“Die Substanz dieses Textes sind Zweifel”

“Die Substanz dieses Textes sind Zweifel”

Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Jens Petersen

von Ulri­ke Jochum

Anläss­lich des 29. Erlan­ger Poe­ten­fests 2009 sprach Schau ins Blau mit dem dies­jäh­ri­gen Inge­borg Bach­mann-Preis­trä­ger Jens Peter­sen über sei­ne Aus­zeich­nung, den noch unvoll­ende­ten Roman „Bis dass der Tod”, die Lage der deut­schen Gegen­warts­li­te­ra­tur und eine Art der Kom­mu­ni­ka­ti­on, die alles ande­re als „nor­mal” ist.

 

SCHAU INS BLAU: Sie haben in die­sem Jahr mit „Bis dass der Tod” den „33. Inge­borg Bach­mann-Preis” gewon­nen, der mit 25.000 Euro dotiert ist. Wie erleb­ten Sie die Teil­nah­me an dem berühm­ten Kla­gen­fur­ter Wettbewerb?

JENS PETERSEN: Ich habe mir immer schon gewünscht, mal dar­an teil­neh­men zu dür­fen. Ich habe schon als Schü­ler geschrie­ben und den Wett­be­werb mit­ver­folgt. Unse­re Deutsch­leh­rer waren enga­giert, die haben uns Exzerp­te gege­ben. Ich habe auch die Über­tra­gun­gen im Fern­se­hen gese­hen und war da immer ziem­lich begeis­tert davon. Habe mir immer gedacht, dass allein die Chan­ce, da antre­ten zu dür­fen, schon etwas Groß­ar­ti­ges sei. So wie viel­leicht ande­re Jungs davon träu­men, beim Fuß­ball ein bedeu­ten­des Tor zu schie­ßen… So war das wirk­lich für mich. Als ich dann die Mög­lich­keit bekam, hin­zu­fah­ren, habe ich natür­lich auch von Kol­le­gen gehört, die da nicht gut behan­delt wur­den und die zum Teil psy­chi­schen Scha­den genom­men haben — ich bin also sehr davor gewarnt wor­den. Der Juror, Burk­hard Spin­nen, war sehr neu­tral und indif­fe­rent. Der sag­te, es kön­ne so oder so aus­ge­hen. Inso­fern wuss­te ich gar nicht, was mich da erwar­ten wür­de. Mein Mot­to war: Haupt­sa­che nicht absau­fen. Dass es so gut wer­den wür­de, hät­te ich nicht gedacht. Das ist dann natür­lich auch eine gewis­se Belas­tung. Es ist nicht so, dass man ein ande­rer Mensch wird, wenn man so einen Preis gewon­nen hat. Man hat aber mehr zu tun und eine grö­ße­re Ver­ant­wor­tung. Das ist es, was davon bleibt, wür­de ich sagen.

SCHAU INS BLAU: Die Jury des Kla­gen­fur­ter Wett­be­werbs ist dafür bekannt, die gela­de­nen Autoren zuwei­len gehö­rig aus­ein­an­der zu neh­men. Zwar waren die Mei­nun­gen zu Ihrem Text fast durch­weg posi­tiv, doch fie­len auch ein paar Kri­tik­punk­te wie „Prä­rie-Roman­tik” oder „Kitsch­ver­dacht”. Wie geht man in so einem Moment damit um?

JENS PETERSEN: Wenn man da sitzt, ist es natür­lich nicht ein­fach, so etwas zu hören, zumal die Dis­kus­si­on mit dem Stich­wort „Prä­rie-Roman­tik” los­ging. Das war der ers­te Bei­trag, der da kam. Ich dach­te, das geht jetzt voll in die Hose. Dann merkt man aber an klei­nen Signa­len, dass das Gan­ze viel­leicht doch einen ande­ren Geschmack bekommt. Als die Jury-Dis­kus­si­on vor­bei war, war mir klar, dass es ganz gut gelau­fen ist, auch wenn ich nicht dach­te, dass ich gewin­nen wür­de. Ich habe mir dann auch noch ein­mal über­legt, was Kri­tik sein kann — näm­lich kon­struk­tiv, auch wenn sie nega­tiv ist, so wie die von Paul Jandl, der sich gefragt hat, ob das Kunst oder Kitsch sei. Das ist eine Beob­ach­tung, die rich­tig ist, denn mein Text arbei­tet mit Kol­por­ta­ge-Ele­men­ten, das ist so beab­sich­tigt. Ob das gelingt oder nicht, das kann man selbst als Autor nicht immer ent­schei­den. Inso­fern ist das eine Form von kon­struk­ti­ver nega­ti­ver Kri­tik, die er am nächs­ten Tag auch zurück­ge­nom­men hat. Aber wenn jemand sagt: „Ich kann das schon ver­ste­hen, dass ein Arzt auch mal von sei­nen Erfah­run­gen schrei­ben muss”, dann kann ich das nicht nach­voll­zie­hen. Ich habe ja kein Tage­buch geschrie­ben, und das muss ein Kri­ti­ker auch erkennen.

SCHAU INS BLAU: Sie haben vor­hin davon gespro­chen, als Preis­trä­ger nun mehr Ver­ant­wor­tung zu besit­zen. Wie äußert sich das?

JENS PETERSEN: Man ist mehr unter­wegs und muss jetzt ein Buch schrei­ben. Man hat eine Stim­me, die eher gefragt ist zu The­men, mit denen man sich viel­leicht aus­ken­nen könn­te. Ich bin viel zu Ster­be­hil­fe gefragt wor­den in den letz­ten Wochen. Über­haupt zum Tod. Da kann man nicht wie vor vier Jah­ren, als das ers­te Buch erschie­nen ist, oder vor sechs, als noch nie­mand einen kann­te, irgend­ei­nen Unsinn erzäh­len, oder ein biss­chen wit­zig sein. Man muss da nun einen Stand­punkt haben, der auch theo­re­tisch fun­diert ist und der den Men­schen, über die man spricht oder die da zuhö­ren, auch gerecht wird. Das sind ja nicht irgend­wel­che Spe­zia­lis­ten-The­men, son­dern The­men, die auch eine gesell­schafts­po­li­ti­sche Rele­vanz haben.

SCHAU INS BLAU: „Bis dass der Tod” — der noch im Ent­ste­hen begrif­fe­ne Roman, mit des­sen Schluss­ka­pi­tel Sie die Jury von sich über­zeu­gen konn­ten — kom­bi­niert eine Lie­bes­ge­schich­te mit einem trau­ri­gen Fall von Ster­be­hil­fe. Alex erschießt sei­ne schwer­kran­ke Freun­din Nana und bringt es anschlie­ßend nicht über sich, sich auch selbst zu töten. Hat die­se Aus­ein­an­der­set­zung mit den The­men Krank­heit und Tod etwas mit Ihrem Arzt­be­ruf zu tun?

JENS PETERSEN: Das ist eigent­lich eine Lie­bes­ge­schich­te. Das funk­tio­niert nicht so deduk­tiv, dass man sich an irgend­ei­ner Theo­rie abar­bei­tet oder eine The­se im Kopf hat, die dann zu einem Pro­sa­stück wird. Ich glau­be viel­mehr, dass einem der Keim so eines Tex­tes irgend­wie zufällt. Ich habe rela­tiv lan­ge gear­bei­tet, bis ich zu die­sem The­ma gekom­men bin. Es hat sich irgend­wie gefun­den, ohne eine bewuss­te Ent­schei­dung zu sein. In den letz­ten vier Jah­ren habe ich viel geschrie­ben, und davon war auch vie­les Mist. Da waren Din­ge dabei, die ein­fach nicht funk­tio­niert haben.

Was den Zusam­men­hang zwi­schen mei­nem Dasein als Medi­zi­ner und als Schrift­stel­ler angeht, so glau­be ich, dass man im Arzt­be­ruf die Beob­ach­tungs­ga­be schult. Im wis­sen­schaft­li­chen Arbei­ten geht es viel um Prä­zi­si­on und das Set­zen von Begrif­fen, die nicht nur für sich genom­men, son­dern auch im Kon­text ange­mes­sen sind, und ich glau­be, dass es da schon Über­schnei­dun­gen gibt. Natür­lich sieht man auch viel Leid, und man sieht es recht unge­fil­tert. Es ist sogar anders als bei einem Gespräch mit einem Freund oder Bekann­ten, denn man erfährt Din­ge, die viel­leicht ein Mensch, der krank ist oder lei­det, sei­nen Bekann­ten gar nicht auf­bür­den wür­de. Inso­fern ist das schon recht nahe am Leben, glau­be ich. Jetzt ist nicht jeder Arzt ein Schrift­stel­ler, inso­fern bedingt das Arzt-Sein nicht, dass man schreibt. Aber wenn man die­ses Talent hat, oder wenn man es als Not­wen­dig­keit emp­fin­det, zu schrei­ben, dann ist das, glau­be ich, eine Tätig­keit, die noch zusätz­lich zu Prä­zi­si­on ver­hilft, die Beob­ach­tungs­ga­be schult und einem auch eine Men­ge an — das klingt viel­leicht salopp, aber letzt­lich muss man es so abge­schmackt sagen — lite­ra­ri­schem Mehr­wert bietet.

SCHAU INS BLAU: Die Medi­zin und ihr Gegen­stand, der Kör­per, sind etwas sehr Mate­ri­el­les, wohin­ge­gen das Schrei­ben auf Gedan­ken­wel­ten beruht. Hat die Spra­che für Sie auch etwas Mate­ri­el­les oder betrach­ten Sie bei­de Berei­che als von­ein­an­der getrenn­te Dinge?

JENS PETERSEN: Sie sind ziem­lich getrennt von­ein­an­der. Der Arzt­be­ruf ist auf gewis­se Wei­se sehr unkrea­tiv. Ich glau­be, dass man mit Spra­che Abs­trak­tio­nen matierali­sie­ren kann. Das ist aber eine müßi­ge Dis­kus­si­on, denn letz­ten Endes ist ein Text immer in hohem Maße arti­fi­zi­ell. Gera­de Tex­te, die vor­der­grün­dig sehr rea­lis­tisch wir­ken, sind für einen Autor wie mich, der rela­tiv viel arbei­ten muss, bis er mal etwas soweit hat, dass er damit zufrie­den sein kann, im Grun­de hoch­ar­ti­fi­zi­ell. Es han­delt sich dabei nur um eine Repro­duk­ti­on von Rea­li­tät, das ver­wech­selt man, glau­be ich, manchmal.

Dann ist da die Sache mit der Neu­gier. Lite­ra­tur ist ja, wenn sie dia­lo­gisch oder sonst wie den All­tag ein­fängt, lang­wei­lig, so wie der All­tag lang­wei­lig ist. Inso­fern muss man sich immer irgend­wie neben der Spur bewe­gen. Vor­ges­tern war ich in einer Talk­show in der Schweiz. Mit dabei war Pipi­lot­ti Rist, die bedeu­tends­te Schwei­zer Gegen­warts­künst­le­rin. Die sag­te, sie fin­de es so inter­es­sant, dass die Men­schen alle ver­schie­den sind. Sie haben zwar alle eine Nase und einen Mund und zwei Augen und einen bestimm­ten Geruch, aber es ist trotz­dem alles total ver­schie­den. Dar­auf habe ich dann gesagt: Aber wenn man mor­gens um vier in eine Not­auf­nah­me kommt, dann sieht der, der da liegt, genau­so aus wie der, der vor­her dalag. Ich glau­be, sie spricht als Künst­le­rin und der Arzt kann es so sehen, wie ich es gesagt habe. Da kann man vie­les übertragen.

SCHAU INS BLAU: Ist mit dem The­ma des Buches ein ethi­sches Anlie­gen ver­bun­den? Kann man den Text — ver­kürzt for­mu­liert — als Stel­lung­nah­me pro oder con­tra Ster­be­hil­fe lesen?

JENS PETERSEN: Es ist natür­lich ein bewuss­ter Akt, so etwas zu schrei­ben, und im bes­ten Fall über­schaut der Autor auch den mora­li­schen Impe­tus so eines Tex­tes. Alles ande­re wäre fatal, dann kann er ja nicht dafür ein­ste­hen. Den­noch glau­be ich nicht, dass der Text bewusst mora­li­sie­rend oder mora­lisch gedacht ist. Was dabei her­aus­kommt, hat dann jedoch einen Geschmack, und den muss man in eine Rich­tung ent­wi­ckeln, mit der man leben kann und die das aus­sagt, was man selbst dar­über denkt. Wenn nun eine Figur die Mei­nung des Autors bricht oder nicht teilt, dann muss das so dar­ge­stellt sein, dass man es dem Text anmerkt. Ich glau­be inso­fern, dass jeder Text ein mora­li­sches State­ment ist und Rück­schluss auf den Autor zulässt. Was bedeu­tet das jetzt? Das ist ein The­ma, über das ich mir vie­le Gedan­ken gemacht habe, weil ich von der ZEIT gebe­ten wur­de, einen Arti­kel über Ster­be­hil­fe zu schrei­ben. Dabei habe ich den Ein­druck gewon­nen, dass man bei einer essay­is­ti­schen Form und einer Argu­men­ta­ti­on in The­sen die Zwei­fel, die mit die­sem The­ma ver­bun­den sind, nicht gut fas­sen kann. Bei jedem Ver­such, zu abs­tra­hie­ren, ob in der Juris­dik­ti­on oder wo auch immer, kommt das Indi­vi­du­um zu kurz. Und die­ser Zwei­fel, der bleibt, den kann man mit Lite­ra­tur am bes­ten aus­drü­cken, glau­be ich.

SCHAU INS BLAU: Kann man denn die­ses mora­li­sche State­ment, das mit­schwingt, im kon­kre­ten Fall auf einen Nen­ner bringen?

JENS PETERSEN: Das kann man nicht, denn es ist zu ambi­va­lent. Zu orga­ni­sier­ter Ster­be­hil­fe, wie es sie in der Schweiz gibt, habe ich natür­lich eine kla­re Mei­nung, näm­lich dass sie unnö­tig ist, dass man kei­ne Orga­ni­sa­ti­on braucht, um Men­schen, die — aus wel­chen Grün­den auch immer — aus dem Leben schei­den wol­len, dabei zu hel­fen. Es geht auch anders. Wenn ich sach­lich dar­über argu­men­tie­ren soll­te, dann wäre mein Angriffs­punkt die­se orga­ni­sier­ten For­men von Ster­be­hil­fe. Bezie­hungs­wei­se die Tat­sa­che, dass das The­ma in Deutsch­land über­haupt nicht ange­gan­gen wird, wahr­schein­lich aus Angst vor der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­gan­gen­heit, oder weil man Hol­land vor Augen hat, wo akti­ve Ster­be­hil­fe Anreiz zu Miss­brauch gege­ben hat. Aber die Sub­stanz die­ses Tex­tes sind Zwei­fel und kei­ne The­se, die in eine bestimm­te Rich­tung zielt.

SCHAU INS BLAU: Liegt dar­in auch der Grund für die Wahl der „nahen” Erzähl­per­spek­ti­ve? In Rezen­sio­nen wird immer wie­der von „beklem­mend nah” oder von „klaus­tro­pho­bisch” (FAZ) gespro­chen. Der Text ist ja auch im Prä­sens erzählt.

JENS PETERSEN: Es han­delt sich um eine Lie­bes­ge­schich­te, deren Kern die Bezie­hung die­ser bei­den Men­schen vor dem Tableau einer Land­schaft ist, wie es sie in einer städ­ti­schen Ham­bur­ger Peri­phe­rie viel­leicht ein­mal in 30 Jah­ren geben könn­te. Der Hin­ter­grund von dem, was da bei die­ser Jury­dis­kus­si­on „post­apo­ka­lyp­tisch” genannt wur­de, ist der, dass es mich immer frus­triert, wenn ich aus der Schweiz nach Deutsch­land kom­me und die Innen­stadt sehe, in der ich groß gewor­den bin, in der es nur noch Ramsch­lä­den und eine wahn­sin­nig hohe Alko­ho­li­ker- und Arbeits­lo­sen­quo­te gibt, in der alles ziem­lich auf den Hund kommt. Mei­ne Land­schaft im Text ist der Ver­such, das irgend­wie auf 20 oder 30 Jah­re Ent­wick­lung zu extra­po­lie­ren. Im Gemein­de­rat sit­zen irgend­wel­che Sauf­köp­fe, Kom­mu­nal­po­li­ti­ker ver­die­nen kein Geld mehr, das ist unat­trak­tiv gewor­den und des­we­gen will das kei­ner mehr machen, so kommt eine Stadt lang­sam auf den Hund. Ich ver­su­che, das in Bil­der zu fassen.

Was aller­dings mit „nah” gemeint ist, ver­ste­he ich nicht ganz. Ich glau­be, das ist ein Trug­schluss, viel­leicht auch einer, den es in die­ser Jury gab. Der Text ist sehr distan­ziert geschrie­ben, und der Ein­druck der Nähe ent­steht nicht dadurch, dass das Inne­re der Figu­ren aus­ge­leuch­tet wür­de. Die kom­mu­ni­zie­ren mit­ein­an­der und ver­hal­ten sich irgend­wie, aber deren Gedan­ken wer­den nicht aus­ge­führt. Was die Geschich­te so klaus­tro­pho­bisch macht, ist wahr­schein­lich die Tat­sa­che, dass sich die Stim­mung die­ser Cha­rak­te­re in der Land­schaft wie­der­fin­det und auch, dass da The­men ange­spro­chen wer­den, die für mich nicht tabui­siert sind. Mich haben die­se Reak­tio­nen selbst erstaunt. Wenn ich das lese, dann ist das für mich nichts, mich rührt das nicht so an. Viel­leicht ist das ein Erfah­rungs­ho­ri­zont, der nur für jeman­den unge­wöhn­lich ist, der nicht jeden Tag mit Kör­per­lich­keit kon­fron­tiert wird.

SCHAU INS BLAU: Vie­le der Autoren, die am dies­jäh­ri­gen Kla­gen­fur­ter Wett­be­werb teil­ge­nom­men haben, wur­den in den Video­clips, mit denen sie sich vor­ge­stellt haben, als zurück­ge­zo­ge­ne „Mön­che und Pil­ger” insze­niert, wie die Süd­deut­sche Zei­tung schreibt. Was hal­ten Sie von einer der­ar­ti­gen Dar­stel­lung, ist sie über­haupt ver­ein­bar mit einem Schrei­ben, das ein ethi­sches Anlie­gen ver­folgt? Und wie ste­hen Sie — gene­rel­ler noch — dazu, als Autor selbst in den Mit­tel­punkt gerückt und medi­al ver­mark­tet zu werden?

JENS PETERSEN: Es ist ein Teil unse­rer Medi­en­ge­sell­schaft, dass der Autor als Per­son insze­niert wird, und ich fin­de, dass das in den meis­ten Fäl­len den Text schwächt, in weni­gen schin­det es ihn. Dass eine Per­son rele­vant wird, das kann man bei Bio­gra­phien wie der von Tho­mas Mann nach­voll­zie­hen. Bei den meis­ten Autoren, die im Rah­men eines Fes­ti­vals ins Licht gerückt wer­den, wun­dert man sich dar­über. Ich will mich da gar nicht aus­neh­men. Selt­sam ist auch die Art, wie die Bio­gra­phie instru­men­ta­li­siert, wie sie ver­frem­det wird, wie bestimm­te Ver­satz­stü­cke plötz­lich eine Bedeu­tung krie­gen… Man läuft etwa durch eine Wüs­te, fin­det das stink­lang­wei­lig, und zwei Jah­re spä­ter sagen alle „Wow, der ist durch die Wüs­te gelau­fen.” Das ist ein media­ler Mechanismus­. Ich will auch nicht sagen, dass es ver­werf­lich ist, aber es kom­men dadurch Miss­ver­ständ­nis­se auf, die es für einen Autor in zwei­fa­cher Hin­sicht schwie­rig machen. Auf der einen Sei­te wird da eine Bio­gra­phie ver­kürzt und ver­fälscht wie­der­ge­ge­ben, und auf der ande­ren Sei­te wird man als Autor dann immer wie­der mit die­sen Din­gen kon­fron­tiert. Etwas wird auf­ge­bla­sen und zu einem Selbstläufer.

Beim Wett­be­werb wur­den die Autoren viel­fach in sakra­len Gebäu­den gezeigt, wie zum Bei­spiel in einer Kir­che in Ber­lin oder in kar­gen, mini­ma­lis­tisch ein­ge­rich­te­ten Büros mit einem „Apple“-Laptop, der kei­ne Kabel hat. Dass das Autor-Sein kei­ne sozia­le Tätig­keit ist, ist ja im Grun­de völ­lig banal. Ich fin­de, dass es in der deut­schen Gegen­warts­li­te­ra­tur im Gegen­satz zu dem, was vor fünf oder zehn Jah­ren geschrie­ben wur­de, den­noch wie­der eine zeit­ge­schicht­li­che Rele­vanz gibt, dass man da Strö­mun­gen erken­nen kann — sei­en das Tell­kamp, Juli Zeh oder Jakob Hein. Ich will mich da gar nicht aus­neh­men, mein Text behan­delt auch ein gesell­schafts­po­li­tisch rele­van­tes The­ma. Das ist es gera­de in der Schweiz, wo ich im Moment woh­ne, und das ist gut. Es gab eine Zeit, da haben sich die Autoren nur um ihre Turn­schu­he geküm­mert. Das darf man nicht unter­schät­zen, und ich will das auch nicht abwer­ten, denn es hat dazu geführt, dass über­haupt wie­der jun­ge deut­sche Autoren gele­sen wer­den. Gut ist jedoch, dass es jetzt eine Ent­wick­lung hin zu The­men gibt, die in einer Gesell­schaft, in der es in den ein­zel­nen Berufs­grup­pen ein immer höhe­res Maß an Spe­zia­li­sie­rung gibt, nicht nur von Spe­zi­al­dis­zi­pli­nen ver­han­delt wer­den dür­fen, weil dann vie­le Aspek­te ver­lo­ren gehen.

SCHAU INS BLAU: In die­sem Zusam­men­hang spricht man ja ger­ne vom soge­nann­ten „Ethi­cal turn”. Kön­nen Sie sich damit iden­ti­fi­zie­ren und viel­leicht auch ande­re lite­ra­ri­sche Ten­den­zen der gegen­wär­ti­gen Zeit ausmachen?

JENS PETERSEN: Ich glau­be nicht, dass es in der Lite­ra­tur noch Neu­es geben kann. Die Moder­ne hat mit ihrer Reduk­ti­on auf Takt und Rhyth­mus die maxi­ma­le ästhe­ti­sche Neue­rung gebracht. Alles ande­re ist Varia­ti­on von Altem. Was man heu­te von der deut­schen Lite­ra­tur erwar­ten muss, ist ein Umgang mit einem Land in der Kri­se. Das hat sie lan­ge Zeit ver­schla­fen. Das Land ist wahr­schein­lich schon seit den spä­ten 70er-Jah­ren in der Kri­se, und da muss es einen gesell­schaft­li­chen Wan­del geben, der sich auch gegen die vie­len Zerr­bil­der wie Jugend­wahn und die­se Din­ge rich­tet. Ich glau­be, die jun­ge deut­sche Lite­ra­tur soll­te das gera­de in einem Land, das jetzt in der Kri­se ist, sehr bewusst aufnehmen.

Bei mir aber funk­tio­niert das anders, bei mir ent­ste­hen Geschich­ten immer aus zwi­schen­mensch­li­chen Kon­flik­ten her­aus. Ich könn­te mir vor­stel­len, dass zum Bei­spiel Juli Zeh jeweils bewusst ein The­ma hat, über das sie dann schreibt. Bei mir aber könn­te das nie so sein. Bei mir ist es im Sin­ne von Max Frisch Zufall.

SCHAU INS BLAU: Kom­men wir nun zu Ihrem ers­ten Roman „Die Haus­häl­te­rin”, der 2005 erschien. Was war denn da der „Fun­ke”, der zur Geschich­te geführt hat?

JENS PETERSEN: Da spie­len zum guten Teil auto­bio­gra­phi­sche Moti­ve mit hin­ein. Ich hat­te in der Puber­tät kein gutes Ver­hält­nis zu mei­nem Vater und war oft unglück­lich ver­liebt. Die Keim­sze­ne die­ses Romans ist eine Kon­stel­la­ti­on, in der Vater und Sohn sich beim Essen gegen­über­sit­zen und nichts zu sagen haben. Da ist irgend­wie ein Mit­ein­an­der, in dem man sich aber nicht aus­tau­schen kann. Das reicht nun nicht, um 200 Sei­ten zu fül­len. Es braucht ein dra­ma­tur­gi­sches Kor­sett, des­sen Vor­bild Tur­gen­jews Novel­le „Ers­te Lie­be” war. Mein Buch ist auch der Ver­such, eine zeit­ge­nös­si­sche Ver­si­on zur ers­ten Lie­be zu schreiben.

SCHAU INS BLAU: Das The­ma die­ser Aus­ga­be heißt „Fremd­heit” — ein Aspekt, der auch in der „Haus­häl­te­rin” vor­kommt. Ada, die „Haus­häl­te­rin”, ist eine Polin, die in Deutsch­land lebt. Fremd­heit besteht aber auch zwi­schen Vater und Sohn, eben­so zwi­schen den Geschlech­tern. Die Figu­ren fin­den alle nicht rich­tig zueinander.

JENS PETERSEN: Dazu fällt mir ein, dass es zwi­schen Men­schen eine ganz komi­sche Art der Kom­mu­ni­ka­ti­on gibt, die oft neu­ro­tisch ist. Man darf Din­ge nicht sagen, die man ger­ne möch­te; man sagt Din­ge, die man will, und bekommt das Gegen­teil; dann kommt man wie­der in eine bestimm­te Posi­ti­on, in der man sehr klar sagen kann, was man will, und das dann bekommt. Es kann auch sein, dass man etwas sagt und einen Geld­schein hin­ter­her schiebt, dann bekommt man, was man will. Es ist völ­lig selt­sam und hat mit der Art, wie man sich vor­stellt, dass Spra­che und Inter­ak­ti­on funk­tio­nie­ren, wenn man jung ist, nichts zu tun. Man ahnt es zwar in der Fami­lie, aber denkt im Grun­de mono­kau­sal und hat von Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mo­del­len eine völ­lig ande­re Vor­stel­lung als jene. Es gibt die­se Kin­der­kul­tur, die mög­li­cher­wei­se auch vie­le psy­chi­sche Erkran­kun­gen bedingt, weil sich bei man­chen Men­schen das Erwach­se­nen­le­ben dann sehr stark damit bricht. Obwohl das Kind mit lau­ter Zeug umge­ben ist, das eine hei­le Welt sym­bo­li­siert, und obwohl man immer sagt ‘du sollst mög­lichst kei­ne Gemet­zel­fil­me anschau­en’, Alters­frei­ga­be und so wei­ter, erlebt es trotz­dem die­se patho­lo­gi­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on in der Fami­lie. Es gibt, glau­be ich, Men­schen, die nie ler­nen, die­se Kla­via­tur zu spie­len. Die Puber­tät ist der Schritt dahin, ist ein Ent­wick­lungs­sta­di­um, das oft belä­chelt und unter­schätzt wird. Dabei ist es ganz wich­tig, und das Leid, das da her­vor­ge­ru­fen wird, wenn sich die­se Pro­ble­ma­tik nicht auf­löst oder irgend­wie Bahn bre­chen kann, kann ein gan­zes Leben versauen.

SCHAU INS BLAU: Spielt es bei die­ser zwi­schen­mensch­li­chen Distan­ziert­heit sym­bo­lisch eine Rol­le, dass Ada aus dem Aus­land kommt?

JENS PETERSEN: Ja, sie ist eine Frau und sie ist schwach. Die Ambi­va­lenz ist, dass sie einen schma­len Grad wan­dert zwi­schen einer Pro­sti­tu­ier­ten und einer Gelieb­ten. Sie kann sowohl das eine als auch das ande­re sein. Sie ent­schei­det sich dann letz­ten Endes zu flie­hen. Ihre Geschich­te bricht oder befleckt viel­leicht auch die Vor­stel­lung die­ses Jugend­li­chen. Mit einer deut­schen Frau wäre das in die­sem Kon­text schwer dar­stell­bar gewe­sen. Das hat aber auch einen Hin­ter­grund. Ich hat­te einen Onkel, der eine Haus­häl­te­rin hat­te. Der Onkel war schwer krank und die hat­ten so was wie — mitt­ler­wei­le ist er gestor­ben, des­we­gen kann man das jetzt sagen — ein Lie­bes­ver­hält­nis, aber er hat ihr auch Geld gege­ben. Er war in einer Wei­se kör­per­lich behin­dert, dass er allein gewe­sen wäre, wenn sie sich nicht um ihn geküm­mert hät­te. Sie war in einer Wei­se mit­tel­los, dass sie vor die Hun­de gegan­gen wäre, wenn sie von ihm kein Geld bekom­men hät­te. Das führt unheim­lich weit. Ich habe neu­lich in Para­gu­ay ein paar Schwei­zer besucht. Die haben sich dort ein biss­chen Land abge­steckt und ein paar Vil­len gebaut. Neu­rei­che im Grun­de, die sich jetzt da Frau­en kau­fen und dazu sagen ‚Ja wir kau­fen die und die kön­nen dafür stu­die­ren.’ Das ist natür­lich viel zu kurz gegrif­fen, die ver­ste­hen das als eine Art Ent­wick­lungs­hil­fe. Im Grun­de wäre es das bes­te gewe­sen, wenn sie da weg­ge­blie­ben wären. Aber jetzt wo sie da sind — hat das nicht auch etwas Gutes? Das sind wahn­sin­nig schwie­ri­ge Fra­gen, fin­de ich. Und es kommt dabei sehr auf Fin­ger­spit­zen­ge­fühl und die Moral der Agie­ren­den an.

SCHAU INS BLAU: In der „Haus­häl­te­rin” über­nimmt der Sohn den „mora­li­schen” Part, weil er Ada Geld in den Ruck­sack steckt, damit sie flie­hen kann. Das Ende jedoch ist eigent­lich offen. Kann man es denn als posi­ti­ven Aus­blick lesen?

JENS PETERSEN: Also ich glau­be nicht, dass Ada zurück­kommt, aber ich weiß es auch nicht genau. Die logi­sche Kon­se­quenz die­ser Ent­wick­lung wäre, dass sie nicht zurück­kommt, weil dann die glei­chen Pro­ble­me noch mal auf­tau­chen wür­den, das wäre dra­ma­tur­gisch unge­schickt. Aber nach­dem ja das Buch da zu Ende ist… Ich weiß es nicht.

Der Sohn ist ein­fach anders als sein Vater, und viel­leicht hat der Vater, als er so alt war wie der Sohn, die glei­chen Pro­ble­me gehabt. Der Sohn ist der Sym­pa­thie­trä­ger in die­ser Geschich­te, das bedingt allein schon die Per­spek­ti­ve. Auch für den jun­gen Autor, der die­ses Buch geschrie­ben hat, ist der Sohn die Figur, mit der er sich in ers­ter Linie iden­ti­fi­zie­ren konn­te, deren Lebens­sta­di­um er selbst schon durch­lau­fen hat­te, mit der er des­we­gen am meis­ten Mit­leid hat. Das spricht natür­lich aus dem Buch. Der Vater ist die Rei­bungs­flä­che und kommt schlech­ter weg. Das ist der Ver­such, Leben abzu­bil­den, ich weiß gar nicht, ob das soviel mit Moral zu tun hat.

 

Jens Peter­sen, gebo­ren am 20. März 1976 in Pin­ne­berg / D, lebt in Zürich. Er hat in Mün­chen, Lima, New York und Bue­nos Aires Medi­zin stu­diert und sich mit einer Arbeit über die Gene­tik erb­li­cher Mus­kel­er­kran­kun­gen pro­mo­viert. Der­zeit Aus­bil­dung zum Fach­arzt für Neu­ro­lo­gie an der Uni­ver­si­täts­kli­nik Zürich. Zahl­rei­che jour­na­lis­ti­sche Publi­ka­tio­nen, u.a. im Pin­ne­ber­ger Tage­blatt, der Süd­deut­schen Zei­tung und der ZEIT. Diver­se Ver­öf­fent­li­chun­gen in Kin­der- und Jugend­buch­an­tho­lo­gien. Für sei­ne Arbeit erhielt er den Kra­nich­stei­ner Lite­ra­tur­preis des Deut­schen Lite­ra­tur­fonds 2005. Sein Roman „Die Haus­häl­te­rin“ (DVA) wur­de u.a. mit dem Aspek­te-Lite­ra­tur­preis 2005, dem Baye­ri­schen Kul­tur­för­der­preis für Lite­ra­tur 2005, dem Evan­ge­li­schen Buch­preis 2007 und einem Sti­pen­di­um des Kul­tur­re­fe­ra­tes der Stadt Mün­chen 2003 aus­ge­zeich­net. 2009 erhielt Jens Peter­sen für einen Aus­zug aus sei­nem Roman­pro­jekt „Bis dass der Tod“ den Ingeborg-Bachmann-Preis.