Gespenster

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Blau­druck: Fabi­an Schwankhart

von Martha Baer

Er war in der Küche gestan­den und hat­te abge­spült, als er mit dem Ärmel an dem Wein­glas hän­gen blieb. Es fiel zu Boden und zer­brach nicht. Zunächst war er erleich­tert, hob es auf und woll­te es wie­der auf die Abla­ge stel­len. Das Glas war so leicht, dass er das Gewicht kaum spür­te, kalt und dünn. Ihn beschlich ein selt­sa­mes Gefühl, als er es bald in der rech­ten, bald in der lin­ken Hand wog. Er hob das Glas auf die Höhe sei­nes Kop­fes und öff­ne­te lang­sam die Fin­ger. Es fiel zu Boden, dreh­te sich im Fall und lan­de­te mit einem kur­zen Klir­ren eben auf dem Stand­tel­ler. Zart zit­ter­te es aus wie eine Klang­scha­le. Sofort hob er es noch­mal auf und warf es mit gro­ßer Wucht auf den Boden. Es zer­split­ter­te, die Scher­ben flo­gen in alle Rich­tun­gen. Er ging zum Schrank und hol­te den Kehr­be­sen her­aus. Im Schloss der Woh­nungs­tür hör­te er einen Schlüs­sel, kurz dar­auf stand sein Sohn vor ihm. „Scher­ben brin­gen Glück“, sag­te er zu sei­nem Vater und lächel­te mit­lei­dig.
Am nächs­ten Tag bekam er auf der Arbeit völ­lig uner­war­tet eine Beför­de­rung. Beschwingt lief er nach Hau­se. Als er die Haus­tür auf­schloss, hielt er inne. Die drei Schlüs­sel für Haus‑, Woh­nungs- und Kel­ler­tür waren in sei­nen Augen noch nie unter­scheid­bar gewe­sen. Er wohn­te seit zwei Jah­ren hier, und obwohl die Wahr­schein­lich­keit ein Drit­tel betrug, hat­te er, soweit er sich erin­nern konn­te, noch nie auf Anhieb den rich­ti­gen Schlüs­sel in die Haus­tür gesteckt. Soeben war dies zum ers­ten Mal gesche­hen. Es geschah auch am nächs­ten und am über­nächs­ten Tag.
Am vier­ten Tag wach­te er mor­gens auf und merk­te am Licht­ein­fall, dass er ver­schla­fen hat­te. Er ver­schlief nie. Es war ihm ein furcht­ba­rer Gedan­ke, zu spät in die Arbeit zu kom­men. Außer Atem kam er an und stand vor ver­schlos­se­nen Türen. Fron­leich­nam, schoss es ihm durch den Kopf. Er rief sei­ne Mut­ter an und frag­te, ob er sie heu­te besu­chen kom­men kön­ne. Er sag­te, er wer­de den Zug in einer hal­ben Stun­de neh­men und leg­te auf. Er schlug den Weg über die Brü­cke ein. Wenn ich von jetzt an kei­ne Lini­en auf dem Bür­ger­steig mehr berüh­re, wird die Ampel genau dann grün, wenn ich an der Stra­ße ankom­me, dach­te er. Er trat nur auf die vol­len Fel­der, und als er die Stra­ße erreich­te, in dem Moment, wo sein rech­ter Fuß auf die Bord­stein­kan­te trat und wip­pend schon halb über sie hin­aus­rag­te, wur­de die Ampel grün. Bei der nächs­ten Ampel pas­sier­te das­sel­be. Als er die Stra­ße zur Hälf­te über­quert hat­te, sah er aus dem Augen­win­kel ein Auto auf sich zu rasen. Wie Tie­re, die in Star­re ver­har­ren und unver­wandt in den Licht­ke­gel bli­cken, bis sie über­fah­ren wer­den, so als ob sie den Tod selbst schau­en woll­ten, sah er reg­los dem Auto ent­ge­gen. Da wur­de er ruck­ar­tig am Arm gepackt und fort­ge­zo­gen. Er fiel halb auf die Stra­ße, halb auf den Bür­ger­steig – das Auto lenk­te ohne zu brem­sen und mit quiet­schen­den Rei­fen um ihn her­um. Neben ihm lag ein viel­leicht vier­zehn­jäh­ri­ges Mäd­chen. „Sie hät­ten ster­ben kön­nen“, keuch­te es, „wenn ich Sie nicht an den Stra­ßen­rand gezo­gen hät­te.“ Ihre Augen waren gewei­tet, vom eige­nen Mut noch ganz benom­men starr­te sie ihn an. Er starr­te zurück. Um die bei­den sam­mel­ten sich immer mehr Men­schen. Das Mäd­chen begann zu wei­nen. Die Men­schen in dem Kreis über ihnen tuschel­ten und zeig­ten mit dem Fin­ger auf ihn. Eine Frau nahm das Mäd­chen in den Arm und rede­te ihr müt­ter­lich zu. Ein Mann bau­te sich vor ihm auf. „Wol­len Sie sich nicht mal bei ihr bedan­ken?“, frag­te er auf­ge­bracht und fuch­tel­te mit den Armen in der Luft her­um. „Wis­sen Sie eigent­lich, was für ein Glück Sie haben?“ Das Wort „Glück“ spie er ver­ächt­lich aus, so als ob er das nicht ver­dient hät­te, als ob Glück und er nicht zusam­men pass­ten. Da end­lich erhob er sich und ging zu dem Mäd­chen. „Dan­ke“, sag­te er. Er füg­te hin­zu, wie um sich das selbst noch ein­mal bewusst zu machen: „Du hast mich geret­tet.“ Und dann: „Ich habe wohl Glück.“ Das Mäd­chen blick­te ihm gera­de ins Gesicht, eine Trä­ne floss in ihren zucken­den rech­ten Mund­win­kel. Die Leu­te mur­mel­ten vor sich hin. Lang­sam wand­te er sich ab und bog in die nächs­te Stra­ße ein.
Bis zum Bahn­hof war es nicht mehr weit, aber den Zug wür­de er nicht mehr krie­gen. Der nächs­te wür­de erst in ein­ein­halb Stun­den kom­men. Trotz­dem lief er auf zitt­ri­gen Bei­nen zum Bahn­hof. Er traf drei­zehn Minu­ten nach der regu­lä­ren Abfahrts­zeit ein. Von Wei­tem sah er, dass an dem Gleis ein Zug stand. Beim Näher­kom­men las er die Mel­dung auf der Anzei­ge­ta­fel: fünf­zehn Minu­ten Ver­spä­tung. Der Zug hat­te sonst nie Ver­spä­tung. Er lief zum vor­ders­ten Wagen und stieg ein. Als er sich auf den nächs­ten frei­en Platz gesetzt hat­te, fuhr der Zug lang­sam los. „Ich habe wohl Glück“, mur­mel­te er und blick­te aus dem Fens­ter. Das Rat­tern wur­de gleich­mä­ßig schnel­ler, und im sel­ben Rhyth­mus wie­der­hol­te sich in sei­nen Gedan­ken immer und immer wie­der die­ses Wort und häm­mer­te sich ein­dring­lich in sein Bewusst­sein: Glück, Glück, Glück…

Die Tage, die nun folg­ten, ver­klump­ten in sei­ner Erin­ne­rung zu einer undurch­dring­li­chen Mas­se. Die Selbst­ver­ständ­lich­keit, mit der sich das Glück in sein Leben geschli­chen hat­te, war ihm unheim­lich. Er hat­te das Gefühl, dass ihm von nun an nichts mehr zusto­ßen kön­ne, mehr noch, dass es nicht unmög­lich sei, dass alles, was er sich dach­te und wünsch­te, in Erfül­lung ging. Er fühl­te sich ohn­mäch­tig, macht­los, ja regel­recht über­gan­gen. Din­ge, auf die er sonst nie geach­tet hat­te, beka­men plötz­lich eine immense Bedeu­tung. Von Tag zu Tag wur­de ihm unwoh­ler zumu­te, wenn er auf Anhieb den rich­ti­gen Schlüs­sel wähl­te. Er dach­te an das Glas, sei­ne Beför­de­rung, den Fei­er­tag, die grü­nen Ampeln, das Mäd­chen und die Zug­ver­spä­tung. Alles füg­te sich zu einer macht­vol­len Grö­ße, die Ein­zug in sein Leben gehal­ten hat­te, die ihn fremd­be­stimm­te und die er nicht grei­fen konn­te. Man könn­te sie Glück nen­nen, dach­te er, oder Zufall, Fatum, oder aber das Ein­tre­ten gerin­ger Wahr­schein­lich­kei­ten. Wenn er nun auf eine Stra­ße zulief, ging er betont lang­sam, damit die Ampel nicht genau dann grün wür­de, wenn er die Stra­ße erreich­te. Sie wur­de trotz­dem immer genau dann grün, und ein­mal fiel sie auch genau dann aus. Es häuf­ten sich Gedan­ken­fet­zen, die plötz­lich durch sein Bewusst­sein zogen wie Gestrüpp durch eine win­di­ge Step­pe. Tat­säch­lich hat­te er eine leer­ge­feg­te Prä­rie vor sei­nen Augen – wie in einem klas­si­schen Wes­tern, so gott­ver­las­sen kam ihm sein Bewusst­sein vor, in wel­ches die Gedan­ken gna­den­los ein­fie­len. „Wenn ich drei mal schnip­se, kommt ein wei­ßes Auto“ wäre ein Bei­spiel für einen sol­chen aus dem Nichts her­bei geweh­ten Fet­zen, oder, abs­trak­ter, „Wenn a grün ist, ist b eine Prim­zahl“, und er such­te dann in sei­nem Umfeld und fand augen­blick­lich ein tan­nen­grü­nes Auto mit einer Sie­ben auf dem Num­mern­schild. Danach fuhr noch ein hell­grü­ner Ford mit einer 73 vor­bei. Das Glück kann sich selbst also noch über­bie­ten, dach­te er. 

Am Wochen­en­de ver­ließ er sei­ne Woh­nung nicht, aus Angst, zu häu­fig mit sei­nem neu­en Glück kon­fron­tiert zu wer­den. Den Sams­tag ver­brach­te er ange­spannt, führ­te mög­lichst weni­ge Tätig­kei­ten aus und zuck­te jedes Mal zusam­men, wenn etwas auf Anhieb funk­tio­nier­te. Sein Sohn kam ihn besu­chen. Er steck­te erst den fal­schen Schlüs­sel ins Schloss, schlug sich dann an der Kom­mo­de im Flur den Knö­chel an und als er sich bück­te, um die schmer­zen­de Stel­le zu hal­ten, lös­te sich der Ver­schluss der Ket­te, die er um den Hals trug. Der Vater starr­te auf die roten Per­len, die auf den Boden auf­schlu­gen und wie­der in die Höhe spran­gen oder unter die Kom­mo­de roll­ten. Er beob­ach­te­te sei­nen flu­chen­den Sohn, wie er sich den Knö­chel hielt und mit der ande­ren Hand unbe­hol­fen die Per­len unter der Kom­mo­de her­vor fisch­te. So viel Unglück schien ihm völ­lig absurd, so denk­bar unwahr­schein­lich, dass ihm der Gedan­ke des Glücks­aus­gleichs kam. Es gibt nur ein begrenz­tes Kon­tin­gent, dach­te er, mein gan­zes Glück fehlt anders­wo, und er schau­te sei­nen Sohn an, des­sen Arm vol­ler Spinn­we­ben war. Wenn es schon kei­ne aus­glei­chen­de Gerech­tig­keit gab, dann gab es viel­leicht aus­glei­chen­des Glück.
Als sein Sohn gegan­gen war, schlurf­te er unschlüs­sig in der Woh­nung umher. Er stell­te sich vor das Bücher­re­gal, sein Blick fiel auf Bau­de­lai­re. Er schlug die Fleurs du Mal auf. Le reven­ant. „Com­me les anges à l’œil fauve, / Je revi­en­drai dans ton alcôve“ – Er klapp­te das Buch wie­der zu. Er ver­ließ das Zim­mer und ging früh zu Bett. Er hat­te Glück, denn sonst gab es sams­tags in der Bar unter sei­ner Woh­nung immer lau­te Kon­zer­te. An dem Tag war der Wirt krank und die Bar geschlos­sen. Immer­hin kamen ein paar ent­täusch­te Gäs­te, die laut­stark schimpften.

Als am Sonn­tag­mor­gen die Kaf­fee­ma­schi­ne, die in der Woche zuvor aus uner­klär­li­chen Grün­den ihren Geist auf­ge­ge­ben hat­te, plötz­lich von selbst wie­der ansprang und ein­wand­frei funk­tio­nier­te, wuss­te er, dass es so nicht wei­ter­ge­hen konn­te. Sei­ne Hilf­lo­sig­keit und das Gefühl der Ent­mün­di­gung schlu­gen in Gereizt­heit und blin­den Aktio­nis­mus um. Als ers­tes mel­de­te er sich für die nächs­te Woche in der Arbeit krank. Dann begann er mit der Mathe­ma­tik. Er bestell­te sich Laplaces Thé­o­rie ana­ly­tique des pro­ba­bi­li­tés und Kol­mo­go­rows Grund­be­grif­fe der Wahr­schein­lich­keits­rech­nung. Er erin­ner­te sich außer­dem, dass er auf einer Ver­an­stal­tung ein­mal einen Mathe­ma­ti­ker ken­nen­ge­lernt hat­te, der einen Lehr­stuhl für Wahr­schein­lich­keits­theo­rie beklei­de­te. „Was für ein Glück“, mur­mel­te er und wähl­te die Num­mer, die er im Inter­net gefun­den hat­te. Der Mathe­ma­ti­ker erin­ner­te sich über­haupt nicht an ihn, war aber von Natur aus ein red­se­li­ger Mensch. Nach den Schil­de­run­gen schmet­ter­te er ein gluck­sen­des Lachen in den Hörer und hör­te auch wäh­rend der fol­gen­den Aus­füh­run­gen nicht auf, zu kichern. „Ein wah­rer Glücks­pilz“, prus­te­te er, „und du willst mir erzäh­len, dass du es noch nicht mit Lot­to ver­sucht hast? Wenn man davon aus­geht, dass es Wahr­schein­lich­kei­ten gibt“ – man konn­te das Augen­zwin­kern in sei­ner Stim­me hören, mit dem er die mathe­ma­ti­schen Pro­ble­me ver­schwieg, die er nicht ohne eine gewis­se Über­heb­lich­keit mit die­ser Aus­sa­ge andeu­te­te – „dann ist dei­ne Situa­ti­on zwar unwahr­schein­lich – ja, denk­bar unwahr­schein­lich“, schmet­ter­te er begeis­tert, „aber voll­kom­men mög­lich. Ich pro­phe­zeie dir, du spielst ein paar Run­den Rou­lette, du setzt immer auf Rot – und die Kugel fällt immer auf Rot! Voll­kom­men mög­lich! Nach zehn, zwan­zig Gewin­nen immer noch Rot! Das Erstaun­li­che ist, dass du das viel mehr hin­ter­fragst, als wenn es immer auf Schwarz fie­le, oder immer auf die Far­be, die du gera­de nicht gewählt hast. Mit dem Unglück fin­den wir uns unser Leben lang ab, und kaum haben wir ein biss­chen Glück, sehen wir dunk­le Mäch­te am Werk, Gespens­ter!“ Er sog laut­stark die Luft ein. „Und wenn du dann den Saal ver­lässt, und nach zwan­zig Mal Rot setzt dein Nach­fol­ger wie­der auf Rot, und ab dann kommt aber immer Schwarz – voll­kom­men mög­lich!“ Er prus­te­te noch ein biss­chen wei­ter. „Aber im Ernst, lass die Lot­te­rie nicht unver­sucht!“ schrie der Mathe­ma­ti­ker ver­gnügt beim Auf­le­gen.
Dass sei­ne Situa­ti­on „voll­kom­men mög­lich“ war, änder­te nichts an sei­nem Zustand. Eigent­lich hat­te er noch dar­über dis­ku­tie­ren wol­len, ob Glück nur dann Glück sei, wenn man es ver­dient, es durch Bemü­hun­gen aktiv her­bei­ge­führt hat­te. War unver­dien­tes Glück – und sol­ches war es doch, das ihm zufiel – nicht sogar der Gegen­ent­wurf zu Selbst­stän­dig­keit, zu Auto­no­mie?
Von dem Gedan­ken beses­sen, Gewiss­heit zu erlan­gen – Gewiss­heit von oder über was eigent­lich? – sand­te er mit zit­tern­den Fin­gern sei­ne Zah­len in der Lot­te­rie ein. Bis zur Aus­zäh­lung in drei Tagen ver­such­te er, die Wahr­schein­lich­kei­ten für die Situa­tio­nen zu ermit­teln, die ihm zuge­sto­ßen waren. Von mor­gens bis abends eig­ne­te er sich For­meln an, rech­ne­te, beschrieb gan­ze Blö­cke mit abstru­sen Glei­chun­gen. Bei der Berech­nung der Wahr­schein­lich­keit, mit der das Wein­glas auf dem Tel­ler lan­de­te, schei­ter­te er an phy­si­ka­li­schen Geset­zen, er schei­ter­te auch an der Unkennt­nis der Dau­er der Ampel­pha­sen und an den Para­me­tern, aus denen sich die Wahr­schein­lich­keit für eine fünf­zehn­mi­nü­ti­ge Bahn­ver­spä­tung auf genau die­ser Stre­cke errech­nen lie­ße, und all­ge­mein an feh­len­den Grö­ßen. Er ver­such­te es den­noch, nicht zuletzt wegen der Befrie­di­gung, wie­der ein­mal zu schei­tern, zumin­dest auf der Meta­ebe­ne. Der Zeit­punkt der Ver­lo­sung riss ihn aus sei­nem mathe­ma­ti­schen Deli­ri­um. Er starr­te auf den Bild­schirm und brach in ein auf­ge­kratz­tes Lachen aus. Hier kann­te er die Wahr­schein­lich­keit, und sie mach­te das Gan­ze nur noch unwahr­schein­li­cher. Er griff zum Tele­fon und sag­te, er wol­le das Geld nicht. Die Frau am ande­ren Ende der Lei­tung ver­stand nicht, er schrie sie an. „Es war nur ein Test!“, schrie er, mehr­mals. Dann knall­te er den Hörer hin.
In den nächs­ten Tagen beweg­te er sich kaum. Er trau­te sich nicht, zu den­ken. Um von sei­nem Den­ken abzu­len­ken, griff er zu ande­ren Den­kern. Er las das sechs­te Kapi­tel über die Wahr­schein­lich­keit von Humes Unter­su­chung über den mensch­li­chen Ver­stand. „Obgleich es in der Welt so etwas wie Zufall nicht gibt – so hat unse­re Unkennt­nis der wirk­li­chen Ursa­che eines Ereig­nis­ses den­sel­ben Ein­fluß auf den Ver­stand und erzeugt eine ähn­li­che Art von Glau­ben“. Das hät­te Hume nicht geschrie­ben, wenn er selbst im Lot­to gewon­nen hät­te, dach­te er. Dann wäre es ihm zu banal vor­ge­kom­men, dar­auf auf­merk­sam zu machen, dass sich häu­fen­de Ereig­nis­se auf einer Sei­te der Wahr­schein­lich­keit einen immer höhe­ren Grad des Glau­bens für die­se Sei­te erzeu­gen. So ein­fach ließ sich das Vor­ge­fal­le­ne aber nicht erklären.

Am nächs­ten Mon­tag mach­te er sich wie­der auf den Weg zur Arbeit. Er fand sich damit ab, nichts gegen den Ein­tritt des Glücks oder gerin­ger Wahr­schein­lich­kei­ten tun zu kön­nen. Aller­dings konn­te er sich des Ein­drucks nicht erweh­ren, dass sein Leben jetzt, da ihm alles gelin­gen wür­de, sehr lang­wei­lig und trist wer­den wür­de. Er trat vor die Woh­nungs­tür. Er dach­te dar­an, dass er neu­lich in der Zei­tung irgend­et­was über den Zusam­men­hang zwi­schen Glück und Depres­si­on, ja über Depres­si­on durch Glück gele­sen hat­te. Ihm fiel auf, dass er schon wie­der zu viel dach­te. Nicht den­ken, nicht den­ken, dach­te er. Ich möch­te mei­ne Stim­me nicht mehr hören. Und da war ihm plötz­lich, als höre er über sich Stim­men. Erst war es nur ein ver­wa­sche­nes Säu­seln, doch nach und nach konn­te er ein­zel­ne Sät­ze wahr­neh­men. „Ja, nun scheint er mit sei­nem Glück zufrie­den zu sein. Er akzep­tiert es“, näsel­te eine hel­le Stim­me. „Zuvor hat er sich ange­maßt, unse­re Geset­ze ver­ste­hen zu wol­len“, säu­sel­te eine ande­re. „Ja, mit Mathe­ma­tik“, kicher­te eine drit­te, und alle drei lach­ten unver­hoh­len über­heb­lich. „Er jagt dem Glück nach, er lässt es dar­auf ankom­men, und damit stiehlt er es ande­ren.“ „Er war sich sicher, nicht über­fah­ren zu wer­den, und zog damit ande­re in Gefahr.“ „Über­haupt denkt er zu viel, die­sen Schwach­sinn mit den Ampeln und Autos, den wir dann ein­tre­ten las­sen müs­sen.“ „Stän­dig fragt er: Ist es Zufall, dass das Glück mir zufällt?“ „Nun, so geht es nicht wei­ter“, skan­dier­ten die Stim­men im Chor. Er schau­te in den Him­mel. Nichts. Es war still. Den Kopf in den Nacken gelegt, sah er einen win­zi­gen schwar­zen Punkt über sich. Der Punkt wur­de schnell grö­ßer und füll­te als schwar­ze, zer­klüf­te­te Flä­che bald schon den Groß­teil sei­nes Blick­fel­des aus. „Welt­raum­schrott“, flüs­ter­te er andäch­tig. „Das ist voll­kom­men unwahr­schein­lich.“ Und wäh­rend der Him­mel über ihm sich immer mehr ver­dun­kel­te, brei­te­te sich auf sei­nen Lip­pen ein ent­zück­tes Lächeln aus.
Und er dach­te nichts mehr.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Lie­be Lese­rin, Lie­ber Leser,

wir erlau­ben uns an die­ser Stel­le, der von Mar­tha Baer aus­ge­führ­ten Geschich­te unse­re Per­spek­ti­ve auf das Gesche­hen hin­zu­zu­fü­gen und auf die­se Wei­se eini­ge pikan­te Details wie die ver­wun­der­li­chen Stim­men am Ende ein­zu­ord­nen. Um in eurer Spra­che zu blei­ben: wir erlau­ben uns, buch­stäb­lich Ghost­wri­ting zu betrei­ben. Es ist uns ein Anlie­gen, eini­ge Punk­te über unser Wesen klar­zu­stel­len, das in der vor­lie­gen­den Geschich­te in ein fal­sches Licht gerückt wur­de – mal wie­der.
Es ist uns gänz­lich fremd, uns in dem Maße für ein Men­schen­le­ben zu inter­es­sie­ren, dass wir len­kend in es ein­grei­fen wür­den. Das gehört schlicht nicht zu unse­rem Tätig­keits­be­reich. Bau­de­lai­res Gespenst etwa, von dem unser Prot­ago­nist sich heim­su­chen ließ, ist eine lee­re Fan­ta­sie, ein Hirn­ge­spinst, eine Plat­ti­tü­de. Wir beob­ach­ten die Men­schen, das schon. Wir befin­den uns dabei weder im Him­mel, wo unser Held uns – oh lie­bens­wür­di­ge Ver­ir­rung – such­te, noch auf der Erde, noch – nun ja, Sie wis­sen schon. Wir sind das Pneu­ma, das alles durch­dringt, wir sind der Wind, der über­all singt. Ver­bin­dung zu Men­schen suchen wir nur in den sel­tens­ten Fäl­len und auch dann nur schrift­lich, etwa wie jetzt, da wir das Bild berich­ti­gen wol­len, das von uns gezeich­net wird.
Unse­ren Prot­ago­nis­ten beob­ach­te­ten wir schon eine gerau­me Wei­le. Wir konn­ten kaum glau­ben, was wir sahen. Wir waren fas­sungs­los ob der Hybris, die die­sen Men­schen sein eige­nes Leben als kau­sa­les Expe­ri­ment betrach­ten ließ. Befrem­det muss­ten wir fest­stel­len, wie er hin­ter dem Zufall oder hin­ter dem Schick­sal – denn dies zu ent­schei­den, maßen selbst wir uns nicht an – „Gespens­ter“ kon­stru­ier­te und wie naiv sich die­se Kon­struk­tio­nen aus­nah­men. Von der lächer­li­chen Anma­ßung, das ihm Zusto­ßen­de durch Mathe­ma­tik zu ver­ste­hen, wand­ten wir uns beschämt ab. Ver­ste­hen, alle Men­schen wol­len immer nur ver­ste­hen! Anstatt demü­tig hin­zu­neh­men, ver­zwei­fel­te er und wuss­te selbst nicht, wor­an. Anstatt in sei­nem Leben etwas anzu­grei­fen, anstatt sich sei­nem Sohn zu öff­nen, sich bei sei­ner ehe­ma­li­gen Frau für sei­ne Betrü­ge­rei­en zu ent­schul­di­gen, anstatt zu ver­su­chen, den ande­ren nicht mehr der­art abwe­send ent­ge­gen­zu­tre­ten – sei­ne kal­te Neu­tra­li­tät spie­gelt sich ja in dem Schreib­stil von Mar­tha Baer wider, denn anders kann man sich einer sol­chen Per­son über­haupt nicht deskrip­tiv nähern – flüch­te­te er sich in eine Welt der Wahr­schein­lich­kei­ten, an der er sich abmüh­te, in der er sich end­lich ein­mal wie­der als bedeut­sa­mes Zen­trum des Gesche­hens wahr­zu­neh­men ver­moch­te. Sich an sich selbst abar­bei­tend, ohne sich die­ser nar­ziss­ti­schen Stö­rung über­haupt bewusst zu sein.
Die lächer­li­chen Gespens­ter­stim­men, die­se rach­süch­ti­gen klei­nen Par­zen, die er in sei­nem Kopf zuein­an­der spre­chen ließ, erreg­ten in uns bei­na­he Zorn, wären wir für der­ar­ti­ge mensch­li­che Regun­gen emp­fäng­lich. Was uns kurz stut­zig mach­te, war der Welt­raum­schrott, der ihn erschlug. In der Tat war das sehr unwahr­schein­lich – aber voll­kom­men mög­lich. Sei­ne Hybris reich­te so weit, hier­in eine Geis­ter­hand zu ver­mu­ten, einen geplan­ten Schick­sals-Schlag, eine Bestra­fung. Dabei ist Welt­raum­schrott ja gera­de der Inbe­griff von Men­schen­ge­mach­tem, von der Absur­di­tät, die mensch­li­chen Machen­schaf­ten zugrun­de liegt. Was hat das mit uns zu tun? Je mehr Bewei­se für unse­re Nicht-Exis­tenz spre­chen, je kla­rer es wird, dass wir nicht in mensch­li­che Belan­ge ein­grei­fen – und Welt­raum­schrott ist hier­für ja wohl der bes­te Beweis – des­to zuver­läs­si­ger wer­den wir des Gesche­hens schul­dig gespro­chen. Para­do­xer­wei­se fürch­tet man uns gera­de dann am meis­ten, wenn man am sichers­ten davon über­zeugt ist, dass es uns nicht geben kann.
Die vor­lie­gen­de Geschich­te ist so geschil­dert, wie sie sich in sei­nem ver­wirr­ten Kopf zusam­men spann, so, wie sie durch sein wüs­ten­lee­res Bewusst­sein feg­te. Mar­tha Baer hät­te auch über jene Frau schrei­ben kön­nen, die „gespens­ti­sche“ Erin­ne­rungs­lü­cken in sich wahr­nimmt und sie mit halb fan­tas­ti­schen, halb wah­ren Kon­struk­tio­nen zu fül­len sucht. Oder über jene Per­so­nen, die von ihren Erin­ne­run­gen wie von „Gespens­tern“ heim­ge­sucht wer­den. Das The­ma „Gespens­ter“ erlaubt ja eine umfas­sen­de Beleuch­tung mensch­li­cher Irr­nis­se.
Allein – wir wären Ihnen recht ver­bun­den, wenn sie uns dabei aus dem Spiel lie­ßen. Eine der­ar­ti­ge Ver­wir­rung der Tat­be­stän­de tut unse­rem Anse­hen ein­fach nicht gut. Und Sie sehen ja exem­pla­risch, wohin das füh­ren kann.

Mar­tha Baer wur­de 2002 in Mün­chen gebo­ren und stu­dier­te dort Kunst­ge­schich­te (MA) und Phi­lo­so­phie. Sie inter­es­siert sich für Syn­er­gie­ef­fek­te zwi­schen ihrem aktu­el­len Mas­ter­stu­di­um der Theo­re­ti­schen Phi­lo­so­phie an der LMU, ihrem Stu­di­um der Frei­en Kunst (Bild­haue­rei) an der AdBK Mün­chen sowie ihrem seit jeher aus­ge­präg­ten Inter­es­se für Lite­ra­tur und Schrift. Dies­be­züg­li­che Ansät­ze ver­folgt sie ger­ne im Aus­tausch mit ande­ren Schrei­ben­den, etwa 2024 im Rah­men der Baye­ri­schen Aka­de­mie des Schrei­bens oder bei dem 2025 von ihr gelei­te­ten Crea­ti­ve Wri­ting Work­shop „Lite­ra­ri­sche For­men“ auf der Kul­tur­aka­de­mie der Stu­di­en­stif­tung des deut­schen Volkes.