Transkulturalität und digitale Medien

Ob wikipedia, facebook, twitter oder tinder – digitale Medien sind ein stetig wachsender und mittlerweile beinahe unverzichtbarer Teil unseres Alltags geworden. Nicht nur „digital natives“ bewegen sich souverän und routiniert durch das „World Wide Web“, auch der Normalanwender überwindet nationale Grenzen und baut Brücken zwischen Kulturen. Dieses Grenzen überschreitende Phänomen ist in diesem Umfang neuartig. Deshalb sind noch zahlreiche Fragen offen. In diesem Artikel möchte der Verfasser der Frage nachgehen, ob sich dieses „Neue“ mit dem Begriff „Transkulturalität“ des Kulturphilosophen Wolfgang Welsch adäquat beschreiben lässt. Anhand der Begriffe Flows, Differenzen, Hybridität und Zugehörigkeit werden transkulturelle Phänomene und digitale Medien korrelativ miteinander in Verbindung gesetzt. Das Praxisfeld „digitale Medien“ bietet ein hervorragendes Prüfungsfeld für die Transkulturalitätstheorie, diese wiederrum – sollte sie der Prüfung standhalten - ein geeignetes Erklärungsmodell für die verbindenden und eröffnenden Möglichkeiten von „digitalen Medien“.

1. Einleitung

Der Blick ins Lexikon ist dem Klick auf die Online-Plattform Wikipedia gewichen. Anstatt eines Briefes oder eines Anrufs erhält man eher Emails, Whatsapp- oder Facebook-Nachrichten. Kochbar.de oder Chefkoch.de haben sogar im elterlichen Wohnhaus das Blättern im Kochbuch ersetzt. Die aufwendige und etwas peinliche Kontaktanzeige wird durch die Partnersuche auf Plattformen wie Tinder ausgetauscht. Die Liste ließe sich so weiterführen, jedoch sollte deutlich geworden sein, dass digitale Medien zum Alltag der meisten modernen Menschen beinahe untrennbar dazugehören. Insofern lässt sich ohne ernsthaften Widerspruch mit Rudolf Kammerl sagen: „Mediatisierung weist im Kontext anderer gesellschaftlicher Transformationsprozesse eine Sonderstellung auf, da sie alle Lebensbereiche durchdringt, alle Gesellschaftsgruppen erfasst und eine besonders starke Dynamik aufweist“ (Kammerl 2014: 19). So trat durch eine Langzeitstudie der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender ARD und ZDF zum Thema Massenkommunikation zutage, dass sich die Mediennutzungszeit zwischen 1970 (durchschnittlich 219 Minuten pro Tag) und 2005 (durchschnittlich 599 Minuten pro Tag) beinahe verdreifacht hatte (vgl. Kammerl 2014: 19f.). Einen großen Anteil an dieser Entwicklung hatten und haben digitale Medien die – anders als in der öffentlichen Wahrnehmung – nicht nur von Jugendlichen und jungen Erwachsenen genutzt werden, sondern in jeglicher Altersgruppe an Popularität gewinnen oder schon erfolgreich sind (vgl. ebd.: 20). Zahlreiche Studien bestätigen seit der Jahrtausendwende die herausragende Rolle der digitalen Medien in allen Bereichen des menschlichen Lebens (vgl. u.a. van Eimeren/Frees 2013; Wagner/Gebel/Lampert 2013; Barthelmes/Sander 2001). Die Möglichkeiten zur Kommunikation und Partizipation wurden erheblich ausgeweitet und ihr Zugang vereinfacht. Etablierte Begriffe und Modelle werden dadurch erheblich in Frage gestellt. Wie kann beispielsweise unter Einbezug digitaler Medien heute von Kultur gesprochen werden? Existieren stringente Modelle, die eine Mediennutzungspraxis, wie sie durch digitale Medien geschieht, beschreiben und erklären können?

Gleichzeitig könnte man von der Theorie eines neuen Kulturbegriffes, wie ihn die Transkulturalität verwendet, ausgehen und nach den praktischen Auswirkungen u.a. in den digitalen Medien fragen. Könnten die digitalen Medien virtuelle Orte der Begegnung, Öffnung und Grenzüberwindung sein? Bieten diese Medien vielleicht optimale Bedingungen für transkulturelle Phänomene?

2. Was ist ‚Transkulturalität’? – Ein kurzer Überblick

Das Transkulturalitätskonzept geht im deutschsprachigen Raum vor allem auf die Arbeiten des Kulturphilosophen Wolfgang Welsch zurück (vgl. Welsch 1994). Damit setzt sich Welsch von klassischen Kulturentwürfen ab, die Kulturen als einheitliche, abgeschlossene und gegeneinander abgegrenzte Modelle im Sinne von Nationalkulturen begreifen (vgl. Welsch 2010: 36). Insbesondere gegen eine extensionale Bestimmung von Kultur, wie sie sich im 18. Jahrhundert bei Johann Gottfried Herder findet, der Kulturen als Kugeln versteht, positioniert sich Welsch (vgl. ebd). „[J]ede Nation hat ihren Mittelpunkt der Glückseligkeit in sich wie jede Kugel ihren Schwerpunkt,“ (Herder [1774] 1967: 44f.) hieß es noch bei Herder. Dieses homogene ab- und ausgrenzende Kugelmodell gilt es nach Welsch zu überwinden, da es in der heutigen modernen Gesellschaft bereits überholt und somit hochgradig fiktiv bzw. imaginär sei (vgl. Gippert 2011: 17). Welsch nennt es gar „kultur-rassistisch“ (Welsch 1994: 90).

Um das Kugelmodell zu dekonstruieren setzt Welsch ihm das Konzept der Transkulturalität entgegen, mit dessen Hilfe die „Kugeln“ aufgesprengt werden sollen. Für ihn sind Kulturen „intern durch eine Pluralisierung möglicher Identitäten gekennzeichnet und weisen extern grenzüberschreitende Konturen auf“ (ebd.: 84; Kursivsetzung durch H. M.). Somit trägt Welsch der inneren Komplexität und Heterogenität der einzelnen Kulturen Rechnung und weist gleichzeitig auf die zahlreichen, überaus verflochtenen Vernetzungen und Binnenströme zwischen den Kulturen hin. Dabei ist nicht nur der Makrokosmos (Milieus, Ökonomie, Kunstbetrieb, etc.) einer Gesellschaft von transkulturellen Phänomenen betroffen, sondern auch der Mikrokosmos (das einzelne Individuum) (vgl. Gippert 2011: 17). Es wird deutlich, dass es Welsch um ein umfassendes Erklärungsmodell kultureller und gesellschaftlicher Zusammenhänge geht. Die Effizienz dieses allgemeinen Modells lässt sich erst in der Betrachtung einer konkreten soziokulturellen Formation beurteilen. Dies soll anhand der digitalen Medien geschehen.

3. Transkulturalität und digitale Medien – Momente einer Korrelation

Der Glücksfall des Theoretikers ist das Experiment als Anwendungsversuch in der Praxis. Als Wolfgang Welsch den Begriff „Transkulturalität“ prägte, nahm er für sich in Anspruch, Wirklichkeit deskriptiv zu beschreiben. Dabei handelte es sich sicherlich um ein löbliches Unternehmen, jedoch konnte man den Verdacht nicht von der Hand weisen, dass Welsch reduktionistisch vorgeht, wenn er über dem hochkomplexen Gebilde „Kultur“ den recht eindimensionalen Überbegriff „Transkulturalität“ platziert. Lässt sich Welschs Konzeption in einem Gebiet erproben? Die digitalen Medien bieten nach Meinung des Verfassers ein optimales Prüfungsfeld für die Transkulturalitätstheorie, die sich nun innerhalb eines eingrenzbaren innovativen Bereichs beweisen muss.

Gleichzeitig könnte, das Konzept der Transkulturalität zu einer treffenden Beschreibung des Kulturraums „Word Wide Web“ beitragen und bei Begriffsbildungen auf der Ebene der Reflexion weiterhelfen. Die anschließenden Grundkonzeptionen „Flows“, „Differenzen“, „Hybridität“ und „Zugehörigkeit“ bieten Anknüpfungspunkte um sich der Verhältnisbestimmung von Transkulturalität und digitalen Medien zu nähern.

Die nachfolgenden Hauptkategorien, die grobe Gliederung und zahlreiche Anregungen verdankt der Verfasser den sehr empfehlenswerten Arbeiten von Christina Schachtner, die sich besonders mit der Trias „Transkulturalität – Digitale Medien – Bildung“ beschäftigen (vgl. Schachtner 2009; vgl. auch Schachtner 2014).

3.1 Flows

Der Kulturanthropologe Ulf Hannerz prägte schon 1997 den Begriff „Flows“, um damit die dynamische Prozesshaftigkeit von Phänomenen und Dingen zu bezeichnen (vgl. Hannerz 1997: 4). Diese zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht statisch an ihrem Platz bleiben, sondern emergieren, expandieren, sich bewegen und sich öffnen. Gesellschaften und Kulturen werden durch sie durch- und überkreuzt, wobei sie Spuren und Verbindungen hinterlassen. Diesen „Flows“ begegnet man in zahlreichen Feldern des sozialen Lebens, so beispielsweise auf dem Finanzmarkt, dem Warenmarkt, in den Medien und der Technologie (vgl. Appadurai 1990; vgl. Appadurai 1995). Es ist dann u.a. von „Kapitalströmen“, „Warenströmen“, „Bilderströmen“, „Informationsströmen“ und „Kommunikationsströmen“ die Rede. Wobei vor allem die Informations- und Kommunikationsströme, durch die stetige Ausweitung der digitalen Medien in den menschlichen Alltag hinein, heute besondere Relevanz haben. Zwar wurden auch diese „Flows“ nicht erst mit der Entwicklung digitaler Medien geboren, jedoch lässt sich explizit bei diesen beobachten, dass sie sich in den letzten Jahrzehnten hinsichtlich ihrer Gleichzeitigkeit, ihrer Intensität, ihrer Geschwindigkeit und ihrer globalen Wahrnehmbarkeit deutlich verändert haben. Ihre Struktur gleicht einem offenen Netzwerk, ihre Architektur einem ständigen Übergang (vgl. Schachtner 2009: 5). Dadurch ist die Welt sozial, politisch, ökonomisch und kulturell miteinander verbunden. „Flows“ kennzeichnen somit flüssige und in gewisser Weise auch flüchtige offene Netzwerke, deren Anfang und Ende häufig im Dunkeln liegt (vgl. Winter 2010: 149). Es lässt sich jedoch ihr Einfluss feststellen. Computer, Fernseher, Radios, mobile Endgeräte – also eine Bandbreite an elektronischen Medien – sind Teil der Büros, Wohn-, Schlaf- und Kinderzimmer und des öffentlichen Raumes geworden. Besonders die digitalen Medien erfreuen sich immer höherer Popularität und werden zum alltäglichen Begleiter (vgl. Röser/Großmann 2008: 93). Dabei werden durch multimediale Inhalte – Bilder, Texte und Informationen – Werte, Lebensstile und Strategien in sämtliche Lebensbereiche transportiert, in denen sich digitale Medien etabliert haben (vgl. Schachtner 2009: 5). Diese Prägekraft kann nicht hoch genug geschätzt werden, so dass Römer und Großmann sogar von einer „‚Mediatisierung‘ von Alltag“ (Röser/Großmann 2008: 93) sprechen. „Flows“ bleiben in Bewegung, treffen einander und durchkreuzen sich. Wo sie sich annähern oder berühren, entstehen nach Hannerz sogenannte „boundaries“ – Grenzen oder besser Grenzregionen -, die Verschwommenheit, Ambiguität und Ungewissheit Raum geben. Das Aufeinandertreffen der „Flows“ ermöglicht also die Bildung einer „wilden Zone“, die es noch zu organisieren und zu defragmentieren gilt. Es entsteht ein weiterer „Flow“ als Collage der vorherigen „Flows“. Dazu schreibt Schachtner: „Sie [die Grenzbereiche; Anm. d. Verf.] stehen für kulturelle Spielräume, in denen man Ansichten, Werte und Lebensstile neu kombinieren kann, wo etwas entsteht, das weder der Eigenkultur noch der Fremdkultur zugerechnet werden kann, sondern ein Dazwischen bildet“ (Schachtner 2009: 5).

3.2 Differenzen

Spätestens seit dem herausragenden Erfolg der sozial-empirischen Sinus-Milieu®-Studie Ende der siebziger Jahre befindet sich die These von der Homogenität einer Kultur in Begründungsschwierigkeiten und ist de facto nicht mehr haltbar. Es lässt sich heute mit Krüger-Potratz sagen, dass sich hinter Erzählungen von „sprachlicher, ethnischer, kultureller und nationaler Homogenität“ (Krüger-Potratz 2006: 133f.) einer Kultur wohl eher Märchen verbergen.

Andererseits liegt die Rede von „Differenzen“ und „Heterogenitäten“ in einer globalisierten Welt, die auf Vereinheitlichung und Standardisierung des Denkens, der Sprache, des Geschmacks, der Organisation von Bildung, der Mode, der Architektur und den Verhaltenskodizes im virtuellen Raum drängt, nicht unbedingt auf der Hand (vgl. Schachtner 2009: 5). Besonders innerhalb digitaler Medien lässt sich ein solcher Trend beobachten, der den Ergebnissen der Lebenswelt-Studien diametral entgegengesetzt ist.

Jedoch lässt sich der scheinbare Widerspruch auflösen, indem man eine gewisse Homogenisierung – beispielsweise der Sprache – als Bedingung der Möglichkeit von Kommunikation begreift. Virtuelle Orte haben grenzüberschreitenden Charakter – in diesem Sinne könnte man auch von Nicht-Orten sprechen – und ermöglichen bzw. fördern, wie nie zuvor ein Medium, das Zusammentreffen von Menschen aus verschiedenen Nationen, Kulturen und soziokulturellen Milieus (vgl. Schachtner 2009: 5). Die Kommunikationsfähigkeit des Menschen liegt in einer anthropologischen Grundkonstitution begründet, die als Synthesis von Differenz und Konsens gilt. Erst in dieser Biopolarität ist es möglich, Gemeinsamkeit herzustellen. So kann beispielsweise eine neue Sprache nur dann gelernt werden, wenn man einen allgemeinen homogenen Begriff von Sprache hat (vgl. ebd.). Um eine Sprache erfolgreich zu erlernen muss aber auch die Heterogenität der Muttersprache zur Fremdsprache bedacht werden. Durch Online-Diskussionen, wie sie beispielsweise Blogs und Foren ermöglichen, besteht die Chance, relativ unkompliziert interkulturelle Gespräche zu führen, die Differenzen und Gemeinsamkeiten offen zu legen und dadurch Perspektiven zu einer neuen gemeinsamen Orientierung zu entwickeln. Dabei wird an dieser Stelle ein ethisches Feld eröffnet, da gemeinsame Orientierung auch die Suche nach gemeinsamen Normen und Werten beinhaltet.

3.3 Hybridität

Die Grenze der eigenen Kultur begrenzt den Menschen heute nicht mehr in der Wahl seiner Lebensform. Stattdessen reicht diese in andere Kulturen hinein. Durch digitale Medien ist der heutige Mensch durch verschiedene Kulturkontexte geprägt. Medien aus verschiedenen Kulturkreisen sind heute beinahe überall verfügbar. Das breite mediale Angebot wird an die eigenen Interessen und Vorlieben angepasst. Klein spricht in diesem Zusammenhang von einer „global mall“ (Klein 2000: 117), die 24 Stunden pro Tag geöffnet hat. Dies meint auch Schlachtner, wenn sie schreibt: „Für jede einzelne Kultur sind alle anderen Kulturen zu Binnengehalten geworden; die Hybridität durchzieht die Populärkultur ebenso wie die Hochkultur“ (Schlachtner 2009: 6). Zwar sind schon in der Antike bestimmte Formen von Hybridisierung bekannt, jedoch spielen sich diese alle im Rahmen von besonderen sakralen, rituellen oder festlichen Handlungen ab, während Hybridität heute zum Alltag gehört. Auf einige solcher Phänomene soll zur Verdeutlichung kurz hingewiesen werden.

Englischsprachige Kinofilme werden immer häufiger zeitgleich auf verschiedenen Kontinenten veröffentlicht, da beispielsweise dem deutschen Zuschauer nicht zumutbar ist, dass er noch einen Monat nach Erscheinen des Films im Herkunftsland auf die Ausstrahlung in seinem Heimatland warten muss. Produktevents großer Elektronikhersteller wie „Apple“ werden per Media-Stream auf der ganzen Welt verfolgt. Über Online-Video-Dienste wie „Netflix“ werden Serien bei Erstausstrahlung sowohl in Europa, wie auch in den Vereinigten Staaten gesehen. Anschließend besteht die Möglichkeit, sich auf verschiedenen Blogs und in sozialen Netzwerken über die einzelnen Episoden auszutauschen. Dieser Austausch findet zu einem großen Teil international statt. Dabei besteht die Möglichkeit, der gegenseitigen Korrektur und Aneignung von Hintergrundwissen. Schon Mitte der Fünfziger Jahre lässt sich eine anbrechende Hybridisierung erkennen. So schreibt u.a der Schriftsteller Botho Strauß in seinem autobiographischen Roman Herkunft: „Ich bin Deutscher: aufgewachsen mit Grimms Märchen und Elvis Presley, Karl May und General Eisenhower, Wagner und James Dean. Woher soll ich meinen Realismus nehmen? […] Ich habe aber die Nibelungen in mir, auch den Cherubinischen Wandersmann. Neben Zorros schwarzer Peitsche liegt die Kritik der Urteilskraft. Nichts aus einem Guß dort, woher ich komme.“ (Strauß 2014: 66). Dieses Phänomen hat dermaßen drastisch zugenommen, dass der gegenwärtige Mensch sich dessen überhaupt nicht mehr bewusst ist. Mit Welsch lässt sich also knapp sagen: „Wir sind alle kulturelle Mischlinge. (Welsch 2001: 268)“

3.4 Zugehörigkeit

Digitale und reale Mobilität, Hybridität, Globalisierung und Migration lassen heute die Frage nach kultureller Zugehörigkeit aufkommen. Oder anders gefragt: Was ist heute Heimat? Diese Frage lässt sich angesichts transkultureller Lebensformen nur noch schwer national beantworten (vgl. Schachtner 2009: 7). Unter anderem durch digitale Medien entstehen neue Formen von Zugehörigkeit, die sich nicht mehr an konventionellen Heimatkonzepten orientieren. Das Internet tendiert geradezu dazu, Gemeinschaften zu inszenieren, indem es Menschen unabhängig von geographischen Hindernissen miteinander verbindet (vgl. Jörissen 2002: 329). Konstitutiv für Gemeinschaft sind gemeinsame Fragen, Sorgen, Probleme, Interessen, usw. Durch wiederholte Begegnungen in virtuellen Netzwerken und die damit verbundene Wiederkehr von Themen und Fragen entstehen Verbindungen (vgl. Schachtner 2009: 7). Diese Verbindungen entwickeln sich durch Identifikation mit der „Community“, durch gemeinsame Geschichten, Symbole und Zeichen wiederum zu einem Gefühl von Verbundenheit (vgl. Candan/Hunger 2009: 294).

Der virtuelle Raum ermöglicht die Verbindung mit verschiedenen Personen, unabhängig von konventionellen Grenzen und Begrenzungen, alleine durch die gemeinsame Identifikation und Partizipation (vgl. ebd.). Allein das Betreiben eines Blogs ermöglicht den Beitritt zu verschieden nationalen und internationalen „Blogger-Netzwerken“, die sowohl virtuell als auch reell Veranstaltungen anbieten. Im Mittelpunkt dieser Veranstaltungen steht in den meisten Fällen die Netzwerkarbeit, d.h. das aufbauen und erweitern sozialer Netze. Blog-Betreiber nennen sich selbst „Blogger“ und verbinden mit dem Begriff häufig die Überzeugung, Teil einer digitalen Avantgarde zu sein. Ähnliches gilt für den Kurznachrichtendienst „twitter“, dessen Benutzer sich „Twitterer“ nennen. Auch dieser Dienst ermöglicht grenzüberschreitende Kommunikation und vereinfacht sie sogar, da jegliche Äußerung auf 140 Zeichen beschränkt ist. Nachrichten können als „Retweet“ innerhalb des Netzwerks verbreitet und bzw. oder favorisiert werden. Außerdem besteht die Möglichkeit, private Kurzmitteilungen zu senden. Die interkulturellen und transkulturellen Möglichkeiten u.a. dieses Netzwerkes sind bei weitem noch nicht ausgelotet, jedoch wird schon heute das Potential sichtbar.

Online-Community, aber auch Blogs sind gegenwärtig ein relevanter Bestandteil bei der Entstehung von Zugehörigkeit und Gemeinschaft und in diesem Sinne auch dem konventionellen Heimat-Bild sehr nahe. Es muss jedoch auch auf eine entscheidende Unterscheidung zwischen dem alten und dem neuen Heimatbild hingewiesen werden. Während nämlich Heimat im konventionellen Sinne als etwas dem Menschen gegebenes verstanden wird, ist Heimat in einer digitalisierten Welt konstruierter geworden. Sie kann selbst erworben und gestaltet werden und manifestiert sich an Orten, an die man sich emotional bindet (vgl. Schachtner 2009: 7).

Wenn beispielsweise Blogs als Dialogplattform verstanden werden, dann kann ein Blog eine Art virtuelle Heimat sein. Wenn nun diese Heimat mit Menschen aus verschiedenen Kontinenten und Nationen geteilt wird, dann ist die Wahrscheinlichkeit, transkulturellen Phänomenen zu begegnen sehr hoch.

4. Ein Fazit

Digitale Medien ermöglichen gegenwärtig auf zahlreiche Weise transkulturelle Erfahrungen. In ihrer völligen Ortlosigkeit eröffnen sie grenzüberschreitende Kommunikation, die Bedingung der Möglichkeit von Transkulturalität ist. Dabei geht es jedoch nicht darum, Grenzen zu nivellieren, sondern sie als fruchtbaren Ort der Begegnung mit dem Fremden zu begreifen. Es kann auch nicht darum gehen, die eigene Identität aufzulösen, sondern diese als Ureigene zu betrachten, aus dessen Perspektive Fremdes als solches erst erkannt und verstanden werden kann. In diesem gegenseitigen Verständnisprozess kann schließlich Zugehörigkeit entstehen, die zu einem kontinuierlichen transkulturellen Dialog führen kann. Für sämtliche Phasen kulturüberschreitenden Handelns bieten digitale Medien adäquate Instrumente, die dem Individuum als Hilfsmittel zur Verfügung stehen. Es muss jedoch unterstrichen werden, dass sich die Ereignishaftigkeit transkultureller Phänomene der Plan- und Machbarkeit entzieht.

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Hannes Müller

Hannes Müller, geboren 1987, studierte u.a in Heidelberg, Marburg und Augsburg Theologie, Soziologie, Philosophie und Germanistik. Seit 2012 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Gesellschaft zur Förderung von Wirtschaftswissenschaften und Ethik e.V., und wirkt bei dem Sammelband „Wendepunkte in der Ethik“ und bei der Fachzeitschrift „Journal of Markets and Ethics/Zeitschrift für Marktwirtschaft und Ethik“ mit. Seit 2014 absolviert er den interdisziplinären Masterstudiengang „Ethik der Textkulturen“ in Augsburg.