Bild: Ulrich Wagner
Von Natalia Götz
Holger Sabinsky-Wolf ist nicht nur Ressortleiter der Abteilung Bayern und Welt, sondern leitet zugleich auch das Investigativteam der Augsburger Allgemeinen. Für die Recherchen erhielten er und seinen Team Auszeichnungen wie den Wächterpreis der deutschen Tagespresse oder den Deutschen Lokaljournalistenpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung. Der Journalist half, die CSU-Maskenaffäre aufzudecken, recherchierte zum Folterskandal in der JVA Augsburg-Gablingen und jüngst über Verbindungen der AfD zu rechtsextremistischen Vereinigungen.
Natalia Götz hat sich mit Holger Sabinsky-Wolf getroffen und nachgefragt: Was reizt ihn am Journalismus und was braucht es, um investigativen Journalismus zu betreiben?
NG: Fangen wir von vorne an: Wie hat sich Ihre berufliche Laufbahn gestaltet und wie sind Sie letztendlich bei der Augsburger Allgemeinen als Ressortleiter gelandet?
HSW: Gerne, auch wenn das jetzt für Studierende nicht gerade wie ein Ruhmesblatt aussehen mag. Ehrlicherweise war ich ein sehr schlechter Student an der Universität Augsburg. Ich war ganz wenig da und hatte ganz viele andere Interessen: Habe das Leben genossen, bin viel gereist und in einer Band habe ich auch gespielt. Nach dem Zivildienst hatte ich mir gedacht, dass ich mal ein Studium aufnehme und schaue, wohin sich das entwickelt. Ich wollte etwas Schönes, Geisteswissenschaftliches studieren. Literatur- und Sprachwissenschaften haben mich interessiert.
NG: Sie haben Germanistik im Hauptfach studiert.
HSW: Ja, und dazu Politikwissenschaften im Nebenfach, ganz klassisch in Richtung Magister. Das plätscherte alles so vor sich hin und irgendwann überlegt man doch mal, wo das alles enden soll. Irgendwann braucht man eine berufliche Perspektive. Und weil ich tatsächlich gar keinen Plan hatte, habe ich neben dem Magister- das Lehramtsstudium aufgenommen. Ich dachte mir, dass das ein sehr ehrenwerter Beruf ist, denn man vermittelt jungen Leuten Wissen und Werte. Dann habe ich jedoch Praktika gemacht und gemerkt, dass das doch nicht das Richtige für mich ist. Parallel kam die erste Idee auf, dass ich in Richtung Medien gehen möchte.
NG: Wo haben Sie dann angefangen, diese Idee zu verfolgen?
HSW: Ein Freund hat mir begeistert von einer Hospitanz bei einer Lokalredaktion der Augsburger Allgemeinen in Günzburg erzählt. Da das zufällig mein Heimatort war, habe ich mir gedacht: Das probierst Du auch mal. Dort habe ich damals ein großartiges Team vorgefunden mit einem Redaktionsleiter, Alfred Schmidt, der mich vom ersten Tag an unter seine Fittiche genommen hat und früh erkannt hat, dass mir die Arbeit Spaß macht und auch gewissermaßen liegt. Schließlich bin ich zum Studium zurückgekehrt und genau jener Mann hat mich eines Tages angerufen und gesagt, er hätte die Möglichkeit, mir einen Pauschalvertrag für acht Monate als festen Redaktionsangestellten anzubieten.
NG: Und diese Chance konnten Sie sich nicht entgehen lassen…
HSW: Ja, dann bin ich gesprungen. Mir hat das zuvor schon sehr viel Spaß in dieser Hospitanz gemacht. Dann bin ich hier tatsächlich in diesem Haus gelandet, bei der Augsburger Allgemeinen, und habe im Anschluss an diesen Anstellungsvertrag das Volontariat gemacht, also die Redakteursausbildung. Und nun bin ich immer noch dort.
NG: Sie haben erzählt, dass Sie bei einer Lokalredaktion gearbeitet haben und dann nach Augsburg in die Zentralredaktion gekommen sind, die schließlich um einiges größer ist und in dem auch der Mantelteil der Augsburger Allgemeinen entsteht. Worin liegt der größte Unterschied?
HSW: Grundsätzlich finde ich es gut, wenn Leute im Lokalen anfangen – und das darf ich auch deswegen sagen, weil ich das selbst in Günzburg und Augsburg gemacht habe. Dort lernt man sehr viele Grundlagen und das Handwerk. Also sehr viel, das man ein ganzes Berufsleben lang braucht. Wie gehe ich auf die Leute zu? Welche Fragen muss ich mir selbst stellen? Was möchte ich eigentlich alles wissen? Der Job ist so viel mehr, als nur zu einem Termin zu gehen und dann aufzuschreiben, was dort passiert ist. Wenn das Thema stimmt, dann packt das einen und dann fängt man schon sehr viel früher an, sich damit zu befassen. Im besten Fall recherchiert man auch bereits vorher, wenn man sich mit etwas überhaupt nicht auskennt, denn man muss sich auf einen gewissen Stand bringen, damit man auch mitreden und den Leuten ein paar schlaue Fragen stellen kann. Dieses Grundgerüst, das bleibt gleich, ob nun in der Lokalredaktion in Dillingen, Wertingen, Augsburg oder ob man hier im Mantelteil oder beim Spiegel arbeitet. Du brauchst Neugier, Offenheit und die Bereitschaft, dich immer auf Themen und Menschen einzulassen.
NG: Verstehe, dann gibt es gar keine großen Unterschiede?
HSW: Es unterscheidet sich nur graduell dadurch, dass man eben beachten muss, dass die Themen, über die man hier im Mantel berichtet, meist eine andere Flughöhe haben. Im Lokalen geht es dezidiert darum, nah an dem zu sein, was dort passiert. Das ist das, was die Leser und Leserinnen wissen wollen: Was tut sich im Handel? Was tut sich in der Stadtentwicklung? Was tut sich im Baugebiet neben mir? Und ich glaube, da hat eine Lokalzeitung konkret vor Ort eine wichtige Aufgabe. Im besten Fall nimmt man immer die Perspektive der Leute ein, die zu uns kommen und nach Informationen und Einschätzungen suchen. Und das ist bei uns hier nicht anders. Meist interessiert ein Thema, eine Geschichte nicht nur die Leute in Augsburg oder Schwaben, sondern vielleicht in ganz Bayern oder Deutschland. Inzwischen liefern wir sehr viele unserer Mantelinhalte auch an andere Zeitungen, einmal halb durch den Freistaat. Dadurch hat sich auch die Arbeit verändert.
NG: Wenn wir schon beim Bayernressort sind: Sie sind dort der Ressortleiter und gleichzeitig auch Leiter des Investigativteams. Ich kann mir vorstellen, dass Sie einen vollen Terminkalender haben. Wie bringen Sie das unter einen Hut?
HSW: Gar nicht (lacht). Unter einen Hut ist da fast nichts zu bringen, höchstens unter mehrere. Es kommen ja noch weitere Rollen hinzu, zum Beispiel als Chef der Titelseite, was ein kleines Team im wöchentlichen Wechsel macht. Das Gute bei Bayern und dem Investigativen ist, dass es Schnittmengen gibt. Das Investigative, das wir hier betreiben, spielt sich in erster Linie auch bei uns hier in der Region oder in Bayern ab. Insofern ergibt es inhaltlich schon Sinn, aber im Alltag ist das natürlich eine große Herausforderung, diese zwei unterschiedlichen Rollen zu vereinen. Auf der einen Seite bist du normaler Journalist, recherchierst und versuchst zu schreiben und auch mit dem Investigativteam zusammen Sachen zu recherchieren. Auf der anderen Seite ist dann noch ein eigenes Ressort, wo Deine Rolle Dir viele andere Dinge abverlangt.
NG: Liegt diese Verantwortung allein auf Ihnen?
HSW: Die Ressortleiterstelle teile ich mir mit einem Kollegen und das heißt auch, dass wir uns immer wochenweise abwechseln im Themenmanagement. Zu unserem Ressort gehört auch die Die Dritte Seite mit den langen Reportagen und das Panorama, genau wie die Medizinseite. Das will auch alles befüllt sein. Das geht teilweise wirklich nur mit enormem Engagement des gesamten Teams und darüber hinaus. Auch nach Feierabend, wenn man sich eigentlich hinsetzen, lesen und entspannen möchte, muss man sich häufig motivieren und sagen: Das geht jetzt leider nicht.
NG: Ein Feierabend ist dann bei Ihnen wirklich nicht in Sicht.
HSW: Dieser Beruf birgt das hohe Risiko einer 24/7‑Befassung. Es passiert ja immer irgendwas auf der Welt und man muss schon aufpassen, dass man das nicht alles zu seinem Business macht. Das ist dann besonders problematisch, wenn du eine Familie und Kinder hast. Eine Nacht mit mehr als sechs Stunden Schlaf ist bei mir extrem selten. Das geht irgendwann an die Substanz. Aber ich will nicht jammern.
NG: Was genau macht Ihnen denn dann solchen Spaß an ihrem Beruf als Journalist und am Journalismus selbst?
HSW: Ich war von Kindheit weg schon sehr breit interessiert. Ich mag es mit Sprache umzugehen und dass du in diesem Beruf Zugang zu Leuten und Themen hast, den du sonst nie in deinem Leben bekommen wirst. Man kann sein eigenes Spektrum und den Horizont erweitern. Es ist auch eine gehörige Portion Spannung dabei, wenn wir jetzt zum Thema Investigatives kommen. Da ist schon ein gewisser Thrill mit dabei. Ganz klar, das liebe ich. Ich mag es auch einzutauchen, zu wühlen und die wirklichen Gründe zu erfahren. Ich mag außerdem das Feedback von Leserinnen und Lesern. Wenn man da erstmal in einem Thema drin ist, dann merkt man auch, wie man ganz viele Informationen zugetragen bekommt, und dann ist man in so einem Kreislauf drinnen. Und wenn die eigenen Recherchen dann auch noch einen Impact haben, also dazu beitragen, dass sich etwas verändert, verbessert – dann erfüllt einen das schon mit Freude und Stolz. Das sind die Hauptpunkte. Das klingt jetzt ein wenig pathetisch, aber ich sage es ganz ohne Pathos: Für mich kann ich mir keinen besseren Beruf auf der Welt vorstellen.
NG: Kommen wir dann auf das Thema des investigativen Journalismus. Wie kommt der erste Funke der Idee, bei dem man sich im Anschluss denkt ‚Dieses Thema nehme ich jetzt und da bohre ich genauer nach‘?
HSW: Das kann ich gar nicht pauschal beantworten, es gibt ganz verschiedene Wege. Ich kann aber ein paar Beispiele nennen. Nehmen wir die CSU-Maskenaffäre in der Corona-Zeit. Damals platzte die Nachricht herein, dass das Berliner Bundestagsbüro von Georg Nüßlein durchsucht und seine Immunität als Abgeordneter aufgehoben wurde. Da Nüßlein ein regionaler CSU-Abgeordneter war, den hier viele kannten und gesprochen hatten, hat das natürlich erst einmal reingehauen.
NG: Das kann ich mir gut vorstellen!
HSW: Als Regionalzeitung bist du da natürlich von null auf hundert. Wir haben sofort die Kollegen aus unserem Berliner Büro rausgeschickt um herauszufinden, was vor Ort geschieht und was dahinter stecken könnte. Im ersten Moment war völlig unklar, worum es überhaupt geht. Vonseiten der Justiz bekommst du erstmal nur ganz dünne offizielle Informationen, weil das brisante laufende Ermittlungen sind. Unser Politikchef Michael Stifter und ich haben dann in den Tagen und Wochen danach mit anderen Kolleginnen und Kollegen intensiv recherchiert. Es galt, alle erdenklichen Quellen in Justiz, Politik und anderswo anzuzapfen. Dabei hilft es, wenn man sich in diesen Netzwerken und in den dunklen Ecken des Politikbetriebes auskennt.
NG: Wie ist dann das weitere Vorgehen, wenn man Informationen aus dem Netzwerk bekommen hat?
HSW: Dann arbeitet man einen strategischen Plan aus. In dem Fall ist es, journalistisch betrachtet, glänzend aufgegangen. Für einige Wochen waren wir ganz vorn mit unserer Berichterstattung und konnten dann eben dieses Netzwerk hinter den Maskengeschäften gut ausleuchten. Das fanden wir spannend und vor allem auch wichtig, weil man inmitten der tödlichsten Pandemie unserer Zeit halt den Verdacht haben musste, dass diese Leute sich unter Ausnutzung ihrer Kenntnisse, möglicherweise auf illegalen Wegen, die Taschen vollgemacht haben.
NG: Eigentlich unvorstellbar.
HSW: Ja, sehr unschön. Ich bin zunächst einmal ein Menschenfreund, aber wenn ich dann sehe, dass Leute wirklich Dinge zum Nachteil anderer gnadenlos ausnutzen, verliere ich auch schnell das Verständnis. Der Bundesgerichtshof hat dann übrigens entschieden, dass die Maskengeschäfte nach früherem Recht nicht strafbar waren. Später wurde dann aber das Gesetz zur Abgeordnetenbestechung verschärft. Auslöser war vor allem dieser Fall.
NG: Macht man sich mit seinen Recherchen nicht auch Feinde?
HSW: Das kann sein, klar. Es gibt gerade in diesem Bereich, wenn man etwas genau wissen möchte und dann auch strafrechtlich relevante Dinge im Raum stehen, natürlich gewaltige Interessenskonflikte. Ich will das alles ans Licht der Öffentlichkeit holen. Die Gegenseite hat ein Interesse daran, dass alles vertuscht wird, gerade dann, wenn es illegal war. Das ist ja auch klar und irgendwie sogar nachvollziehbar. Man spürt, wenn man in die politische Richtung vorstößt, dass die Sache manchmal sehr unversöhnlich werden kann. Natürlich gab es auch Bedrohungen und Drohmails, bis hin zu Morddrohungen, aber das kommt dann eher aus harten kriminellen Milieus.
NG: Trotzdem ist das ja irgendwie beunruhigend…
HSW: Solche Angelegenheiten gehen dann selbstverständlich an Polizei und Justiz. Ich habe auch einige Schutzvorkehrungen getroffen, zum Beispiel die Sperrung der Privatadresse. Um das auf die Maskenaffäre zurückzuführen: Ja klar werden die Betroffenen nicht darüber begeistert gewesen sein, aber das blieb alles in einem vernünftigen Rahmen. Es gibt nicht einen Vernichtungsfeldzug gegen irgendwen, den Vorwurf hört man auch ab und zu. Insgesamt aber herrscht meist ein sehr professionelles Verhältnis. Ich mache meine Arbeit ja nicht, um meine Neugierde zu befriedigen oder um einfach schmutzige Wäsche zu waschen. Das sehen die meisten ein.
NG: Ich kann mir vorstellen, dass es sicherlich auch einige Regelungen gibt, die Sie bei einer solchen Berichterstattung berücksichtigen müssen.
HSW: Es gibt glasklare Grundlagen für unsere Arbeit. Was ist von öffentlichem Interesse und was ist durch das Presserecht gedeckt? In welchen Fällen müssen Behörden Auskunft geben und so weiter… Ich schreibe das, was passiert ist und was ich rausgefunden habe – und zwar ohne Ansehen der Person. Und ich bin sehr dankbar, dass die Chefredaktion und die Herausgeberin der Augsburger Allgemeinen diese Art von Journalismus unterstützt.
NG: Ein sehr aktuelles Thema ist der Folterskandal in der JVA Gablingen, zu dessen Fall Sie und Ihr Team ebenfalls recherchiert haben. Es wurde erst kürzlich gegen die früheren Leiterinnen Anklage erhoben. Wie ist das für Sie vom Gefühl her, einen Fall recherchiert zu haben und an die Öffentlichkeit gebracht zu haben, der nun umfassende Konsequenzen hat?
HSW: Das ist natürlich nicht so, dass man jetzt die Faust ballt. Da geht es nicht um Triumph oder Schadenfreude. Was einen mit Freude erfüllt ist, wenn man Missstände aufdeckt und diese dann beseitigt werden. Wenn die Arbeit etwas Konkretes bewirkt. Und was mich auch freut: Unsere Recherchen – die mittlerweile seit eineinhalb Jahren laufen – stimmen zum allergrößten Teil mit dem überein, was die Staatsanwaltschaft ermittelt hat. Wir haben unsere Informationen mühsam über viele Monate hinweg aus ganz vielen verschiedenen Quellen zusammengetragen. Bei Milieus, die abgeschlossen sind, hat man am Ende immer so einen kleinen Unsicherheitsfaktor, wenn es um das Verifizieren geht. Wir haben in dem Fall mit dutzenden Leuten gesprochen: Informanten, ehemaligen und aktuellen Beschäftigten, ehemaligen Insassen und Ermittlern. Und da waren auch Ex-Häftlinge dabei, wo man logischerweise genau prüft, was die über einer Welt hinter Gittern erzählen, auf die man selbst gar keinen Zugriff hat.
NG: Wie prüfen Sie und ihr Team, dass die Quellen vertrauenswürdig und verifizierbar sind?
HSW: Also man versucht das rechtlich mit eidesstattlichen Versicherungen abzusichern, aber das allein reicht nicht. Man muss auch checken, inwiefern die Schilderungen zusammenpassen, ob sie zeitlich und örtlich stimmig sind und vieles mehr. Eine Anklageerhebung ist dann schon ein Meilenstein. Und wir können mit etwas Stolz sagen: Wir haben gut und sauber gearbeitet.
NG: Gibt es aktuell ein brisantes Thema, an dem Sie und Ihr Team arbeiten? Falls Sie überhaupt etwas dazu sagen dürfen und können.
HSW: Grundsätzlich kann ich sagen, dass wir weiter versuchen in Branchen und Bereiche zu schauen, wo man immer schon den Verdacht haben musste, dass da die Dinge nicht gut laufen. Zum Beispiel bei Abhängigkeitsverhältnissen oder Beschäftigungsverhältnissen. Und auch in Sachen der AfD werden wir weiter genau hingucken – und das hat jetzt gar nichts mit parteipolitisch motivierten Dingen zu tun. Da sind für mich einige Fragen offen: Inwiefern sich diese Partei noch in einem rechtlich vertretbaren Rahmen bewegt. Wie stark sich die Parteimitglieder zum Teil mit beinharten Rechtsextremisten vernetzen. Bei Extremismus in jeglicher Form, da müssen Medien aus meiner Sicht ganz genau hingucken.
NG: Angenommen, ich habe mein Studium abgeschlossen und habe vor, ein Volontariat bei der Augsburger Allgemeinen zu machen, wie würde ich Teil das Investigativteams werden?
HSW: Mein Gefühl ist, dass zwei Sachen bei jungen Kolleginnen und Kollegen am angesagtesten sind: digitale Darstellungsformen – wie Video, Podcast und Social Media – und das Investigative. Da haben viele Lust drauf. Ich habe sogar fast ein wenig den Eindruck, das ist eine kleine Trendwelle geworden. Da bekomme ich fast ein wenig Bauchschmerzen.
NG: Können Sie das genauer erklären?
HSW: Viele Medien haben das Investigative in den vergangenen Jahren hochgejazzt und ich finde, man muss aufpassen, dass das nicht überhöht wird. Vieles davon ist normales journalistisches Handwerk oder sollte es sein. Angenommen, du gehst aus der Lokalredaktion in eine Gemeinderatssitzung und danach kommt ein Kommunalpolitiker vertraulich mit einer brisanten Information daher, beispielsweise: Der Sohn des Bürgermeisters soll in illegale Grundstücksgeschäfte verwickelt sein. Da beginnt der investigative Journalismus. Du musst versuchen mit dieser Information umzugehen und weiter zu graben. Da musst du dich dann fragen: Wie kann ich das verifizieren? Welche Quellen gibt es? Wo könnten dazu schriftliche Dokumente sein? Ist am Ende der Bürgermeister selbst in den Skandal verwickelt? Ist es spannend? Ist es legal? Hat’s ein Geschmäckle? Und ist das am Ende auch berichtenswert? Und am Ende dann presserechtliche Fragen: Darf man berichten, nennt man Namen…?
NG: Diese Informationen beschaffe ich mir durch andere Personen und Quellen.
HSW: Was bei der Arbeit hilft, ist einen guten Umgang mit Leuten zu haben. Menschen müssen einem vertrauen, wenn sie Informationen herausgeben. Dabei ist wichtig zu wissen, dass wir Journalisten nicht einmal vor Gericht unsere Quellen preisgeben müssen. Als junger Journalist kann man aber nicht auf ein Netzwerk zurückgreifen, wie ein Kollege mit zwanzig Jahren Erfahrung, logisch. Aber man muss anfangen, sich ein Netzwerk aufzubauen, in möglichst vielen Bereichen. Du weißt nie, aus welcher Ecke die nächste Story ums Eck kommt. Da ist es hilfreich, wenn du Kontakte in die Kulturszene ebenso hast wie in die Justiz, die Politik oder die Wirtschaft. Auch das gehört klassischerweise zum investigativen Journalismus. Insgesamt ist die Frage aber nicht einfach zu beantworten. Es braucht eine große thematische Offenheit. Man muss bereit sein, sich auf Leute einzulassen. Es hilft auch eine gewisse Menschenkenntnis zu haben, weil Leute auch Unwahrheiten erzählen. Hartnäckigkeit und Mut sind auch förderlich.
NG: Das kann ich mir vorstellen. Muss ich denn bestimmte fachliche – journalistische – Fähigkeiten im Vorhinein mitbringen?
HSW: Es sind weniger spezielle journalistische Fähigkeiten gefragt, weil die nach und nach mit der Erfahrung kommen. Wie man über einen Strafprozess oder eine Stadtratssitzung am spannendsten berichtet, lernt man mit der Zeit. Aber gute Themen, die Userinnen und User, Leserinnen und Leser interessieren, liegen überall auf der Straße. Wir haben da ja technisch mittlerweile ganz viele Möglichkeiten herauszufinden, was die Menschen interessiert. Wenn jemand Lust hat, sollte sie oder er einfach mal für ein Praktikum reinschnuppern und dann muss man mal schauen.
NG: Haben Sie abschließend noch Tipps oder Ratschläge für Studierende, die Lust haben im Journalismus zu arbeiten oder reinzuschnuppern?
HSW: Eine Grundvoraussetzung ist in den allermeisten Fällen eine Art von Studium, aber man muss letztendlich nicht Journalismus oder verwandte Fächer studiert haben. Viel mehr ist eine Voraussetzung, dass man überhaupt Lust auf das journalistische und seriöse Arbeiten hat. Das Schöne heutzutage ist, dass es viele Ausprägungen dessen gibt und man mit ganz verschiedenen Medien arbeiten kann. Heute hast du Social Media, machst Videos oder Podcasts und hast tausend verschiedene Darstellungsmöglichkeiten. Ansonsten muss man eine gewisse Offenheit mitbringen. Es hilft natürlich, wenn man mit Sprache umgehen kann, aber das ist etwas, wo man auch viel dazulernen kann. Grundsätzlich kann ich einfach nur dazu raten, Praktika zu machen. Ich glaube, man muss schon mal in Redaktionen gearbeitet haben, um zu sehen, wie der Ablauf ist und ob das überhaupt etwas für jemanden ist.
NG: Und nach einem Praktikum? Wie sieht die Ausbildung im journalistischen Bereich aus?
HSW: Ganz viele Medienhäuser bieten Volontariate an, die zum Teil wahnsinnig modern und multimedial aufgestellt sind. Das würde ich auch für unser Haus in Anspruch nehmen. Wir haben unsere eigene Journalistenschule, die Günter Holland Journalistenschule, mit einer tollen Leiterin, Lea Thies, die da wahnsinnig engagiert, kreativ und bestens in der Branche vernetzt ist. Ich glaube, unsere Ausbildung gehört zu den besten im deutschsprachigen Raum. Wenn man dann mal Feuer gefangen hat, lässt einen dieser Beruf nicht mehr los. Ein Beruf mit sehr vielen Freiheiten, der sehr viel Spaß macht im besten Fall und mit dem man was bewirken kann. Wer auf sowas Lust hat, soll einfach mal hier vorbeischauen und ausprobieren, ob es ihm taugt.
NG: Herr Sabinsky-Wolf, ich danke Ihnen für dieses interessante Gespräch und wünsche viel Erfolg bei Ihrer Arbeit.
