die sicher geglaub­ten Fun­da­men­te der glo­ba­len Ord­nung und offen­ba­re gera­de dar­in sei­ne wah­re Grö­ße – indem er also, mit Stock­hausens Voka­bu­lar, den „Sprung aus der Sicher­heit, aus dem Selbst­ver­ständ­li­chen, aus dem Leben“ for­ciert. In die­sem Sinn folgt also die Logik des Ter­ro­ris­mus als ‚Beset­zen des Den­kens‘ der­je­ni­gen der Ästhe­tik des Erhabenen: 

Und Kant for­mu­liert ihn in der berühm­ten Selbst­zweck­for­mel: „Hand­le so, dass du die Mensch­heit, sowohl in dei­ner Per­son, als in der Per­son eines jeden andern jeder­zeit zugleich als Zweck, nie­mals bloß als Mit­tel brau­chest.“ (GMS S. 429). Mit der „Herr­schaft der Kunst über das Leben“ aber wird das mensch­li­che Leben zum Mit­tel und die evi­den­te Fest­stel­lung der mensch­li­chen Wür­de zu einer „Fra­ge des Geschmacks und der Ästhe­tik: wäre es wünsch­bar, daß die „acht­bars­te“, d.h. lang­wei­ligs­te Spe­ci­es Mensch übrig blie­be? die Recht­wink­li­gen, die Tugend­haf­ten, die Bie­der­män­ner, die Bra­ven, die Gera­den, die „Hor­noch­sen“? (Nietz­sche 1980, S. 244)    
Es ist die­se Gren­ze, die Stock­hausen über­schritt und die die Pres­se­kon­fe­renz am 16. Sep­tem­ber 2001 zum Ereig­nis wer­den ließ. Und es ist die­se Ent­gren­zung, die mög­lich macht, was ethisch nicht mög­lich sein soll­te: Sie macht die Beur­tei­lung men­schen­ver­ach­ten­der Taten ver­han­del­bar – denn über Geschmack lässt sich bekannt­lich streiten. 

Im Span­nungs­feld zwi­schen Über­macht und Ohn­macht stre­ben bei­de Phä­no­me­ne hin zum Schre­cken, zur Ehr­furcht, zur exis­ten­zi­el­len Über­for­de­rung. In der Titu­lie­rung des Anschlags als Kunst­werk also folgt der Kom­po­nist letzt­lich der Insze­nie­rungs­lo­gik der Atten­tä­ter selbst. Das Zur-Schau-Stel­len und die Inter­pre­ta­ti­on des unvor­stell­ba­ren Leids als mäch­ti­ger und ermäch­ti­gen­der Akt der Ent­thro­nung, der poli­ti­schen Umwäl­zung und des gewalt­sa­men Stur­zes west­li­cher Hege­mo­nien bedeu­ten somit eine Abs­trak­ti­on: Sie über­füh­ren die Schwe­re der Tra­gö­die aus der Lebens­welt ins Sym­bo­li­sche, in eine Dimen­si­on also, die das Ereig­nis deut­bar, gefahr­los hand­hab­bar, form­bar wer­den lässt – und in der Kate­go­rie des Gewal­ti­gen zugleich bekann­ten ästhe­ti­schen Prin­zi­pi­en zu fol­gen scheint. Ist es somit die­ser ers­te Schritt rück­wärts, der uns dem Blick­win­kel Stock­hausens näher­bringt; der einen Abstand schafft zwi­schen uns und dem Leid jeder und jedes ein­zel­nen Betroffenen?

Donald Trump und die Macht der Geschmacksfrage

Bei­na­he ein Vier­tel­jahr­hun­dert nach der Ver­an­stal­tung in Ham­burg fand am 04. Juli 2025 in Washing­ton D.C. eine Pres­se­kon­fe­renz ganz ande­rer Art statt. The President’s Own United Sta­tes Mari­ne Band spielt die hei­te­ren Patrio­tis­men von The Liber­ty Bell auf. Donald und Mela­nia Trump tre­ten auf den Tru­man-Bal­c­o­ny, der den Süd­ra­sen des Wei­ßen Hau­ses über­blickt. Es folgt die Natio­nal­hym­ne, beglei­tet vom Über­flug eines B2-Spi­rit-Bom­bers und zwei­er F35-Kampf­jets. Dann spricht Donald Trump in das Mikro­fon und lobt erst ein­mal die Show: „Quite a view“, eine schö­ne Aus­sicht, sei der Über­flug die­ses „big beau­tiful pla­nes“ gewe­sen. Ins­be­son­de­re, wenn man sich die Mili­tär­ope­ra­ti­on „Mid­night Ham­mer“ in der ver­gan­ge­nen Woche ins Gedächt­nis rufe.

Dem Kom­po­nis­ten scheint die Welt­fremd­heit sei­ner wei­te­ren Äuße­run­gen zumin­dest in Tei­len bewusst zu sein – ent­lang also sei­nes Auf­rufs, unse­re Gehir­ne ‚umzu­schal­ten‘. Neben unse­rem gesun­den Men­schen­ver­stand offen­bart jedoch auch das immense Medi­en­echo der fol­gen­den Tage, dass wir Stock­hausen auf sei­nem wei­te­ren gedank­li­chen Weg kol­lek­tiv weder fol­gen kön­nen, noch wollen. 

Abb. 5: Das geplan­te ‘Trump-Class’-Kriegsschiff U.S.S. Defiant.

Als natür­li­che Reak­ti­on auf sei­ne Ästhe­ti­sie­rung des Ter­rors, auf den Ter­ror die­ser Ästhe­ti­sie­rung, scheint sich eine Art der Abscheu ein­zu­stel­len. So hat unser Zurück­schre­cken vor sei­nen Aus­füh­run­gen wie­der­um nichts Erha­be­nes an sich, führt uns nicht „in die Auf­er­ste­hung”, son­dern ledig­lich dazu, die Urteils­kraft des Kom­po­nis­ten zu hin­ter­fra­gen – ob es also mit sei­nem ‚aus­ge­fal­le­nen‘ Geschmack zu tun hät­te, dass ihn die Grö­ßen­schät­zung des Ereig­nis­ses 9/11 nicht zur Deu­tung als größ­tes Unglück, son­dern zu der als größ­tes Kunst­werk führt. Wir kön­nen uns durch­aus ange­hal­ten füh­len, dem Kom­po­nis­ten sei­ne per­sön­li­che Ein­ord­nung zunächst zuzu­ge­ste­hen – schließ­lich ver­mag er eben­so wenig, hin­ter sei­ne ästhe­ti­sche Erfah­rung zurück­tre­ten wie wir hin­ter das Burke‘sche Gefühl des Erha­be­nen in der Betrach­tung zer­stö­re­ri­scher Natur­ge­wal­ten. Haben wir es also in der Tat mit einer Kraft und Macht zu tun, die dem ter­ro­ris­ti­schen (Kunst-)Werk auf die­sel­be Wei­se inne­wohnt, so stellt sich nun aufs Neue die Fra­ge, woher unser Drang rührt, Stock­hausens Posi­tio­nie­run­gen so vehe­ment zu widersprechen.

In den fol­gen­den knapp 20 Minu­ten fällt das Adjek­tiv „beau­tiful“ immer wie­der, bezo­gen auf Mili­tär­ein­sät­ze, Kriegs­ge­rät und ein­mal auf die angeb­lich „sau­be­re“ US-ame­ri­ka­ni­sche Koh­le.
Dazu gesel­len sich die Adjek­ti­ve „gol­den“ („gre­at4 gol­den dome“, „gol­den age“), „hot“ (wenn er die USA als „the hot­test coun­try any­whe­re in the world“ bezeich­net) und „hand­so­me“ (eine Qua­li­tät, die der Prä­si­dent dem Kan­di­da­ten auf ein Gou­ver­neurs­amt zuschreibt und auf wel­che er des­sen Wahl­kampf­erfol­ge zurück­führt).  
Der Anlass die­ser Ver­an­stal­tung am US-ame­ri­ka­ni­schen Unab­hän­gig­keits­tag ist die Unter­zeich­nung eines der umfas­sends­ten Gesetz­pa­ke­te, die die nord­ame­ri­ka­ni­sche Nati­on in ihrer jün­ge­ren Geschich­te gese­hen hat: dem „One Big Beau­tiful Bill Act“, kurz „OBBBA“. Es ist bereits erschöp­fend dar­auf hin­ge­wie­sen wor­den, dass von den ent­hal­te­nen Steu­er­re­for­men vor allem die Reichs­ten pro­fi­tie­ren, dass schät­zungs­wei­se 10,5 Mil­lio­nen US-Bürger:innen ihre Kran­ken­ver­si­che­rung ver­lie­ren wer­den und dass mit den ver­ab­schie­de­ten Geset­zen auch der Kli­ma­schutz ver­ab­schie­det wird. Für die­sen Text von Inter­es­se ist Trumps Rhe­to­rik. Und ins­be­son­de­re sein auf den ers­ten Blick über­ra­schen­des Fai­ble für ästhe­ti­sche Werturteile.

Abb. 6: In den Kata­kom­ben von Paris. 

Die Idee einer dop­pel­ten Wirk­lich­keit der Anschlä­ge des 11. Sep­tem­ber – als phy­si­sches wie geis­ti­ges Gesche­hen zugleich – impli­ziert für vie­le Betrach­ter- und Denker*innen offen­bar die Mög­lich­keit, hin­ter der Unglaub­lich­keit und Bru­ta­li­tät des Ter­rors zum ‚Eigent­li­chen‘, zum ver­meint­lich ‚Wah­ren‘ vor­zu­drin­gen. In die­ser gera­de­zu pla­to­ni­schen Bewe­gung tritt das kon­kre­te Leid hin­ter die Idee, das Ereig­nis hin­ter sei­ne (Be-)Deutung zurück, wie auch Stock­hausen asso­zi­iert: „Was da geis­tig gesche­hen ist, die­ser Sprung aus der Sicher­heit, aus dem Selbst­ver­ständ­li­chen, aus dem Leben, das pas­siert ja auch manch­mal poco a poco in der Kunst. Oder sie ist nichts.“ (Stock­hausen 2001) Die­se Suche nach Sinn in den Trüm­mern, in den Über­res­ten der Twin Towers läuft schließ­lich Gefahr, die Wirk­lich­keit der Kata­stro­phe aus dem Blick zu ver­lie­ren. Der Ver­such der Trans­for­ma­ti­on und Über­füh­rung des Schre­ckens in eine neue Seman­tik macht ihn als ästhe­ti­sche Grö­ße erst ver­füg­bar: Neh­men wir als Men­schen Anteil am Schmerz der Opfer, der Ange­hö­ri­gen, aller kör­per­lich wie see­lisch Ver­wun­de­ten; sehen und spü­ren wir die Zer­stö­rung in ihrer rea­len und tat­säch­li­chen Schwe­re; neh­men wir uns also selbst als Betrof­fe­ne wahr, im Mit­leid, im ver­geb­li­chen Wunsch nach Gerech­tig­keit – so wirkt nur das Schreckliche. 

Wäh­rend Stock­hausens Äuße­run­gen zu 9/11 als ent­glei­sen­der Mono­log eines all­zu men­schen- und welt­frem­den Künst­lers auf­ge­fasst wer­den könn­ten, muss man hier doch von etwas ande­rem spre­chen. Denn auch wenn Trump sich teil­wei­se mehr schlecht als recht durch sei­ne Reden zu stam­meln scheint und auch er sich ger­ne in kryp­ti­schen Mono­lo­gen ver­liert, kann man durch­aus davon aus­ge­hen, dass hin­ter dem Prä­si­den­ten und sei­ner Rhe­to­rik eine bewuss­te Stra­te­gie steckt. Indem er auf Seman­ti­ken der ästhe­ti­schen Beschrei­bung und Bewer­tung zurück­greift – und das gilt für „beau­tiful“ genau­so wie „gre­at“ – erin­nern wir uns an Stock­hausens „größ­tes Kunst­werk“ – ope­riert er mit der­sel­ben grenz­über­schrei­ten­den Bewe­gung, deren Geschich­te von Nietz­sche über Mari­net­ti zu Stock­hausen führt. Mit­hil­fe die­ses Kunst­grif­fes gelingt es ihm, der Poli­tik ange­hö­ri­ge Debat­ten in die Sphä­re des Ästhe­ti­schen zu transponieren. 

Ästhe­ti­sche Dis­kus­si­on – Geschmacks­sa­chen – haben für auto­ri­tä­re Macht­ha­ber einen bedeu­ten­den Vor­teil gegen­über poli­ti­schen Dis­kus­sio­nen. Die­ser besteht dar­in, dass sie außer­halb aka­de­mi­scher und künst­le­ri­scher Krei­se nicht beson­ders ernst genom­men wer­den und all­ge­mein als Pri­vat­sa­che gel­ten. Geschmacks­fra­gen machen kei­nen Kon­sens nötig und kaum jemand wird sich zu Wider­stand ange­hal­ten fin­den, nur weil die ästhe­ti­sche Staats­rä­son nicht sei­nem eige­nen Geschmack ent­spricht.                     
Der Umstand, dass Donald Trump lebens­zer­stö­ren­de Poli­ti­ken – ver­sam­melt in sei­nem ganz eige­nen „Act“ –, Tech­no­lo­gien und Ideen in die Spra­che des Geschmacks­ur­teils klei­det, demons­triert die zuvor bereits bei Stock­hausen beob­ach­te­te Gering­schät­zung des Lebens, wie sie aus einem Den­ken des Pri­mats der Tat folgt.
Der Zwei­fel dar­an, dass das, was Trump am 04. Juli 2025 prä­sen­tier­te, Schön­heit ent­hält, lenkt unse­ren Blick auf die zwei­te Gering­schät­zung: Die Gering­schät­zung der Kunst.

Die erha­be­ne Erfah­rung bedarf gera­de der Distanz zur Zer­stö­rung, zum Leid, zum Über­gro­ßen; bedarf jenes Abstands, der dem Kom­po­nis­ten erlaubt, über Kunst zu sin­nie­ren, wäh­rend der Rest der Welt trau­ert. Letzt­lich müs­sen und dür­fen wir – wie auch Stock­hausen –, indem wir Mensch sind, mit und in die­ser Rea­li­tät (wei­ter-) leben. Und so bleibt unse­re Distanz zum Unheil auf immer eine rela­ti­ve: Der Ver­such, das eige­ne Da- und Ein­ge­bun­den-Sein in die Welt zu sus­pen­die­ren, bedeu­tet, sich aus­zu­neh­men; nicht nur aus der kon­kre­ten Wirk­lich­keit des Gesche­hens mit sei­nen tra­gi­schen Kon­se­quen­zen, son­dern aus dem­je­ni­gen umfas­sen­den Zusam­men­hang, in dem sich ein Mit­ein­an­der in die­ser Welt erst ereig­net. So sehr die Flucht in Grö­ßen, Ästhe­ti­sie­run­gen und höhe­re Bedeu­tun­gen letzt­lich als Ant­wort auf die Schre­cken des Daseins ver­füh­ren mag, bleibt die Fra­ge nach der Wert­schät­zung unse­res Lebens kei­ne des Geschmacks – die Fra­ge nach unse­rem gemein­sa­men Mensch­sein kei­ne der Ästhetik.

Warum Avantgardisten Gedichte hassen

Im eng­li­schen Exil schrieb die fran­zö­si­sche Phi­lo­so­phin Simo­ne Weil an einem Text, der unvoll­endet im Jah­re ihres frü­hen Todes 1943 unter dem Titel L’Enracinement. Pré­lude à une décla­ra­ti­on des devoirs envers l’être humain erschien. Weil beschäf­tigt sich unter dem Vor­zei­chen einer christ­lich gepräg­ten Deon­to­lo­gie mit den gro­ßen The­men des mensch­li­chen Lebens. So auch mit der Kunst, über die sie am Bei­spiel der Dich­tung festhält:

„Um Ver­se zu schrei­ben, in denen Schön­heit wohnt, muss man sich vor­her gewünscht haben, durch die Anord­nung der Wör­ter an die rei­ne gött­li­che Schön­heit her­an­zu­rei­chen, von der Pla­ton sagt, sie woh­ne auf der ande­ren Sei­te des Him­mels.“ (Weil 2011, S. 201)

Ob man Weil nun en détail zustimmt oder nicht ist eine Fra­ge des Glau­bens. Bemer­kens­wert und für die­sen Text exem­pla­risch ist aller­dings der Kunst­be­griff, den sie mit Bezug auf die grie­chi­sche Anti­ke stark macht (an der sich auch der Phi­lo­lo­ge Nietz­sche abge­ar­bei­tet hat – mit sehr unter­schied­li­chem Ergeb­nis): Kunst figu­riert bei Weil als das Stre­ben nach etwas, das unver­füg­bar ist. Wie bei Stock­hausen und den Futu­ris­ten wird also auch hier die Kunst in Bezie­hung zum Meta­phy­si­schen gedacht, aller­dings in einem Sin­ne, der ihre immer­wäh­ren­de Unvoll­kom­men­heit gegen­über einem ideel­len Refe­renz­punkt augen­fäl­lig wer­den lässt. Die­ser Refe­renz­punkt ist die Schön­heit, die nicht wesent­lich an das Werk gebun­den ist, son­dern im ledig­lich inne­wohnt, wenn die rich­ti­gen Bedin­gun­gen geschaf­fen sind. Die Kunst ist so der Ver­such, im Bewusst­sein eines ledig­lich unvoll­stän­dig zu errei­chen­den Ide­als des­sen Ver­voll­komm­nung anzu­stre­ben.   
Es ist prä­zi­se die­se Vor­stel­lung von Auf­ga­be und Ver­mö­gen der Kunst, gegen die Mari­net­ti anschrieb. So heißt es im Mani­fest des Futu­ris­mus:

„Was kann man auf einem alten Bil­de schon ande­res erken­nen als die müh­se­li­gen Ver­ren­kun­gen des Künst­lers, der sich abmüh­te, die unüber­wind­ba­ren Schran­ken zu durch­bre­chen, die sich sei­nem Wunsch ent­ge­gen­stel­len, sei­nen Traum voll und ganz zu ver­wirk­li­chen?“ (Mari­net­ti 2018, S. 15)

Da ist sie wie­der, die Gren­ze – dies­mal die Schran­ke zwi­schen dem Ide­al und der Kunst, die sowohl für Weil als auch für Mari­net­ti den Maß­stab für die ästhe­ti­sche Beur­tei­lung eines Wer­kes bil­de­te und die sich auch bei Stock­hausen fin­det, wenn er bemerkt, dass er das, was die Ter­ro­ris­ten bewerk­stel­lig­ten, nicht könn­te.
Der Unter­schied liegt im Umgang mit die­ser Gren­ze und der Art und Wei­se, wie an ihre Über­schrei­tung geglaubt wird. Damit liegt der Unter­schied auch dar­in, was letzt­lich zu einem künst­le­ri­schen Ereig­nis, zum Kunst­werk wer­den kann. Wäh­rend die Avant­gar­dis­ten die Unge­nüg­sam­keit der künst­le­ri­schen Mit­tel fest­zu­stel­len mein­ten und sich dadurch von der Kunst an sich ver­ab­schie­de­ten, zeigt sich in Weils Begriff eine Fest­stel­lung, die simp­ler kaum sein könn­te: Es ist schwie­rig, gute Kunst zu machen. 

Mari­net­ti und Stock­hausen reagie­ren dar­auf mit einer trot­zi­gen Revol­te gegen die Unver­füg­bar­keit der Schön­heit. An die Stel­le der künst­le­ri­schen Mit­tel set­zen sie die Gewalt, deren Mate­ri­al schon immer auch das mensch­li­che Leben war. Der US-ame­ri­ka­ni­sche Schrift­stel­ler Ben Ler­ner hält dazu in sei­nem 2021 auf Deutsch erschie­ne­nen Essay War­um has­sen wir die Lyrik? fest:

„Gro­ße Dich­ter stel­len sich den Gren­zen kon­kre­ter Gedich­te, über­win­den die­se Kon­kret­heit tak­tisch und sus­pen­die­ren sie wenigs­tens zeit­wei­se, hören manch­mal ganz mit dem Schrei­ben auf und wer­den wegen ihres Schwei­gens gefei­ert; wirk­lich schreck­li­che Dich­te­rin­nen lie­fern dank ihres kra­chen­den Schei­terns unfrei­wil­lig einen Schim­mer vir­tu­el­ler Mög­lich­keit; Avant­gar­de-Dich­ter has­sen Gedich­te, weil sie Gedich­te blei­ben, anstatt zu Bom­ben zu wer­den.“ (Ler­ner 2021, S. 14)

Die­se Gering­schät­zung der Kunst ist die zwei­te Grund­la­ge der­je­ni­gen Ope­ra­ti­on, die es Stock­hausen fünf Tage nach dem 11. Sep­tem­ber 2001 erlaub­te, die Zer­stö­rung des Lebens als Kunst­werk zu fei­ern. Und sie geht Hand in Hand mit der Gering­schät­zung des mensch­li­chen Lebens, denn sie legi­ti­mie­ren sich gegenseitig.

Wir soll­ten auf­hor­chen, wenn Ter­ror­an­schlä­ge zu Kunst­wer­ken ernannt wer­den und Bom­ben zu Gedich­ten. Und wir soll­ten dar­an fest­hal­ten, dass der Schutz des mensch­li­chen Lebens und sei­ner Wür­de kei­ne Fra­ge des Geschmacks ist. 

Abb. 7: New York: ‘Ground Zero’ am 15. Sep­tem­ber 2001. 

Anmer­kun­gen

1 Die­ser Behaup­tung ent­spre­chen der Sexis­mus und der Anti­fe­mi­nis­mus des Mani­fests gemäß der patri­ar­cha­len essen­tia­lis­ti­schen Zuord­nung des Kör­pers zur Frau und des Geis­tes zum Mann.

2 Ein wei­te­rer ‚Wie­der­gän­ger‘ fin­de sich in Rober­to Bola­ños Kurz­ro­man Est­rel­la distan­te (1996) in der Figur Car­los Wie­der, einem Pino­chet-treu­en Avant­gar­dis­ten, der als ‚Luft-Poet‘ mit­hil­fe eines Flug­zeugs unter ande­rem die Wor­te „TOD ist Auf­er­ste­hung.“ in den Him­mel über Sant­ia­go schreibt. Vgl.: Bola­ño, Rober­to: Stern in der Fer­ne. Übers. v. Chris­ti­an Han­sen. Fischer Ver­lag, Frank­furt a. M. 2010. Sowie: O’Ryan, Bibia­no: La lite­ra­tura nazi en Amé­ri­ca. Seix Bar­ral, Bar­ce­lo­na 1996.

3 Bei Nietz­sche fin­det sich der Begriff „Not­h­durft“, vgl.: Nietz­sche, Fried­rich: „Ueber Wahr­heit und Lüge im aus­ser­mo­ra­li­schen Sin­ne.“ In: Ders.: Kri­ti­sche Stu­di­en­aus­ga­be Bd.7 (KSA 7). Hrsg. v. Gior­gio Col­li und Mazz­i­no Mon­ti­na­ri. S. 875–890. Hier: S. 889.

4 Jean-Fran­çois Lyo­tard weist auf die Deckungs­gleich­heit des fran­zö­si­schen ‚sub­li­me‘ (dt. ‚erha­ben‘) und des ame­ri­ka­ni­schen ‚gre­at‘ hin: „[D]as Wort sub­li­me wird heu­te in der fran­zö­si­schen Umgangs­spra­che gewöhn­lich ver­wen­det, um zu bezeich­nen, was Erstau­nen (ähn­lich wie zum Bei­spiel das ame­ri­ka­ni­sche gre­at) und Bewun­de­rung aus­löst.“ Vgl: Lyo­tard, Jean-Fran­çois: „Das Erha­be­ne und die Avant­gar­de“. In: Ders.: Das Inhu­ma­ne. Pas­sa­gen Ver­lag, Wien 2019. Hier: S. 112.

Abbil­dun­gen

Abb. 1: “FEMA — 3894.” © Andrea Boo­her, U.S. Cus­toms and Bor­der Pro­tec­tion, unter: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:FEMA_-_3894_-_Photograph_by_Andrea_Booher_taken_on_09-14–2001_in_New_York.jpg (15.09.2026).

Abb. 2: Joseph Cor­re­gio: Jagd­li­ches Stil­le­ben mit Fasan und Obst, 1867, Öl auf Lein­wand, ca. 69 x 61 cm, Doro­the­um. Unter: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Joseph_Coreggio_Jagdliches_Stillleben.jpg (07.09.2026).

Abb. 3: Cas­par David Fried­rich: Eis­meer, zwi­schen 1823 und 1824, Öl auf Lein­wand, 96,7 x 129,9 cm, Ham­bur­ger Kunst­hal­le. Unter: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Friedrich,_Caspar_David_-_Eismeer.jpg (07.09.2026).

Abb. 4: L‑BBE: „File: 8004 Pom­peii, Metro­po­li­tan City of Nap­les, Ita­ly – pan­o­r­amio (10)“, 18.07.2011, unter: https://web.archive.org/web/20161030101649/http://www.panoramio.com/photo/92581107 (07.09.2026).

Abb. 5: US Navy: „USS Defi­ant BBG‑1 gra­phic 1“, 22.12.2025, unter: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:USS_Defiant_BBG-1_graphic_1.jpg (07.09.2026).

Abb. 6: Shadow­ga­te: „Cat­a­combs of Paris, 16 August 2013 015“, 16.08.2013, unter: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Catacombs_of_Paris,_16_August_2013_015.jpg (07.09.2026).

Abb. 7: Andrea Boo­her: „FEMA – 3915 – Pho­to­graph by Andrea Boo­her taken on 09-15-2001 in New York“, 15.11.2001, unter: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:FEMA_-_3915_-_Photograph_by_Andrea_Booher_taken_on_09-15–2001_in_New_York.jpg (07.09.2026).

Lite­ra­tur

Bola­ño, Rober­to: Stern in der Fer­ne. Übers. v. Chris­ti­an Han­sen. Fischer Ver­lag, Frank­furt a. M. 2010.

Kant, Imma­nu­el: „Grund­le­gung zur Meta­phy­sik der Sit­ten“ [=GMS] In: Kant’s gesam­mel­te Schrif­ten. Hrsg. v. der könig­lich preus­si­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten [=AA] Bd. IV. G. Rei­mer, Ber­lin 1900ff.

Ler­ner, Ben: War­um has­sen wir die Lyrik? Übers. v. Niko­laus Stingl. Suhr­kamp, Ber­lin 2021.

Lyo­tard, Jean-Fran­çois: „Das Erha­be­ne und die Avant­gar­de“. In: Ders.: Das Inhu­ma­ne. Pas­sa­gen Ver­lag, Wien 2019.

Mari­net­ti, Filip­po Tom­ma­so, „Mani­fest des Futu­ris­mus“, In: Ders., Mani­fes­te des Futu­ris­mus, Übers. v. Ste­fa­nie Golisch (Fröh­li­che Wis­sen­schaft Bd. 124). Matthes & Seitz, Ber­lin 2018.

Nietz­sche, Fried­rich: Der Wil­le zur Macht. Ver­such einer Umwer­tung aller Wer­te. Aus­gew. u. bearb. v. Peter Gast. Krö­ner, Stutt­gart 1980.

Nietz­sche, Fried­rich: „Ueber Wahr­heit und Lüge im aus­ser­mo­ra­li­schen Sin­ne.“ In: Ders.: Kri­ti­sche Stu­di­en­aus­ga­be Bd.7 (KSA 7). Hrsg. v. Gior­gio Col­li und Mazz­i­no Mon­ti­na­ri. S. 875–890.

O’Ryan, Bibia­no: La lite­ra­tura nazi en Amé­ri­ca. Seix Bar­ral, Bar­ce­lo­na 1996.

Sta­ti­us, The­bais, Buch 3.

Snaj­der, Har­ry: P. Papi­ni­us Sta­ti­us. The­baid. A com­men­ta­ry on book III. Hak­kert, Ams­ter­dam 1968.

Weil, Simo­ne: Die Ver­wur­ze­lung. Vor­spiel zu einer Erklä­rung der Pflich­ten dem Men­schen gegen­über. Dia­pha­nes, Zürich 2011.

Das Inter­view mit Karl­heinz Stock­hausen vom 16.01.20201 wur­de tran­skri­biert von Simon Hintermayr.