Schweden wäre stolz auf dieses Wohnzimmer. Oder wenn nicht Schweden, dann zumindest das Marketing-Team von Ikea. Mir gefällt es nicht. Ich nehme einen tiefen Schluck von meinem zu warmen Rotwein, dessen saurer Geschmack an meinen Zähnen kleben bleibt. Ein paar roten Tropfen versickern in meinem Bart, aber das hat niemand gesehen. Die Stimmung scheint gut zu sein. Irgendjemand macht einen Witz und alle lachen. Ich habe den Witz nicht gehört. Neben mir plumpst ein blonder Pagenkopf auf EKTORP.

„Na was geht?“ Sie grinst mich mit rotweinblauen Lippen freundlich an. Was sagt man auf diese Frage? Ich entscheide mich für „gut“ und hoffe, dass sie das gelten lässt. Anscheinend war es die richtige Antwort, denn das Rotweingrinsen wird breiter und sie redet weiter. Sie scheint keine Antwort zu erwarten, aber ganz sicher bin ich mir nicht. Trotzdem ziehe ich es vor, die anderen Gäste zu beobachten. Am Esstisch sitzen drei Pärchen, die sich über den Autokauf unterhalten. Ein großer Typ, der im schwarzen Rollkragen aussieht, als würde er für das Biopic von Colin Firth vorsprechen, doziert über die Vorteile von Isofix. Zwei Mädchen auf dem Fensterbrett streicheln eine Katze.

„Und wen kennst du hier? Ich habe dich noch gar nie gesehen.“ Blondie rückte näher zu mir und legt mir vertrauensvoll die Hand auf den Oberarm. Eine Wolke aus Rotwein und Chips – ungarisch tippe ich – schlägt mir entgegen.

„Beide eigentlich.“ Ich überlege, ob es sich lohnen würde, meinen Platz auf dem Sofa aufzugeben, um Blondie, die ich schon auf zwei Geburtstagen und einer Examensfeier getroffen hatte, zu entkommen. Ich exe den Merlot und will gerade aufstehen, um ein neues Getränk zu organisieren, als sie ins Zimmer kommt. Sie sieht umwerfend aus. Viel besser als Justus eigentlich. Obwohl es November ist, trägt sie ein rotes Sommerkleid mit Blumen. Ihr Blick wandert durch das Wohnzimmer und bleibt an uns hängen.

„Tim! Frieda! Wie geht es euch? Gefällt euch die Party?“ Ihre Lippen sind auch rot, aber von L’Oréal, nicht von Rotwein.

„Ja tolle Party! Die Wohnung ist richtig schön geworden“, beteure ich.

„Danke nochmal für deine Hilfe mit der Couch! Das hätte ich ohne dich wirklich nicht geschafft. War ja klar, dass Justus wieder länger arbeiten musste!“ Ich winke ab, aber ich spüre, wie meine Wangen heiß werden und das ärgert mich. Ich blicke hinab auf den leeren Boden meines Glases.

„Ganz schön heiß hier“, sage ich stattdessen. „Können wir ‘mal ein Fenster aufmachen?“

„Echt, finde ich gar nicht“, wirft Blondie ein und kichert hässlich. Ich versuche mit meinen Blicken ein Loch durch die Wasserstoffhaare in ihren Hinterkopf zu brennen.

„Nadja, hast du mal eben einen Korkenzieher“, ruft Colin Firth durch den Raum.

„Sorry, bin gleich wieder da.“ Sie lächelt uns ein letztes Mal zu, dann lässt sie mich wieder mit Blondie zurück.

„Ich gehe mal Nachschub holen“, deute ich auf mein leeres Glas und ergreife die Flucht.

Die Tür zur Küche steht offen und verströmt den Geruch nach frisch Aufgebackenem. Ein paar Leute stehen mit Papptellern in der Hand am Tresen und unterhalten sich. Die drei Gläser Rotwein lassen meine Augenlieder schwer werden. Wie von selbst tragen meine Füße mich an der Küche vorbei, den schmalen Gang entlang zur Tür am Ende des Flurs. Letzte Woche habe ich noch geholfen, ein Bettgestell dort zusammenzuschrauben, aber heute fühlt es sich irgendwie verboten an, als sich meine Finger um die kalte Klinke legen. Ein leises Klicken und schon schwingt sie auf. Ich husche hinein und schließe die Tür hinter mir. Was sage ich, wenn jemand hereinkommt? Den Weg zur Toilette nicht gefunden?

Die kalte Luft ist eine willkommene Abwechslung zum überhitzen Wohnzimmer. Vorsichtig setze ich mich auf die Bettkante, um die sorgfältig drapierte Tagesdecke nicht zu zerknittern. Ohne dass ich mich bewusst dafür entschieden hatte, streichen meine Finger über den Seidenstoff. Kühl und abweisend gleitet er durch meine Haut, als würde er davonschwimmen. Nicht mehr warm, weich und mit ausgeblichenen Sternchen drauf, so wie Justus alte Bettwäsche. Kurz bin ich versucht, zuzugreifen, dann fällt mir zum Glück selbst auf, wie peinlich das ist, auch wenn ich alleine bin. Von der Wand gegenüber starren mich hundert Augenpaare an. Eigentlich nicht hundert, sondern nur zwei. Eins blau, eins braun. Für alle Ewigkeit in einer riesigen Collage aus Spanplatten und Glück gefangen. Wandern im Sandsteingebirge. Pärchenurlaub in Barcelona. Ein Bild unter dem Weihnachtsbaum. Ich trete näher heran. Die ältesten Fotos sind über drei Jahre alt. Da kannte ich Nadja noch gar nicht richtig. Ihre Haare waren früher länger. Und sie war ein bisschen dicker.

Und daneben er. In Badehosen, im Anzug und immer mit dem gleichen stolzen Lächeln, so als hätte er gerade etwas Großartiges vollbracht. Er hat sich in den letzten zwölf Jahren nicht viel verändert. Die Haare sind kürzer geworden und die Locken verschwunden. Seine Schultern sind jetzt auch breiter. Früher war er immer ein bisschen schmächtig. Ich glaube die Mädchen mochten das damals in der Schule, aber Justus hat es immer gehasst und ist wie verrückt ins Fitnessstudio gerannt.

Ein leises Klicken. Ich fahre herum und starre in blauen Augen, die mir eben noch von der Sagrada Família entgegen gestrahlt hatten.

„Was machst du hier?“

Ich bin nicht ganz sicher, ob er erfreut oder genervt klingt. Der Rotwein hilft mir nicht gerade, die Lage besser einschätzen zu können.

„Ähm, ich…“, stammle ich und entscheide mich dann, gar nichts zu sagen. Was auch. Er macht einen Schritt ins Zimmer und schließt die Tür hinter sich.

„Wie geht’s dir denn?“, fragt er konzentriert auf einem unsichtbaren Fleck auf seinem Jackett herumwischend.

„Ganz gut… denke ich. Und dir?“, frage ich und lasse mein immer noch leeres Weinglas von einer Hand in die andere wandern.

„Ja toll. Alles bestens. Job ist stressig, aber sonst alles super.“ Er schweigt. Ich auch.

„Super“, sage ich irgendwann, aber merke selbst, wie bescheuert das klingt. Eine schwarze Haarsträhne ist ihm ins Gesicht gefallen. Wie von selbst hebt sich meine Hand, um sie wegzuwischen. Doch noch bevor ich ihn berühren kann, packt er meine Hand. Fest. Aber nicht hart.

„Was machst du, Mann?“ Seine Stimme klingt seltsam. Zum ersten Mal an diesem Abend sieht er mich richtig an. Seine Augen sind zusammengekniffen. Blau und Schwarz vermischen sich. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Weiß nicht, was ich sagen will. Will nur noch raus.

Dann sagt er etwas.

„Es tut mir leid. Sag ihr nichts. Bitte.“ Heißer Atem in meinem Nacken.

Die Hitze des Wohnzimmers umfängt mich wie die Umarmung einer ungeliebten Großtante. Heiß, stickig und unausweichlich. Ich spüre wie meine Backenzähne aufeinander malmen und meine Kiefermuskeln zu einem breiten Lächeln versteinern. Ich greife nach der ersten Weinflasche, die mir begegnet und fülle mein Glas bis ganz oben.

„Hey, lass‘ und auch noch was übrig“, lacht Colin Firth und schlägt mir freundschaftlich auf die Schulter. Verblüfft stelle ich fest, dass ich ihm zuproste. Er lacht. Die anderen lachen. Auf einmal lacht die ganze Party.

Barbara Blum

Barbara Blum, geboren, 1992, besuchte das Welfen-Gymnasium in Schongau. Nach dem Bachelorstudium der Anglistik und Geschichte an der Universität Regensburg, wechselte sie zum Master Buchwissenschaft an die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Nach dem Kurs „Creative Writing: The Art of Short Fiction“ an der University of Newcastle, Australien, ist die Bayerische Akademie des Schreibens ihre erste Schreibwerkstatt in Deutschland.