Du sitzt in einem Zug, der nach Florenz fährt. Die Hitze treibt dir das Wasser über die Stirn. Es ist so heiß, dass es dir peinlich ist, die Arme zu heben, aus Angst, jemand sieht deine Schweißflecken. Vor dir ist ein älterer Mann eingeschlafen. Als der Schaffner kommt, reißt er den Mann aus dem Schlaf. Auch dir fallen fast die Augen zu.  Dann endlich kommt der Zug an und du stehst auf dem Bahnsteig in Santa Maria Novella, reibst dir die Augen und siehst ein ziemlich hässliches Bahnhofsgebäude. Scheinbar wissen das die Florentiner auch, denn die Eingangshalle ist zugekleistert mit Plakaten. Die Collage interessiert dich. Hier mischt sich Vergangenes mit Zukünftigem. Veranstaltungen, die schon längst stattgefunden haben, neben Konzerten, die noch kommen werden. Tatsächlich, hinter einer Papierschicht siehst du ein Batman: The Dark Night Plakat hervorschimmern. Wie lange das her ist, fragst du dich. Zehn Jahre? Länger? Was dir allerdings auch auffällt, ist die Fratze von Matteo Salvini. Er glotzt auf dich herab, du siehst ihn dir genauer an und bemerkst, dass dieses Foto ziemlich stark nachbearbeitet ist; jede Unreinheit sollte beseitigt werden. Das Bild hat etwas Religiöses, wie ein Heilsbringer inszeniert er sich. Prima Gli Italiani steht daneben, und in deinem Kopf hallt es nach: A Noi! 

Du entkommst dem Bahnhof über den Vorplatz, von dem die Busse abfahren. Während du die Florentiner Innenstadt zum ersten Mal erkundest, bemerkst du, dass hier kaum Italiener zu sehen ist. Vermutlich flüchten sie alle vor der spanischen, französischen, japanischen, chinesischen, rumänischen und deutschen Touristenbesatzung. Bestimmt amüsieren sie sich darüber, dass du bereit bist, 13,50€ für einen Teller Pasta zu bezahlen oder dir eine Tiefkühlpizza für zehn Euro als Steinofengebäck verkaufen lässt. Auch bist du dir noch nicht sicher, ob du das blauleuchtende Propeller-Dings wirklich brauchst. Aber gut, nun hast du es. 

Die Stadt selbst kommt dir vor wie eine riesige Erzählung. Obwohl du wenig davon verstehst, zieht dich der Widerspruch aus uralten Häusern und LED-Bildschirmen in seinen Bann. Bei den ganzen Gemälden, die du im Lauf dieser Reise siehst, scheint es, dass du Anfang und Ende der modernen Kunstentwicklung miterleben kannst. Du siehst die Renaissancegemälde in den Uffizien und auf den Straßen die hochauflösenden Werbebildschirme, du wanderst die Straßen entlang, wo eine Eisdiele die nächste ablöst, aber dich umgeben Gemäuer, die sich nach Märkten und Stadtschreiern anfühlen. Du bist fasziniert vom Anblick des Doms, bleibst zwanzig Minuten in einer Schlange stehen, um dir dieses Riesengebilde anzusehen, und gleichzeitig weichst du im Minutentakt den Selfiesticks aus. Trotz der vielen Menschen und des Touristenkitsches ist die Schönheit dieser Stadt allgegenwärtig, in jedem Hinterhof, in jeder Gasse gibt es etwas Absurdes, Schönes.

Allgegenwärtig ist auch noch etwas anderes: Das italienische Militär. Überall sind Soldaten, sie stehen mit Maschinengewehren auf öffentlichen Plätzen, patrouillieren durch die Innenstadt, tragen Sonnenbrillen, sitzen auf Jeeps mit montierten Bordkanonen, mit denen du sämtliche Touristen auslöschen könntest. Angesichts der Schlange vor den Uffizien kommen dir diese Jeeps tatsächlich mal kurz nützlich vor. Die Schlange ist langlanglanglanglang. Überraschung: Die Uffizien sind, entgegen der Meinung deines Reiseführers, überraschend langweilig. 

Auf der Ponte Vecchio machst du eine interessante Beobachtung: Offenbar gibt es auch noch eine andere Art Polizei in Italien. Sie nennen sich: Vigilanti. Du stehst kurz vor der Ponte Vecchio und siehst dabei zu, wie einem Senegalesen die Leinwand, mit der er eine Karikatur zeichnet, aus der Hand gerissen wird. Zu dritt stürmen diese Vigilanti los und halten den Senegalesen fest, einer schubst ihn von seiner Staffelei weg. Er will sich wehren, während der sonnenbebrillte Italiener ihn festhält und Richtung Boden zieht. Es bildet sich ein Loch in der Touristenmasse, schlagartig weichen die Menschen den Vigilanti aus. Du hörst Flüche in einem Gemisch aus Französisch, Italienisch, Englisch und einer Sprache, die du nicht identifizieren kannst. Jemand kracht gegen einen Eiswagen. Immer mehr Leute versammeln sich um diesen Ort herum und es wird stiller, obwohl die ganze Zeit jemand schreit. Vor den Augen des Senegalesen, zerlegt diese Bürgerwehr seine Habseligkeiten.  Die Knochen seiner Staffelei brechen einer nach dem anderen. In Zeitlupe bersten sie unter dem Stampfen festen Wanderschuhwerks. Zuerst die Halterung zwischen den Stehbeinen. Knack! Dann der Dreifuß selbst. Es knackt zweimal. Beim letzten muss er das Holzbündel drehen. Es knirscht, und die Staffelei taugt nur noch als Brennholz. Die Zeichnungen, die der Straßenkünstler ausgestellt hatte, werden gesammelt, gestapelt und in der Mitte durchgerissen. Nochmal und nochmal, das Reißen des Papiers wird dumpfer, je dicker der Stapel wird. Nochmal. Schließlich landet das Papier im Müll. Sie lassen den Mann wieder los. Nach ein paar Minuten verläuft sich die Masse wieder, als wäre hier nichts passiert. Die drei Vigilanti verschwinden mit ihren Fahrrädern. Sie haben kleine Motoren, damit sie schneller fahren können. Daran wird dir klar, dass dieser Senegalese nicht der Erste und schon gar nicht der Letzte war. Das ist eine Treibjagd. 

Dir schmeckt dein Neun-Euro-Eis nicht mehr. Du überlegst dir sogar kurz abzureisen. Vor allem fragst du dich, warum niemand etwas tut? Warum bleibt es so still um diesen Vorfall? Du fragst einen Passanten, der ebenfalls stehengeblieben ist, was hier eigentlich los ist.

»This happens if you give too much power to the police. Now they think they own this place. And as long as no one stops them, they think they are right about it«, sagt der Ladenbesitzer, auf dessen Terrasse du Zuflucht genommen hast. 

Du fragst ihn, warum niemand die Polizei aufhält.

»How?«, fragt er verblüfft. »I must run my store. And you see what they do, you don’t want to be the next in line.«

Jan-Moritz Harnisch

Jan-Moritz Harnisch ist in München aufgewachsen und hat nach dem Abitur angefangen, zu schreiben und am Theater zu arbeiten. Er hat ein Jahr am Prinzregententheater gearbeitet, zuerst als Regiehospitant, dann als Assistent. Die Arbeit am Theater war auch ein Grund, warum er sich später für ein Literaturwissenschaftsstudium in Augsburg entschied. Eine Reise nach Marokko im Jahr 2011, also im Jahr des Arabischen Frühlings, gab den Impuls, es mit einem längeren Text zu versuchen, der noch in Arbeit ist. Die Geschichte über Florenz ist eine kurze Erzählung, die für die Abschlusslesung der Bayerische Akademie des Schreibens geschrieben wurde.