Interview mit Friederike Mayröcker

Schau ins Blau: Zu Ihrem Repertoire gehören Prosa, Lyrik, aber auch Hörspiele. Ihre Werke überschreiten dabei häufig Gattungsgrenzen und sind somit nur schwer einer einzigen Gattung zuzuordnen. Als erstes drängt sich daher die Frage auf: Was bedeutet für Sie der Umgang mit Gattungen und deren Überschreitungen?

Friederike Mayröcker: Fangen wir mal mit den Hörspielen an, weil ich diese schon jahrelang nicht mehr mache. Hörspiele waren für mich immer nichts anderes als Prosa. Diese habe ich meistens zusammen mit Klaus Schöning gemacht, überwiegend für den WDR. Eigentlich hätte ich auch noch ein Hörspiel in der Schublade, aber leider ist Klaus Schöning zu krank, um noch eines machen zu können und mit jemand anderem möchte ich es nicht machen, denn die Zusammenarbeit mit ihm war großartig. Um zu Ihrer Frage zurückzukommen – das Hörspiel sehe ich als Prosa, aber durch die Form des Hörspiels, durch das Gesprochene – ich habe die Hörspiele auch selbst gesprochen – ist es natürlich eine Gattungsüberschreitung. Dazu muss ich noch sagen, dass ich diese altmodische Art des Hörspiels, mit Rollenwechsel und künstlichen Geräuschen nicht mag, diese empfinde ich als furchtbar und habe deshalb solche Hörspiele nie gemacht. Ich habe das immer abgelehnt und Klaus Schöning hatte mir darin auch recht gegeben, daher haben wir das immer so gemacht, dass ich die Texte einfach wie bei einer Lesung gesprochen habe. Und das war wunderbar – auf diese Weise haben wir 6-7 Hörspiele gemacht, sie alle können zur Prosa gezählt werden. So viel zum Hörspiel.

Und Ihre Prosa und Lyrik? Bei vielen Ihrer Werke ist es schwierig zu sagen, ob es sich nun um Prosa oder doch eher um Lyrik handelt.

Sehr richtig. Zum Beispiel bei den drei jüngsten Bücher kann man sich fragen: Ist es Prosa oder ist es Lyrik. Und ich habe dafür eine eigene Bezeichnung „erfunden“, das heißt eigentlich haben das bereits die Franzosen gemacht: Bohéme – also ein „Zwischending“, wenn man so will, zwischen Prosa und Lyrik.

Für wie tragfähig halten Sie dann herkömmliche Gattungsbezeichnungen in der Moderne und Gegenwart?

Ich halte sie schon noch für tragfähig, obwohl ich selbst die Gattungsgrenzen, vor allem in den letzten Jahren, nicht unbedingt einhalte. Aber ich lese zum Beispiel auch gerne gute Prosa, nur keine Erzählungen, keine Geschichten, so etwas kann ich nicht lesen und auch nicht schreiben.

Woran liegt das?

Ich mag sie einfach nicht, vielleicht finde ich sie auch etwas altmodisch. Ich halte mich dahingehend doch sehr an die neuere französische Literatur, zum Beispiel Roland Barthes und all die wunderbaren französischen Zeitgenossen.

Die Gattung eines literarischen Werkes weckt bei Lesern bestimmte Erwartungen. Denken Sie, dass es dem Autor gelingen sollte, diese zu erfüllen oder viel eher den Leser zu überraschen, durch das Spiel mit der Gattung als Paratext?

Nun, hier stellt sich zunächst die Frage, ob der Autor überhaupt etwas will und ob er auf den Leser schaut. Ich meine – schaut er auf den Leser, den er nicht kennt?

Tun Sie es?

Um das zu beantworten, muss ich etwas ausholen. Es passiert mir oft mitten in einem Satz, wenn ich ihn auf der Maschine schreibe: Dann denke ich manchmal „Stopp“; kommt dieser Satz beim Leser an? Dann wische ich ihn weg.

Der Leser ist beim Schreibprozess folglich nicht ganz ausgeblendet und wird immer wieder mal präsent?

Ja, ja, er hat immer mal das Recht da zu sein, als eine Art „Geist“.

Aber an die Gattungsgrenzen halten Sie sich in dem Zusammenhang dennoch nicht. So gibt es zum Beispiel auch in Ihren neusten Werken — der Trilogie études, cahier und fleurs — sowohl lyrische als auch prosaische Elemente. Zunächst erwartet man als Leser aber eher Prosa und wird dann durch den starken lyrischen Einschlag überrascht. 

Wissen Sie, eigentlich, abgesehen von den genannten „Stopp-Momenten“, denke ich eigentlich nicht an den Leser und seine Erwartungen. Und ich würde auch nie etwas dem Leser zuliebe machen, was ich nicht vertreten kann, auch in Bezug auf die Gattung.

Sie überschreiten aber eben nicht nur die Grenzen der literarischen Gattungen, wie beispielsweise mit den genannten Hörspielen. Auch in der Trilogie gibt es, neben prosaischen und lyrischen Elementen, Einflüsse aus der Musik und der Malerei. So erschaffen Sie auch Klänge mit Worten, die beim Lesen zu hören sind. Welche Rolle würden Sie der Musik und der Malerei in ihren Texten zuweisen?

Eine sehr große Rolle. Ich höre beispielsweise, und das schon seit Monaten, beim Schreiben Skrjabin – ein wunderbarer russischer Komponist. Und eines der Stücke spiele ich auf meinem Grammophon ununterbrochen, immer wieder dasselbe Stück.

Und das können Sie immer wieder hören?

Ja, weil es so schön ist, weil es mich so sehr anregt. Ich glaube, ich kann es noch weiter, über Monate spielen. Es ist so wunderbar, weil es mich in eine unerhört aufgeregte Stimmung, die sich sehr produktiv auf mein Schreiben auswirkt, versetzt. Ich komme sozusagen dadurch in eine andere Bewusstseinssituation. Normalerweise höre ich am liebsten Bach, aber zum Schreiben brauch ich derzeit Skrjabin.

Oft nutzen Sie auch graphische Markierungen: unterstrichene Passagen, groß gedruckte Worte, Zeichnungen, Einrückungen. Handelt es sich dabei um Wegweiser für Ihre Leser? Versuchen Sie damit bestimmte Bedeutungen hervorzuheben oder überlassen Sie die Reflexion trotz dieser Markierungen Ihren Lesern?

Es ist so, dass ich alles in den Text mit hineinnehmen will, sowohl das Graphische als auch, unter Umständen, das Mitschwingen von Musik. Aber was für mich noch viel wichtiger ist als die Musik, ist die bildende Kunst. Ich habe sehr viele Texte über bildende Kunst geschrieben, sowohl über alte als auch über gegenwärtige Werke. Für mich ist die bildende Kunst ein Füllhorn, da könnte ich noch sehr viele Jahre damit arbeiten. Es kommt mir ins Innerste, gute bildende Kunst.

Wie kann man sich das vorstellen? Ist die bildende Kunst etwas, das Sie zum Schreiben anregt oder versuchen Sie sozusagen das Bild zum Text zu machen?

Immer wieder bekomme ich Aufträge etwas zur bildenden Kunst zu machen, was ich auch immer sehr gerne mache. Das heißt, ich stürze mich in das entsprechende Bild hinein, solange, bis ich darin untergehe. Dann kann ich mich damit völlig identifizieren und dann entsteht der Text eigentlich von selbst.

In ihrer Trilogie erteilen Sie der chronologischen Erzählweise eine Absage. Welche poetologische Funktion steckt dahinter und welche Bedeutung hat das für die Zeit- und Raumwahrnehmung?

Nun, dass der Text wirkt, als habe er keinen Anfang und kein Ende, ist beabsichtigt; es soll so sein. Daher fange ich die Sätze oft mit einem Kleinbuchstaben an, damit man eben nicht sagen kann, da fängt es an und dort hört es auf. Der Text soll fließen, laufen, von irgendwo kommt er dann zusammen an einem Punkt und läuft dann wieder auseinander.

Es ist also Absicht, ebenso wie die von Ihnen benutze Interpunktion?

Ja, ich verwende auch die Interpunktion auf eine ganz subjektive Weise. Es handelt sich um eine „Atem-Interpunktion“ – so wie ich selbst beim Sprechen die Atempausen setzen würde.

Ihr Schreibstil ist zweifelsfrei unverwechselbar, zudem fließen in die Trilogie auch ihre eigenen Erinnerungen mit hinein, die Ihren Lesern bestimmte Eindrücke vermitteln. Dabei betonten Sie in anderen Interviews oft, es gehe Ihnen nicht um die Handlung oder eine Botschaft. Wie wichtig ist Ihnen die Vermittlung einer Botschaft tatsächlich und welche Rolle spielt dabei die poetische Sprache? Wie entscheidend ist für Sie der Zusammenhang zwischen Ethik und Narration?

Also eine Botschaft will ich keineswegs vermitteln. Natürlich nimmt jeder aber für sich etwas heraus, seine Interpretation meiner Texte. Das merke ich besonders bei Lesungen. Da kommt immer etwas zum Hörer rüber, aber es ist meinerseits nicht beabsichtigt.

Es geht mir nie um den Inhalt oder um die Botschaft, vielleicht geht es mir eher um eine gewisse poetische Atmosphäre, dass diese in gewisser Weise bei meinen Lesern ankommt. Und das tut sie zumeist auch, so glaube ich, sehr gut. Das merke ich auch bei den drei jüngsten Werken. Ich bekomme viele Leserbriefe. In diesen schönen Briefen steht dann oft, wie das zu Herzen geht und natürlich freue ich mich darüber, wenn beim Lesen meiner Texte eine poetische Atmosphäre entsteht.

Was dürfen wir in Zukunft von Ihnen erwarten? Werke wie études, cahier und fleurs oder planen Sie ein ganz anderes neues Projekt?

Derzeit schreibe ich an einem Prosa-Werk, aber im Schreibprozess entstehen immer wieder Gedichte. Es soll aber Prosa bleiben, mal sehen ob das gelingt, ich weiß es noch nicht. Ich schreibe noch bis Ende des Jahres daran und im nächsten Jahr soll es dann erscheinen.

Interview: Christine Bossauer-Groß

Friederike Mayröcker

Friederike Mayröcker, geboren 1924 in Wien, veröffentlich seit 1956 Lyrik, Prosa und Hörspiele. Für ihr, häufig gattungsüberschreitendes, Werk wurde sie mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Georg-Büchner-Preis 2001, dem Hermann-Lenz-Preis 2009, dem Peter-Huchel-Preis 2010 sowie dem Bremer Literaturpreis 2011. Zu ihrem neusten Werk gehört die Trilogie études (2013), cahier (2014) und fleurs (2015).