Ist das Ess-Kunst oder kann das weg?

Ist das Ess-Kunst oder kann das weg?

Die Ästhetik des Essens in Eckhart Nickels Hysteria und Richard Fleischers Soylent Green und deren ethische Dimension.

von Patri­cia Thoma

Essen stellt in der Kunst seit gerau­mer Zeit ein gän­gi­ges Motiv dar.[1] Lebens­mit­tel und Spei­sen sowie das Ein­ver­lei­ben die­ser rückt wie­der­holt ins Zen­trum des Inter­es­ses Kunst­schaf­fen­der. Eat-Art-Künstler*innen ästhe­ti­sie­ren Essen in solch einer Wei­se, dass sich die­se All­täg­lich­keit in ein Ereig­nis ver­wan­delt, wobei nicht unwei­ger­lich im Vor­der­grund steht, die­ses ange­nehm oder schön zu insze­nie­ren. Dem Essen, also dem Pro­du­zie­ren, Zube­rei­ten und Kon­su­mie­ren von Lebens­mit­teln, ist eine welt­ver­än­dern­de, ethi­sche Dimen­si­on inhä­rent, die in zeit­ge­nös­si­scher Kunst wahr­ge­nom­men und genutzt wird. Als ver­meint­lich bana­le All­tags­hand­lung ist Essen von enor­mer Wich­tig­keit, da es omni­prä­sent und lebens­er­hal­tend, dem­nach obli­ga­to­risch ist.

Im Anthro­po­zän – dem Zeit­al­ter, in dem der Mensch zu einem der bedeu­tends­ten Fak­to­ren in Bezug auf Umwelt­pro­zes­se der Erde wur­de – steht eines bestän­dig im Zen­trum des Inter­es­ses: Die Natur und deren Beein­flus­sung durch den Men­schen. Beson­ders im Kon­text der Ernäh­rung wird der Ein­fluss der Mensch­heit auf natür­li­che Res­sour­cen und somit auf die Erde und deren Kli­ma stets neu ver­han­delt. Essen wird zur poli­ti­schen Ange­le­gen­heit. Öko­no­mi­sche und öko­lo­gi­sche sowie sozia­le Dimen­sio­nen des Essens tre­ten mit des­sen Ästhe­ti­sie­rung in den Vor­der­grund, wodurch Essen­ei­ne ethi­sche Kon­tex­tua­li­sie­rung erfährt.

Vari­an­ten der Ästhe­ti­sie­rung von Essen in der Kunst sind in Eck­hart Nickels Roman Hys­te­ria (2018) und schon in Richard Flei­schers Film Soy­lent Green (1973) zu fin­den. Sowohl Hys­te­ria als auch Soy­lent Green sind in einer dys­to­pi­schen Die­ge­se situ­iert, in der des Men­schen Ein­fluss auf die Umwelt in der inner­fik­tio­na­len Ver­gan­gen­heit unzu­träg­lich war und der fort­ge­schrit­te­ne Kli­ma­wan­del poli­ti­sche Instan­zen folg­lich dahin­ge­hend dräng­te, Kon­troll­maß­nah­men bezüg­lich der Ernäh­rung und der Pro­duk­ti­on von Lebens­mit­teln zu ergrei­fen. In Hys­te­ria wer­den gesetz­li­che Auf­la­gen durch­ge­setzt, die die Bevöl­ke­rung dazu zwin­gen, sich vege­ta­risch und von Bio-Pro­duk­ten zu ernäh­ren. Der immense Bedarf an orga­nisch ange­bau­ten Lebens­mit­teln, den die­ser Lebens­stil for­dert, kann aller­dings nicht gedeckt wer­den, vor allem da Natur- und Wet­ter­ein­flüs­se die Pro­duk­ti­on unmög­lich gemacht haben. Die Res­sour­cen sind erschöpft und ein „Kuli­na­ri­sches Insti­tut“ hat es sich zur Auf­ga­be gemacht, Nah­rungs­mit­tel arti­fi­zi­ell zu züch­ten und zu ver­trei­ben. Auch in Soy­lent Green ver­treibt ein Kon­zern Nah­rung an die Bevöl­ke­rung von New York, die in Form ver­schie­den­far­bi­ger qua­dra­ti­scher Kek­se – Soy­lent genannt – in klei­nen Men­gen ratio­niert an die Mensch­heit dis­tri­bu­iert wird. Natür­li­che Lebens­mit­tel oder auch eine Varia­ti­on an Mahl­zei­ten sind zu solch einer Rari­tät gewor­den, dass die gemei­ne Bevöl­ke­rung sie nur noch in ihrer Erin­ne­rung kennt. In bei­den Wer­ken kommt es schließ­lich zur Eska­la­ti­on und poten­zi­el­len Bedro­hung für die bestehen­de Ord­nung, da die zur Ver­fü­gung ste­hen­de Nah­rung nicht ist, was sie zu sein scheint. Die Prot­ago­nis­ten von Hys­te­ria und Soy­lent Green – Berg­heim und Detec­ti­ve Thorn – sind jeweils im Begriff, dies zu entlarven.

Schlüs­sel­sze­nen die­ser Dys­to­pien sind jene, in denen der Fokus auf Essen gerich­tet ist bzw. die Ästhe­ti­sie­rung, gar Über­äs­the­ti­sie­rung von Essen zum Aus­druck anschau­li­cher Ver­hand­lung öko­lo­gi­scher Aspek­te wird. Je nach ästhe­ti­scher Dar­stel­lung wird Nah­rung und Ess­ver­hal­ten zum Indi­ka­tor für Zustän­de der Natur und die Ein­ord­nung des Men­schen in die­se. Essen kann als eine Art sozia­ler Mar­ker und Aus­druck von Wert­vor­stel­lun­gen wahr­ge­nom­men wer­den. Essen kann Wohl­stand und Fül­le oder Gegen­tei­li­ges, also Not­stand und Man­gel, sym­bo­li­sie­ren und eine Art Nost­al­gie­trä­ger in dys­to­pi­schem Umfeld dar­stel­len. Essen kann Appe­tit oder Ekel aus­lö­sen, je nach ästhe­ti­scher sowie ethi­scher Kon­tex­tua­li­sie­rung. Anhand die­ser diver­sen Inter­pre­ta­tio­nen von Essen in sei­ner jewei­li­gen Dar­stel­lungs­wei­se in Hys­te­ria und Soy­lent Green soll evi­dent wer­den, wie essen­zi­ell eine Ästhe­tik des Essens in Bezug auf des­sen ethi­schen Dis­kurs ist.

Die Ästhetik des Essens als Spiegel der Welt

„Ich rie­che Wohl­ge­schmack. Zu Tisch!“[2], ver­kün­det in Hys­te­ria der Pro­fes­sor des Kuli­na­ri­schen Insti­tuts. Damit wird der Beginn eines Fest­mahls von beson­de­rer Dis­tin­gu­iert­heit und Raf­fi­nes­se ein­ge­lei­tet, wobei Essen in hohem Maße ästhe­ti­siert wird. Sowohl Nah­rung als auch Ess­pro­zess sowie Atmo­sphä­re und Auf­ma­chung des Spei­se­saals und der Spei­se­kar­te wir­ken in die­ser Sze­ne auf­fal­lend pom­pös und thea­tral insze­niert. Allein der durch Ker­zen­schein erleuch­te­te Saal, in dem Bachs ers­te Vio­lin­so­na­te zu ver­neh­men ist und eine vor­nehm fest­lich gedeck­te Tafel inmit­ten des Raums plat­ziert wur­de, lässt das Aus­maß an Deka­denz der Spei­sen ver­mu­ten. Die Spei­se­kar­ten sind aus Papier gefer­tigt, das erst beim Erhit­zen das Menü des Abends preis­gibt. Es wird zere­mo­ni­el­les Räu­cher­gut ent­zün­det, „um die Sin­ne zu ani­mie­ren“.[3] Und sämt­li­che Spei­sen und Geträn­ke fol­gen einem farb­li­chen Prin­zip: Sie sind weiß. Im Lau­fe des Abends wer­den Lebens­mit­tel ser­viert, die zu den wert­volls­ten und exklu­sivs­ten der Welt erklärt wer­den, wovon die Teilnehmer*innen des Diners merk­lich ver­zückt sind. Es scheint, als wäre die visu­el­le bzw. geis­ti­ge Sti­mu­lie­rung, durch die bis ins kleins­te Detail deko­rier­ten und dra­ma­tur­gisch in Sze­ne gesetz­ten Spei­sen, bei­na­he wich­ti­ger als deren gusta­to­ri­sche Qua­li­tät. Es fin­det eine Art Ver­geis­ti­gung des Essens und des Geschmacks statt, da sich das Diner pri­mär aus intel­lek­tu­el­ler Leis­tung formt und somit gewis­ser­ma­ßen zur Kunst erho­ben wird. Essen scheint im Zuge die­ses Fest­mahls kei­ne bedürf­nis­ori­en­tier­te, näh­ren­de Funk­ti­on ein­zu­neh­men, son­dern wird zum ästhe­tisch sti­li­sier­ten Gegen­stand erklärt, was einer Demons­tra­ti­on von Wohl­stand gleich­kommt, die eli­tär kon­no­tiert ist. Ursprüng­lich ist ästhe­ti­sier­tes Essen, das Schö­ne und der rich­ti­ge Geschmack einer Ober­schicht vor­be­hal­ten, die es sich leis­ten kann, den Fokus vom Phy­si­schen auf das Geis­ti­ge respek­ti­ve die Ästhe­tik zu rich­ten. Einer Unter- und Mit­tel­schicht steht dies nicht bzw. nur begrenzt zu.[4] Essen – was und wie geges­sen wird – fun­giert dem­entspre­chend als sozia­ler Mar­ker und Indi­ka­tor für die Fül­le an Res­sour­cen, die in Hys­te­ria mit­tels arti­fi­zi­el­ler Her­stel­lung von Nah­rungs­mit­teln gene­riert wird.

Gegen­tei­li­ges ver­mit­telt die Fest­mahl­sze­ne in Soy­lent Green. Detec­ti­ve Thorn und sein betag­ter Freund Sol Roth kre­den­zen sich ein 3‑Gän­ge-Menü, das in kei­ner­lei Ver­hält­nis zu dem Mahl steht, das Berg­heim im Kuli­na­ri­schen Insti­tut zu sich nimmt, und doch ist es für Thorn und Sol ein eben­so fei­nes Fest­mahl. Sie befin­den sich in der spär­lich ein­ge­rich­te­ten hei­mi­schen Küche, in der Sol das Mahl zube­rei­tet, und dinie­ren an einem klei­nen Tisch, der mit einem zer­knit­ter­ten, schlich­ten Tisch­tuch und Plas­tik­ge­schirr gedeckt ist. Die bei­den genie­ßen die raren Spei­sen sicht­lich, bei­ßen beherzt und laut­stark in unge­würz­te Salat­blät­ter und die am Hemd polier­ten Äpfel, erfreu­en sich am schlich­ten Ein­topf wie am Bour­bon, wäh­rend sie sich wie­der­holt viel­sa­gen­de Bli­cke zuwer­fen und mehr­fach in freu­di­ges Geläch­ter aus­bre­chen. Die knap­pe Sze­ne ent­hält kei­ne Dia­lo­ge, kei­ne Ablen­kung vom Wesent­li­chen – dem Essen –, womit der Fokus auf das Mahl selbst und die Art und Wei­se gerich­tet bleibt, wie Thorn und Sol spei­sen. Mozarts Kegel­statt-Trioertönt als Off-Musik und domi­niert den Ton der Sze­ne, wäh­rend Thorn und Sol ledig­lich über Mimik, Ges­tik und gele­gent­li­che Atem­ge­räu­sche und Lacher kom­mu­ni­zie­ren.[5] Die Musik ver­leiht der Sze­ne eine betont leich­te und anmu­ti­ge Kon­no­ta­ti­on, wäh­rend die lau­ten Ess­ge­räu­sche, die Inter­jek­tio­nen, das Auf­sto­ßen und Lachen der Prot­ago­nis­ten die­se Stim­mung wie­der auf­lö­sen. Die­ser ästhe­ti­sche Bruch reprä­sen­tiert die Span­nung, die sich in die­ser Sze­ne zwi­schen der Wahr­neh­mung der Prot­ago­nis­ten und der der Zuschauer*innen in Bezug auf das prä­sen­tier­te Essen kon­sti­tu­iert. Das Mahl, das die bei­den so fest­lich wahr­neh­men, hat auf die Zuschau­en­den nicht die­sel­be Wir­kung, vor allem da es auf so wenig vor­neh­me Art und Wei­se kre­denzt und ver­speist wird. 

Die über­schwäng­li­che Freu­de der Prot­ago­nis­ten stimmt nicht mit der ästhe­ti­schen Dar­stel­lung des Essens selbst über­ein, das vor dem Hin­ter­grund her­kömm­li­cher Ernäh­rung kärg­lich und trost­los scheint. Dar­in ver­birgt sich der Umstand, dass die­se Mahl­zeit von Thorn und Sol des­halb als so deli­kat wahr­ge­nom­men wird, da ihnen der Zugang zu Nah­rungs­mit­teln wie die­sen nor­ma­ler­wei­se ver­wehrt ist. Sie genie­ßen ihr per­sön­li­ches Fest­mahl eupho­risch, wohl um den Umstand wis­send, dass dies mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit ein ein­ma­li­ges, flüch­ti­ges Erleb­nis sein wird. 

Im Gegen­satz zum Fest­mahl in Hys­te­ria sym­bo­li­siert die Über­äs­the­ti­sie­rung des Essens hier den Man­gel und die Abwe­sen­heit von Wohl­stand. Natür­li­che Res­sour­cen sind in Soy­lent Green rest­los erschöpft, was die Essens­si­tua­ti­on über ästhe­ti­sche Mit­tel indi­ziert. In wel­chem Aus­maß und auf wel­che Kos­ten Fül­le oder Knapp­heit an natür­li­chen Res­sour­cen herrscht und wie es um die Natur in Hys­te­ria und Soy­lent Green letzt­end­lich tat­säch­lich bestellt ist, zeigt der Aus­gang bei­der Die­ge­sen an spä­te­rer Stelle.

Essensetikette als ästhetisches Mittel

Essens­eti­ket­te bzw. die Manier, in der gespeist wird, ist von beson­de­rer Gewich­tung, wenn es um die ästhe­ti­sche Dar­stel­lung von Essen und des­sen Sym­bo­lik geht. Durch eine Regel­haf­tig­keit und Sozia­li­sie­rung bezüg­lich des Ess­vor­gangs gestal­tet sich die Mahl­zeit „sti­li­sier­ter, ästhe­ti­scher, über­in­di­vi­du­ell regu­lier­ter“[6] Der ästhe­ti­sche Wert des Essens steigt mit höhe­ren, sozi­al erzeug­ten Wer­ten.[7] In Soy­lent Green ist die Nah­rungs­auf­nah­me für die Bevöl­ke­rung im Zuge der aus­schließ­li­chen Ernäh­rung von Soy­lent zu etwas Bei­läu­fi­gem gewor­den. Soy­lent, das mas­sen­wei­se in knal­li­gen, unna­tür­lich wir­ken­den Far­ben auf Märk­ten ange­bo­ten wird und lieb­los in schlich­te Plas­tik­tü­ten ver­packt ist, wird aus­nahms­los neben­säch­lich und ohne eine Art von Essens­eti­ket­te ver­speist. Essen steht in kei­ner Wei­se im Vor­der­grund oder wird gar ästhe­tisch prä­sen­tiert. Zudem spielt der sozia­le Aspekt der Mahl­zeit kei­ner­lei Rol­le. Der Ver­zehr von Soy­lent ist eine schlich­te Not­wen­dig­keit, der weder zu Zwe­cken des Genus­ses noch der Gesel­lig­keit von­stat­ten­geht. Dies wird im Kon­trast zu Thorns und Sols genuss­voll zele­brier­tem Fest­mahl umso deutlicher.

Im Gegen­satz dazu wird jeg­li­ches Essen in Hys­te­ria auf hyper­bo­li­sche Wei­se ästhe­ti­siert und sti­li­siert. Essens­eti­ket­te bedeu­tet in Hys­te­ria Über­fluss, Über­äs­the­ti­sie­rung und Tabus in vie­ler­lei Hin­sicht. Ethisch gut zu essen und „spu­ren­los“ zu leben, ist die obers­te Prä­mis­se und Regle­ment der Regie­rung. Eck­hart Nickel beschreibt mit Hys­te­ria eine „poli­tisch-mora­li­sche Grenz­über­schrei­tung“, die auf der Über­stei­ge­rung des sub­stan­zi­ell Guten, der öko­lo­gisch opti­mier­ten Gesell­schaft basiert: „Aus dem Geist der Zurück-zur-Natur-Bewe­gung hat sich eine Dik­ta­tur des Künst­li­chen ent­wi­ckelt.“[8] Aus natur­ori­en­tier­ten Ansät­zen wird über­spitz­ter Bio-Wahn und Ästhe­ti­zis­mus der Nah­rung. In der Ästhe­ti­sie­rung des Essens „wird das Essen in sei­ner ursprüng­li­chen, wesent­li­chen gemein­schaft­li­chen Funk­ti­on und Bedeu­tung [negiert], um es der­art zu einer gesell­schaft­li­chen Zere­mo­nie zu sti­li­sie­ren, zu einer Bekräf­ti­gung ethi­schen Ver­hal­tens und ästhe­ti­schen Raf­fi­ne­ments.“[9] Essen wird kaum als prag­ma­ti­sche, funk­tio­na­le Pra­xis the­ma­ti­siert, die dem Stil­len des Hun­gers dient, son­dern pri­mär als sozia­les und ästhe­ti­sches Moment. Aus der Sti­li­sie­rung des Essens mit dem Fokus auf Form und Manier resul­tiert die Ver­leug­nung der grob mate­ria­lis­ti­schen Wirk­lich­keit des Ess- und Trink­vor­gangs und des­sen, was sich ein­ver­leibt wird. Essens­eti­ket­te täuscht über die Rea­li­tät hin­weg.[10] Wel­che Umstän­de in Hys­te­ria und Soy­lent Green unter­schla­gen wer­den sol­len bzw. auf wel­che ver­bor­ge­nen Hin­ter­grün­de ästhe­ti­sier­tes Essen viel eher auf­merk­sam macht, kommt schließ­lich auf­grund der detek­ti­vi­schen Arbeit der Prot­ago­nis­ten ans Licht.

Wenn Appetit in Ekel umschlägt – Die Ästhetisierung von Essen als Hinwegtäuschen über die Realität

Berg­heim und Thorn – letz­te­rer mit Hil­fe sei­nes Freun­des Sol, der ihn in die Welt eins­ti­ger Kuli­na­rik ein­führt – machen Ent­de­ckun­gen, die sich ihnen erst im Zuge der Ästhe­ti­sie­rung der beschrie­be­nen Fest­mahl-Sze­nen bzw. im Kon­trast zur her­kömm­li­chen Ernäh­rungs­wei­se erschlie­ßen. Sol Roth und Berg­heim fun­gie­ren hier­bei als Erin­ne­rungs­trä­ger für eine ver­gan­ge­ne Welt, in der natür­li­che Res­sour­cen zu gro­ßen Tei­len aus­rei­chend zur Dis­po­si­ti­on stan­den, um die Bevöl­ke­rung zu ernäh­ren, und Nah­rung bis­lang nicht syn­the­tisch gene­riert wer­den muss­te. Essen dient ihnen hier­bei als sinn­li­ches Anschau­ungs­ma­te­ri­al. Ange­trie­ben von Nost­al­gie stel­len Detec­ti­ve Thorn und „Frucht­de­tek­tiv“[11] Berg­heim Nach­for­schun­gen an und erhal­ten erschre­cken­de Infor­ma­tio­nen in Bezug auf die Nah­rungs­mit­tel, die der Gesell­schaft zur Ver­fü­gung gestellt werden.

Sol Roth – der Thorn gegen­über wie­der­holt von bes­se­ren Zei­ten im Kon­text von Natur und Nah­rung refe­riert – sucht einen Aus­weg aus der dys­to­pi­schen Gesell­schaft. Er fin­det ihn im Frei­tod und besucht hier­für eine von der Regie­rung ange­leg­te Insti­tu­ti­on, in der man sich auf Wunsch ein­schlä­fern las­sen kann. Thorn, der zu spät kommt, um Sols Tod noch ver­hin­dern zu kön­nen, wohnt des­sen Ster­ben hin­ter einer Glas­schei­be bei und kom­mu­ni­ziert mit die­sem durch eine Sprech­an­la­ge. Dabei bit­tet Sol Thorn, dem Abtrans­port sei­ner Lei­che zu fol­gen, wohl um den Umstand wis­send, was mit sei­nem Kör­per gesche­hen bzw. was aus die­sem gefer­tigt wer­den wird. So erfährt Thorn, dass Soy­lent nicht aus Plank­ton gewon­nen wird, wie von offi­zi­el­ler Sei­te pro­kla­miert. Soy­lent wird aus ver­stor­be­nen Men­schen wie Sol gefer­tigt. Die Bevöl­ke­rung ernährt sich also von Men­schen­fleisch, ohne es zu wis­sen: „It’s peop­le. Soy­lent Green is made out of peop­le. […] Soy­lent Green is peop­le“,[12] ver­kün­det Thorn in der letz­ten Sze­ne des Films, um sei­ne Mit­men­schen zu war­nen. Der der Bevöl­ke­rung auf­ge­zwun­ge­ne Tabu­bruch in Form von unfrei­wil­li­gem Kan­ni­ba­lis­mus per­ver­tiert die gän­gi­ge Nah­rungs­auf­nah­me in Soy­lent Green und gip­felt in Ekel.

Berg­heim hin­ge­gen ist von Anfang an klar, dass „[m]it den Him­bee­ren […] etwas nicht [stimm­te].“[13] Bereits zu Beginn des Romans macht Berg­heim das unna­tür­lich makel­lo­se Aus­se­hen der Him­bee­ren auf dem Bio­markt stut­zig. Bestrebt, das Mys­te­ri­um der selt­sam anmu­ten­den Him­bee­ren auf­zu­klä­ren, sucht Berg­heim Ant­wor­ten im Kuli­na­ri­schen Insti­tut. Und tat­säch­lich ist das „Meis­ter­werk“, das ver­meint­lich „[a]bsolute Voll­kom­men­heit und abso­lu­te Natür­lich­keit fried­lich ver­eint“,[14] in Wahr­heit „künstlich[e] Mimi­kry“[15] und stellt sich als äußerst fehl­bar her­aus. Das augen­schein­lich Schö­ne erfährt somit eine Umwer­tung respek­ti­ve Umkeh­rung in des­sen Gegen­teil – in Ekel. Das über­äs­the­ti­siert dar­ge­stell­te, ‚schö­ne‘ Essen täuscht über den Umstand hin­weg, dass es nicht ist, was es zu sein scheint – etwas, das Berg­heim durch­weg geahnt hat und wor­über er genu­in irri­tiert war. Die Kon­zi­pie­rung einer künst­li­chen Welt respek­ti­ve die Über­hö­hung der Welt durch das Ästhe­ti­sier­te wird hier zur Hypo­sta­se des ästhe­tisch Arti­fi­zi­el­len. Die inten­dier­te Rück­kehr zur Natur per­ver­tiert in ihre künst­li­che Neu­krea­ti­on und Ästhe­ti­sie­rung.[16]

Die Ethik der Ästhe­tik des Essens

Ein ethi­sches Moment der ästhe­ti­schen Dar­stel­lung von Essen ist sowohl der Die­ge­se bei­der Wer­ke inhä­rent als auch auf Ebe­ne der Rezi­pie­ren­den zu fin­den. Inner­halb der Die­ge­se erle­ben die Prot­ago­nis­ten Essen in einer Wei­se, die nicht mit ihrer bis­he­ri­gen Erfah­rung über­ein­stimmt. Die­ser Umstand wird ihnen pri­mär durch die ästhe­ti­sche Erfah­rung des Essens und die damit ein­her­ge­hen­de Kon­tem­pla­ti­on über die ihnen prä­sen­tier­ten Spei­sen deut­lich. Thorns Refle­xi­ons­pro­zess wird akti­viert durch einen Moment der Nost­al­gie, aus­ge­löst durch ihm bis­her unbe­kann­te natür­li­che und unbe­ar­bei­te­te Lebens­mit­tel im Kon­trast zum ver­zehr­fer­ti­gen Soy­lent, wäh­rend Berg­heim die auf­fal­lend künst­li­chen Spei­sen zur Kon­tem­pla­ti­on bewe­gen. Eine Kon­tem­pla­ti­on, die die Rezi­pie­ren­den tei­len. Ihnen wird anhand des ästhe­ti­schen Erle­bens die Schön­heit und Fra­gi­li­tät ihrer Lebens­rea­li­tät vor Augen geführt, was beson­ders im Abspann von Soy­lent Green Exem­pli­fi­ka­ti­on erfährt. Der Film endet mit einem roman­tisch-nost­al­gi­schen Blick auf unbe­rühr­te Natur, die im Kon­trast zur inner­fik­tio­na­len dys­to­pi­schen Wirk­lich­keit beson­ders ein­drucks­voll wirkt. Dies ist als deut­li­cher Appell zu ver­ste­hen, dass kon­tem­po­rä­re Ver­hal­tens­wei­sen zum dys­to­pi­schen Set­ting des Films füh­ren kön­nen, die Kata­stro­phe aber durch­aus noch abge­wandt wer­den könn­te, indem die gegen­wär­ti­ge Welt gepflegt und geschützt wird. Was inner­halb der Die­ge­se medi­al erzeug­te Erin­ne­rung dar­stellt, ist für die Rezi­pie­ren­den Gegen­wart. Damit wird Hoff­nung auf den mög­li­chen Erhalt der Natur sug­ge­riert und gleich­zei­tig mit Nach­druck auf deren dring­li­chen Schutz beharrt.[17]

Eck­hart Nickel geht in Hys­te­ria einen Schritt wei­ter. Der Schutz der Natur hat hier bereits obers­te Prio­ri­tät. Rein und „spu­ren­los“ zu Guns­ten der Natur zu leben, gip­felt jedoch in deren Neu­krea­ti­on und Per­ver­tie­rung. Das augen­schein­lich Natür­li­che ist „in Wahr­heit leb­lo­ser Tand“.[18] Es gilt zwar die Natur zu schüt­zen, dabei aber simul­tan das rech­te Maß zu wah­ren, d.h. ethisch zu han­deln und den Men­schen und sei­ne Krea­tio­nen nicht über die Natur zu erhe­ben. Es soll ver­mie­den wer­den, in Hys­te­rie zu ver­fal­len – wie der Titel des Romans sug­ge­riert – und mög­li­che Trends zu Bio-Wahn, quas­ikul­ti­schen Ernäh­rungs­wei­sen oder Ähn­li­chem sol­len kri­tisch betrach­tet werden.

Dar­in liegt das ethi­sche Moment der ästhe­ti­sier­ten Dar­stel­lung von Essen. Die aus­ge­lös­te ästhe­ti­sche Erfah­rung führt nicht nur zu Erkennt­nis­sen auf Sei­ten der Prot­ago­nis­ten, son­dern hin­ter­fragt auch kon­tem­po­rä­re Lebens- und Ernäh­rungs­wei­sen. Betont wird die Importanz ethi­scher Dimen­sio­nen der Nah­rungs­mit­tel­in­dus­trie und die Refle­xi­on der Gegen­wart und Zukunft unse­res sprich­wört­li­chen ‚täg­li­chen Brots‘. Ästhe­ti­sier­tes Essen in Eck­hart Nickels Hys­te­ria und Richard Flei­schers Soy­lent Green erweist sich als äußerst rele­vant für Prot­ago­nis­ten wie Rezipient*innen und damit für deren Lebens­rea­li­tät. Ess-Kunst kann dem­nach also nicht ein­fach weg.

[1] Vgl. Wel­ter, Judith: „Leben als Mit­tel zur Kunst? Über das (Auf)Bewahren von Lebens­mit­teln im Muse­um.“ In: Ette, Ott­mar et al. (Hrsg.): Lebens­mit­tel. Essen und Trin­ken in den Küns­ten und Kul­tu­ren. Zürich: dia­pha­nes, 2013. S. 207–220. Hier: S. 208.

[2] Nickel, Eck­hart: Hys­te­ria. 2. Aufl. Mün­chen: Piper, 2018. S. 187.

[3] Ebd., S. 205.

[4] Vgl. Klein­spehn, Tho­mas: War­um sind wir so uner­sätt­lich. Frank­furt am Main: Suhr­kamp, 1987. S. 161 und S. 170.

[5] Vgl. Flei­scher, Richard: Soy­lent Green. Ham­burg: War­ner Bros. Enter­tain­ment, 2003 (1973). DVD. 00:31:52–00:34:00.

[6] Sim­mel, Georg: „Die Sozio­lo­gie der Mahl­zeit (1910).“ In: Kashi­wa­gi-Wet­zel, Kiku­ko / Mey­er, Anne-Rose (Hrsg.): Theo­rien des Essens. Ber­lin: Suhr­kamp, 2017. S. 69–76. Hier: S. 71.

[7] Vgl. ebd., S. 71ff.

[8] Otte, Cars­ten: „Vom Ter­ror des spu­ren­lo­sen Lebens.“ In: Zeit Online. 13.09.2018. https://www.zeit.de/kultur/literatur/2018–09/eckart-nickel-hysteria-roman/komplettansicht.

[9] Bour­dieu, Pierre: „Drei Arten des Sich-Unter­schei­dens (1979).“ In: Kashi­wa­gi-Wet­zel, Kiku­ko / Mey­er, Anne-Rose (Hrsg.): Theo­rien des Essens. Ber­lin: Suhr­kamp, 2017. S. 298–321. Hier: S. 315.

[10] Vgl. ebd., S. 315f.

[11] Nickel, Hys­te­ria. S. 180.

[12] Flei­scher, Soy­lent Green. 01:29:55–01:30:40.

[13] Nickel, Hys­te­ria. S. 9.

[14] Ebd., S. 186.

[15] Ebd., S. 213.

[16] Vgl. Amend-Söch­t­ing, Anne: „Zwi­schen Ästhe­ti­zis­mus und Öko-Faschis­mus. ‚Hys­te­ria‘ von Eck­art Nickel.“ In: Lite­ra­tur­kri­tik. Rezen­si­ons­fo­rum. Nr. 10, Okto­ber 2018. https://literaturkritik.de/nickel-hysteria-zwischen-aesthetizismus-und-oeko-faschismus-hysteria-von-eckhart-nickel,24985.html.

[17] Vgl. Tor­min, Ulrich: Alp­traum Groß­stadt. Urba­ne Dys­to­pien in aus­ge­wähl­ten Sci­ence Fic­tion-Fil­men. Alfeld: Cop­pi, 1996. S. 84ff.

[18] Nickel, Hys­te­ria. S. 237.

Patri­cia Tho­ma, gebo­ren 1993 in Augs­burg, B.A. in Ver­glei­chen­der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft. Absol­viert der­zeit den Mas­ter­stu­di­en­gang des Eli­tenetz­werks Bay­ern „Ethik der Text­kul­tu­ren“ in Augs­burg. Wid­met sich in ihrer Abschluss­ar­beit aktu­ell den Funk­ti­ons­wei­sen und Mög­lich­kei­ten des post­pan­de­mi­schen Netz­thea­ters und des­sen ethi­schem Potenzial.