„Rot“

Da geht ein Ruck durch die Maschine. Ich will den Blick abwenden. Doch das Schauspiel eines vorbereiteten Supraraum-Sprungs ist zu faszinierend. Es wird ein Loch in die Materie gerissen. Die Turbinen schießen Materiesäure in das All und zersetzen es an einer Stelle. Der einsetzende Mahlstrom saugt das Schiff bald ein. Wenn die grauen Schwaden daraus hervortreten, werden sie weg sein. Und in zwei Wochen wieder daheim. Das Loch in der Materie bleibt. Für sehr lange Zeit. Weltraumsmog.

Tod über mir. Tod unter mir. Tod links und rechts.
Und es ist so still. Ein Ozean der Ruhe.
Dass ich hier sterben werde, steht so fest wie das „Ein kleiner Schritt für mich“ auf dem Mond.
Denn deshalb schwimme ich hier. Treibe entlang und starre sehnsuchtsvoll zurück. Ich bin ein Ausgestoßener. Jedoch nicht weil ich etwas verbrochen habe. Ich habe nie jemandem etwas zu leide getan. Habe meinen Hund nicht getreten und meine Frau nicht angeschrien.
Ich bin einfach schlecht in Stein, Schere, Papier. Das ist der Grund für meinen baldigen Tod. Ironie?
Möglich. Wenn ich lachen könnte, würde ich es wohl. Nur würde das meinen sowieso begrenzten Vorrat an gepresster Luft noch mehr schmälern. Zwar ist mir klar, dass ich bald ein treibendes Stück Weltraumschrott mit Fleischfüllung sein werde, doch ich klammere mich an mein Leben wie an einen rettenden Baumstumpf im Meer.
Hinter mir treibt das große Stück Metall umher. Ein Wunderwerk der Technik. Der real gewordene Traum der Menschheit: Zu den Sternen fliegen. Hyperion III.
Und nun wurde dieses Wunderwerk Sondermüll. Einfach so. Die Triebwerke gaben den Geist auf. Und plötzlich fiel die Photosynthese-Maschine aus. Keine Frischluft mehr. Nur noch ein Sauerstofftank mit Pressluft, der für zehn Mann Besatzung genau eine Woche reichen würde. Der Supraraumsprung ermöglicht einen Flug zum Mars in zwei Wochen. Schade aber auch. Und hier schwebt er vor mir. Der rote Planet. Unser aller Tod.
Fünf Mann mussten abspringen, damit der Rest mit der Pressluft zurück zur Erde fliegen konnte. Aus dem Bericht des Colonels hörte es sich so an, als wäre die Photosynthese-Maschine irreparabel, die Triebwerke jedoch nur geringfügig beschädigt. Eigentlich eine einfache Rechnung. Entweder sterben fünf Leute oder zehn. Das Problem ist nur, dass niemand unter den fünf sein will, die springen. So etwas wie Heldenmut gibt es nicht mehr, seit die Menschen bis zu 250 Jahre alt werden. Je mehr man vom Leben hat, desto heftiger versucht man es zu beschützen. So musste schließlich das Los entscheiden.
Wir hätten würfeln sollen. Da hatte ich immer Glück. Nur rollen die Dinger in der Schwerelosigkeit nicht sonderlich gut. Also Stein, Schere, Papier. Und ich musste wie immer Schere nehmen. Typischer Anfängerfehler.
Da geht ein Ruck durch die Maschine. Ich will den Blick abwenden. Doch das Schauspiel eines vorbereiteten Supraraum-Sprungs ist zu faszinierend. Es wird ein Loch in die Materie gerissen. Die Turbinen schießen Materiesäure in das All und zersetzen es an einer Stelle. Der einsetzende Mahlstrom saugt das Schiff bald ein. Wenn die grauen Schwaden daraus hervortreten, werden sie weg sein. Und in zwei Wochen wieder daheim. Das Loch in der Materie bleibt. Für sehr lange Zeit. Weltraumsmog.
Ein Raumanzug hat Luft für 24 Stunden. Wenn wir alle 15 Stück an Bord benutzen könnten, hätten sie mich mitnehmen können. Doch nur fünf waren noch brauchbar, als sie nach der großen Panne gecheckt wurden. Sabotage. Aber warum? Der Colonel leitete natürlich eine Untersuchung ein. Doch viel Zeit blieb dafür nicht. Die Luft wurde knapp.
Dieser Anzug ist mein Sarg. Hochtechnisiert, hält Temperaturen von -500 bis +500 Grad Celsius stand. Selbst ein Trümmerteil mit einer Geschwindigkeit von 50 km/h könnte die robuste Oberfläche nicht durchtrennen. Aber im Moment ist das alles unwichtig. Das wichtigste für mich ist jetzt der eingebaute Musikplayer. „Wagner“, sage ich laut. Und Abe, mein Anzug-Computer, spielt den Walkürenritt. Wenn ich schon untergehe, dann mit Pauken und Trompeten, wie man so schön sagt. Ich bin eben leicht theatralisch veranlagt.
Das Schauspiel steigert sich mit der Musik. Die Materiesäure schießt in grünen und weißen Strahlen aus den Turbinen und implodiert an der Stelle, wo die beiden Strahlen sich treffen. Sie reißt in einem Spektakel aus Wolken und hellen Lichtblitzen Löcher ins All. Damit ist der Supraraum offen. Die führenden Köpfe der Forschung bezeichnen ihn mittlerweile als Paralleluniversum. Manche warnen vor seiner Benutzung. Zu Recht, wie ich meine. Auf meinem Flug zum roten Planeten war ich von einem ständigen Gefühl der Bedrohung befangen. Etwas lauert dort in den grauen Schwaden des Supraraums.
Es mag lächerlich klingen, aber ich glaube mittlerweile daran, dass die Menschheit diese Welt niemals hätte betreten dürfen. Im Supraraum fließt die Zeit schneller. Man erkennt nichts in den grauen Schwaden, nur manchmal bemerkt man Schatten von Planeten, die vorbeiziehen. Und eindeutig in unserem All nicht existieren. Doch die Erde gibt es dort ebenso wie den Mond und den roten Planeten. An ihren Formen orientiert sich der Pilot, wenn er den Scan der Fühler des Raumschiffs auswertet. Die restlichen Planeten dort geben nichts als Rätsel auf.
Plötzlich bricht das Schauspiel ab. Die Supra-Schwaden ziehen sich zurück in den Riss.
Ich fasse es nicht. Hyperion… zerbricht.
Wie ein Keks, der in der Mitte von starken, unsichtbaren Händen zerbröselt wird.
In der Ferne kann ich drei der Crew-Mitglieder erkennen, die wie ich zum Sterben ausgesetzt wurden. Diese drei sind in der Nähe des Schiffs geblieben. Sie schießen wie von einer mächtigen Druckwelle getroffen durch das All. „Musik aus, Funk an!“, befehle ich Abe hastig.
Sie schreien. Beten. Betteln. Der Spanier fleht die Gottesmutter um Gnade an.
Doch sein Flug wird nicht enden, bis er auf ein festes Objekt trifft. Und daran zerschellt. Meine Hände verkrampfen sich. Was in Gottes Namen war das? Rauschen.
Ich stelle die Frequenz auf die anderen Crew-Mitglieder ein. Rauschen.
Dann nichts mehr. Wieder völlige Stille.
Ich bin allein. Sie sind nun alle tot. Der Gedanke brennt sich in mein Gehirn. Panik durchströmt mich. Ich hatte mich mit einem langsamen Tod abgefunden. Hin und wieder mit den Kollegen über Funk reden und dann irgendwann… abtreten. Aber nun?
Plötzlich rauscht es wieder im Funk. Geräusche. Klicken. Gurgeln.
„Lautstärke hoch“, flüstere ich gebannt.
„Sie… mich… Nein!“, kommt es leise aus den Lautsprechern. „Wir… niemals… Nicht!“ Richard! Der fünfte Ausgestoßene. Ich kann ihn nirgends erblicken. Mit wem unterhält er sich? Sind etwa noch andere am Leben?
Ein Schrei fährt gellend durch meinen Kopf. Trommelfelle brüllen gequält auf.
Als wieder Stille eintritt, fiepen meine Ohren immer noch. „Lautstärke runter!“, knirsche ich mit schmerzverzerrtem Gesicht.
Genug.
Die Stimme schallt ohne Vorwarnung und viel zu laut durch die eben regulierten Lautsprecher. Der Colonel! Ich sehe ihn vor mir. Er unterbindet eine Diskussion über Quantenphysik. Genug. Mehr braucht es nicht. Er blickt wütend in die Runde. Alle beteiligten starren schweigend zurück, warten auf weitere… Plötzlich ist das Bild weg.
Und das Chaos bricht aus. Eine Flut von Bildern überschwemmt meinen Geist.Wir, sagt meine Frau, werden, mein Englischlehrer, euch, mein bester Freund, nicht mehr dulden, Bush. Genug, sagt der Colonel. Und starrt mir direkt in die Augen. Dort brennt ein Feuer, das meinen Verstand verzehrt. Gerechter Zorn.
Das Traurige ist, ich kann ihm nicht widersprechen. Kann ihn nicht entkräften. Sie haben Recht. Wer sie auch sind. Genug.
Der rote Planet brennt vor Zorn. Ich fühle seinen siedend heißen Blick und schäme mich. So sehr. Die Wunden, die wir reißen, heilen zu langsam. Die Narben des Universums werden schrecklich sein, selbst dann noch, wenn die Menschheit längst Vergangenheit ist.
Mars. Krieger. Rächer. Bestrafer.
„Nimm mein Opfer an“, flüstere ich, „für den Rest von ihnen. Und vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“
Ich atme tief durch.
„Sauerstoff abwerfen.“
Abe gehorcht. Folgsam.
Ohne Hinterfragen.
Ohne Gnade.

Von Julian Schumertl

Julian Schumertl

Julian Schumertl ist ein Autor von Kurzgeschichten. Er schreibt unter dem Pseudonym „Bluff of God“, für das Portal kurzgeschichten.de wo er schon mehrere seiner Geschichten veröffentlicht hat. 2010 wurde die Geschichte Der See von einem Medienteam als Hörspiel vertont.