Von guten Absichten und diabolischen Spielen

Von guten Absichten und diabolischen Spielen

Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Sten Nadolny

von Vera Podskalsky, Ulri­ke Epp­le, Lisa-Marie Sauer­brey, Leo­nie Seng

In einem Erlan­ger Café, in der früh­som­mer­li­chen Nach­mit­tags­son­ne, erzählt Sten Nadol­ny ver­gnügt von dem Unter­schied zwi­schen Lite­ra­tur und Jour­na­lis­mus; er erzählt, war­um er sei­ne Bücher nur ein­mal schrei­ben kann und dass er sei­ne Tex­te am liebs­ten selbst vor­liest. Schließ­lich ver­rät Nadol­ny auch sei­ne Lieb­lings­be­schäf­ti­gung: den Teu­fel spielen.

SCHAU INS BLAU: Was hat es mit den guten Absich­ten auf sich?

STEN NADOLNY: Die Stu­den­ten­be­we­gung 1968 zeich­ne­te sich ja dadurch aus, dass alles unbe­dingt immer ent­we­der sozi­al rele­vant oder enga­giert oder wich­tig oder sozi­al bewusst sein muss­te – ein Anspruch mit dem man ja noch nicht ein­mal ein Früh­lings­ge­dicht schrei­ben kann. Dadurch sah ich mei­ne Unab­hän­gig­keit in Gefahr.
Ich woll­te lie­ber ein The­men neu ent­de­cken, gera­de­zu erfin­den, von deren Wich­tig­keit noch kein Mensch über­zeugt ist und von deren Wich­tig­keit nie­mand etwas weiß. Und des­we­gen woll­te ich unab­hän­gig sein von die­sem Zwang zur enga­gier­ten Lite­ra­tur im Sin­ne „Du musst gegen das Regime Sound­so sein.“ oder „Du musst immer gegen ein Unrecht anschrei­ben und für eine bes­se­re Welt schrei­ben.“ Das woll­te ich erst ein­mal zurück­wei­sen, um mich dann – gege­be­nen­falls hin­ter mei­nem eige­nen Rücken – doch mit sol­chen The­men zu beschäf­ti­gen.
Das sehe ich heu­te auch nicht wesent­lich anders, aber ich wür­de heu­te man­che apo­dik­ti­schen Sät­ze etwas mildern.

SCHAU INS BLAU: Besteht in dem Ver­lust der Unab­hän­gig­keit auch eine Gefahr der guten Absichten?

STEN NADOLNY: Die Gefahr besteht dar­in, dass man das völ­lig Ein­zig­ar­ti­ge aus dem Auge ver­liert und ein Sche­ma zu erstel­len ver­sucht. Auch die Men­schen wer­den dann sche­ma­tisch betrach­tet: „Alle Leu­te die kein Geld haben, sind gut, alle Leu­te, die reich sind, sind schlecht. Die Arbei­ter sind von Haus aus gut und ehr­lich und naiv, nur weil die Betro­ge­nen ja immer die Ehr­li­chen und Nai­ven sind.“ und so wei­ter. Da gerät man dann gern in eine Pla­kat­ma­le­rei hin­ein. Ich glau­be gar nicht, dass ich in der Gefahr gewe­sen wäre, das zu tun. Aber ich spür­te den eigent­lich unhör­ba­ren Vor­wurf ande­rer: Du beschäf­tigst Dich mit irgend­wel­chen eli­tä­ren oder eso­te­ri­schen Geschich­ten wie der Lang­sam­keit, das den Arbei­ter nicht inter­es­siert. Und ich woll­te mich vor die­ser Gefahr schüt­zen, vor der ich viel­leicht gar nicht so furcht­bar geschützt wer­den muss­te, weil ich natür­lich als Schrift­stel­ler eh das mache, was ich will.

SCHAU INS BLAU: Muss man sich als Autor also auch vor Stig­ma­ti­sie­run­gen schützen?

STEN NADOLNY: Eigent­lich habe ich den Vor­wurf nicht gehört, son­dern die Front, die ich auf­bau­te ergab sich aus dem, was ich gele­sen habe, sowohl an Büchern als auch an Rezen­sio­nen. Da wur­den Leu­te dafür gelobt, dass sie end­lich mal ein rele­van­tes, wich­ti­ges, sozia­les The­ma angrei­fen und dann waren die Bücher aber gar nicht gut. Das heißt, es gibt so eine Art, nicht gute Lite­ra­tur damit zu ent­schul­di­gen, dass sie aber immer­hin hei­ße Eisen anpackt. Aber da sind wir dann ganz schnell irgend­wo, wo ich nicht sein mag. Die­ser Hin­ter­grund ließ mich ein­fach anneh­men, dass da eine Gefahr sein muss. Ich kann das auch aus per­sön­li­chem Erleb­nis sagen, dass Leu­te, die sich selbst als Schrift­stel­ler nicht so rich­tig ernst nah­men, sich dar­auf ver­legt haben, zu den Brenn­punk­ten die­ser Welt zu eilen und durch­aus ver­dienst­voll berich­ten, was sie dort vor­fan­den. Aber das ist Lite­ra­tur nicht allein, man soll­te die­se Lite­ra­tur nicht auf den höchs­ten Rang heben, son­dern Natur­ly­rik gehört auch dazu – die schrei­be ich aber, neben­bei bemerkt, auch nicht.

SCHAU INS BLAU: Heißt das, dass Jour­na­lis­mus und Lite­ra­tur stär­ker getrennt wer­den sollte?

STEN NADOLNY: Ja, dar­auf läuft es sicher auch hin­aus. Die noch so gute Repor­ta­ge kann nicht das erset­zen, was Lite­ra­tur kön­nen muss: Kon­junk­ti­visch arbei­ten, ver­rückt sein, Din­ge zur Regel erhe­ben, die es gar nicht gibt und da alles von den Füßen auf den Kopf zu stel­len – das Durch­ein­an­der­brin­gen, das Dia­bo­li­sche. Das grie­chi­sche Wort dia­bo­los heißt näm­lich: der Durch­ein­an­der­brin­ger. Das Durch­ein­an­der­brin­gen ist eine sehr wich­ti­ge Funk­ti­on der Lite­ra­tur, wenn man über­haupt von „Funk­ti­on“ spre­chen will. Das ist etwas, was die Lite­ra­tur ger­ne macht und was sie auch ger­ne machen dür­fen soll.

SCHAU INS BLAU: Ist das Durch­ein­an­der­brin­gen nicht auch eine gute Absicht, die zu einem Sche­ma führt: Ich muss immer Durcheinanderbringen?

STEN NADOLNY ver­schmitzt: Das ist kei­ne so bekann­te gute Absicht und des­we­gen fällt das nicht unter mein Verbot.

SCHAU INS BLAU: Wie schafft man es als Autor, die­sen Dia­bo­los zu spie­len? Haben Sie Tech­ni­ken, den Dia­bo­los zuzulassen?

STEN NADOLNY: Das ist nicht mein Ziel, son­dern so bin ich. Das ist mei­ne lie­be Art, dass ich „spinn­ti­sie­re“ und mir ver­rück­te Din­ge aus­den­ke. Man­che sagen auch vor der Nie­der­schrift eines Buches: „Wer will das lesen?“ Oder: „So ein Schmarrn!“ Dies sind die ehr­li­chen Ant­wor­ten, die ich drin­gend brau­che, um mit dem Buch anzu­fan­gen, weil ich dann sage: So, jetzt zei­ge ich’s Euch. Das wird kein Schmarrn, son­dern etwas, das amü­siert und gefan­gen nimmt und einen wei­ter­bringt.
Wenn jemand vor­her sagt, das wird nix, das ist unmög­lich, dann lässt mich das beson­ders ener­gisch in mein Unglück ren­nen. Die­ses Buch schrei­be ich dann bestimmt. Das mit dem ins Unglück ren­nen mei­ne ich schon auch ernst, weil man aus Trotz ja nicht schrei­ben soll­te. Wenn es denn nichts wer­den soll­te, dann muss man es recht­zei­tig mer­ken, dass es doch tat­säch­lich nicht funk­tio­niert. Sol­che Din­ge sind mir auch schon unterlaufen.

SCHAU INS BLAU: Wie reagie­ren Sie auf Mei­nun­gen zu Ihren Büchern? Beein­flus­sen Sie Rezen­sio­nen stark?

STEN NADOLNY: Nein. Wenn das Buch geschrie­ben ist, dann steht irgend­ein neu­es an, dann inter­es­siert mich die Rezen­si­on nicht, auch wenn sie sehr zutref­fend oder kri­tisch war.
Ich schrei­be Bücher ja nicht wie geschnit­ten Brot: ein Buch wie das ande­re. Das kann ich nicht, das schaf­fe ich nicht, ich ersterbe dann, das ist mir zu lang­wei­lig. Es gibt ja so Leu­te, die ein Erfolgs­buch geschrie­ben haben und die­ses dann in vie­len Varia­tio­nen wie­der­ho­len. Meis­tens wer­den die­se Leu­te auch ziem­lich reich damit. Wenn ich Die Ent­de­ckung der Lang­sam­keit noch­mal schrei­ben wür­de, selbst wenn ich es ver­su­chen wür­de, es wür­de mir zum Hals heraushängen.

SCHAU INS BLAU: Den­ken Sie beim Schrei­ben schon an den zukünf­ti­gen Leser oder ist das fatal, wenn man das macht?

STEN NADOLNY: Ich den­ke immer wie­der an den Leser. Wenn mir bei­spiels­wei­se jemand über den Weg läuft, der mich fas­zi­niert, dann den­ke ich auch „Wie wird der die­se Geschich­te auf­neh­men?“. Am nächs­ten Tag kann das jemand ganz ande­res sein. Manch­mal lese ich auch eine Rezen­si­on von einem Kri­ti­ker über ein ganz ande­res Buch von einem Kol­le­gen. Dann den­ke ich: „Hm, das ist ja merk­wür­dig, dass der das so ver­reißt. Wie wür­de der wohl das Ding, das ich gera­de auf der Pfan­ne habe, ver­rei­ßen?“. Das sind aber so Gedan­ken­ne­bel, die kurz mal durchs Hirn zie­hen und dann sind sie wie­der weg. Beim Schrei­ben ist das sofort wie­der ver­ges­sen. Das Schrei­ben nährt sich nur davon, was mein Blick mir sagt, was ich mir vor­stel­le, was ich für eine Ziel­vor­stel­lung habe. Die­se ändert sich natür­lich andau­ernd. Aber ich könn­te zumin­dest nicht dar­an den­ken: „Wie wird das wohl mei­ner Mut­ter gefal­len?“. Damit kann ich kei­nen Satz schreiben.

SCHAU INS BLAU: Eini­ge Lite­ra­tur­rat­ge­bern plä­die­ren den­noch stark dafür, den Leser schon bei der Text­pro­duk­ti­on stär­ker im Sinn zu haben, oder zumin­dest eine poten­zi­el­le Zielgruppe.

STEN NADOLNY: Ich per­sön­lich kann aus den Ziel­grup­pen nicht so viel Honig sau­gen und mir wür­de es auch nie ein­fal­len, ganz gezielt für eine Leser­grup­pe zu schrei­ben. Das wäre mir zu lang­wei­lig. Ich wür­de mir immer den­ken: „Soll ich jetzt für eine Ziel­grup­pe, die nur dies und das ver­steht, das Leben, das ich beschrei­be, pass­ge­nau ein­schrän­ken?“ Und soll ich alles ande­re, was es sonst noch gibt, weil das irri­tiert sein könn­ten? Das mache ich nicht. Ich bin im wört­li­chen Sinn ein Show­mensch, also ein „Zei­gemensch“. Ich will Leu­te, die etwas über­haupt nicht ken­nen für etwas gewin­nen, was ich ganz toll fin­de. Am liebs­ten sind mir daher Reak­tio­nen wie: „Mensch, da habe ich noch nie dran gedacht, das ist ja Wahn­sinn!“ Das ist die Reak­ti­on, die ich erle­ben möch­te und nicht: „Ach, wun­der­bar, Sie spre­chen mir aus der See­le, das den­ke ich seit 20 Jah­ren!“ Auf kei­nen Fall.

SCHAU INS BLAU: Reizt Sie die­se Vor­stel­lung, einem Leser nicht eben aus der See­le zu spre­chen, son­dern ihm etwas ein­zu­flüs­tern – so wie Her­mes in Ihrem Buch Ein Gott der Frech­heit?

STEN NADOLNY: Ich den­ke jetzt nicht so rich­tig ange­strengt dar­an, aber es wirkt sich aus, dass ich ein­mal Leh­rer war. Als Leh­rer war ich ein biss­chen ein Schmugg­ler. Ich muss­te irgend­et­was machen, was im Lehr­plan stand, was man prü­fen kann und das tat ich auch. Ab und zu aber woll­te ich auch etwas schmug­geln, was die Schü­ler noch zusätz­lich fas­zi­niert. Das sind vor allem ande­re Wel­ten, die Wel­ten, die sie sel­ber nicht ken­nen. Und die ich viel­leicht noch nicht ein­mal sel­ber ken­ne. Ich habe mich in der Schu­le als Geschichts­leh­rer am wohls­ten gefühlt, wenn ich über das Mit­tel­al­ter berich­tet habe. Denn die gan­ze Welt des Glau­bens von dem ja alles abhängt, die ist ja heut­zu­ta­ge sozu­sa­gen unbe­kannt. Kein Mensch ver­steht heu­te bei­spiels­wei­se wirk­lich den Knie­fall Hein­richs des IV. in Canos­sa, weil das aus einer ganz ande­ren Welt kommt. Das muss man den Leu­ten erklä­ren, sodass sie es ver­ste­hen und ihnen dann aber auch zei­gen, das das eine ande­re Welt war, in der die Men­schen völ­lig anders leb­ten. Da darf dann auch ruhig ein klei­nes Alarm­zei­chen ein­ste­hen in den Schü­lern, Lesern, Zuhö­rern, was auch immer: „Es könn­te sein, dass ich’s nie begrei­fen wer­de, weil es ganz fremd ist.“ Das ist das Schöns­te für mich, was es gibt.

SCHAU INS BLAU: Lesen Sie ihre Tex­te laut?

STEN NADOLNY: Nein, ich lese sie mei­ner Frau vor und ich lese sie auch tat­säch­lich ger­ne ande­ren vor, aber ich lese sie nicht mir sel­ber laut vor, um irgend­et­was damit zu erhär­ten oder her­aus­zu­fin­den. Ich bin völ­lig mit dem stum­men Lesen bedient.

SCHAU INS BLAU: Haben Sie eine Stim­me im Kopf beim Schreiben?

STEN NADOLNY: Nein. Das läuft offen­bar irgend­wie auto­ma­tisch ab. Ich weiß, wie es klingt, wenn ich das schrei­be, dazu muss ich es nicht hören. Ich wun­de­re mich aller­dings oft sehr, wenn es klingt, wenn ande­re Leu­te mei­ne Tex­te laut lesen. Es ist für mich voll­kom­men selbst­ver­ständ­lich, dass es auf eine bestimm­te Art gele­sen wer­den muss. Ab und zu zeigt mir dann jemand ande­res, dass man es auch anders lesen kann. Ich bin meis­tens nicht damit zufrie­den, auch wenn das berühm­te Spre­cher oder Schau­spie­ler machen.
Das Vor­le­sen lebt von den rich­tig gesetz­ten Pau­sen. Sie müs­sen nicht lang sein, aber sie müs­sen da sein, wo sie sein müs­sen und sie müs­sen lang genug sein. Wenn ein Schau­spie­ler etwas liest, möch­te er meis­tens bewei­sen, wie schnell er etwas lesen kann, wie elo­quent er mit der Zun­ge ist. Dabei wird der Schau­spie­ler ganz groß, weil er ja auch ein Sprach­ar­tist ist und der Text wird eigent­lich ziem­lich klein und unwich­tig. Das habe ich schon ein paar Mal gemerkt. Und natür­lich die Dra­ma­ti­sie­re­rei: wenn jemand einen ganz nor­ma­len Satz, den man eher run­ter­le­sen muss als rauf, wenn der den irgend­wie vor­trägt als wäre er Ste­phan Geor­ge und dabei noch ein „r“ rollt, die­ses Bühnen-„r“, dann wird es mir ganz mul­mig, weil ich den­ke: Nein, nein, so habe ich nicht geschrieben.

SCHAU INS BLAU: Glau­ben Sie, dass Lite­ra­tur heu­te anders wahr­ge­nom­men wird oder einen ande­ren Stel­len­wert hat und wenn ja, wie hat sich das Dasein von Lite­ra­tur verändert?

STEN NADOLNY: Man kann nicht mehr so unglaub­lich breit schrei­ben, die Leu­te haben weni­ger Geduld. Das Lesen ist auch nicht mehr so wie vor 100 Jah­ren. Ich mei­ne, ich rede wirk­lich von einer lang ver­gan­ge­nen Ver­gan­gen­heit. Die Leu­te sind nicht mehr so ans Lesen gewöhnt, das spielt kei­ne so zen­tra­le Rol­le in ihrem Leben wie zum Bei­spiel für das Bür­ger­tum um 1900 oder viel­leicht auch noch um 1950. Man muss sozu­sa­gen die Leser, fast wie beim Fern­se­hen, dar­an hin­dern, weg­zu­zap­pen. Sehr brei­te, lan­ge Ein­füh­run­gen in einen Roman, Ein­füh­run­gen des Hel­den zum Bei­spiel, die ich mir immer wie­der leis­te, da stei­gen die Unge­dul­di­gen aus und sagen: „Mein Gott, das geht ja über Sei­ten.“. Natür­lich (lacht), ein paar Sei­ten sind es dann schon. Die Lite­ra­tur ist ja auch eine gewis­se Zumu­tung, kos­tet Anstren­gung und ein Ein­las­sen auf manch­mal recht ver­wi­ckel­te Gedan­ken­gän­ge und Din­ge, die einem nicht sofort ver­kehrs­am­pel­ar­tig klar sind – grün, rot, gelb. Wenn das weni­ger ange­nom­men wird, wenn das ein biss­chen ein Pro­blem gewor­den ist, wenn die Din­ge leich­ter kon­su­mier­bar wer­den oder sein müs­sen, klar ändert sich da etwas. Man muss schau­en, dass man nicht der Ver­su­chung erliegt, dem­entspre­chend zu schrei­ben. Und dann gleich auf der ers­ten Sei­te ein Mord, bloß nicht auf der zwei­ten, weil es sein könn­te, dass die gar nicht erst gele­sen wird.

SCHAU INS BLAU: Glau­ben Sie nicht, dass das auch eine Ver­schie­bung von Medi­en sein könn­te? Also dass durch­aus noch gleich viel gele­sen wird, aber eher in Form von E‑Books oder im Inter­net, oder in Form von Blogs, anstatt eben in einem Papierbuch?

STEN NADOLNY: Es wird furcht­bar viel gele­sen auf dem Bild­schirm, das ist klar. Das Inter­net besteht aus Lesen. Also wenn jemand mir stän­dig erzählt, dass Lesen bil­det und mehr gele­sen wer­den müs­se, dann sage ich immer: „Es wird wahn­sin­nig viel gele­sen.“ Aber was mei­nen Sie genau? Mei­nen Sie Dos­to­jew­ski? Ja, den fin­det man viel­leicht im Inter­net nicht so direkt. Ich habe auch nichts gegen E‑Books. Das E‑Book zwingt uns genau zu dem­sel­ben Ver­hal­ten wie ange­sichts eines Papier­bu­ches und da sehe ich jetzt kei­nen so gro­ßen Unter­schied, man muss sich eben dar­an gewöh­nen. Aber ins­ge­samt wächst durch die­ses schnel­le mit der Maus Hin-und Herkli­cken eine ande­re Art von Gewohn­heit. Man schaut die Goog­le-News durch und dann hat man sozu­sa­gen das Lesen schnell erle­digt, ist infor­miert und gewöhnt sich dar­an. Und dann hat man kei­ne Lust mehr und sagt: „Mein Gott, in zehn Minu­ten schaf­fe ich so viel. Wenn ich vom Bild­schirm wie­der weg­ge­he, dann habe ich alle Zei­tun­gen gele­sen, alles das, was mich inter­es­siert. Was muss ich mir da jetzt ein Buch antun?“ Ich glau­be nicht, dass die Leu­te das neben­ein­an­der­her so lan­ge machen kön­nen, also die­sen Infor­ma­ti­ons­wahn­sinn und dane­ben auch noch den Wahn­sinn, dicke Roma­ne zu lesen. Wozu kommt man denn dann sonst noch? (lacht)

SCHAU INS BLAU: Wer­den Sie manch­mal vom Ver­lag ein­ge­schränkt? Zum Bei­spiel durch einen Satz wie „Die Ein­lei­tung ist jetzt doch zu lang, das liest ja kei­ner mehr in die­ser Art.“ Oder müs­sen Sie irgend­wel­che Vor­ga­ben erfüllen?

STEN NADOLNY: Es kann schon sein, dass der Lek­tor so etwas von sich gibt. Aber dann mache ich ihm den Stein­brück (lacht). Das ist natür­lich eine Fra­ge, wie viel man sich da erlau­ben kann. Ich muss eigent­lich nicht das machen, was ein Lek­tor mir sagt oder was ein Ver­lag mir sagt. Wenn ich ein­mal Nein gesagt habe, dann wird das eben nicht gemacht. Und dann bleibt die Ein­lei­tung so lang, wie sie ist. Das war bei mei­nem jüngs­ten Buch zum Bei­spiel so. Da wur­de mir emp­foh­len: „Viel­leicht könn­te man das etwas weni­ger breit …“ und „Inter­es­sie­ren sich denn alle für das bay­ri­sche Ost­ufer des Chiem­sees?“ Da habe ich gesagt: „Das ist mir ganz wurscht, ob die sich inter­es­sie­ren, das inter­es­siert mich, bas­ta!“ (lacht). Aber das kön­nen jun­ge Autoren nicht. Als ich anfing mit dem ers­ten Buch, Netz­kar­te, da habe ich auch Kür­zungs­vor­schlä­ge befolgt. Ich war mir aber selbst nicht sicher, ob das etwas taugt und wenn der Lek­tor zusätz­lich sagt, es taugt nicht, dann schwankt man schon.

SCHAU INS BLAU: Waren Sie sich denn nach Ihrem ers­ten Buch sicher, dass Sie das wei­ter­ma­chen wol­len oder haben Sie schon früh dar­an gedacht, Autor zu sein? Ich habe näm­lich den Ein­druck, dass man jun­gen Leu­ten heu­te eher ver­sucht zu ver­mit­teln, dass sie doch auch dar­auf ach­ten müs­sen, dass sie finan­zi­ell abge­si­chert sind. Natür­lich kann man das eher mehr oder weni­ger auch mit eige­nen Inter­es­sen ver­bin­den. Aber ich den­ke, alles, was in den Bereich Autor, Jour­na­lis­mus fällt, wäre vie­len Leu­ten womög­lich auch ein­fach zu unsi­cher. Weil man eben nicht weiß, ob man genug Erfolg hat, um sich davon ernäh­ren zu können.

STEN NADOLNY: Es ist sehr unsi­cher. Es ist sehr unsi­cher und wenn man sich nicht sozu­sa­gen mit sui­zi­da­ler Ver­we­gen­heit sich der Sache nähert und total an sei­ne Bega­bung glaubt, dann soll­te man es las­sen. Und ande­rer­seits gibt es einen Zusam­men­hang zwi­schen gro­ßer Bega­bung und dem Drang, das dann auch zu ver­wirk­li­chen. Wer die­se Bega­bung und den dazu­ge­hö­ri­gen Drang hat, wird sich nicht auf­hal­ten las­sen von der Fra­ge, ob in die­sem Beruf die Ren­ten­an­sprü­che beson­ders gut aus­se­hen. Es inter­es­siert ihn über­haupt nicht. Und das ist bei jun­gen Leu­ten spe­zi­ell so. Also wenn ein jun­ger Mensch sagt (ver­stellt die Stim­me): „Nein, Schrift­stel­ler möch­te ich lie­ber nicht wer­den. Ich schrei­be zwar gern, aber da weiß ich doch nicht, wie ich die nächs­te Mie­te am Ende des Monats bezah­le.“ Dann soll er das um Got­tes Wil­len las­sen, dann wür­de ich sagen: „Du hast sowie­so kei­ne Chan­ce, wenn du so anfängst.“ (lacht). Das ist eine Lei­den­schafts­ge­schich­te, ein Beruf ist das eh nicht. Das ist eine Beru­fung, also die berühm­te alte Unter­schei­dung. (Pau­se) Hat etwas mit Feu­er zu tun.

SCHAU INS BLAU: Ich suche gera­de Ori­en­tie­rung in dem nicht mehr vor­han­de­nen roten Faden.

STEN NADOLNY: Haben Sie wirk­lich gedacht, dass Sie einen roten Faden ein­hal­ten kön­nen? Ein Faden ist ja etwas, wo das nächs­te an das vori­ge genau anschließt und qua­si eine Stol­len­grä­be­rei, ein Tun­nel­bau statt­fin­det, das ist nicht mög­lich im Gespräch, glau­be ich.

SCHAU INS BLAU: Dann also etwas ganz ande­res: Unse­re Genera­ti­on wird ja als Genera­ti­on Y bezeich­net, deren Merk­mal es unter ande­rem ist, stän­dig in Bewe­gung zu sein, die Orte zu wech­seln. Einer­seits wird das als Kenn­zei­chen von Fle­xi­bi­li­tät gese­hen, also posi­tiv, ande­rer­seits aber auch als Zwang, da man viel­leicht nicht selbst­be­stimmt ist und sich heut­zu­ta­ge den wirt­schaft­li­chen Bedin­gun­gen unter­ord­nen muss. Ihren Figu­ren rei­sen ja auch sehr viel und ver­än­dern sich und tun unter­schied­li­che Din­ge. Haben Sie da auch an unse­re Genera­ti­on gedacht? Und sehen sie die Ver­än­de­run­gen als posi­tiv, oder ist das eine Art von Fremdbestimmung?

STEN NADOLNY: Also ers­tens wür­de ich sagen, es ist posi­tiv. Ich kom­me aus Genera­tio­nen, die sich schwer taten, mit Ver­än­de­run­gen bei sich selbst und dem sich Auf-etwas-ein­stel­len. Da war die Prin­zi­pi­en­treue und das Bei-der-Stan­ge-blei­ben und auch die Ver­läss­lich­keit spiel­te eine gro­ße Rol­le. Tut sie ja auch, ist ja alles wahr, ist ja alles gut, brau­chen wir auch. Aber ohne jetzt an die jun­gen Leu­te spe­zi­ell zu den­ken, war es für mich immer ein Desi­de­rat (habe ich von mei­nem Vater übri­gens, der hat mir das näher gebracht und das saß dann auch), dass man sich selbst nicht unbe­dingt kennt. Dass man sich manch­mal zur eige­nen Über­ra­schung ent­puppt. Wenn man dar­auf ach­tet, erlebt man das immer wie­der, dass Leu­te, die vor­he­ri­ge Woche noch depres­siv waren und nicht wuss­ten, was sie im Leben sol­len, in der nächs­ten Woche Feu­er und Flam­me sind – auch ohne, manisch depres­siv zu sein. Sie wol­len bei­spiels­wei­se Ärz­tin wer­den oder so etwas und wer­den es dann auch. Ich habe rund um mich her­um immer wie­der die­ses Phä­no­men erlebt, dass jemand sich ent­puppt und es selbst nicht wuss­te, dass das in ihm steckt. Wir wis­sen auch gar nicht, zu wel­chen guten Sachen wir fähig sind. Das ist ja etwas, das zum Bei­spiel bei Kata­stro­phen wie der Flut plötz­lich eine rie­si­ge Rol­le spielt. Plötz­lich mer­ken Leu­te, sie kön­nen hilf­reich sein, sie kön­nen arbei­ten bis zum Umfal­len, sie sind belast­bar. Das spielt übri­gens auch in der Puber­tät eine sehr star­ke Rol­le, wo man sich noch gar nicht kennt. Und dann merkt man plötz­lich: „Wow, das kann ich.“ Das sind erleuch­ten­de Erleb­nis­se. Und des­halb, wahr­schein­lich aus einer ewi­gen Puber­tät her­aus, ist mir das eine wich­ti­ge Sache, dass die Leu­te nicht glau­ben, sie wüss­ten schon, wie sie sind. Und vor allen Din­gen auch nicht, dass sie es bei ande­ren schon immer glau­ben zu wis­sen. Also The­ma Vor­ur­teil, The­ma Wahr­neh­mung. Es gibt ja so einen Tür­ste­her­blick, der von den Schu­hen und vom Gebiss her sofort weiß, wie viel Geld jemand in der Tasche hat und ob man den her­ein­las­sen kann oder nicht. Die­se Art von Schem­a­blick, das muss man immer wie­der auf­bre­chen, sonst wird man ein Tür­ste­her (lacht).

SCHAU INS BLAU: In der Genera­ti­on Y ist es ja der Fall, dass das alles von außen kommt. Fehlt einem da nicht viel­leicht auch der Mit­tel­punkt, der Ruhe­punkt, der es einem mög­lich machen kann, sich selbst so gelas­sen zu sehen? Ich habe ganz oft den Ein­druck, dass sich genau sol­che Men­schen, die oft umher­zie­hen oder sich neu anpas­sen müs­sen, auch unter Druck gesetzt füh­len und dadurch eben genau so eine Gelas­sen­heit, mit der man sich dann selbst wahr­neh­men kön­nen soll­te, fehlt.

STEN NADOLNY: Ja, also die­se Gelas­sen­heit ist furcht­bar wich­tig. Sie müs­sen inne­hal­ten kön­nen. Sie müs­sen sich irgend­wie den Raum, die Zeit klau­en, zu sich sel­ber zu fin­den. Und das ist jetzt kei­ne beson­ders auf­re­gen­de Sache. Sie müs­sen ein­fach mal nichts den­ken. Dösen, her­um­hän­gen, auf den Bus war­ten. Wenn man dar­auf wirk­lich sein Augen­merk rich­tet, dann lernt man das all­mäh­lich – auch in einem anstren­gen­den Beruf, der einen her­um­beu­telt. Zum Bei­spiel indem man aufs Klo geht und dort zu lan­ge Zeit ver­bringt. Ich mei­ne, irgend­wie schafft man es, ein­mal das Gesicht hän­gen zu las­sen und sei­nen Gedan­ken nach­zu­hän­gen. Ich kann das sehr gut, konn­te das schon als Kind und immer: Ein­fach nichts tun und es unheim­lich span­nend fin­den, was für Gedan­ken mir kom­men, was ich sehe. Des­we­gen sit­ze ich auch so ger­ne im Zug, nichts pas­siert außer, dass ich von A nach B fah­re. Aber ich schaue aus dem Fens­ter und bin begeis­tert, was da immer wie­der mei­ne Netz­haut erreicht und was das wie­der im Gehirn aus­löst und wor­an ich mich erin­ne­re – also wie so ein alter Hund, der sein Leben an sich vor­über­zie­hen lässt, ich genie­ße das. Das kann man aber auch schon, ohne ein alter Hund zu sein, ein biss­chen üben. Und dann hat man eine bestimm­te Ruhe weg, weil man auch weiß, ich klaue mir dem­nächst wie­der fünf Minu­ten. Man reagiert dann nicht mehr so panisch, wenn einem die ande­ren oder auf die Hacken tre­ten. Und man ist nicht wie gehetzt stän­dig hin­ter irgend­ei­nem Nut­zen her, mit dem man die Zeit fül­len muss, gemäß die­ses Kar­rie­re-Impe­ra­tivs: „Ich darf mir kei­ne freie Zeit, kei­ne dösi­ge Zeit erlau­ben; ich muss, ich muss, ich muss.“ Das ist eine Fremd­be­stim­mung, weil das einem irgend­wel­che Rat­ge­ber oder die eige­ne Eltern, die ehr­gei­zig sind, ein­bla­sen. Man muss es sich erkämp­fen, das ein biss­chen zur Sei­te schie­ben und dann dar­aus Kraft zu schöp­fen. Das ist eine Erho­lung, die nicht in Urlaub besteht, son­dern jeden Tag minu­ten­wei­se passiert.

SCHAU INS BLAU: Das fin­de ich inter­es­sant. Sie haben jetzt gesagt, man muss es sich erkämp­fen und Sie haben ja auch von „klau­en“ gespro­chen. Ich habe näm­lich auch den Ein­druck, dass gera­de jun­gen Leu­ten sug­ge­riert wird: Man soll­te es eigent­lich nicht dür­fen, man muss mög­lichst leis­tungs­fä­hig, mög­lichst pro­duk­tiv sein. Und jetzt sagen Sie aber gleich­zei­tig, es ist unheim­lich wert­voll, um auch viel­leicht per­sön­lich zur Ruhe zu kom­men oder eben nicht die­ser Het­ze ver­fal­len zu sein. Ich glau­be, dass es zuneh­mend schwe­rer wird, wirk­lich auf sei­nem Recht zu behar­ren, sich die­se Zeit auch zu nehmen.

STEN NADOLNY: Es gibt sol­che Rat­ge­ber, die einem zum Bei­spiel sagen: „Wie wer­de ich reich, erfolg­reich und glück­lich?“ und das bit­te in spä­tes­tens sie­ben Jah­ren. Im Grun­de ist die Bot­schaft (ver­stellt die Stim­me): „Sei fana­tisch, nut­ze dein Leben, jede Sekun­de!“ Das endet meis­tens in Stun­den­plä­nen. Die fan­gen um 8 Uhr an und hören um 22 Uhr auf und da bleibt nichts unge­nutzt und dann wird man ein Kraft­werk. Fehlt bloß irgend­wie die sons­ti­ge Ähn­lich­keit zum Kraft­werk, weil wir Men­schen sind und es funk­tio­niert auch nicht. Viel­leicht wer­den wir sogar reich dabei, aber es funk­tio­niert nicht, es endet doch in einer unse­li­gen Unselbst­stän­dig­keit, weil man sich sel­ber unter eine Knu­te begibt. Es pas­sie­ren so wun­der­ba­re Din­ge beim völ­lig ziel­lo­sen Nach­den­ken. Nur dann, wenn wir das tun, fällt uns auch wirk­lich etwas ein. Das wis­sen alle Erfin­der. Natür­lich sagt der eine so, der ande­re so. Ich erzäh­le Ihnen das und ande­re erzäh­len Ihnen, dass Sie sich zur Maschi­ne machen sol­len und zwei­fel­los: Bei­des hat Ergeb­nis­se. Da die Men­schen ver­schie­den sind, gibt es Leu­te, die ver­tra­gen das her­vor­ra­gend, sich zum Appa­rat zu machen und ande­re, die schei­tern furcht­bar, weil sie viel schnel­ler aus­ge­brannt sind und das nicht mehr machen kön­nen. Und sie mer­ken auch, dass es sie ankotzt und wol­len jemand anders sein. Die­se berühm­ten Möch­ter­gern­aus­stei­ger, die ganz tol­le Invest­ment­ban­ker gewor­den sind mit 33 und jetzt sagen „Uäh“ (lacht).

SCHAU INS BLAU: Sehen Sie die bei­den Begrif­fe Macht und Spra­che in engem Zusammenhang?

STEN NADOLNY: Macht und Spra­che sind ein Begriffs­paar, ich wür­de nicht sagen ein Gegen­satz­paar, denn Sie kön­nen kei­ne Macht aus­üben ohne Spra­che. Sie haben wenig zu sagen, wenn Sie von Macht gar nichts ver­ste­hen oder ver­ste­hen wol­len. Eben­so wie ein Mensch das Ver­hal­ten eines ande­ren Men­schen bestim­men kann. Das gehört sozu­sa­gen zum Leben. Wenn Sie bei­spiels­wei­se jeman­dem etwas ver­kau­fen wol­len und ihn dazu brin­gen wol­len sich für Ihr Ange­bot zu inter­es­sie­ren, dann ver­su­chen Sie ihn zu beein­flus­sen und das tun Sie sehr stark mit Spra­che. Inso­fern hat Spra­che etwas zu tun mit der Macht die wir über ande­re aus­üben kön­nen. Wir haben kaum ein ande­res Mit­tel, außer wir grei­fen zur Gewalt und sagen: „Du tust das jetzt.“ Wenn wir das nicht anwen­den wol­len oder kön­nen, dann müs­sen wir den ande­ren sagen: „Du, es ist für dich viel bes­ser, und für mich auch, wenn du das jetzt so machst.“
Erst wenn man Macht, Poli­tik und Geist gegen­ein­an­der­stellt kommt der Gegen­satz von Macht und Spra­che zum Aus­druck. Es ist sehr beliebt, zu sagen: „Geist hat kei­ne Macht und die Macht ist bru­tal und hört nicht auf den Geist.“ Den­noch sehe ich das nicht not­wen­di­ger­wei­se als einen furcht­ba­ren Gegen­satz, son­dern als einen Zusam­men­hang, indem die einen sich natür­lich mehr auf die Ent­wick­lung von Spra­che kon­zen­trie­ren und die ande­ren den Blick mehr auf die Inter­es­sen rich­ten. Die Diplo­ma­tie zum Bei­spiel ver­ei­nigt bei­des, wenn sie gut ist. Und nicht umsonst umge­ben sich zum Bei­spiel Poli­ti­ker hin und wie­der mit Schrift­stel­lern, ins­be­son­de­re die der SPD (von den ande­ren weiß ich es nicht so) und das sind dann manch­mal ganz lus­ti­ge Begegnungen.

SCHAU INS BLAU: Wie hängt die Poli­tik mit dem Schrift­stel­ler­tum für Sie zusammen?

STEN NADOLNY: Schrift­stel­ler haben ja meis­tens kei­ne Ahnung von Poli­tik, oder jeden­falls nur das was sie so in der Zei­tung an Leit­ar­ti­keln lesen. Und Poli­ti­ker haben meis­tens nicht so viel Ahnung von Lite­ra­tur, aber sie lesen Roma­ne. Dann hat man zunächst ein­mal das Gefühl: Mein Gott die­se bei­den Sei­ten haben sich ja nichts zu sagen – eigent­lich. Was kann ich dem Stein­mei­er sagen zu der Fra­ge, wie er die fürch­ter­li­chen Füh­rungs­schwie­rig­kei­ten in der SPD jetzt irgend­wie wie­der hin­kriegt. Oder, wie er das Dilem­ma mit Euro­pa und den Schul­den und dem Spa­ren und dem Fluch des Spa­rens lösen soll. Da weiß ich nichts. Höchs­tens kann er mir das erklä­ren, aber dann weiß ich immer noch nicht genau, ob ich es wirk­lich ver­stan­den habe. Trotz­dem gibt es bei den Poli­ti­kern eine Sehn­sucht nach Lai­en­tum, nach Nai­vi­tät, nach dum­men Fra­gen und nach dem Erken­nen des Aus­ma­ßes von Unkennt­nis – da sind die Schrift­stel­ler ide­al. Ansons­ten sind Poli­ti­ker ja Exper­ten – meis­tens – die alles zum einem The­ma run­ter­rat­tern kön­nen. Der Trit­tin ist der Schlimms­te: Der legt die Plat­te auf und die läuft und die ist gut!
Die Schrift­stel­ler haben die gute Eigen­schaft, das zu sagen, was Sokra­tes gesagt hat: Ich weiß, dass ich nichts weiß… aus­zu­drü­cken, dass sie mit der Stan­ge im Nebel her­um­fah­ren, und dass sie nicht wirk­lich wis­sen, was man jetzt machen kann, das kön­nen die (außer Gün­ter Grass, der kann das nicht, weil der weiß alles und der weiß alles auch bes­ser). Sie kön­nen auch manch­mal sagen: „Du ich hab kei­ne Ahnung, wie ist denn das genau?“ Und dann ver­su­chen sie sich zu erklä­ren, wie das zusam­men­hän­gen könn­te und dann sagt der Poli­ti­ker: „Ach so… das denkst du. Nein, das nun gar nicht!“ Das ist eine frucht­ba­re Begeg­nung von inter­es­sier­ter Unkennt­nis und Über­kom­pe­tenz, Über­be­herr­schung der Materie.

SCHAU INS BLAU: Sie haben jetzt gesagt: Schrift­stel­ler sind im Nor­mal­fall die Unwis­sen­den. Damit engen Sie den Schrift­stel­ler­be­griff aber stark ein. Es gibt ja aber auch poli­ti­sche Schriftsteller.

STEN NADOLNY: Die sind weit­aus weni­ger ahnungs­los, das gebe ich zu (lacht).

SCHAU INS BLAU: Hängt mit dem Unwis­sen von Schrift­stel­lern auch das Frei­sein von not­wen­di­gen Absich­ten zusam­men? Oder anders gefragt: Ist für Sie Lite­ra­tur not­wen­di­ger­wei­se frei von guten Absich­ten? Das heißt, auch frei von poli­ti­schen Ansprüchen?

STEN NADOLNY: Nein, das wür­de ich auf kei­nen Fall so sagen. Das wäre ja wirk­lich eine Anma­ßung gegen­über guten poli­ti­schen Schrift­stel­lern, das tue ich nicht. Ich glau­be, ich habe mich ein biss­chen ver­gal­lop­piert, als ich die Begeg­nung „Poli­ti­ker – Schrift­stel­ler“ geschil­dert habe. Da habe ich ein biss­chen mich sel­ber geschil­dert und ich weiß, dass das ande­ren Schrift­stel­lern, die mit einem Poli­ti­ker spre­chen, even­tu­ell ganz anders geht.
Die Ahnungs­lo­sig­keit ist ja nur dann etwas wert, wenn man von ihr weiß. Wenn man sich selbst nicht für ahnungs­los hält, obwohl man es ist, dann ist man ein schlech­ter poli­ti­scher Schrift­stel­ler – und die gibt es auch. Wer ande­ren stän­dig Vor­schrif­ten macht und natür­lich vor allen Din­gen ande­re stän­dig kri­ti­siert, dass sie alles falsch machen, wenn man also in Wirk­lich­keit eine Rol­le spielt und nicht unbe­dingt den Din­gen auf den Grund gehen will, tut mir das manch­mal rich­tig leid.

SCHAU INS BLAU: Hat sich der Ein­fluss von Lite­ra­tur auf Poli­tik oder auch auf die Nor­men, die in einer Gesell­schaft vor­ran­gig sind, ver­än­dert? Wenn ja, wie?

STEN NADOLNY: Er ist gerin­ger gewor­den, weil die Lite­ra­tur selbst weni­ger Ein­fluss hat. Das kann man auf jeden Fall sagen. Frü­her hat­te die Lite­ra­tur vie­le Funk­tio­nen, die heu­te ande­re Medi­en über­nom­men haben – Film, Fern­se­hen, Inter­net. Was gleich geblie­ben ist und was immer eine rie­sen­gro­ße Rol­le spielt (die aber ver­kannt wird, weil man sie für selbst­ver­ständ­lich hält): Das per­sön­li­che Gespräch über den Zaun hin­weg. Die­ses ganz gras­wur­zel­ar­ti­ge, gegen­sei­ti­ge Ken­nen­ler­nen und Ken­nen von Men­schen und das Gespräch die­ser Men­schen, da redet nie­mand drü­ber, aber das ist wahn­sin­nig wich­tig. Höchs­tens bei der Dis­kus­si­on über das Phä­no­men Stamm­tisch wird das über­haupt mal erwähnt. Stamm­tisch ist ja, sagt man, etwas „ganz Übles“, „reak­tio­när bis dort hin­aus“ – denks­te, das stimmt über­haupt nicht mehr. Stamm­ti­sche kön­nen etwas sehr Gutes sein. Sicher haben eini­ge Vor­ur­tei­le, aber dort kön­nen auch ganz neue Ideen ein­ge­bracht wer­den – das nur nebenbei.

Lite­ra­tur im 19 Jahr­hun­dert – was haben die gro­ßen Unter­hal­tungs­schrift­stel­ler und auch die gro­ßen poli­ti­schen Schrift­stel­ler bewirkt! Was hat ein Balzac, ohne das er wir­ken woll­te, für eine Kennt­nis der Gesell­schaft ver­mit­telt und er hielt der Gesell­schaft einen Spie­gel vor. Und was hat Dickens bewirkt, der ja nun stark auf den Emo­ti­ons­knopf drück­te und Erschüt­te­run­gen aus­lös­te; „Onkel Toms Hüt­te“, von Har­riet Bee­cher Sto­we, hat einen gan­zen ame­ri­ka­ni­schen Bür­ger­krieg beför­dert. Und so geht es wei­ter mit einer unge­heu­ren, wich­ti­gen, bestim­men­den Rol­le der Lite­ra­tur – nicht immer zum Guten, nicht immer zum Guten. Man soll mir nicht erzäh­len, Bücher machen die Welt bes­ser, denks­te! Ange­fan­gen bei „Mein Kampf“ gibt es eine rie­sen­gro­ße Ket­te an ideo­lo­gi­scher, hass­erfüll­ter, chau­vi­nis­ti­scher Lite­ra­tur. Und die hat auch ziem­li­che Wir­kung gehabt, die hat sehr viel Men­ta­li­tät beför­dert und gestärkt und her­ge­stellt, die zu Krie­gen führ­te. So ist es auch wie­der nicht, dass da nur stän­dig zu trau­ern wäre. Ganz gut, dass die­se Hass­schrift­stel­ler nicht mehr zum Zuge kom­men, gar nicht mehr da sind.

SCHAU INS BLAU: Gibt es sol­che „Hass­schrift­stel­ler“ heu­te gar nicht mehr?

STEN NADOLNY: Nicht mehr so in dem Maße. Nein, wo haben wir denn noch wirk­lich Hetz­li­te­ra­tur? Jeden­falls im Wes­ten kommt die nicht weit! Es gibt kei­ne neo­na­zis­ti­sche Lite­ra­tur, aus gutem Grund, mei­ne ich. Die Öffent­lich­keit wür­de das Zeug nicht anrüh­ren. Das ist schon ein Fort­schritt. Hass­pre­di­ger gibt es viel­leicht noch in irgend­wel­chen Moscheen-Hin­ter­zim­mern im Islam. Die berühm­te Moschee in Ham­burg, wo die Atten­tä­ter von New York zum Imam gegan­gen sind und von die­sem auch tat­säch­lich indok­tri­niert wor­den sind zum Bei­spiel. Aber das sind Phä­no­me­ne, die es in unse­rer Welt nicht mehr gibt – jeden­falls nicht mit Ver­la­gen, die sind alle ein­ge­gan­gen. Es gibt, glau­be ich, noch die Lan­zer-Heft­chen, aber die pre­di­gen auch kei­nen Hass, son­dern die pfle­gen da so eine mili­ta­ris­ti­sche Nost­al­gie. Wer das liest… weiß nicht, ich habe noch kei­nen damit gese­hen (lacht).

SCHAU INS BLAU: Sie sag­ten, Macht und Spra­che ist für Sie kein Gegen­satz, son­dern im Gegen­teil sind es zwei zusam­men­hän­gen­de Begrif­fe. Das eine kann auch ohne das ande­re nicht existieren?

STEN NADOLNY: Doch, doch, das kann es schon. Natür­lich gibt es eine Macht, die völ­lig ohne Spra­che exis­tiert, oder jeden­falls mit einer fürch­ter­li­chen Spra­che. Mit einer Spra­che, die sich selbst ent­larvt, das gibt es schon in Dik­ta­tu­ren. Die Welt der Macht und die Welt der Spra­che sind dann gegen­sätz­lich. Aber in einer Demo­kra­tie sind es zwei Sei­ten, zwei ver­schie­de­ne Anhäng­sel, zwei ver­schie­de­ne Tei­le eines Zusammenhangs.

SCHAU INS BLAU: Spü­ren Sie als Autor, der mit sei­ner Spra­che lebt und von ihr und durch sie, spü­ren Sie eine beson­de­re Art von Ver­ant­wor­tung – in Bezug auf die­se Macht?

STEN NADOLNY: Ja, tue ich, ja! Es ist die Ver­ant­wor­tung, wahr­haf­tig zu sein. Auch wenn man lügt, dass sich die Bal­ken bie­gen, was man ja als Schrift­stel­ler, als Bel­le­trist, tut. Kei­ne fal­schen Gefüh­le zu behaup­ten, kei­ne Mani­pu­la­tio­nen zu bege­hen, das ist die Ver­ant­wor­tung. Sau­ber zu sein, wenn man so will. Das ist nicht nur aus Ver­ant­wor­tungs­ge­fühl not­wen­dig, son­dern weil es einem spei­übel wird, wenn man von die­sem Weg abweicht. Weil man sich sel­ber dann zum Kot­zen fin­det, genau das übri­gens kann man auch Ver­ant­wor­tung nen­nen, ja. Das sind auch zwei Sei­ten einer Medail­le: Wenn Sie Ihrer Ver­ant­wor­tung nicht genü­gen, obwohl Sie sie spü­ren, dass sie es soll­ten, dann wird Ihnen von sich sel­ber übel.

SCHAU INS BLAU: Die­se Ver­ant­wor­tung spü­ren aber nicht nur Autoren.…

STEN NADOLNY: Nein, in die­sem Fall besteht wirk­lich kein so ent­schei­den­der Unter­schied zwi­schen Autoren und sons­ti­gen Men­schen. (lacht)

SCHAU INS BLAU: Wie sehen Sie denn in die­sem Zusam­men­hang die­se Heft­ro­ma­ne – im Bezug auf die Ver­ant­wor­tung? Es gibt ja abge­se­hen von Lite­ra­tur, immer noch Heft­ro­ma­ne, die auf eine ganz bestimm­te Wei­se geschrie­ben sind, bei der A und B eine Lie­bes­be­zie­hung haben und dann kommt C dazwi­schen und dann kommt wie­der D, der C aus­he­belt und letzt­end­lich wer­den A und B glück­lich – für immer. Da wird den Men­schen vor­ge­macht, wie Bezie­hun­gen funk­tio­nie­ren sol­len – und das ja doch in Zei­ten, in denen Bezie­hun­gen immer libe­ra­ler gese­hen wer­den. Hal­ten Sie das für verantwortlich?

STEN NADOLNY: (lacht) Wis­sen Sie, ich kann wirk­lich nicht sagen, dass ich ein Exper­te in die­sen Heft­chen­ro­ma­nen bin. Ich weiß gar nicht ganz genau was da drin steht – ich glau­be die habe ich als Sech­zehn­jäh­ri­ger zuletzt irgend­wie ange­le­sen und dann schon in die Ecke gefeu­ert, weil ich schon damals zu anspruchs­voll war. Die Sim­pli­fi­zie­rung und die Sche­ma­ti­sie­rung haben mich gelang­weilt.
Mein Gott, ich kann mir vor­stel­len, dass jemand so pri­mi­tiv, sagen wir, so kaputt ist, dass er tat­säch­lich so schreibt. Ich kann es mir vor­stel­len – das ist dann tra­gisch. Ich kann mir aber auch vor­stel­len, dass jemand so zynisch ist, dass er so schreibt. Dann wür­de man sagen, sei­ne Ver­ant­wor­tung wäre eine ande­re: Wenn er über­haupt ein Schreib­ge­rät in die Hand neh­men und schrei­ben kann und einen Satz an den Ande­ren fügen, dann soll er nicht lügen, über das was sich zwi­schen Men­schen abspielt. Dann soll er vor allen Din­gen nichts weg­las­sen, nichts beschö­ni­gen und in rosa Tun­ke ein­tau­chen. Ich wür­de sagen, da kann man ihm dann einen Vor­wurf machen. Aber ich glau­be, mit man­chen Men­schen muss man nur Mit­leid haben. Viel­leicht könn­te ich mich bes­ser in die­se Autoren hin­ein­ver­set­zen, wenn ich mehr davon lesen wür­de. Gott im Him­mel, mir wird jetzt schon schlecht (lacht).

SCHAU INS BLAU: Es gibt ja aber auch eine Men­ge so genann­ter lite­ra­ri­scher Bücher, die Bezie­hun­gen sehr ein­fach und viel­leicht falsch darstellen.

STEN NADOLNY: Sim­pli­fi­zie­rung ist für mich schon ein biss­chen etwas kri­mi­nel­les, das man als Autor nicht machen darf. Das pas­siert auch unter dem Ein­fluss guter Absich­ten. Ich habe schon von dem nai­ven, unschul­di­gen, fröh­li­chen Arbei­ter gespro­chen, der dann Opfer wird von bösen, bösen Men­schen – die aber alle reich sind. Was die­se Kitsch­ro­ma­ne ja machen ist, eine Ideo­lo­gie pre­di­gen. Da soll etwas in unse­re Köp­fe gehäm­mert wer­den. Der Hei­mat­ro­man oder der Hei­mat­film macht das­sel­be: Die Unschuld ist schön und ahnungs­los und das Böse tritt her­ein und stif­tet fürch­ter­li­chen Unfrie­den. Und schon die­se Dicho­to­mie zwi­schen dem Bösen und dem Guten da. Die­se gan­zen Wild-West-Fil­me und die Kri­mis kom­men ja gar nicht ohne die­ses Sche­ma aus. Des­we­gen kann ich kei­nen Kri­mi schrei­ben und des­we­gen kann ich die­se „Gut und Böse“-Sachen nicht schrei­ben. Die ver­kau­fen sich zwar noch gut, aber ich glau­be nicht, dass Heft­ro­ma­ne ein so gro­ßes Publi­kum haben… so etwas kann ich nicht, das ist mir zu lang­wei­lig, zu unver­tret­bar, zu… ja wie ste­he ich denn da, wenn ich so etwas schrei­be? Nicht aus­zu­den­ken! (lacht)


Der deut­sche Schrift­stel­ler Sten Nadol­ny wur­de 1942 in Zehd­nick, im Land­kreis Tem­plin gebo­ren. Sei­ne Kind­heit ver­brach­te er am Chiem­see. Die Eltern Burk­hard und Isa­bel­la Nadol­ny sind eben­falls Schrift­stel­ler. Nadol­nys ers­tes Buch Netz­kar­te erschien 1981. Mit dem zwei­te Buch Die Ent­de­ckung der Lang­sam­keit gewann er den Inge­borg-Bach­mann-Preis. Ähn­lich bekannt wur­de sein Buch Ein Gott der Frech­heit (1994). Nadol­ny wur­de unter ande­rem mit dem Jakob-Was­ser­mann-Lite­ra­tur­preis (2004) und dem Buch­preis der Stif­tung Ravens­bur­ger Ver­lag (2012) aus­ge­zeich­net. Im Jahr 2005 war er Main­zer Stadt­schrei­ber. Das letz­te Buch des Autors erschien 2012: Weit­lings Som­mer­fri­sche.