Christoph Ransmayr — Der fliegende Berg (2)

Christoph Ransmayr — Der fliegende Berg (2)

Phur-Ri, der flie­gen­de Berg, so nen­nen die Noma­den­stäm­me von Kham einen 6000er im Transhi­ma­la­ya, an des­sen Fuß sie ihre Zel­te auf­schla­gen und die Yaks wei­den las­sen. Ein Berg der ein­mal ein Stern war, und irgend­wann auch wie­der in den Him­mel zurück­flie­gen wird. Für zwei Brü­der aus Irland ist die­ser Berg zunächst etwas völ­lig ande­res: ein wei­ßer Fleck auf der Land­kar­te, noch nie vor­her bestie­gen, nir­gend­wo ver­zeich­net, nur ein Foto hat Liam, der Geo­lo­ge und Com­pu­ter­freak, in den Wei­ten des Inter­net ent­deckt, ein Foto, das neben einem bekann­ten Berg noch einen wei­te­ren, höher auf­ra­gen­den, unbe­kann­ten Gip­fel zeigt. Die­sen Gip­fel will er ent­de­cken, erobern, so wie er und sein Bru­der in ihrer Kind­heit die iri­schen Hügel erober­ten, als Rekru­ten ihres fana­tisch katho­li­schen, kriegspie­len­den Vaters “Cap­tain Daddy”.

Die im Fol­gen­den prä­sen­tier­te Rezen­si­on ent­stand im Rah­men der von Dr. Evi Zem­anek an der Fried­rich-Alex­an­der-Uni­ver­si­tät Erlan­gen-Nürn­berg ange­bo­te­nen Übung “Rezen­sio­nen schrei­ben”. Zum Zweck einer kon­tras­ti­ven Beleuch­tung der bespro­che­nen Neu­erschei­nun­gen eben­so wie zur Demons­tra­ti­on ver­schie­de­ner kri­ti­scher Betrach­tungs­wei­sen sind je zwei von Stu­den­tIn­nen ver­fass­te Rezen­sio­nen ein­an­der gegenübergestellt.

Eine archaische Geschichte von ungeheurer Sprach- und Naturgewalt

Phur-Ri, der flie­gen­de Berg, so nen­nen die Noma­den­stäm­me von Kham einen 6000er im Transhi­ma­la­ya, an des­sen Fuß sie ihre Zel­te auf­schla­gen und die Yaks wei­den las­sen. Ein Berg der ein­mal ein Stern war, und irgend­wann auch wie­der in den Him­mel zurück­flie­gen wird. Für zwei Brü­der aus Irland ist die­ser Berg zunächst etwas völ­lig ande­res: ein wei­ßer Fleck auf der Land­kar­te, noch nie vor­her bestie­gen, nir­gend­wo ver­zeich­net, nur ein Foto hat Liam, der Geo­lo­ge und Com­pu­ter­freak, in den Wei­ten des Inter­net ent­deckt, ein Foto, das neben einem bekann­ten Berg noch einen wei­te­ren, höher auf­ra­gen­den, unbe­kann­ten Gip­fel zeigt. Die­sen Gip­fel will er ent­de­cken, erobern, so wie er und sein Bru­der in ihrer Kind­heit die iri­schen Hügel erober­ten, als Rekru­ten ihres fana­tisch katho­li­schen, kriegspie­len­den Vaters “Cap­tain Daddy”.

So machen sich die Brü­der auf, von Hor­se Island, einer stür­mi­schen Insel, wohin sich Liam und sein Bru­der zurück­ge­zo­gen hat­ten, in die Gebir­ge Ost­ti­bets. Vom brau­sen­den Meer, das sie bei ihren Klet­ter­tou­ren am fel­si­gen Steil­ufer von Hor­se Island manch­mal fast ver­schlun­gen hät­te, in Höhen, in denen jeder Wet­ter­um­schwung den Tod bedeu­ten kann. Zwei Meer­men­schen in den höchs­ten Ber­gen der Welt.

In die­ser extre­men, unbe­re­chen­ba­ren Natur­ge­walt, die Meer und Gebir­ge gemein­sam ist, auf ihrem Weg in der Ver­ti­ka­len, suchen sie nach etwas — nach der Wahr­heit und der Lie­be. Der Erzäh­ler scheint sie zu fin­den. Er ver­liebt sich in ein Mäd­chen des Noma­den­stam­mes, in des­sen Beglei­tung sie dem Phur-Ri ent­ge­gen zie­hen. Nye­ma. In sei­ner poe­ti­schen Lie­be zu Nye­ma scheint die Wahr­heit zu lie­gen, die sein Vater im Kampf gegen das pro­tes­tan­ti­sche Eng­land ver­geb­lich beschwört hat­te, solan­ge bis ihn sei­ne Frau Sho­na ver­ließ und mit einem Pro­tes­tan­ten flüch­te­te, und die auch Liam erfolg­los such­te in sei­ner Gier, das Unbe­kann­te zu erobern und über Gebir­ge zu herr­schen, wie er es in sei­nen Simu­la­tio­nen vor dem Bild­schirm vermochte.

Doch das Ver­hält­nis der Brü­der scheint unter die­ser Lie­be zu lei­den, oder viel­mehr bemerkt der Erzäh­ler erst in sei­ner Nähe zu sei­nem gelieb­ten Mäd­chen, wie er Nye­ma nennt, die Ent­frem­dung von sei­nem Bru­der. Das ein­zi­ge, wor­über die bei­den noch gemein­sam lachen kön­nen, ist ihre Kind­heit. Liam, der Älte­re, hat­te sei­nen jün­ge­ren Bru­der stets in den Schat­ten gestellt, und auch jetzt fühlt sich der Erzäh­ler noch wie ein läs­ti­ges Anhäng­sel, als habe Liam ihn nur man­gels eines bes­se­ren Beglei­ters gebe­ten mit­zu­kom­men. Für die Lie­be sei­nes Bru­ders hat Liam, der in sei­ner Hei­mat stets sei­ne Homo­se­xua­li­tät ver­ber­gen muss­te, kein Ver­ständ­nis, er nimmt sie nicht ernst, akzep­tiert nicht, dass sein Bru­der gefun­den hat, was er such­te, und gar nicht mehr danach giert den Phur-Ri zu besteigen.

Dies ändert sich erst, als in einer Nacht der Gip­fel die­ses Bergs aus einem Wol­ken­fens­ter bricht, wäh­rend der Erzäh­ler allein vor dem Zelt kau­ert. In die­sem Moment erscheint ihm genau das, was er zuhau­se in Irland auf dem von Liam im Inter­net gefun­de­nen Foto gese­hen hat­te. Es über­wäl­tigt ihn. Trotz der War­nun­gen der Noma­den bre­chen die Brü­der nun gemein­sam auf, dem Gip­fel des flie­gen­den Ber­ges ent­ge­gen. Auf die­sem letz­ten Weg kom­men sich die Brü­der näher, emp­fin­den in der bru­ta­len Här­te der Natur für­ein­an­der das, was ihnen schon so lan­ge abhan­den gekom­men war: Bru­der­lie­be… Doch nur einer der bei­den kehrt vom Gip­fel zurück.

In Rans­mayrs Geschich­te vom flie­gen­den Berg, scheint auch die Spra­che zu flie­gen. Flat­ter­satz, nennt er das, was durch die vari­ie­ren­de Zei­len­län­ge zunächst so aus­sieht, als han­de­le es sich um einen lyri­schen Text. Und tat­säch­lich ist es fast wie ein Gesang, ein erzäh­len­der Sprach­ge­sang, den er auf sei­nen Rei­sen durch Tibet den Noma­den abge­lauscht habe, wie er sagt. Als ganz natür­lich sehe er die­se Art des Sat­zes an, er sel­ber und wir alle struk­tu­rier­ten schließ­lich auch unbe­wusst unse­re hand­schrift­li­chen Noti­zen auf die­se Wei­se. Der Leser habe sich nur so sehr an die vol­len Sei­ten gewöhnt, dass er erst wie­der zurück­fin­den müs­se in die “ursprüng­li­che” Spra­che, in der ein­zel­ne Wör­ter, bestimm­te Tei­le von Sät­zen und vor allem Namen, in denen die Essenz der Spra­che begrün­det liegt, noch genug Platz haben ihre eige­ne Bedeu­tung zu entfalten.

Zurück­fin­den ist über­haupt das Stich­wort. Rans­mayrs Roman ist ein Roman vom Zurück­fin­den — “waren nicht alle unse­re Wege von Anfang an Rück­we­ge gewe­sen?” -, denn er ist von Extre­men geprägt, von Com­pu­ter­tech­no­lo­gie und archai­schem Noma­den­le­ben, von Lie­be und Tod, von tiefs­ten Tie­fen und höchs­ten Höhen und er reißt den Leser, der ein­fach nur zuhö­ren muss, mit auf sei­nem Rück­weg in der Senkrechten.