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von Lina Jaidi
Mit seiner Adaption eines der meistgelesenen Klassiker der Weltliteratur eröffnet Francois Ozon eine zeitgemäße Perspektive auf Camus’ Geniestreich des Absurdismus und schafft es dabei entgegen der vielseits vertretenen Auffassung,der Fremde sei unverfilmbar, der Buchvorlage bemerkenswert treu zu bleiben. Gleichzeitig rückt er aber eine bislang wenig berücksichtigte Bedeutungsebene in den Fokus.
Der Film macht sich zunutze, was er dem Buch als Medium grundsätzlich voraushat: eine objektive Außensicht. Während der Roman durch die radikal subjektive, gleichgültige Perspektive des Ich-Erzählers Meursault geprägt ist, führt die Kamera den Zuschauenden schonungslos auch diejenigen Umstände vor Augen, denen Meursault selbst keine Relevanz beimisst. So eröffnet der Film anstatt mit dem berüchtigten Anfangssatz „Aujourd’hui, maman est morte“ (Heute ist Mama gestorben) mit einem ebenso eindrucksvollen Äquivalent in Bildsprache, das den Grundton der Adaption setzt: Aufnahmen eines Algeriens der 1930er Jahre, geprägt von Kolonialherrschaft, Freiheitskämpfen und politischem Aufruhr. Anschließend folgt eine Vorausblende, die Meursault im Gefängnis inmitten arabischer Häftlinge zeigt. Emotionslos teilt er ihnen mit, er habe einen Araber getötet.
Ozon macht von Beginn an klar, dass seine Interpretation des Fremden untrennbar an dessen schon immer bestehenden historischen Kontext geknüpft ist. Seine Lesart macht die Missstände der Entstehungszeit des Originalwerks sichtbar und will Zuschauende entsprechend sensibilisieren. Bei Ozon erhält Meursaults Mordopfer erstmals einen Namen und ein Begräbnis. Der hinterbliebenen Schwester, Djemila, verleiht er eine Stimme, ihre Trauer erhält ihren eigenen Raum auf der Kinoleinwand.
Neben der Beleuchtung der Rassismus-Problematik unternimmt Ozon außerdem, wenn auch sehr subtil, eine Aufwertung der Frauenrolle. Meursaults Liebhaberin Marie ist im Roman – aus Meursaults Perspektive – ausschließlich Objekt körperlichen Begehrens. Ozons bleibt der Vorlage insofern treu, dass Meursaults Interesse auch in der Verfilmung darüber nicht hinausgeht. Gleichzeitig tritt Marie aber unabhängig von männlichem Interesse als eigenständige Frau auf, wenn sie zum Beispiel im Gerichtssaal das Gespräch mit Djemila sucht. Indem Ozon Meursaults Ich-Perspektive um die neutrale Linse der Filmkamera ergänzt, erleichtert er den Zugang zu einer modernen, post-kolonialen Lesart, ohne dabei das Originalwerk zu hintergehen.
Trotz aller modernen Perspektivenwechsel bleibt Ozon der Vorlage ausgesprochen treu. Nicht nur werden Dialoge teilweise wörtlich aus dem Roman übernommen, auch die zweigeteilte Grundstruktur des Originalwerks, die Mersaults gleichgültiges Alltagsleben den Folgen des Mordes gegenüberstellt, bleibt erhalten. Nicht zu vergessen ist, dass es sich bei Camus’ Der Fremde um eine fiktive Exploration der Philosophie des Absurdismus handelt, die zentral für das Werk ist und die unbedingt erhalten bleiben muss, damit eine Adaption als solche gelten kann. Ozon gelingt dieser Akt. Indem er seine eigene Sichtweise nur anhand minimaler Perspektivenverschiebungen offenbart, geht die Neuinterpretation des Klassikers nicht zulasten seiner Essenz. Camus’ Philosophie ist auch durch Ozons Linse hindurch noch in all ihrer Komplexität klar erkennbar. Catherine Camus, Tochter des großen Autors, die den Nachlass ihres Vaters streng verwaltet, hat Ozons Adaption sogar persönlich ihren Segen erteilt.[1]
Auch in ästhetischer Hinsicht lässt die Neuverfilmung keine Wünsch offen. Die Entscheidung des Regisseurs, den Film in schwarz-weiß zu drehen, wurde zwar, wie Ozon in einem Interview zugibt, nicht zuletzt auch aus Kostengründen getroffen. Diese Farblosigkeit harmoniert jedoch durchaus mit der Gesamtästhetik des Werkes und eignet sich hervorragend dazu, die monotone Grundstimmung der Buchvorlage visuell einzufangen. Nicht zuletzt verdankt der Film seine Glaubhaftigkeit auch der schauspielerischen Leistung seiner Darsteller. Benjamin Voisin, der bereits in Ozons Filmdrama Sommer 85 zu sehen war, verleiht Meursault mit spärlicher Mimik gerade so viel Leben, dass dieser greifbar wird, und doch fremd bleibt. Rebecca Marder flößt dafür Marie eine authentische Lebhaftigkeit ein.
Schließlich erweist Ozons Verfilmung ganz nebenbei auch noch der Band The Cure einen guten Dienst, indem sie sich deren oft missverstandenen Song „Killing an Arab“ zum Soundtrack macht. Der Songtext basiert auf den Geschehnissen in Der Fremde, wurde jedoch von Seiten Unwissender oft als Aufruf zu rechter Gewalt fehlinterpretiert, wodurch es zu problematischen politischen Assoziationen kam. Ozon lässt „Killing an Arab“ im Abspann des Films laufen, wodurch die Referenz des Songs zu Camus‘ Werk den Zuschauenden offenkundig werden dürfte.
[1] Heidemann, Patrick: „François Ozon über DER FREMDE: “Ich liebe die Radikalität.”, 22.12.2025, in: Cineville, unter: https://cineville.de/de-DE/magazin/inderview-der-fremde (zuletzt 29.12.2025).
