Und auch Sie haben jetzt wohl endlich begriffen, dass hier etwas nicht stimmt?

Dass etwas nicht stimmt, zeigt Christiane Neudecker in ihrem neuen Erzählungsband Das Siamesische Klavier in sieben unheimlichen Geschichten. Schau ins Blau traf die Autorin und Regisseurin und sprach mit ihr darüber, was passiert, wenn sich in der Realität plötzlich ein Spalt auftut und das Andere, das Fremde unvermittelt in die Lebenswirklichkeit einbricht. Ein Fremdes, das auf die verschiedenartigsten Weisen unheimlich, unverständlich und irrational erscheint in einer Welt, in der vermeintlich alles logisch erklärbar ist. Doch auf eine logische Erklärung wird man zwischen tropischem Regenwald und einem idyllisch gelegenen Kinderferienhof, einer düsteren Free Fight-Arena und der lichtverschmutzten Metropole Hong Kong vergeblich hoffen - und gerade das macht die Erzählungen vor allem eines: unheimlich lesenswert.

SCHAU INS BLAU: Ihr neuer Erzählungsband Das Siamesische Klavier, der den Untertitel „Unheimliche Geschichten“ trägt, versammelt in seinen Erzählungen unterschiedlichste Formen des Unheimlichen, sowohl auf der inhaltlichen wie auf der narrativen Ebene. Was hat Sie dazu bewogen, dieses Genre als Thema Ihres neuen Buches zu wählen und den Blick auf das Phantastische, Unerklärliche und Beunruhigende zu richten?

CHRISTIANE NEUDECKER: Die Faszination für mich bestand in dem Versuch zu ergründen, was Realität ist. Mich hat schon immer interessiert, was geschieht, wenn sich die wahrgenommene Wirklichkeit ein wenig verschiebt und sich plötzlich ein Spalt auftut, eine Diskrepanz zwischen dem Davor und dem Dahinter. Dinge sind ja meistens nichts so, wie sie zunächst scheinen. Hinzu kommt, dass mich das spezielle Genre der unheimlichen Spannung, wie es etwa in den Hitchcockfilmen vorkommt, selbst schon immer fasziniert hat. Daphne du Maurier wäre da zu nennen, oder auch Marie Luise Kaschnitz. Diese Art des Schreibens wollte ich auf einen neuen Level der Aktualität heben.

SCHAU INS BLAU: Die Gegenwart, innerhalb derer sich diese unheimlichen Geschichten zutragen, ist ja auch innerhalb Ihres Textes ganz explizit geprägt von aktuellen Kontexten wie Globalisierung, Medialisierung und zunehmender Technisierung. Haben Sie für die Verarbeitung dieser Themenkomplexe bewusst auf ein uraltes Erzählmuster in der Art von „Schauergeschichten“ zurückgegriffen, um der zeitgenössischen Lebenswelt etwas entgegenzusetzen, sie zu brechen und die Diskurse der vermeintlich rationalistischen Lebenswirklichkeit nicht nur auf der Inhaltsebene, sondern schon vom Erzählmodus her zu unterlaufen?

CHRISTIANE NEUDECKER: Ja, diese Überlegung hat eine Rolle gespielt und war sehr reizvoll für mich. Es ist ein Trugschluss zu denken, heute wäre die Welt durchleuchtet. Dieser Glaube an die Berechenbarkeit der Wirklichkeit, diese scheinbare Kontrollierbarkeit der Welt, ist ja ein Irrglaube. Ich wollte daher sehen, was das Unheimliche heute ist und sein kann, welche Formen es annehmen kann. Mein schriftstellerischer Motor war also die Frage, was das Unheimliche in der Neuzeit sein kann, was eben heutzutage z.B. ein gefallener Engel oder ein Erlkönig ist. Auch der Transfer des Schlemihl-Motivs in die Gegenwart war spannend. In der Erzählung von Chamisso merkt jeder sofort beim zweiten Schritt Schlemihls, dass er keinen Schatten mehr besitzt, weil er einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hat, und meidet ihn. Aber was passiert mit diesem Motiv heute, was passiert, wenn jemand heute ohne Schatten durch eine lichtverseuchte Metropole wie Hong Kong läuft? Das würde niemandem auffallen.

SCHAU INS BLAU: Zudem arbeiten Sie sich mit diesem Band an einer langen Erzähltradition ab, in die Sie der Verlag auch explizit einreiht: das romantische Erzählen, das seinen Fokus auch auf die Nacht- und Schattenseiten des menschlichen Daseins richtet, das einen Blick für die melancholischen, unerklärlichen und düsteren Seiten des Subjekts entwickelt. Ein Erzählen, dass das Individuum erstmals in seiner Subjektivität wahrnimmt und ihm eine individuelle Perspektive zugesteht. Aber auch weitere romantische Topoi wie z. B. das spannungsvolle Verhältnis von Mensch und Natur werden in den Episoden immer wieder aufgegriffen. Kann man die Erzählungen also als eine bewusste Weiterführung der romantischen Erzähltradition in der Gegenwart lesen?

CHRISTIANE NEUDECKER: Das ist eine schwierige Frage. Ich komme ja vom Theater her, aber anders als beim Regieführen, bei dem man eine ganz bewusste Lesart eines meist schon hundertfach inszenierten Textes wählt, geschieht das Schreiben weniger mit kühlem Kopf. Ich schreibe aus dem Bauch heraus, stelle mich ganz in den Dienst der Geschichte, die ich erzählen möchte. Die Analyse der womöglich überlappenden Motive überlasse ich dann lieber dem Rezipienten – wenn er es denn möchte.

SCHAU INS BLAU: Die Tradition des romantischen Erzählens ist in diesem Kontext deshalb interessant, weil sie sich mit ihrer Hinwendung zum Subjekt und Subjektiven mit all seiner Zerrissenheit und Irrationalität ja unter anderem auch gegen das Vernunftpostulat der Aufklärung gerichtet hat. Somit wäre zu überlegen, ob diese Hinwendung zum Irrationalen, Nicht-Erklärbaren in der Gegenwart eine Fortführung dieses Konzepts in einer postaufklärerischen Zeit ist, in der die Maxime der menschlichen Vernunft als handlungsleitende Instanz – im philosophischen und ästhetischen Diskurs – bereits verabschiedet ist und ins Leere läuft.

CHRISTIANE NEUDECKER: Ich habe tatsächlich kein allzu hohes Vertrauen in die menschliche Vernunft. In einer Welt, die von Kriegsführung, Amokläufen, Folter, Terrorismus und Armut geprägt ist, muss man die Maxime des „sapere aude“ wohl als gescheitert betrachten. Wenn man sich etwa ein so schockierendes Kriegs-Dokument, wie es soeben von wikileaks (http://www.wikileaks.org/) veröffentlicht wurde, ansieht, ist der Glaube an menschliche Vernunft, bzw. an Menschlichkeit überhaupt, nur noch ein zerrütteter Trümmerhaufen. Schon möglich, dass also das Irrationale aus diesem Grund wieder eine größere Rolle spielt.

SCHAU INS BLAU: Ist das phantastische Erzählen somit ein ästhetisches Gegengewicht zu einer ‚Entzauberung der Welt‘, die in den alltäglichen und von vermeintlicher Logik geprägten Diskursen erkennbar ist? Dieses Phänomen ist ja auch innerhalb der Geschichten auszumachen, wenn die Figuren immer wieder z.B. um psychologische oder medizinische Erklärungen für das Erlebte ringen, die dann aber ins Leere laufen oder zumindest problematisch sind und uneindeutig bleiben, da sie immer auch andere Möglichkeiten zulassen, was passiert sein könnte.

CHRISTIANE NEUDECKER: Der Mensch trägt eine Sehnsucht nach Erklärbarkeit in sich. Das Unheimliche hingegen bleibt immer unerklärbar – und gerade das ist das Aufstörende. Auch der Leser wird also immer versuchen, in den Texten eine rationale Erklärung zu finden. Und teilweise biete ich die auch an. So könnten die Erlebnisse, die in der Erzählung des Free Fighters geschildert werden, auf ein Gehirntrauma zurückgehen oder der Erlkönigjäger kann wirklich von einem Industriekonzern aus dem Weg geräumt worden sein. Aber der Leser wird sich nie sicher sein. Es ging mir letztlich darum, unterschiedliche Antwortmöglichkeiten anzudeuten und verschiedene Lesarten zu ermöglichen.

SCHAU INS BLAU: Stellen die Erzählungen somit eine Form der „Arbeit am Mythos“ dar? Insbesondere wenn man an die Geschichte „Dunkelkeime“ denkt, die ja eine unheimliche Spielform der Metamorphosen Ovids sein könnte. Die niemals endende Arbeit am Mythos wäre dann, kein vermeintliches Erklärungsmuster für die Leerstelle mehr anzubieten, wie es das Narrativ des Mythos ja traditionell versucht, sondern das Unverständliche als solches zu belassen und sogar noch zu potenzieren, indem mehrere konkurrierende Erklärungsmodelle nebeneinander im Text stehen und ins Leere laufen.

CHRISTIANE NEUDECKER: Man hat als Autor ja immer den Anspruch, etwas Eigenes zu schaffen, auch wenn man literarische Motive mit einer großen Tradition bearbeitet. Das Spannende dabei ist ja, sich zu fragen, wie man ein Motiv des Schattensverlusts oder eines Teufelspakts ins Heute transponieren kann. Ein bisschen größenwahnsinnig muss man dazu wahrscheinlich schon sein… (lacht)

SCHAU INS BLAU: Die Kategorien, die die Beschreibungsgrundlage von Welt zur Verfügung stellen und eine Einteilung in wahr und falsch, Realität und Fiktion ermöglichen und somit eigentlich Garant des Verstehens sind, sind innerhalb der Erzählungen ja außer Kraft gesetzt oder werden zumindest in Frage gestellt. Ist diese Form des Erzählens eine Möglichkeit, sich innerhalb des literarischen Textes dem Umgang mit Welt auf eine differenziertere Weise anzunähern, indem sich dieses Erzählen bewusst einer Hermeneutik entzieht, also der Doktrin und Möglichkeit des Verstehens eine Absage erteilt und so das Unverstehbare, Unerklärliche und Irrationale innerhalb des Textes als Fremdes belässt und ihm seine Andersheit zugesteht?

CHRISTIANE NEUDECKER: Wie gesagt: ich halte die Welt durchaus nicht für „durcherklärt“ – auch wenn sie gerne so wahrgenommen wird. Daher interessiert mich das Kaleidoskop des Möglichen. Meine „Unheimlichen Geschichten“ zeigen die unterschiedlichsten, sich teilweise widersprechenden Versionen von Wahrheit auf. Wer genau liest, wird in jeder Geschichte meine persönlich favorisierte Realität erkennen. Aber die unterschiedlichen Lesarten und Perspektiven der Leser sind mir natürlich nur willkommen, denn es gibt ja nie nur eine einzige Wahrheit. Vieles ist perspektivisch, und wenn jemand eine andere Perspektive auf denselben Sachverhalt hat, wird am Ende eine andere Wahrheit dastehen. Auch bei sich selbst kann man das beobachten: etwas, das man heute erlebt hat und als Wahrheit erzählt, kann man morgen schon ganz anders erinnern und somit eine andere Version dieser Wahrheit kommunizieren, die aber auf denselben Sachverhalt Bezug nimmt.

SCHAU INS BLAU: Auch der Leser wird ja immer wieder in diese unheimliche Atmosphäre mit hineingenommen und förmlich eingesponnen, indem ihm die Beurteilung, ob es sich bei den dargestellten Ereignissen um tatsächlich stattgefundene oder nur imaginierte handelt, unmöglich gemacht wird. Das Schlüssige und Unschlüssige werden somit in der Schwebe gehalten und dem Leser die Bedeutungszuschreibung und Deutungshoheit über das Verstehen entzogen. Geht mit dieser Demontage einer sicheren Position und der damit verbundenen Destabilisierung der eigenen Wahrnehmung auch die Beschreibung eines Vertrauensverlustes einher, der eine Folge der viel beschworenen Orientierungslosigkeit angesichts der komplexen und ausdifferenzierten Lebenswelt ist?

CHRISTIANE NEUDECKER: Sicherheit ist ja ohnehin immer ein Trugschluss, und diese Grundhaltung spiegelt sich auch in den Erzählungen und Erzählstimmen wider. Der Erzähler der ersten Geschichte spricht diese Leserwarnung vor einer vermeintlichen Sicherheit ja auch selbst aus, wenn er konstatiert: „Man kann niemandem mehr trauen“. Solche Aussagen treffen zu können, gepaart mit dem permanenten Höherschrauben der Phantasien der Figuren, machen mir als Autorin Spaß und bieten immer neue Möglichkeiten. Es wäre daher z.B. auch sehr spannend, diese sehr monologisch gehaltene Erzählung auf dem Theater umgesetzt zu sehen. Sie bietet einem Schauspieler viel Futter.

SCHAU INS BLAU: Insbesondere die Titelgeschichte, die Sie gerade erwähnt haben, stellt sich ja ohnehin als eine geradezu programmatische Erzählung für den gesamten Band dar. Nicht nur, weil sie an prominenter Stelle steht und dem Buch den Titel gibt, sondern auch, weil gerade in dieser dort eingenommenen Haltung der permanenten Verunsicherung das Erzählprogramm der Unheimlichen Geschichten bereits angedeutet zu sein scheint: wiederkehrende Motive wie die radikale, unzuverlässige Subjektivität der Perspektive einer Person, die Verquickung von vermeintlich realistischen und phantastischen Elementen, denen jegliches Referenzsystem in der wahrnehmbaren Lebenswelt fehlt oder die Unzuverlässigkeit der Erzählinstanz.

CHRISTIANE NEUDECKER: Als Autorin besitze ich glücklicherweise die Freiheit, solche Erzählprogramme aufstellen und diese dann gleich wieder unterwandern zu können. Es macht Spaß, die Lesererwartungen immer wieder erschüttern zu können. So kann in einer Erzählung eine Erwartung aufgebaut werden, die dann in der nächsten wieder eingerissen wird. Es ist also ein Spiel mit der permanenten Selbstbrechung, selbst das Unsichere bleibt dadurch unsicher, es kann sich plötzlich in Sicherheit verkehren.

SCHAU INS BLAU: Stellen die Erzählungen in diesem Band somit die ‚Lesbarkeit der Welt‘ durch den Menschen in Frage? In dem Sinn, dass die Geschichten versuchen, die Grenzen des menschlichen Verstehens auszuloten, die sich letztlich in den Grenzen der Bezeichenbarkeit der Welt durch Sprache manifestieren. Liegen diese Grenzen also in der zunehmenden Ununterscheidbarkeit zwischen Realität und Fiktion, die sich der Beschreibbarkeit entzieht, weil die Realität selbst eine Simulation ist, oder im Medium der menschlichen Sprache, das nur einen defizitären Modus der Darstellung zulässt, weil die Welt über das kulturell vorgegebene Code-System hinausweist?

CHRISTIANE NEUDECKER: An dieser Stelle muss ich als Schriftstellerin die Sprache als solche verteidigen, denn sie kann viel, sehr viel, obwohl sie ein anachronistisches Medium ist und eine gewisse Doppelzüngigkeit besitzt. Ich glaube an die Macht der Worte. Aber es stimmt natürlich: allein durch die Umsetzung von z.B. Gefühlen in Sprache gehen viele Dinge verloren. Oft kann man sich Phänomenen durch sprachliche Ausdrucksform nur annähern.

SCHAU INS BLAU: Das Vertrauen in die Kommunikation wird aber spätestens dann wieder grundlegend erschüttert, wenn sich diese nicht mehr unmittelbar vollzieht, sondern weitere Medien ins Spiel kommen wie das Handy oder Internet. Ist dieser multimediale Austausch mit einem anwesenden Abwesenden das eigentlich unheimliche Element, das ja auch in den beiden Geschichten „Dunkelkeime“ oder „J’adoube“ eine entscheidende Rolle spielt?

CHRISTIANE NEUDECKER: Zwischengeschaltete Medien bergen natürlich immer ein Verfälschungsrisiko in sich. Wir haben allerdings – ich eingeschlossen – ein so hohes Vertrauen in diese Kommunikationsformen entwickelt, dass wir das häufig vergessen. Diese Scheinsicherheit aufzuzeigen und mit der ihr eigentlich zugrunde liegenden Anonymität zu spielen, war mir ein großes Anliegen. Denn das direkte, reale Gespräch zwischen zwei Menschen halte ich auch heute noch für unersetzbar.

SCHAU INS BLAU: Bei einigen Erzählungen wird ja auch ein spannungsvolles Wechselverhältnis von Metaphysik und Kontingenz erzeugt, wenn man z.B. an den „Carpenter-Effekt“ oder auch die Erzählung „J’adoube“ denkt. Sowohl eine ungreifbare, von irgendwoher kommende Ordnung der Welt wie auch das absolute Prinzip des Zufalls können also der Motor für die Geschehnisse sein?

CHRISTIANE NEUDECKER: Ich fühle mich ein bisschen unwohl dabei, die Geschichten so analytisch zu betrachten. Denn letztendlich steht ja die Erzählung als solche im Vordergrund, die Figuren und deren Konflikt, der Kosmos, in den der Leser hinein gesogen wird. Aber: ja – manche Geschehnisse sind scheinbare Kettenreaktionen, andere sind so nicht vorhersehbar. Ganz wie im wirklichen Leben.

SCHAU INS BLAU: Trägt die Einsicht in die Manipulierbarkeit der Wahrnehmung und die Grenzen der menschlichen Sinneseindrücke, mit denen die Figuren immer wieder konfrontiert werden, auch zu einer Auflösung der Identität bei, mithilfe derer man sich ja generell in der Welt zu verankern und verorten versucht? Immerhin wird die Frage der Identität ja immer wieder aufgeworfen, sie es anhand der Geschlechtsidentität, der Identitätslosigkeit, die sich in der geisterhaften Transparenz der Erscheinung äußert bis hin zur drohenden Auflösung jeglicher Identität.

CHRISTIANE NEUDECKER: Das Selbstbild des Menschen ist ja fiktiv, so gefestigt es auf den ersten Blick auch erscheinen mag. Jedes „Ich“ gerät, wenn es mit Unvorhersehbarem konfrontiert wird, ins Wanken, neue Seiten zeigen sich – der eigene Charakter entpuppt sich als dehnbarer Begriff. Dieses Rütteln an menschlichen Selbstbildern hat mich gereizt. Der Softwarekünstler beispielsweise erscheint anfangs als gottgleicher Techniker, der Dinge schaffen und verändern kann, wie es ihm beliebt. Aber sobald er seinen Schatten verliert, wird er machtlos, und diese Situation wird dann zu einer spannenden Grundkonstellation dieser Geschichte.

SCHAU INS BLAU: Ist eine Erzählung wie die des Free Fighters dann ein Versuch, dieser flüchtigen Identität entgegenzuwirken, indem sich innerhalb des Kampfgeschehens der physischen Materialität des Körpers vergewissert wird?

CHRISTIANE NEUDECKER: Ja. Auch hier war wieder der Gedanke des Kaleidoskops entscheidend, der sich in der Anordnung der Geschichten ausdrückt. Das Unheimliche erscheint in den unterschiedlichsten Formen: Im „Carpenter-Effekt“, der der Freefight-Geschichte vorausgeht, werden die Mädchen immer durchscheinender, sie schweben nahezu über dem Boden. Deshalb war im Anschluss eine Figur wichtig, die geerdet ist, die mit beiden Beinen fest auf dem Boden steht, dem Bretterboden des Rings. Doch auch so jemand kann mit dem unheimlichen Element konfrontiert werden. Ein starkes Körperbewusstsein schützt nicht vor geistiger Erschütterung.

SCHAU INS BLAU: Liebe Christiane Neudecker, wir danken Ihnen sehr herzlich für dieses Gespräch!

Das Gespräch mit Christiane Neudecker führte Agnes Bidmon.

Christiane Neudecker
http://www.phase7.de

Christiane Neudecker, geb. 1974, studierte Theaterregie an der “Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch” in Berlin. Sie ist Regisseurin beim Berliner Künstlernetzwerk phase7 performing.arts (www.phase7.de). 2005 erschien ihr begeistert aufgenommenes Erzähldebüt “In der Stille ein Klang”, 2008 ihr erster Roman “Nirgendwo sonst“, für den sie den August-Graf-von-Platen-Förderpreis und den Förderpreis für Kunst und Wissenschaft der Stadt Nürnberg erhielt. Neudecker hat für ihr Schreiben zahlreiche weitere Auszeichnungen erhalten, u.a. den Wolfram-von-Eschenbach-Förderpreis, den Alfred-Gesswein-Preis und das Arbeitsstipendium des Deutschen Literaturfonds 2009. 2010 erschien “Das siamesische Klavier” und 2013 der Roman “Boxenstopp”.