Einstein

Einstein

von Hele­na Ressel

 

Eine Land­schaft aus beschrie­be­nen Blät­tern, auf­ge­schla­ge­nen Büchern und bun­ten Kle­be­zet­teln. Text­mar­kerstri­che sind über­all ver­teilt und leuch­ten, kra­ke­li­ge, schnell mit Blei­stift hin­ge­schmier­te Wör­ter ste­hen neben dem Text. Mei­ne Gedan­ken sind Luft­schlös­ser und die Luft­bla­sen in der alten Hei­zung klin­gen wie ein Was­ser­fall. 

Drau­ßen vor dem Fens­ter höre ich so vie­le Stim­men, unab­läs­si­ges Gere­de, ein Sum­men, das all­ge­gen­wär­tig ist. Autos hupen, lachen­de Kin­der und ein Zug rat­tert in der Fer­ne. Die Stadt ist laut zu die­ser Tages­zeit. Dann den­ke ich oft an die Woh­nung mei­ner Groß­mutter, wo die Groß­stadt nur eine Ansamm­lung von Stri­chen am Hori­zont ist. Im Erd­ge­schoss und an der Stra­ße, aber grün und still wie auf dem Fried­hof. 

Wenn sich hier die Autos rei­hen, mit­tags vor der Ampel, sich Schlan­gen bil­den in jede Rich­tung, dann stinkt die Stra­ße. Dann stinkt die Stadt. Ich bin damit auf­ge­wach­sen. 

Ich ver­fol­ge den Sekun­den­zei­ger bei sei­nem Weg ein­mal im Kreis her­um. Noch ein biss­chen ler­nen, dann habe ich mir den Mit­tags­schlaf ver­dient. Drei Stun­den sind genug. Zuge­ge­ben mit Ablen­kung. Aber wäre ja auch krank sonst. Drau­ßen im Gang höre ich es rascheln. Ein­stein ist anschei­nend auf­ge­wacht. Das fet­te Meer­schwein­chen ist kei­ne son­der­li­che Berei­che­rung für die­se Woh­nung. Er kann gar nichts, raschelt in sei­nem Stroh und glu­ckert mit sei­ner Trink­fla­sche in einer unna­tür­li­chen Laut­stär­ke, immer genau dann, wenn man sei­ne Ruhe will. Auch in der Nacht, wes­halb sein Käfig auch nicht mehr bei Hen­ry im Zim­mer steht. Ich schlie­ße die Türe und keh­re zum Schreib­tisch zurück. Die gan­zen Arbeits­blät­ter und Bücher, Tex­te, Sät­ze, Wor­te. 

Eigent­lich kann ich das alles doch schon, rede ich mir ein, beu­ge mich aber dann doch noch ein­mal über die Lek­tü­re. 

»Wo bin ich?«, den­ke ich, als ich plötz­lich aus dem Schlaf hoch­schre­cke. Mein Kopf liegt auf einem Buch, ein Text­mar­ker sticht mir ins Ohr. Ich rich­te mich auf und suche panisch nach der Uhr. Ver­schla­fen wie ich bin, brau­che ich ewig bis Zei­ger und Zif­fern­blatt einen Sinn erge­ben. Halb zwei. Ich bin zuhau­se. Ich ken­ne jeden Zen­ti­me­ter die­ses Zim­mers. Ich bin beim Lesen ein­ge­schla­fen, das ist alles. Obwohl mein Kreis­lauf ver­rückt­spielt, als ich auf­ste­he, schaf­fe ich es zum Fens­ter. Drau­ßen gibt es nichts Neu­es. Der hell­graue Him­mel leuch­tet mir unfreund­lich ent­ge­gen und blen­det mei­ne Augen. Der Boden ist kalt und es ist sti­ckig. Ich rei­ße die Fens­ter auf und kusch­le mich in eine Decke. Dann ein erneu­ter Blick auf die Uhr. Hen­ry kommt erst in zwei Stun­den heim. Kin­der­be­treu­ung in der Nach­bar­schaft. Die haben auch in den Feri­en auf. Bis vier kann ich noch eini­ges schaf­fen. Danach wird Hen­ry mich ablen­ken. Es wird mich ner­ven. Aber Recht hat er. Ich ver­brin­ge eigent­lich viel zu wenig Zeit mit ihm. 

Ich schlur­fe in die Küche und stür­ze ein Glas Was­ser hin­un­ter. Dann zurück zum Schreib­tisch. Wo war ich ste­hen­ge­blie­ben? Wo will ich wei­ter­ma­chen? Die Aus­wahl ist groß. Nava­jo Code Tal­ker im zwei­ten Welt­krieg? Pro­vi­so­ri­sche Glos­sie­rung indo­ne­si­scher Sät­ze? Dia mənǰe­rit… Über­set­zung: Sie schreit … Oder doch Defi­ni­tio­nen der Neu­ro­ana­to­mie: Bro­ca, Wer­ni­cke, Sprach­la­te­ra­li­sie­rung. Ich quä­le mich durch den Stoff und die Zeit rinnt wie Sand durch mei­ne Fin­ger. Ein­ein­halb Stun­den spä­ter fällt mir auf, wie allei­ne ich bin. Es fühlt sich an wie ein küh­ler Wind auf nas­ser Haut. 

Drau­ßen tobt das Leben, es ist laut. Men­schen, Tie­re, Autos. Sie alle het­zen vor­bei. Bei mir ist es still. Die Hei­zung hat auf­ge­hört zu glu­ckern, und obwohl ich die Tür offen gelas­sen habe, kommt auch von Ein­stein kein Geräusch. 

Hal­be Stun­de, den­ke ich, dann kommt Hen­ry. 

Hen­ry ist ein fröh­li­ches Kind. Manch­mal den­ke ich, so viel zu lachen ist doch nicht nor­mal. Und dann den­ke ich, dass er noch ein Kind ist. Erst ein paar Jah­re auf die­ser Welt und gut behü­tet, immer umsorgt und geliebt. Manch­mal ist er rich­tig über­mü­tig, manch­mal ist er schüch­tern. Ver­steckt sich hin­ter Papas Füßen, guckt vor­sich­tig an ihm vor­bei, mit dem kri­ti­schen Blick eines Jurors Mit­te Fünf­zig. Mama sagt, dass Hen­ry und ich das Bes­te von ihr und Papa in uns ver­ei­nen. Wenn ich dar­an den­ke, wie wenig Talent ich in Bezug auf fast alles auf die­ser Welt besit­ze, bin ich mir da nicht so sicher. Aber viel­leicht wird es mei­nem klei­nen Bru­der da anders gehen, wenn er älter ist.

Ich ver­su­che mich wie­der auf die Tex­te zu kon­zen­trie­ren, lang­sam bekom­me ich Kopf­weh, aber ich darf das jetzt nicht auf­schie­ben. Minu­ten, in denen ich ins Lee­re star­re. Habe ich eine Kon­zen­tra­ti­ons­schwä­che oder ein­fach kei­ne Lust mehr? Mir ist kalt. Ich hor­che auf. Hen­ry? Nein, da ist nichts. Kein Geräusch. Etwas fehlt. Ich gehe nach­schau­en. Das Rascheln! 

Im Gang dämm­ri­ges Licht. Der Käfig am ande­ren Ende. Ich habe ein schlech­tes Gefühl. Trotz­dem gehe ich näher ran, ich gehe vom Schlimms­ten aus, das tue ich immer. Dann sehe ich das Tier im Stroh lie­gen. Offe­ne Augen. Gla­si­ger Blick. Kei­ne Reak­ti­on. Ich fass ihn an. Er ist stein­hart und kalt. 

»Wein jetzt bit­te nicht, Hen­ry, er war alt, das weißt du doch. Und sowie­so nicht mehr fit und über­ge­wich­tig«, sage ich, als wir noch in der Tür ste­hen. Als er das tote Tier sieht, hört er mir nicht mehr zu. 

»Hey Ein­stein! Ein­stein!«, ruft er immer wie­der. Das Meer­schwein ist tot, den­ke ich. Die Ner­ven­sä­ge ist weg. Hen­dry drückt sei­nen Fin­ger immer wie­der in das Fell und gegen den star­ren Bauch. Er spürt doch gar nichts, den­ke ich. Und mer­ke, wie wenig ich selbst spü­re. Was ich spü­re, ist Anspan­nung. Was soll ich jetzt tun? Mit Hen­ry und mit dem Meer­schwein? Und Zeit­druck. Ich hab zu tun, muss wei­ter ler­nen. Semi­na­re, Haus­ar­bei­ten und Klau­su­ren. Schla­fen wäre schön, statt nachts an die Decke zu star­ren. »Du knirschst nachts«, hat die Zahn­ärz­tin gesagt und mir eine Schie­ne und Phy­sio­the­ra­pie ver­ord­net. Dabei ist doch sowie­so wenig Zeit.

Hen­ry wim­mert. »Ein­stein ist tot«, sage ich. Jetzt weint er. »Seit einer hal­ben Stun­de schon«, füge ich hin­zu und küh­le mei­ne hei­ße Stirn mit einem feuch­ten Lap­pen. Zu viel gelernt, zu wenig behalten.

»Mach, dass er wie­der lebt!«, schreit Hen­ry. Und ich star­re ihm in das trä­nen­nas­se Gesicht. Bei­na­he zucke ich mit den Schul­tern. Bei­na­he. Doch dann gehe ich in die Knie und brei­te mei­ne Arme aus, damit er hin­ein­lau­fen kann. So wie Mama. Und er kommt, krallt sei­ne klei­nen Fin­ger in mei­nen Pul­li und drückt sei­nen klei­nen Kopf in mei­ne Hals­beu­ge, sodass ich sei­nen hys­te­ri­schen Atem auf mei­ner Haut spü­ren kann. Sein Kör­per zuckt, wäh­rend er vor sich hin heult. Ihn hal­ten und trös­ten, mehr kann ich nicht tun. Was tot ist, ist tot, den­ke ich. 

»Ich brin­ge ihn run­ter in den Kel­ler, da ist es kühl«, sage ich. Hen­ry strei­chelt Ein­stein noch mal über den Kopf. »Da kann ihm nichts pas­sie­ren«, sagt er und ich nicke.

Die Kel­ler­trep­pe ist steil. Ein­mal fast ganz im Kreis her­um, dann ste­he ich unten und das biss­chen Licht, das von der Decke kommt fla­ckert. Es ist kühl, feucht und muf­fig hier. Nein, den­ke ich. Hier unten soll­te kein totes Tier lie­gen. Und ich dre­he mich wie­der um.

»Was ist los?«, fragt Hen­ry, der immer noch am Boden sitzt. »Ist zu dun­kel da unten.« Er folgt mir zur Bal­kon­tür. »Drau­ßen ist es kalt genug. Mach mal auf.« Er schaut mich skep­tisch an. »Wird er da nicht geges­sen?« Ich sehe ihn fra­gend an. »Weil er doch tot ist. Er kann nicht mehr bei­ßen«, erklärt er mir und bleibt an der Tür ste­hen. »Es gibt hier kei­ne so gro­ßen Kat­zen«, ant­wor­te ich und hof­fe, dass ihm das genügt. Von den Mar­dern erwäh­ne ich nichts. 

Hen­ry scheint beru­higt, zumin­dest fragt er nicht wei­ter. Er bleibt an der Glas­tür ste­hen und starrt das tote Tier an, als wür­de Ein­stein nur ein Schläf­chen hal­ten und gleich wie­der auf­wa­chen und wei­ter im Stroh wüh­len. Ich weiß, dass er dar­auf war­tet, dass genau das pas­siert. Ich las­se ihn ein paar Minu­ten alleine.

»Lass uns spa­zie­ren gehen«, rufe ich dann aus dem Gang Rich­tung Wohn­zim­mer, hole mei­nen Man­tel und igno­rie­re die Ord­ner auf dem Schreib­tisch. Ich mache mir zu viel Stress. Ich bekom­me das schon hin. Hen­ry geht vor. Ich will ihn ablen­ken. Und mich viel­leicht auch.
»Schlaf gut, Ein­stein«, sagt Hen­ry, dann gehen wir raus.

Im Park gibt es einen Teich mit Enten. Hen­ry liebt Enten. Er wird ganz wild vor Freu­de, wenn er die tro­cke­nen Sem­meln zer­brö­selt. 

»Wenn Mama und Papa heu­te Abend heim­kom­men, über­le­gen wir uns, wo wir Ein­stein begra­ben«, sage ich. Er nickt und ich sehe, dass er fast wie­der zu wei­nen anfängt. Ich neh­me sei­ne Hand. »Er ist jetzt bei Oma. Die freut sich sicher!« 

»Denkst du, da oben hat er es schön?«, Hen­ry schaut hin­auf in den grau­en Him­mel und bei den vie­len Wol­ken kann ich sei­ne Zwei­fel schon ver­ste­hen. Trotz­dem nicke ich, als wäre das selbstverständlich.

»Wahr­schein­lich hat er einen rie­si­gen Käfig. Und jemand geht mit ihm im Park spa­zie­ren wie Luis mit sei­nem Hasen!« Hen­ry ist wirk­lich ein Stadt­kind. Der Him­mel für ein Meer­schwein­chen? Ein gro­ßer Käfig und ein Spa­zier­gang an der Lei­ne in einem Stadt­park.
Bevor Oma ins Kran­ken­haus gekom­men ist, hat sie Hen­ry Ein­stein geschenkt. Er hat­te sich einen Hund gewünscht. »Ein Hund in der Groß­stadt? Was soll denn das?!«, hat sie gemeint und stand zu sei­nem Geburts­tag mit dem Meer­schwein vor unse­rer Tür. Schwarz­weiß, run­de Knopf­au­gen. Aus dem städ­ti­schen Tier­heim. »Viel­leicht ist es ein Bau­ern­hof«, über­le­ge ich. »Denkst du nicht, das wür­de Ein­stein gefal­len?« 

»Ja sicher!«, jetzt lächelt Hen­ry das ers­te Mal. Ich drü­cke sei­ne Hand und bin froh, dass ich ihn habe.

»Da vor­ne sind die Enten!«, ruft Hen­ry plötz­lich und zieht mich an der Hand hin­ter sich her. »Enten! Enten!«, schreit er und wir begin­nen zu laufen.

Hele­na Res­sel wur­de 1997 in Mün­chen gebo­ren und ist in Burg­hau­sen an der Gren­ze zu Öster­reich auf­ge­wach­sen. Nach dem Abitur stu­dier­te sie in Regens­burg erst Bio­lo­gie, ent­schied sich letzt­lich aber für Medi­en- und Sprach­wis­sen­schaf­ten. Seit sie 13 Jah­re alt ist schreibt Res­sel lite­ra­ri­sche Tex­te. Bei der Baye­ri­schen Aka­de­mie des Schrei­bens hat sie zum ers­ten Mal mit ande­ren zusam­men an Tex­ten gearbeitet.