Geschichte in schwarz-weiß

Geschichte in schwarz-weiß

von Fabian Bader

Heu­te war ein beson­de­rer Tag und ich woll­te die Pin­gui­ne sehen. Denn Pin­gui­ne sind grau.

So schnür­te ich mei­ne Stie­fel, nahm zuerst den dunk­len Man­tel und zwei Blocks spä­ter, die wei­ße Bahn durch die Stadt zum Zoo.

Anstän­dig zück­te ich mein Strei­fen­ti­cket und stieg in die Num­mer 2. Dort streck­te ich dem Kon­trol­leur die Mar­ke ent­ge­gen. Er reich­te unge­löst zurück. Ich streck­te sie ihm erneut und er war bereits mit dem nächs­ten Pas­sa­gier beschäf­tigt. So nick­te ich nur, doch auch hier­von nahm er kei­ne Notiz: War aus­ge­las­tet, sprach­los Papier zurück zu hän­di­gen. Nie stem­pel­te er.

Ein beson­de­rer Tag, nie wür­de ver­ges­sen wer­den. Rich­tig, ihn nicht mit Tin­te zu besu­deln und der Mann war ein Wei­ser, dach­te ich. Setz­te mich neben einen Frem­den. Als ich ihn rau­chen sah, dreh­te ich mir auch eine. Wäh­rend ich die Ziga­ret­te begut­ach­tend auf Augen­hö­he hielt, bot er mir eine indus­tri­ell Gestopf­te an. Ich zün­de­te die meine.

Er such­te, fand mei­nen Blick und asch­te mime­los auf den Hut des Vor­der­mans. Ich hielt sei­nen Grau­en stand, zog stark an der Ziga­ret­te und tipp­te mei­ne Asche eben­falls in den Hut des vor uns Sit­zen­den. Abwech­selnd, anfangs noch vor­sich­tig und heim­lich­tue­risch, jedoch von Hal­te­stel­le zu Hal­te­stel­le dreis­ter wer­dend, den ande­ren ehr­gei­zig zu über­trump­fen wün­schend, asch­ten wir fort­an in die Hut­krem­pe. Der Frem­de hat­te angefangen.

Vom Aus­stieg waren es nur weni­ge Schrit­te zum Zoo.

ohne Anzu­ste­hen gelang­te ich im Zick-zack — der samt­schwar­zen Absper­run­gen wegen — zu dem Mann in Uniform.

„Zu den Pin­gui­nen?“, frag­te er.

Ich nick­te und reich­te ihm einen sehr gro­ßen Schein.

„Sie sol­len sehr schön sein. Die Pin­gui­ne“, sag­te er hoff­nungs­voll und gab mir pas­send zurück.

Die Gesuch­ten befan­den sich am Ende des Gelän­des, wäh­rend auf dem Weg dort­hin das Gehe­ge der Affen lag. An deren Zaun traf ich vie­le, ehe­ma­li­ge Kom­mi­li­to­nen. Alle lun­ger­ten dort in dunk­lem Man­tel, mit schie­fer Schie­ber­müt­ze und Bart, der getrimmt wer­den hät­te sollen.

Rau­chend starr­ten wir nun den Affen hin­ter­her, wie sonst den Frau­en in Fein­strumpf­ho­se aus Frank­reich. Die Affen starr­ten zurück, durf­ten hier aber nicht rauchen.

“Ich woll­te zu den Pin­gui­nen. Sie sind grau”,

sag­te einer neben mir

und alle antworteten:

“Ich auch.”

Bei Däm­me­rung ging ich aus­tre­ten, kam zurück, mein Beu­tel Tabak ver­ging und der Tag ver­neig­te sich. Ver­schwand höf­lich für immer.

So war es Abend, damit kalt und der Mond rück­te näher.

“Ich hät­te ger­ne die Pin­gui­ne gese­hen”, dach­te ich.

Die ande­ren stimm­ten ein:

“Ich auch.”

Ohne Abschieds­wor­te ver­ließ ich mei­ne Kom­mi­li­to­nen, die Affen und den Zoo. Steu­er­te Rich­tung Stadt­kern und such­te mir eine Bar mit Fernseher.

Trin­kend und rau­chend reflek­tier­te ich den Tag: Sta­gnier­te dabei am Gehe­ge, auf das der Mond nun Schat­ten warf. Doch bevor ich zu schwarz ver­sank, setz­ten sich zwei Frem­de zu mir.

Von hier ent­zwei­te sich mei­ne Auf­merk­sam­keit. Ein Part folg­te dem Gespräch der bei­den Frem­den, der ande­re dem Ummichherum.

„Ob es klap­pen wird“, woll­te Simon links wissen.

Im Restau­rant war nun kein ein­zi­ger Platz mehr frei.

„Nixon kann sich einen Rück­schlag nicht leis­ten. Jetzt nicht mehr“, dar­auf Gar­fun­kels Ant­wort rechts.

Eine Frau in Blei­stift­rock, viel­leicht zu jung für den Drink in der Hand, zupf­te unge­dul­dig und unge­wollt las­ziv ihre Strumpf­ho­se zurecht.

„T minus three minu­tes encoun­ting“ über­tön­te es all unse­re Geschwät­zig­keit aus dem Fern­se­her. Es wur­de unan­ge­nehm still, Ziga­ret­ten qualm­ten, ohne dass sie geraucht wur­den, Zeit ver­ging nun anders.

In mei­len­wei­ter Fer­ne war die wei­ße Lan­ze Ame­ri­kas zu sehen, senk­recht in den Him­mel bli­ckend. 9:29 AM. stand oben rechts in die Wol­ken geschrie­ben; 3 AM. hier, jetzt, in Deutsch­land. “T minus two minu­tes to lift off”, berich­tet der Fern­seh­spre­cher, der Mas­ter­com­pu­ter über­neh­me nun. Ers­ter Rauch bil­det sich um die Rake­te. Ein Wis­sen­schaft­ler im Fern­seh­ge­rät dreht sei­nen Blei­stift zwi­schen den Fin­gern, wäh­rend die Frem­den neben mir so so lei­se, dass es nur für mich sein kann, anfan­gen zu singen:

“The chief ope­ra­tor wis­hes faith, to the neon god they made. Dar­über thront Apol-lo 11, neu­er Gott — Technik,

beginnt zu zit­tern, zu grollen.

Feels good Arm­strongs letz­ter Satz — auf Erden.

T minus 30 seconds to lift off.

The flight to land first men on moon, dis­turbs our sound of silence”

Grol­len ver­fängt sich in der Stil­le, ein Greif­arm nach dem ande­ren löst sich von der Rake­te. Die bei­den Frem­den echoen den Klang der Stil­le; bis ein augen­zer­rei­ßen­der Licht­blick uns teilt. Grell­wei­ßes, ame­ri­ka­ni­sches Feu­er ver­brennt die Welt, Licht ver­schwin­det im All.

Am nächs­ten Tag woll­te ich die Pin­gui­ne sehen. Denn Pin­gui­ne sind grau. Des­halb wie­der Stie­fel, mein Man­tel und die Num­mer 2. Erneut gab es kei­ne Schlan­ge zum Wär­ter, Zick-zack, das Geld pas­send in der Hand.

“Zu den Pin­gui­nen?”, kon­sta­tier­te die sel­be Uni­form, wie ges­tern. Wie­der­hol­te hoffnungslos:

“Sie sol­len sehr schön sein. Die Pin­gui­ne. Sie müs­sen nur – am Gehe­ge der Affen vorbei.“

Wie­der vege­tier­ten auf dem Weg die dunk­len Män­tel, oben auf die Schie­ber­müt­zen. Sie stan­den dort, wie ges­tern, in exakt glei­cher For­ma­ti­on. Kein Bart­haar war gekürzt. Einer sang so, so lei­se das Lied der Fremden.

So ging auch ich — nur für kurz — dich­ter an die Git­ter­stä­be her­an, hin­ter denen uns die Affen anstarrten.

Die Affen, es waren alle­samt schwar­ze Schim­pan­sen, saßen dicht gedrängt um ihr größ­tes Tier. Das Alpha­männ­chen ver­schaff­te sich von Zeit zu Zeit wild aus­schla­gend genü­gend Platz. Wenig spä­ter rück­ten die Ande­re erneut an es heran.

Nie ließ das Alpha uns aus sei­nen Augen.

Nie ließ ich es aus den Augen.

Ein­mal war mir, als habe ich die Pin­gui­ne rufen hören und am Him­mel, da strahl­te Licht der Mond.

Fabi­an Bader, gebo­ren 1993, stu­dier­te Phi­lo­so­phie, Ger­ma­nis­tik und Geschich­te und schloss sein Stu­di­um als Bache­lor of Arts ab. Für sei­ne Pro­sa, die in Antho­lo­gien und Zeit­schrif­ten ver­öf­fent­licht wur­den, erhielt er zahl­rei­che Prei­se und Sti­pen­di­en. So war er unter ande­rem Gewin­ner der PULS-Lese­rei­he 2015 und des Write&Read Nach­wuchs­prei­ses der Jun­gen Ver­lags­men­schen. 2016 war er Sti­pen­di­at des Schreib­hains Ber­lin. Neben der Fort­bil­dung an der Baye­ri­schen Aka­de­mie des Schrei­bens absol­vier­te er unter der Lei­tung von Mar­ti­na Weber die Text­werk­statt II in Darmstadt.