Blaudruck: Fabian Schwankhart
von Martha Baer
Er war in der Küche gestanden und hatte abgespült, als er mit dem Ärmel an dem Weinglas hängen blieb. Es fiel zu Boden und zerbrach nicht. Zunächst war er erleichtert, hob es auf und wollte es wieder auf die Ablage stellen. Das Glas war so leicht, dass er das Gewicht kaum spürte, kalt und dünn. Ihn beschlich ein seltsames Gefühl, als er es bald in der rechten, bald in der linken Hand wog. Er hob das Glas auf die Höhe seines Kopfes und öffnete langsam die Finger. Es fiel zu Boden, drehte sich im Fall und landete mit einem kurzen Klirren eben auf dem Standteller. Zart zitterte es aus wie eine Klangschale. Sofort hob er es nochmal auf und warf es mit großer Wucht auf den Boden. Es zersplitterte, die Scherben flogen in alle Richtungen. Er ging zum Schrank und holte den Kehrbesen heraus. Im Schloss der Wohnungstür hörte er einen Schlüssel, kurz darauf stand sein Sohn vor ihm. „Scherben bringen Glück“, sagte er zu seinem Vater und lächelte mitleidig.
Am nächsten Tag bekam er auf der Arbeit völlig unerwartet eine Beförderung. Beschwingt lief er nach Hause. Als er die Haustür aufschloss, hielt er inne. Die drei Schlüssel für Haus‑, Wohnungs- und Kellertür waren in seinen Augen noch nie unterscheidbar gewesen. Er wohnte seit zwei Jahren hier, und obwohl die Wahrscheinlichkeit ein Drittel betrug, hatte er, soweit er sich erinnern konnte, noch nie auf Anhieb den richtigen Schlüssel in die Haustür gesteckt. Soeben war dies zum ersten Mal geschehen. Es geschah auch am nächsten und am übernächsten Tag.
Am vierten Tag wachte er morgens auf und merkte am Lichteinfall, dass er verschlafen hatte. Er verschlief nie. Es war ihm ein furchtbarer Gedanke, zu spät in die Arbeit zu kommen. Außer Atem kam er an und stand vor verschlossenen Türen. Fronleichnam, schoss es ihm durch den Kopf. Er rief seine Mutter an und fragte, ob er sie heute besuchen kommen könne. Er sagte, er werde den Zug in einer halben Stunde nehmen und legte auf. Er schlug den Weg über die Brücke ein. Wenn ich von jetzt an keine Linien auf dem Bürgersteig mehr berühre, wird die Ampel genau dann grün, wenn ich an der Straße ankomme, dachte er. Er trat nur auf die vollen Felder, und als er die Straße erreichte, in dem Moment, wo sein rechter Fuß auf die Bordsteinkante trat und wippend schon halb über sie hinausragte, wurde die Ampel grün. Bei der nächsten Ampel passierte dasselbe. Als er die Straße zur Hälfte überquert hatte, sah er aus dem Augenwinkel ein Auto auf sich zu rasen. Wie Tiere, die in Starre verharren und unverwandt in den Lichtkegel blicken, bis sie überfahren werden, so als ob sie den Tod selbst schauen wollten, sah er reglos dem Auto entgegen. Da wurde er ruckartig am Arm gepackt und fortgezogen. Er fiel halb auf die Straße, halb auf den Bürgersteig – das Auto lenkte ohne zu bremsen und mit quietschenden Reifen um ihn herum. Neben ihm lag ein vielleicht vierzehnjähriges Mädchen. „Sie hätten sterben können“, keuchte es, „wenn ich Sie nicht an den Straßenrand gezogen hätte.“ Ihre Augen waren geweitet, vom eigenen Mut noch ganz benommen starrte sie ihn an. Er starrte zurück. Um die beiden sammelten sich immer mehr Menschen. Das Mädchen begann zu weinen. Die Menschen in dem Kreis über ihnen tuschelten und zeigten mit dem Finger auf ihn. Eine Frau nahm das Mädchen in den Arm und redete ihr mütterlich zu. Ein Mann baute sich vor ihm auf. „Wollen Sie sich nicht mal bei ihr bedanken?“, fragte er aufgebracht und fuchtelte mit den Armen in der Luft herum. „Wissen Sie eigentlich, was für ein Glück Sie haben?“ Das Wort „Glück“ spie er verächtlich aus, so als ob er das nicht verdient hätte, als ob Glück und er nicht zusammen passten. Da endlich erhob er sich und ging zu dem Mädchen. „Danke“, sagte er. Er fügte hinzu, wie um sich das selbst noch einmal bewusst zu machen: „Du hast mich gerettet.“ Und dann: „Ich habe wohl Glück.“ Das Mädchen blickte ihm gerade ins Gesicht, eine Träne floss in ihren zuckenden rechten Mundwinkel. Die Leute murmelten vor sich hin. Langsam wandte er sich ab und bog in die nächste Straße ein.
Bis zum Bahnhof war es nicht mehr weit, aber den Zug würde er nicht mehr kriegen. Der nächste würde erst in eineinhalb Stunden kommen. Trotzdem lief er auf zittrigen Beinen zum Bahnhof. Er traf dreizehn Minuten nach der regulären Abfahrtszeit ein. Von Weitem sah er, dass an dem Gleis ein Zug stand. Beim Näherkommen las er die Meldung auf der Anzeigetafel: fünfzehn Minuten Verspätung. Der Zug hatte sonst nie Verspätung. Er lief zum vordersten Wagen und stieg ein. Als er sich auf den nächsten freien Platz gesetzt hatte, fuhr der Zug langsam los. „Ich habe wohl Glück“, murmelte er und blickte aus dem Fenster. Das Rattern wurde gleichmäßig schneller, und im selben Rhythmus wiederholte sich in seinen Gedanken immer und immer wieder dieses Wort und hämmerte sich eindringlich in sein Bewusstsein: Glück, Glück, Glück…
Die Tage, die nun folgten, verklumpten in seiner Erinnerung zu einer undurchdringlichen Masse. Die Selbstverständlichkeit, mit der sich das Glück in sein Leben geschlichen hatte, war ihm unheimlich. Er hatte das Gefühl, dass ihm von nun an nichts mehr zustoßen könne, mehr noch, dass es nicht unmöglich sei, dass alles, was er sich dachte und wünschte, in Erfüllung ging. Er fühlte sich ohnmächtig, machtlos, ja regelrecht übergangen. Dinge, auf die er sonst nie geachtet hatte, bekamen plötzlich eine immense Bedeutung. Von Tag zu Tag wurde ihm unwohler zumute, wenn er auf Anhieb den richtigen Schlüssel wählte. Er dachte an das Glas, seine Beförderung, den Feiertag, die grünen Ampeln, das Mädchen und die Zugverspätung. Alles fügte sich zu einer machtvollen Größe, die Einzug in sein Leben gehalten hatte, die ihn fremdbestimmte und die er nicht greifen konnte. Man könnte sie Glück nennen, dachte er, oder Zufall, Fatum, oder aber das Eintreten geringer Wahrscheinlichkeiten. Wenn er nun auf eine Straße zulief, ging er betont langsam, damit die Ampel nicht genau dann grün würde, wenn er die Straße erreichte. Sie wurde trotzdem immer genau dann grün, und einmal fiel sie auch genau dann aus. Es häuften sich Gedankenfetzen, die plötzlich durch sein Bewusstsein zogen wie Gestrüpp durch eine windige Steppe. Tatsächlich hatte er eine leergefegte Prärie vor seinen Augen – wie in einem klassischen Western, so gottverlassen kam ihm sein Bewusstsein vor, in welches die Gedanken gnadenlos einfielen. „Wenn ich drei mal schnipse, kommt ein weißes Auto“ wäre ein Beispiel für einen solchen aus dem Nichts herbei gewehten Fetzen, oder, abstrakter, „Wenn a grün ist, ist b eine Primzahl“, und er suchte dann in seinem Umfeld und fand augenblicklich ein tannengrünes Auto mit einer Sieben auf dem Nummernschild. Danach fuhr noch ein hellgrüner Ford mit einer 73 vorbei. Das Glück kann sich selbst also noch überbieten, dachte er.
Am Wochenende verließ er seine Wohnung nicht, aus Angst, zu häufig mit seinem neuen Glück konfrontiert zu werden. Den Samstag verbrachte er angespannt, führte möglichst wenige Tätigkeiten aus und zuckte jedes Mal zusammen, wenn etwas auf Anhieb funktionierte. Sein Sohn kam ihn besuchen. Er steckte erst den falschen Schlüssel ins Schloss, schlug sich dann an der Kommode im Flur den Knöchel an und als er sich bückte, um die schmerzende Stelle zu halten, löste sich der Verschluss der Kette, die er um den Hals trug. Der Vater starrte auf die roten Perlen, die auf den Boden aufschlugen und wieder in die Höhe sprangen oder unter die Kommode rollten. Er beobachtete seinen fluchenden Sohn, wie er sich den Knöchel hielt und mit der anderen Hand unbeholfen die Perlen unter der Kommode hervor fischte. So viel Unglück schien ihm völlig absurd, so denkbar unwahrscheinlich, dass ihm der Gedanke des Glücksausgleichs kam. Es gibt nur ein begrenztes Kontingent, dachte er, mein ganzes Glück fehlt anderswo, und er schaute seinen Sohn an, dessen Arm voller Spinnweben war. Wenn es schon keine ausgleichende Gerechtigkeit gab, dann gab es vielleicht ausgleichendes Glück.
Als sein Sohn gegangen war, schlurfte er unschlüssig in der Wohnung umher. Er stellte sich vor das Bücherregal, sein Blick fiel auf Baudelaire. Er schlug die Fleurs du Mal auf. Le revenant. „Comme les anges à l’œil fauve, / Je reviendrai dans ton alcôve“ – Er klappte das Buch wieder zu. Er verließ das Zimmer und ging früh zu Bett. Er hatte Glück, denn sonst gab es samstags in der Bar unter seiner Wohnung immer laute Konzerte. An dem Tag war der Wirt krank und die Bar geschlossen. Immerhin kamen ein paar enttäuschte Gäste, die lautstark schimpften.
Als am Sonntagmorgen die Kaffeemaschine, die in der Woche zuvor aus unerklärlichen Gründen ihren Geist aufgegeben hatte, plötzlich von selbst wieder ansprang und einwandfrei funktionierte, wusste er, dass es so nicht weitergehen konnte. Seine Hilflosigkeit und das Gefühl der Entmündigung schlugen in Gereiztheit und blinden Aktionismus um. Als erstes meldete er sich für die nächste Woche in der Arbeit krank. Dann begann er mit der Mathematik. Er bestellte sich Laplaces Théorie analytique des probabilités und Kolmogorows Grundbegriffe der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Er erinnerte sich außerdem, dass er auf einer Veranstaltung einmal einen Mathematiker kennengelernt hatte, der einen Lehrstuhl für Wahrscheinlichkeitstheorie bekleidete. „Was für ein Glück“, murmelte er und wählte die Nummer, die er im Internet gefunden hatte. Der Mathematiker erinnerte sich überhaupt nicht an ihn, war aber von Natur aus ein redseliger Mensch. Nach den Schilderungen schmetterte er ein glucksendes Lachen in den Hörer und hörte auch während der folgenden Ausführungen nicht auf, zu kichern. „Ein wahrer Glückspilz“, prustete er, „und du willst mir erzählen, dass du es noch nicht mit Lotto versucht hast? Wenn man davon ausgeht, dass es Wahrscheinlichkeiten gibt“ – man konnte das Augenzwinkern in seiner Stimme hören, mit dem er die mathematischen Probleme verschwieg, die er nicht ohne eine gewisse Überheblichkeit mit dieser Aussage andeutete – „dann ist deine Situation zwar unwahrscheinlich – ja, denkbar unwahrscheinlich“, schmetterte er begeistert, „aber vollkommen möglich. Ich prophezeie dir, du spielst ein paar Runden Roulette, du setzt immer auf Rot – und die Kugel fällt immer auf Rot! Vollkommen möglich! Nach zehn, zwanzig Gewinnen immer noch Rot! Das Erstaunliche ist, dass du das viel mehr hinterfragst, als wenn es immer auf Schwarz fiele, oder immer auf die Farbe, die du gerade nicht gewählt hast. Mit dem Unglück finden wir uns unser Leben lang ab, und kaum haben wir ein bisschen Glück, sehen wir dunkle Mächte am Werk, Gespenster!“ Er sog lautstark die Luft ein. „Und wenn du dann den Saal verlässt, und nach zwanzig Mal Rot setzt dein Nachfolger wieder auf Rot, und ab dann kommt aber immer Schwarz – vollkommen möglich!“ Er prustete noch ein bisschen weiter. „Aber im Ernst, lass die Lotterie nicht unversucht!“ schrie der Mathematiker vergnügt beim Auflegen.
Dass seine Situation „vollkommen möglich“ war, änderte nichts an seinem Zustand. Eigentlich hatte er noch darüber diskutieren wollen, ob Glück nur dann Glück sei, wenn man es verdient, es durch Bemühungen aktiv herbeigeführt hatte. War unverdientes Glück – und solches war es doch, das ihm zufiel – nicht sogar der Gegenentwurf zu Selbstständigkeit, zu Autonomie?
Von dem Gedanken besessen, Gewissheit zu erlangen – Gewissheit von oder über was eigentlich? – sandte er mit zitternden Fingern seine Zahlen in der Lotterie ein. Bis zur Auszählung in drei Tagen versuchte er, die Wahrscheinlichkeiten für die Situationen zu ermitteln, die ihm zugestoßen waren. Von morgens bis abends eignete er sich Formeln an, rechnete, beschrieb ganze Blöcke mit abstrusen Gleichungen. Bei der Berechnung der Wahrscheinlichkeit, mit der das Weinglas auf dem Teller landete, scheiterte er an physikalischen Gesetzen, er scheiterte auch an der Unkenntnis der Dauer der Ampelphasen und an den Parametern, aus denen sich die Wahrscheinlichkeit für eine fünfzehnminütige Bahnverspätung auf genau dieser Strecke errechnen ließe, und allgemein an fehlenden Größen. Er versuchte es dennoch, nicht zuletzt wegen der Befriedigung, wieder einmal zu scheitern, zumindest auf der Metaebene. Der Zeitpunkt der Verlosung riss ihn aus seinem mathematischen Delirium. Er starrte auf den Bildschirm und brach in ein aufgekratztes Lachen aus. Hier kannte er die Wahrscheinlichkeit, und sie machte das Ganze nur noch unwahrscheinlicher. Er griff zum Telefon und sagte, er wolle das Geld nicht. Die Frau am anderen Ende der Leitung verstand nicht, er schrie sie an. „Es war nur ein Test!“, schrie er, mehrmals. Dann knallte er den Hörer hin.
In den nächsten Tagen bewegte er sich kaum. Er traute sich nicht, zu denken. Um von seinem Denken abzulenken, griff er zu anderen Denkern. Er las das sechste Kapitel über die Wahrscheinlichkeit von Humes Untersuchung über den menschlichen Verstand. „Obgleich es in der Welt so etwas wie Zufall nicht gibt – so hat unsere Unkenntnis der wirklichen Ursache eines Ereignisses denselben Einfluß auf den Verstand und erzeugt eine ähnliche Art von Glauben“. Das hätte Hume nicht geschrieben, wenn er selbst im Lotto gewonnen hätte, dachte er. Dann wäre es ihm zu banal vorgekommen, darauf aufmerksam zu machen, dass sich häufende Ereignisse auf einer Seite der Wahrscheinlichkeit einen immer höheren Grad des Glaubens für diese Seite erzeugen. So einfach ließ sich das Vorgefallene aber nicht erklären.
Am nächsten Montag machte er sich wieder auf den Weg zur Arbeit. Er fand sich damit ab, nichts gegen den Eintritt des Glücks oder geringer Wahrscheinlichkeiten tun zu können. Allerdings konnte er sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sein Leben jetzt, da ihm alles gelingen würde, sehr langweilig und trist werden würde. Er trat vor die Wohnungstür. Er dachte daran, dass er neulich in der Zeitung irgendetwas über den Zusammenhang zwischen Glück und Depression, ja über Depression durch Glück gelesen hatte. Ihm fiel auf, dass er schon wieder zu viel dachte. Nicht denken, nicht denken, dachte er. Ich möchte meine Stimme nicht mehr hören. Und da war ihm plötzlich, als höre er über sich Stimmen. Erst war es nur ein verwaschenes Säuseln, doch nach und nach konnte er einzelne Sätze wahrnehmen. „Ja, nun scheint er mit seinem Glück zufrieden zu sein. Er akzeptiert es“, näselte eine helle Stimme. „Zuvor hat er sich angemaßt, unsere Gesetze verstehen zu wollen“, säuselte eine andere. „Ja, mit Mathematik“, kicherte eine dritte, und alle drei lachten unverhohlen überheblich. „Er jagt dem Glück nach, er lässt es darauf ankommen, und damit stiehlt er es anderen.“ „Er war sich sicher, nicht überfahren zu werden, und zog damit andere in Gefahr.“ „Überhaupt denkt er zu viel, diesen Schwachsinn mit den Ampeln und Autos, den wir dann eintreten lassen müssen.“ „Ständig fragt er: Ist es Zufall, dass das Glück mir zufällt?“ „Nun, so geht es nicht weiter“, skandierten die Stimmen im Chor. Er schaute in den Himmel. Nichts. Es war still. Den Kopf in den Nacken gelegt, sah er einen winzigen schwarzen Punkt über sich. Der Punkt wurde schnell größer und füllte als schwarze, zerklüftete Fläche bald schon den Großteil seines Blickfeldes aus. „Weltraumschrott“, flüsterte er andächtig. „Das ist vollkommen unwahrscheinlich.“ Und während der Himmel über ihm sich immer mehr verdunkelte, breitete sich auf seinen Lippen ein entzücktes Lächeln aus.
Und er dachte nichts mehr.
Liebe Leserin, Lieber Leser,
wir erlauben uns an dieser Stelle, der von Martha Baer ausgeführten Geschichte unsere Perspektive auf das Geschehen hinzuzufügen und auf diese Weise einige pikante Details wie die verwunderlichen Stimmen am Ende einzuordnen. Um in eurer Sprache zu bleiben: wir erlauben uns, buchstäblich Ghostwriting zu betreiben. Es ist uns ein Anliegen, einige Punkte über unser Wesen klarzustellen, das in der vorliegenden Geschichte in ein falsches Licht gerückt wurde – mal wieder.
Es ist uns gänzlich fremd, uns in dem Maße für ein Menschenleben zu interessieren, dass wir lenkend in es eingreifen würden. Das gehört schlicht nicht zu unserem Tätigkeitsbereich. Baudelaires Gespenst etwa, von dem unser Protagonist sich heimsuchen ließ, ist eine leere Fantasie, ein Hirngespinst, eine Plattitüde. Wir beobachten die Menschen, das schon. Wir befinden uns dabei weder im Himmel, wo unser Held uns – oh liebenswürdige Verirrung – suchte, noch auf der Erde, noch – nun ja, Sie wissen schon. Wir sind das Pneuma, das alles durchdringt, wir sind der Wind, der überall singt. Verbindung zu Menschen suchen wir nur in den seltensten Fällen und auch dann nur schriftlich, etwa wie jetzt, da wir das Bild berichtigen wollen, das von uns gezeichnet wird.
Unseren Protagonisten beobachteten wir schon eine geraume Weile. Wir konnten kaum glauben, was wir sahen. Wir waren fassungslos ob der Hybris, die diesen Menschen sein eigenes Leben als kausales Experiment betrachten ließ. Befremdet mussten wir feststellen, wie er hinter dem Zufall oder hinter dem Schicksal – denn dies zu entscheiden, maßen selbst wir uns nicht an – „Gespenster“ konstruierte und wie naiv sich diese Konstruktionen ausnahmen. Von der lächerlichen Anmaßung, das ihm Zustoßende durch Mathematik zu verstehen, wandten wir uns beschämt ab. Verstehen, alle Menschen wollen immer nur verstehen! Anstatt demütig hinzunehmen, verzweifelte er und wusste selbst nicht, woran. Anstatt in seinem Leben etwas anzugreifen, anstatt sich seinem Sohn zu öffnen, sich bei seiner ehemaligen Frau für seine Betrügereien zu entschuldigen, anstatt zu versuchen, den anderen nicht mehr derart abwesend entgegenzutreten – seine kalte Neutralität spiegelt sich ja in dem Schreibstil von Martha Baer wider, denn anders kann man sich einer solchen Person überhaupt nicht deskriptiv nähern – flüchtete er sich in eine Welt der Wahrscheinlichkeiten, an der er sich abmühte, in der er sich endlich einmal wieder als bedeutsames Zentrum des Geschehens wahrzunehmen vermochte. Sich an sich selbst abarbeitend, ohne sich dieser narzisstischen Störung überhaupt bewusst zu sein.
Die lächerlichen Gespensterstimmen, diese rachsüchtigen kleinen Parzen, die er in seinem Kopf zueinander sprechen ließ, erregten in uns beinahe Zorn, wären wir für derartige menschliche Regungen empfänglich. Was uns kurz stutzig machte, war der Weltraumschrott, der ihn erschlug. In der Tat war das sehr unwahrscheinlich – aber vollkommen möglich. Seine Hybris reichte so weit, hierin eine Geisterhand zu vermuten, einen geplanten Schicksals-Schlag, eine Bestrafung. Dabei ist Weltraumschrott ja gerade der Inbegriff von Menschengemachtem, von der Absurdität, die menschlichen Machenschaften zugrunde liegt. Was hat das mit uns zu tun? Je mehr Beweise für unsere Nicht-Existenz sprechen, je klarer es wird, dass wir nicht in menschliche Belange eingreifen – und Weltraumschrott ist hierfür ja wohl der beste Beweis – desto zuverlässiger werden wir des Geschehens schuldig gesprochen. Paradoxerweise fürchtet man uns gerade dann am meisten, wenn man am sichersten davon überzeugt ist, dass es uns nicht geben kann.
Die vorliegende Geschichte ist so geschildert, wie sie sich in seinem verwirrten Kopf zusammen spann, so, wie sie durch sein wüstenleeres Bewusstsein fegte. Martha Baer hätte auch über jene Frau schreiben können, die „gespenstische“ Erinnerungslücken in sich wahrnimmt und sie mit halb fantastischen, halb wahren Konstruktionen zu füllen sucht. Oder über jene Personen, die von ihren Erinnerungen wie von „Gespenstern“ heimgesucht werden. Das Thema „Gespenster“ erlaubt ja eine umfassende Beleuchtung menschlicher Irrnisse.
Allein – wir wären Ihnen recht verbunden, wenn sie uns dabei aus dem Spiel ließen. Eine derartige Verwirrung der Tatbestände tut unserem Ansehen einfach nicht gut. Und Sie sehen ja exemplarisch, wohin das führen kann.
Martha Baer wurde 2002 in München geboren und studierte dort Kunstgeschichte (MA) und Philosophie. Sie interessiert sich für Synergieeffekte zwischen ihrem aktuellen Masterstudium der Theoretischen Philosophie an der LMU, ihrem Studium der Freien Kunst (Bildhauerei) an der AdBK München sowie ihrem seit jeher ausgeprägten Interesse für Literatur und Schrift. Diesbezügliche Ansätze verfolgt sie gerne im Austausch mit anderen Schreibenden, etwa 2024 im Rahmen der Bayerischen Akademie des Schreibens oder bei dem 2025 von ihr geleiteten Creative Writing Workshop „Literarische Formen“ auf der Kulturakademie der Studienstiftung des deutschen Volkes.
