Getrud Leutenegger — Matutin

Getrud Leutenegger — Matutin

von Tabea Krauß

Ma-tu-tin, ein schö­nes Wort. Drei Voka­le, vom dunk­len a zum hel­len i, gebet­tet zwi­schen vier Kon­so­nan­ten, ein Wort, das man sich gesun­gen vor­stel­len mag. Matu­tin kommt vom latei­ni­schen matu­ti­nus “mor­gend­lich” und bezeich­net in der katho­li­schen Lit­ur­gie ein Gebet zwi­schen Mit­ter­nacht und frü­hem Mor­gen. Der frü­he Mor­gen, das ist auch die Zeit der Vögel. In der Däm­me­rung beginnt ihr Kon­zert. Matu­tin, so heißt das neue Buch der Schwei­zer Autorin Getrud Leu­ten­eg­ger und Vögel spie­len dar­in eine tra­gen­de Rolle.

Als die Erzäh­le­rin in ihre Hei­mat­stadt zurück­kehrt, bemerkt sie beim ers­ten Blick auf den ver­trau­ten See etwas Selt­sa­mes: einen höl­zer­nen Turm auf einer am Ufer ver­an­ker­ten Platt­form schwim­mend, dort, wo frü­her ein stei­ner­nes Monu­ment stand. Die neue Holz­kon­struk­ti­on ist ein ori­gi­nal­ge­treu­er Nach­bau eines Vogel­fang­turms und soll den Ein­woh­nern und Gäs­ten der Stadt das har­te Leben der eins­ti­gen Vogel­fän­ger ver­ge­gen­wär­ti­gen. Die­ser Turm übt eine uner­klär­li­che Macht auf die Erzäh­le­rin aus; “nahe dem Wahn­sinn” bewirbt sie sich für die Stel­le als Wär­te­rin des Turms, der ihr vor­kommt, als “wäre [er] eigens für [sie] kon­stru­iert worden”.

Drei­ßig Tage ver­bringt sie dar­in, drei­ßig Turm­ta­ge, in drei­ßig Kapi­teln erzählt. In den drei Stock­wer­ken gibt es außer zwei Eisen­bet­ten fast nichts, nicht ein­mal elek­tri­sches Licht. Alles soll authen­tisch wir­ken, damit die Kus­to­din sich in die Welt des Vogel­fän­gers ver­set­zen kann, denn ihre Auf­ga­be ist es, Besu­chern das Fan­gen und Quä­len der Vögel nahe­zu­brin­gen. Doch die ein­zi­ge Besu­che­rin, die die Erzäh­le­rin zunächst nur wider­wil­lig in den Turm lässt, deren nächt­li­che Anwe­sen­heit ihr aber schließ­lich unent­behr­lich wird, ist die rät­sel­haf­te Vic­to­ria, die aus Süd­ame­ri­ka stammt und vor­gibt, in einem Hotel zu arbei­ten, das schon längst geschlos­sen wur­de. Nicht weni­ger mys­te­ri­ös scheint der Sekre­tär, der jeden Tag eine grü­ne Plas­tik­box mit Polen­ta vor die Turm­tür stellt, und über­haupt viel zu häu­fig auf­taucht; die­se Augen, die kennt sie doch irgend­wo­her? Und dann der Archi­tekt des Tur­mes, eine schwar­ze Gestalt im lan­gen Man­tel und mit breit­krem­pi­gem Hut, die stän­dig mit dem Peda­lo auf dem See auf und ab fährt; sein Lachen, das hat sie doch schon ein­mal gehört.

Die Kus­to­din bekommt Angst. “Natür­lich wer­den Sie Tag und Nacht bewacht, selbst­ver­ständ­lich ganz unauf­fäl­lig”, sagt man ihr auf der Stadt­ver­wal­tung. Gese­hen wer­den, aber sel­ber nicht sehen, heißt Aus­ge­lie­fert­sein, Hilf­lo­sig­keit. Wer aber sieht und nicht gese­hen wird, ist unsicht­bar. Unsicht­bar zu sein wünscht sich die Erzäh­le­rin seit ihrer Kind­heit. Stun­den­lang saß sie auf dem Dach­bo­den vor der Luke, jetzt steht sie im Ober­ge­schoss des Turms hin­ter den halb geschlos­se­nen Fens­ter­lä­den, mit einem mul­mi­gen Gefühl und war­tet auf Vic­to­ria, die ihren Wunsch nach Unsicht­bar­keit teilt. Von dort oben aus beob­ach­tet sie die Vögel und erklärt Vic­to­ria wie unter Zwang in aller Genau­ig­keit die Vogel­fang­vor­rich­tun­gen: “die win­zi­gen Kör­per zit­tern vor Hun­ger, erlöst las­sen sie sich an dem para­die­sisch locken­den Ort nie­der, wo sie ein Arse­nal von Mit­teln ihrer Ver­nich­tung erwar­tet”. Es ent­steht eine para­do­xe Situa­ti­on, da sich die Erzäh­le­rin in die Rol­le des Vogel­fän­gers hin­ein­zu­ver­set­zen hat, sich gleich­zei­tig aber mit den gequäl­ten Vögeln iden­ti­fi­ziert, mit denen sie sich seit ihrer Kind­heit ver­bun­den fühlt.

Die Gren­zen zwi­schen Mensch und Vogel ver­schwim­men, das Schick­sal der Vögel steht stell­ver­tre­tend für das­je­ni­ge der Figu­ren, denen wie­der­um Eigen­schaf­ten von Vögeln zuge­schrie­ben wer­den. Der Vater der Erzäh­le­rin wird zu einem Grau­specht, der Groß­va­ter Vic­to­ri­as zu einem Kon­dor und der mys­te­riö­se Archi­tekt fährt “wie eine Krä­he im Käfig” in den durch­sich­ti­gen Auf­zü­gen des Kasi­nos auf und ab. Wenn der Sekre­tär aber fragt “ver­wech­seln Sie mich nicht mit einem Vogel?” und Vic­to­ria klei­ne vogel­ar­ti­ge Hüp­fer beim Betre­ten des Turms voll­führt, mag das manch einem zu viel werden.

Nicht nur jeder Flü­gel­schlag ist sym­bo­lisch auf­ge­la­den, auch an Farb­sym­bo­lik wird nicht gespart. Bedroh­lich schwarz scheint der Man­tel des Archi­tek­ten, schwarz ist der Kater, der vor dem Turm einen Vogel zer­fetzt, kurz bevor der Kus­to­din gekün­digt wird. Immer wie­der wird auf das vio­lett ver­wa­sche­ne, teils pur­pur schim­mern­de, wie von Blut durch­tränkt wir­ken­de T‑Shirt Vic­to­ri­as ver­wie­sen: Rot und Vio­lett, das sind die Far­ben der Pas­si­on, die Far­ben des Schmer­zes. Wofür die Far­be Gelb steht — der gel­be Gins­ter, das gel­be Hotel, der gel­be Beu­tel von Judas auf dem Klos­ter­fres­ko, das Mäd­chen in dem gel­ben Zitro­nen­kos­tüm — bleibt aller­dings unklar. Die her­kömm­li­che Deu­tung als Far­be des Nei­des scheint hier nicht aus­zu­rei­chen. Obwohl die Sym­bo­lik letzt­lich kei­nes­wegs als plump zu bezeich­nen ist, wirkt der Roman ins­ge­samt sym­bo­lisch überladen.

Bemer­kens­wert aber ist Leu­ten­eg­gers Beschrei­bungs­kunst. In lei­sen Tönen beschwört sie die Däm­me­rung, die Stra­ßen und Fried­hö­fe ver­wan­delt, das Rau­schen der Bäu­me im Stadt­park und natür­lich das Zwit­schern der Vögel im Mor­gen­grau­en: “Und bald ant­wor­ten aus den Bäu­men am Quai und dem Him­mels­raum über mir wei­te­re Vogel­stim­men, schüch­ter­ne Tril­ler, lang­ge­zo­ge­ne Rufe, ein luf­ti­ges Ver­we­ben von Klän­gen hebt an, nach eige­nen Regeln, die Zere­mo­nie des Tagesanbruchs.”

An man­chen Stel­len bleibt der Roman, der sich zwi­schen Traum, sur­re­al anmu­ten­der Jetzt­zeit, Kind­heits­er­in­ne­rung und den erschre­ckend genau­en Erläu­te­run­gen der grau­sa­men Vogel­fang­vor­rich­tun­gen bewegt, aller­dings her­me­tisch. Was hat es mit dem win­ken­den Mäd­chen mit Pagen­schnitt und Inline­skates an den Füßen auf sich, das aus einer ande­ren Zeit zu stam­men scheint, und so plötz­lich, wie es auf­ge­taucht ist, wie­der ver­schwin­det? Auch die ver­gan­ge­ne Lie­be, die in weni­gen rät­sel­haf­ten Sequen­zen durch das Erzähl­te schim­mert, erschließt sich dem Leser nicht sofort. Da wird auf ein­mal von Wir gere­det, ein Du wird ange­spro­chen; ein Du, das irgend­wie mit dem Jetzt-Gesche­hen in Ver­bin­dung steht, wenn auch nur asso­zia­tiv, durch Far­ben, Pflan­zen oder Archi­tek­tur. Wer Spaß hat am Ent­schlüs­seln von Sym­bo­len und dem Zusam­men­set­zen von Sinn­frag­men­ten, wird sich wohl füh­len zwi­schen den Amseln, Fin­ken, Zei­si­gen, Tau­ben, Wild­enten, Els­tern, Kon­do­ren, Adlern, Spat­zen, Gelb­spöt­tern, Krä­hen, Königs­gei­ern und Grauschnäppern.