Paradiso

Paradiso

Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Thomas Klupp

von Manuel Illi

“Was zum Beispiel eine Generation ist, das ist mir gar nicht klar. In jeder Altersgruppe leben extrem viele Individuen mit extrem unterschiedlichen Lebensentwürfen, da ist es problematisch zu beurteilen, ob ein Protagonist, also mein Protagonist, repräsentativ ist.”

SCHAU INS BLAU: Dein Roman Paradiso ist häufig in den Rezensionen als Heimatroman bezeichnet worden. Ist das in Deinen Augen eine treffende Bezeichnung?

THOMAS KLUPP: Ich hatte zunächst nicht geplant, einen Heimatroman zu schreiben. Für mich stand am Anfang ganz klar die Figur eines Mitläufers im Vordergrund, eines Opportunisten, den man so ins Feld führt, dass er zunächst einen nachvollziehbaren Charakter hat, dem Leser Identifikationspotentiale bietet und der dann langsam zu kippen beginnt. Es ist schon wichtig für dieses Kippmoment, dass auch der Heimatraum, der für den Protagonisten Alex Böhm mit einer ganzen Menge Gespenstern besetzt ist, vorkommt. Aber er hat sich quasi wie von selbst in den Roman eingeschrieben. Ich habe nicht einmal geplant, dass tatsächlich der Großteil des Romans in Alex’ Heimat spielen würde.

SCHAU INS BLAU: In seiner Heimat erwartet ihn eine Menge an Gespenstern. Das ist für den Leser zunächst nicht abzusehen. Man erfährt von seiner Heimat durch das Gespräch mit dem alten Schulaußenseiter Konrad, von dem er an einer Tankstelle mitgenommen wird. Erst im Verlauf der Erzählung erkennt man die Hintergründe zu den einzelnen Beziehungen. Zu Beginn sagt Alex, die Zeit in Weiden sei Vergangenheit, nach und nach zeigt sich aber, dass das völlig falsch ist. Ist also die Heimat, die oberpfälzische Stadt Weiden, tatsächlich ambivalent für den Protagonisten: Einerseits ist sie faszinierend, dort verbrachte er seine Jugendzeit, dort lebt Leni, die immer noch begehrte Exfreundin. Andererseits warten dort Gespenster, die ganz unerwartet auftauchen können.

THOMAS KLUPP: Das finde ich ganz gut beschrieben. Zunächst hat Alex an diesem Tag – der Roman spielt ja bloß an einem Tag – gar nicht die Absicht, nach Weiden zu fahren. Heimat stellt sich ihm bis zu einem gewissen Grad als ein überwundenes Problemfeld dar, das in vielerlei Hinsicht positiv besetzt ist: Da sind witzige, schräge, und prägende Sachen passiert, aber sein Potsdam-Leben an der Filmhochschule, das er sich letztlich erschwindelt hat, dieses Leben ist sozusagen der leuchtende Stern Alex Böhm, als den er sich selbst gerne sehen würde. Zugleich spürt und weiß er aber, dass dieses Bild nicht ganz stimmt, und in diesem Bewusstsein gerät er dann zufällig in die Heimat. Dort öffnen sich dann auch all die Kisten, in denen die erwähnten Gespenster lauern. Es ist auf jeden Fall ein hoch ambivalentes Verhältnis zur Heimat und zur eigenen Vergangenheit. Dass so einem Typen, der extrem situationistisch, extrem gegenwartsbezogen handelt, der, solange er mit gewissen Dingen nicht konfrontiert ist, diesen Dingen auch keine große Beachtung schenkt – dass so einem Typen in geballter Wucht die Abgründe seiner Vergangenheit einholen, ist natürlich eine Triebfeder des Romans.

SCHAU INS BLAU: Erhält Heimat ihre Bedeutung also erst durch eine Verlusterfahrung, durch das Verlassen des Ortes, den man rückblickend als Heimat empfindet beziehungsweise konstruiert? Heimkommen hieße dann nicht nur, alle fallen sich in die Arme, man sieht alte Freunde wieder und feiert zusammen, sondern es gibt auch handfeste Gründe, warum Alex möglichst schnell weiter zum Flughafen nach München, dem eigentlichen Ziel der Reise, will. Zeitweise hat er ja großen Unmut beim Gedanken an die Urlaubsreise mit seiner neuen Freundin.

THOMAS KLUPP: Der allererste Grund, möglichst schnell wieder aus Weiden wegzukommen, ist natürlich ein halbtot geprügelter Freund im Wald – das sozusagen auf der Handlungsebene. Aber tatsächlich ist Böhm ein Typ, der mitnimmt, was gerade so passiert, und sich in einer ständigen Fluchtbewegung nach vorne befindet. Ihm würde es wahrscheinlich auch relativ schnell in dieser Heimat langweilig werden. Diese Wegbewegung ergibt sich für mich deshalb notwendig oder logisch aus dem Charakter heraus. Eins möchte ich aber noch zum Thema Heimat hinzufügen: Einerseits ist für Alex Heimat ein topographischer Raum, also Weiden; darüber hinaus hat Heimat für ihn aber vor allem auch eine zeitliche Komponente. Seine Erinnerungen beziehen sich immer wieder auf den Zeitraum seiner Pubertät plusminus zwei, drei Jahre. Es ist dieser Zeitraum zwischen 14 und 17, der im Wesentlichen herbeizitiert wird. Da entstanden viele der Freundschaften, da ereigneten sich viele der Sachen, die ihn stark geprägt haben. In dem Zusammenhang ist Heimat für mich unabhängig nochmal vom Ort auch stark zeitgebunden. Michel Houellebecq hat einmal gesagt, es gibt eine Zeit im Leben, in der sich die Erfahrungen wie ein Stempel in weiches Wachs prägen und da kommt man nie mehr von weg. Man könnte das als eine Form von mentaler, psychologischer Heimat bezeichnen. Das spielt, glaube ich, eine ganz wesentliche Rolle in meinem und in Böhms Heimatbegriff gleichermaßen.

SCHAU INS BLAU: Könnte man das eventuell weiter denken? Sind der Roman und das Erwachsenwerden des Protagonisten als eine Reise zu verstehen, aber nicht als topographische Reise, eine Reise und Suche nach solch einer mentalen Heimat?

THOMAS KLUPP: Ja, wobei diese Suche nach mentaler Heimat in Paradiso relativ zu verstehen ist. Böhm ist ein außengesteuerter Charakter. Er spiegelt den Leuten immer das vor, von dem er glaubt, dass es bei den Leuten gut ankommt. Er geht für Erfolg oder für dieses System, das ihm ja letzten Endes dann Erfolg bescheren soll, über Leichen – nicht wortwörtlich, aber in die Richtung geht’s. Deswegen frage ich mich, ob so ein Charakter überhaupt eine echte Form von mentaler Heimat im positiven Sinne – und das ist für mich positiv besetzt, wenn man von „mentaler Heimat“ spricht – finden kann; ob er sich das nicht schon selbst längst zerstört hat, durch das wie er ist und wie er handelt.

SCHAU INS BLAU: Könnte man sogar sagen, Alex Böhm ist mehr als „nur“ ein Protagonist in einem Roman, sondern tatsächlich zeigt er Symptome, die man so oder ähnlich bei vielen der Altersgruppe zwischen 20 und 30 beobachten könnte? Die Frage, die sich anschließt, wäre dann, welche Ursache diese Symptome haben?

THOMAS KLUPP: Das ist eine große Frage in mehrerlei Hinsicht. Was zum Beispiel eine Generation ist, das ist mir gar nicht klar. In jeder Altersgruppe leben extrem viele Individuen mit extrem unterschiedlichen Lebensentwürfen, da ist es problematisch zu beurteilen, ob ein Protagonist, also mein Protagonist, repräsentativ ist. Ich glaube aber, wenn man es vielleicht kleiner fasst und die Gesellschaft stärker segmentiert, etwa all die Leute, die ins Künstlerische oder ins Medienbusiness streben, die also ein Leben führen wollen, das ein bisschen spezieller oder glamouröser ist, dann könnte man sagen, dass Alex Böhm gewisse Momente in sich trägt, die repräsentativ für diese Menschen sind. Zum zweiten ist meiner Ansicht nach das Lügen, Blenden und Täuschen grundsätzlich ein Teil der menschlichen Natur in allen Schichten, in allen Klassen, in allen Altersstufen, zu allen Zeiten; sich ein bisschen besser darzustellen, sich vor den Augen anderer zu optimieren, fängt in der Literaturgeschichte bereits mit Odysseus an. Listen und Tricks, um eigene Ziele zu erreichen, scheinen eine anthropologische Grundkomponente zu sein. Und das dritte wären die Lebensentwürfe. Ich glaube schon, dass die möglichen oder vorstellbaren Lebensentwürfe, die für einen Zwanzigjährigen realistisch erscheinen, in dieser Wohlstandsgesellschaft – die so viele Möglichkeiten der Selbstverwirklichung bietet, in der so viele Projektionsflächen von dem bestehen, was man vielleicht sein könnte –, sehr vielfältig sind. Junge Leute stehen vor dem Hintergrund einer sich zunehmend verästelnden Wirklichkeit vor einer großen Herausforderung: sich ein festes Selbstbild, ein gefestigtes Ich und eine gefestigte Zukunftsvorstellung aufzubauen, sehe ich als keine geringe Leistung an. Auf den Punkt gebracht: Die bewusste Entscheidung für einen bestimmten Lebensweg hat sich noch nie so komplex gestaltet wie in unserer Zeit. An Alex zeigt sich dieses Phänomen. Er will immer so lange wie möglich alle Wege offen halten, nie eine letztgültige Entscheidung treffen, die ihn auf etwas festlegen könnte.

SCHAU INS BLAU: Es entsteht der Eindruck, dass Alex Böhm seine mitmenschlichen Beziehungen, die für ihn zwar wichtig sind, immer auch funktionalisiert. Wenn man etwa die Stelle betrachtet, an der er seinen alten Freund Simon telefonisch nicht erreicht und auf dem Anrufbeantworter eine fast schon kitschige Freundschaftsliebesbezeugung hinterlässt, die im Rückblick als blanker Hohn erscheint, da er eben jenen Simon beinahe zu Tode prügelt. Wie erklärt sich diese Differenz zwischen aktivem Leben, also dem Funktionalisieren von menschlichen Beziehungen, und der ersehnten Idealität einer selbstlosen Freundschaft?

THOMAS KLUPP: Ich glaube nicht, dass Alex pathologisch ist, aber die angesprochenen Züge liegen nahe an der Grenze zum Pathologischen. Zwei Bilder von ein und demselben zu erzeugen, die sich komplett widersprechen, ist für mich zugleich auch eine innere Poetik des Romans. Wenn man Paradiso liest, das ist mir erst im Nachhinein aufgefallen, kommen dauernd sich widersprechende Aussagen dieser Figur zum Tragen, die von Minus auf Plus, von Plus auf Minus in ganz radikaler Weise wechseln. Also er liebt in einem Moment genau das, war er im nächsten zerstört und umgekehrt. Genau dieses Oszillieren halte ich ihm aber auch zugute, und deswegen ist er mir trotz seiner teils ungeheuerlichen Taten doch auch sympathisch.

SCHAU INS BLAU: Das führt nun doch wieder zu Fragen nach der Gesellschaft, in der wir leben. Wenn man die Aussage eines Rezensenten betrachtet, Paradiso sei ein Gesellschaftsroman, dann trifft das meines Erachtens nicht den Kern. Das Leben, das Alex Böhm führt, ist in seiner speziellen Art ein fast dekadentes Leben. Für ihn ist Armut, das wird im Gespräch mit dem Fernkraftfahrer deutlich, am Rande seiner Wahrnehmung angesiedelt, nämlich in der Tschechei. Für ihn ist aufgrund seines reichen Elternhauses Geld kein Thema. Er drückt aus Verlegenheit der Kassiererin in dem Erotikshop einfach 50 Euro für eine Rechnung von vier Euro in die Hand. Wenn Paradiso im umfassenden Sinne ein Gesellschaftsroman wäre, wäre der Blick auf die Gesellschaft sehr eingeengt – auf die Perspektive des Protagonisten.

THOMAS KLUPP: Da gehe ich voll mit. Also wenn Gesellschaft im Roman gespiegelt wird, dann nur, das meinte ich vorhin, indem diese Figur stellvertretend für ein Segment der Gesellschaft ist. Dieses Segment kann man als eine Peergroup bezeichnen – die absolute Peergroup wären in diesem Sinn dann Stars, der Filmstar oder der erfolgreich Kunst Schaffende. In genau diese Nische will – wie so viele es wollen – auch Alex hinein… Und das, was viele wollen, erzählt schon etwas über gesellschaftliche Werte, über gewisse Projektionsflächen der Gesellschaft im Heute und Hier. Weil aber lediglich dieses bestimmte gesellschaftliche Segment im Roman genau ausgeleuchtet wird, würde ich auch nicht sagen, dass Paradiso ein Gesellschaftspanorama ist, sondern mehr eine Charakterstudie eines Typen, der sich in einem gewissen Milieu bewegt und der womöglich repräsentativ für dieses Milieu ist.

SCHAU INS BLAU: Die Perspektive, die der Roman eröffnet, lässt dafür sehr tief blicken. Man kann darin auch eine Kritik am Kulturbetrieb oder am kulturellen Leben in Deutschland erkennen. Alex hat keinen Erfolg, erhält aber einen Studienplatz aufgrund eines Kurzfilms, den er einem Bekannten aus Weiden gestohlen hat. Der wiederum endet als Taxifahrer. Könnte man das als Kritik daran lesen, dass im Kulturbetrieb als Ort kritischen Reflektierens nur derjenige seinen Platz findet, der sich wie Alex durchmogelt, der sich anpasst, ob das nun auf einer Filmhochschule oder in einer Akademie ist? Bedeutet das, um in eine Position zu kommen, von der aus man Gehör findet, muss man sich so weit anpassen, dass das kreative und kritische Potenzial sozusagen schon abgewöhnt wurde?

THOMAS KLUPP: Man kann das natürlich so lesen, aber ich selbst bin da etwas vorsichtiger und würde einen Schritt zurückgehen. Was mich wirklich beschäftigt hat in der Anlage des Romans, ist die Frage, warum es in unserer Gesellschaft bestimmte Bilder von Gewinnern gibt und vor allem: Was sich hinter dem schönen Schein dieser Bilder für Abgründe verbergen. In erster Linie werden diese Gewinnerbilder ja durch die Medien transportiert und strahlen von dort auf die Menschen ab. Viele versuchen diesen Bildern zu entsprechen, und Alex Böhm ist einer von ihnen. Das Tragische dabei ist meiner Ansicht nach seine innere Leere. Als Drehbuchschreiber etwa hat er keine Vision von dem, was er eigentlich erzählen, was er eigentlich zeigen möchte. Böhm ist ein Typ, der nur deshalb etwas zeigen möchte, um nach oben zu kommen. Der Inhalt seines Debütfilms beispielsweise ist ihm relativ egal, solange er Anerkennung für ihn bekommt, solange er dafür bewundert wird. Diesen Menschentypus vor dem Hintergrund dieses Gewinner-Commonsense, der in unserer Gesellschaft herrscht, den wollte ich darstellen. Das ist nicht im klassischen Sinne politisch, aber das war mein Ansatz und der wird natürlich irgendwo gesellschaftskritisch.

SCHAU INS BLAU: Da stellt sich die Frage, was einen Menschen wie Alex Böhm so weit bringen könnte, sich seines Handelns mit all den Konsequenzen bewusst zu werden. Denn selbst der am Boden halb verblutende Freund lässt ihn nicht ins Grübeln kommen. Er steigt stattdessen ins Auto und fährt sofort weiter. Gibt es tatsächlich aussichtslose Fälle oder können solche Charaktere „geknackt“ werden? Im Buch erfahren wir es nicht.

THOMAS KLUPP: Eine spannende Frage, die ich mir oft selbst gestellt habe. Ich habe beim Schreiben oft an Patricia Highsmiths Figur des Talented Mr. Ripley gedacht, der mehrfach mordet, um dahin zu kommen, wo er hin will. Die letzten Worte des Romans sind dann im übertragenen Sinn auch „ich habe es geschafft“. Er selber sagt: „Il meglio, il meglio, ich möchte das Beste, das Beste!“. Ich weiß es nicht genau, aber ich glaube, es gibt Figuren, für die jede Hoffnung zu spät kommt. Ripley ist definitiv eine solche Figur, Böhm womöglich auch. Chancen würde ich für ihn sehen, wenn er für all seine begangenen Taten zur Verantwortung gezogen werden würde. Im zehnten Kapitel gibt es eine kurze Szene, in der er den totalen Untergang seiner Existenz skizziert: Leni fährt mit dem Taxifahrer Bergler nach Potsdam. Bergler zeigt die von Alex erschlichenen Filme, der daraufhin aus der Hochschule geworfen wird. Leni klärt Johanna über seinen wahren Charakter auf, diese macht wiederum Schluss und er verliert seine Beziehung. Sein Freund Simon erzählt seinem ganzen Umfeld, was ihm von Alex angetan wurde, worauf er auch noch diese Homebase verliert, und der Vater dreht schließlich den Geldhahn zu, weil er den BMW auf dem Weg zum Flughafen geschrottet hat. Das ist schon bewusst so angelegt, dass der Roman an einem Punkt endet, an dem irgendwie noch alles okay ist, aber gleichzeitig die Möglichkeiten besteht, dass jeder einzelne Halt, während Alex in Portugal seine vielleicht noch letzten schönen Tage verbringt, wegbrechen könnte. Ich weiß nicht, ob so ein Charakter durch die ganz harte Konfrontation mit seinen Taten gedreht oder ob er nicht ein ganz bitterer Typ werden würde. Ein bitterer Typ, der in eine dunkle, menschenfeindliche Computerexistenz abrutscht zum Beispiel. Das sind vielleicht die zwei Möglichkeiten. Ich habe da keine letztgültige Antwort für mich.

SCHAU INS BLAU: Interessant ist dabei, dass er eigentlich die Freiheit oder Möglichkeit hätte, all die Dinge in Angriff zu nehmen, aber gerade diese Freiheit schreckt ihn. Auf der einen Seite ist er ein sehr freiheitsliebender Mensch, auf der anderen Seite beschränkt er sich lieber selber, nur damit seine Gaunereien nicht auffliegen. Wie kommt diese paradoxe Situation zustande, dass der Wunsch und dieser unbedingte Wille nach Freiheit, danach, sich jede Möglichkeit offen zu halten, an die abgrundtiefe Angst gekoppelt ist, die Freiheit, die letztlich in Verantwortung mündet, wahrzunehmen?

THOMAS KLUPP: Finde ich eine gute Frage. Ich muss ganz ehrlich sagen, ich habe keine Antwort darauf. Es gab im Rahmen des Schreibprozesses ein paar Elemente über die ich nicht nachdenken musste, die plötzlich oder auch von vornherein klar waren. Oft, nachdem ich das Geschriebene gelesen habe, habe ich gemerkt: aha, das macht einen Kern aus, ohne es vorher geplant zu haben. Im Unterschied dazu musste ich lange an der Zeitstruktur feilen, auch an der Sprache habe ich lange gearbeitet. Aber die Disposition der Hauptfigur, dieses Mitläufertum, der Opportunismus und eben auch der Situationismus mit einer grundsätzlich gespaltenen Persönlichkeitsstruktur – noch nicht im pathologischen Sinne, sondern so wie eben Menschen insgesamt gespalten sind –, waren Selbstläufer. Es war mir einfach klar, dass Alex so ein Typ ist. Ich habe das nicht langsam Schritt für Schritt entwickelt.

SCHAU INS BLAU: Da Du gerade das Thema Zeitstruktur erwähnt hast: Du hast den Erzählstil deines Romans einmal als „Echtzeiterzählen“ bezeichnet. War der Grund für diese Art des Erzählens, diese Rastlosigkeit auszudrücken zu können, dieses nicht zu einem Ruhepunkt Kommen, um ja nicht reflektieren zu müssen?

THOMAS KLUPP: Was mich grundsätzlich begeistert, ist eine Literatur, die eine große Unmittelbarkeit besitzt. Mich begeistern natürlich viele Bücher, aber insbesondere eben auch Literatur, die Unmittelbarkeit erzeugt, die dem Leser den Eindruck vermittelt, mitten im Geschehen zu sein. Man hat keinen olympischen Überblick, sondern man folgt der Figur, die selbst – das ist ja der Trick dran – ein Ich-Erzähler ist, der in der Jetzt-Zeit erzählt, was in Wirklichkeit ja unmöglich ist. Aber dieser Effekt der Unmittelbarkeit war für mich ein zentrales Moment. Um ihn für so eine Kippgeschichte herzustellen, in der ein ständig Getriebener wie Alex Böhm auf der Flucht nach vorne ist, war das Präsens und eine Annäherung an ein Echtzeiterleben das ideale ästhetische Mittel. Schließlich muss ich meine frühere Aussage revidieren: Eigentlich handelt es sich nicht um Echtzeiterzählen, weil doch auch viel in diesen langen Gedankenschlaufen Böhms passiert, Rückblenden im Grunde. Wenn man sich beispielsweise das zweite Kapitel anschaut: Ich glaube maximal ein Viertel des Textes ist Handlung, diese gute Stunde mit Roland in der Lastwagenkabine, die ist auf drei, vier Seiten aberzählt; die Erinnerungsschlaufen wiederum machen zwei Drittel des Kapitels aus. Es ist schon eine arg fingierte Echtzeit, muss ich zugeben.

SCHAU INS BLAU: Du schreibst gerade an einer Dissertation über die Poetik von Gegenwartsromanen und hast gleichzeitig selber einen Gegenwartsroman veröffentlicht. Empfindest Du eine Kluft zwischen literarischem Schreiben bzw. literarischem Umgang mit Sprache und wissenschaftlich-reflektierendem? Oder ist beides für Dich gar nicht so weit auseinander?

THOMAS KLUPP: Doch, das ist eine Kluft, und ich bin mir nicht klar, wie lange ich – um auf meine eigenen Doppellebenstrukturen zu sprechen zu kommen – das noch machen kann. Es sind definitiv verschiedene Arbeitsweisen. Beides benötigt eine enorme Konzentration, einen enormen Fokus. Meiner Ansicht nach könnte man es neurologisch sogar nachweisen, entsprechende Messinstrumente vorausgesetzt, dass bei der jeweiligen Tätigkeit andere Hirnareale aktiviert werden, die aber auch dauernd eingeübt werden müssen. Deswegen sind für mich wissenschaftliches Arbeiten und literarisches Arbeiten zwei Bereiche, die ich im Moment nur mit einem enormen Spagat verbinden kann, aber wenn ich an die nächsten fünf bis zehn Jahre denke… Wenn ich die Uni richtig mache, mache ich Uni richtig. Wenn ich aber Literarisches richtig mache, dann das. Da spiegelt sich eine Böhm’sche Struktur des Offenhaltens von Möglichkeiten. Ich empfinde es im Moment nicht als versöhnliches Miteinander, sondern durchaus als Gegeneinander. Es ist schlicht und einfach der Faktor Zeit: Ich habe nur 24 Stunden am Tag und davon schlafe ich sieben.

SCHAU INS BLAU: Und jenseits des Faktors Zeit: Man könnte vermuten, dass die Germanistik oder Literaturwissenschaft ein prima Instrumentarium zur Verfügung stellt, um einen perfekten Roman zu schreiben – ich glaube es gibt sogar einen Titel: „Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“. Stimmt diese Vermutung oder hindert eventuell sogar das Wissen der Literaturwissenschaft?

THOMAS KLUPP: Ich würde nicht sagen, dass es hinderlich ist, es ist aber auch nicht wirklich hilfreich, denn mir helfen alle theoretischen Überlegungen nichts, sofern ich nicht für den Stoff brenne, sofern ich nicht den Erzählton finde, um den Stoff zu verarbeiten. Einen Erzählton zu finden, hat für mich damit zu tun, immer wieder um gewisse Momente herum zu schreiben, sich immer wieder an das anzunähern, das einem selbst gar nicht wirklich bewusst ist. Die einzige Rettung wäre wohl eine Zaubermaschine, die meine Tage 48 Stunden lang macht; dann würde ich auf lange Sicht sehr gerne Wissenschaftliches und Literarisches miteinander verbinden wollen.

SCHAU INS BLAU: Thomas, vielen Dank für das Gespräch.

Thomas Klupp ist gebürtiger Erlanger, studierte Theaterwissenschaften und Publizistik an der Freien Universität Berlin sowie Kreatives Schreiben und Kulturwissenschaften an der Universität Hildesheim. Dort ist er derzeit wissenschaftlicher Mitarbeiter und untersucht in seiner Dissertation die Poetiken zeitgenössischer Romane. Von Thomas Klupp erschienen Erzählungen in Literaturzeitschriften und Anthologien. Außerdem war er Herausgeber der Literaturzeitschrift BELLA triste.