Arvid Tiering ist ein korrekter Mann, bei dem alles seinen Platz haben muss. Sorgfältig hat er die Schränke in seiner Wohnung eingeräumt. Er hat die Glühbirnen gewechselt, von 400 auf 800 Lumen, damit es auch hell genug ist in den Räumen. Bei den Nachbarn hat er sich gleich am ersten Tag vorgestellt. Nette Menschen, mit einem Sinn für Ruhe und Zurückgezogenheit, genau wie er.

Arvid Tiering hat ein Problem. Sein Problem ist kreisrund und misst etwa einen Zentimeter im Durchmesser. – Ein daumengroßer, schwarzer Fleck, der sich auf der Wand seinem Bett gegenüber befindet. Dieser Fleck geht Arvid nicht aus dem Kopf. Er zwingt ihn dazu, ständig an die Wand zu starren und der Fleck starrt zurück! – morgens beim Aufstehen, abends beim zu Bett gehen, sogar nachts kann er ihn spüren! Und weil Arvid ein Mann der Tat ist und niemand, der sich starrend zufrieden gibt, fährt er zum Baumarkt.

Der Baumarkt ist ein wunderbar aufgeräumter Ort! In der Abteilung „Farbe, Lacke, Tapeten“ steht alles schön in Reih und Glied. So ein Eimer weißer Farbe ist eine schöne Sache. Selbst wenn er noch geschlossen ist, kann man die Reinheit spüren, die ihn erfüllt. Weiß birgt ein künstlerisches Potential: Ein „Weiße-Wand-Kunstwerk“. Wände sind nicht nur ein Stück Mauer. Das versucht Arvid dem Mann an der Kasse zu erklären. Ihre enorme Wirkmächtigkeit wird unterschätzt. Dabei steht und fällt mit ihnen alles. Es geht um Prestige, um Repräsentation! Der Verkäufer versteht Arvid nicht. Er will auch gar nichts verstehen, sondern nur, dass Arvid weitergeht, damit er den nächsten Kunden abkassieren kann. Was für eine Enttäuschung! Ein Laden mit so viel Potential, und die Verkäufer haben kein Gespür für die immense Wichtigkeit ihrer Ware.

Im Schlafzimmer will das Streichen Arvids Problem nicht lösen. Wenn er sein Ohr an die Wand legt, kann er den Fleck leise lachen hören. Natürlich! Mit solch einfachen Methoden wird er den Makel bestimmt nicht los. Das hat er sich schon gedacht, hat darum extra ein hochdeckendes Weiß gekauft, Alpina Innenraumweiß, Europas meist gekaufte Farbe, aber vermutlich kämpft der Rest Europas nicht mit der Bedrohung eines solch hartnäckigen Fleckes, wie er auf Arvid Tierings Wand sitzt. Arvid pinselt noch einmal, Arvid rollt, Arvid trägt die Farbe zentimeterdick auf. Es hilft nichts. Für diesen Fleck reicht deckendes Weiß nicht aus, er braucht einen Speziallack oder vielleicht einen Hochdruckreiniger. Der Fleck ist guter Dinge. Der Fleck lacht.

Zurück im Baumarkt geht Arvid zu demselben Verkäufer. „Ich will eine Rückerstattung“, ruft er. Knallt den Farbeimer auf den Tresen, erläutert wortreich sein Dilemma. Der Mann schüttelt unwillig den Kopf. „Ich kann Ihnen keinen fast leeren Eimer Farbe zurückerstatten.“ Er hätte es wissen müssen! Es ist ein Grundsatzproblem: Dieser Mann versteht den Wert einer weißen Wand nicht. Er versteht nicht, dass es in Arvids Leben Wände geben muss, die seine Privatsphäre respektieren. Wände, die ihn nicht anstarren oder auslachen, wenn er abends in seinen Punktepyjama schlüpft. Er schaudert. Jetzt nur nicht den Fleck gewinnen lassen! Er will die Geld-Zurück-Garantie, die im Baumarkt immer so heiß beworben wird. Hier geht es ums Prinzip! Man hat ihm Hoffnung auf ein neues, ein fleckenloses Leben gemacht. Hier werden Versprechen gegeben und nicht gehalten! Hier wird mit Bildern geworben, die es in Wirklichkeit nicht gibt.

Am Ende hat man ihm nichts zurückerstattet, und Arvid beginnt an der Strahlkraft der Innenräume Europas zu zweifeln. Als er am Abend in sein Schlafzimmer tritt, grinst der Fleck ihn schon von Weitem an. So geht das nicht! Er schafft das nicht! Er möchte in Ruhe seinen Pyjama anziehen, sich endlich wieder einmal in Ruhe in der Nase bohren und seine Zehennägel nach dem Schneiden unters Bett kehren. Aber an der Wand sitzt der Fleck. Er starrt ihn an, verfolgt jeden Handgriff und verurteilt ihn für jedes winzige Staubkorn auf dem Boden. Arvid kann den Fleck lachen hören -laut! Er hastet in die Küche, aber sogar dort ist das Lachen zu hören. Es dringt durch alle Wände und lässt das Haus erzittern. Klebeband! Besser eine beklebte, als eine befleckte Wand. Sorgfältig bedeckt er die dunkle Stelle und streicht sicherheitshalber noch einmal mit der restlichen Farbe darüber. Doppelt hält besser! Er atmet tief durch. Gerade hat er sich ins Bett gelegt und die Augen geschlossen, da hört er den Fleck leise sprechen: „So schnell glaubst du mich loswerden zu können?“ Nein, nein! Die Ohren zuhalten, die Decke über den Kopf ziehen, so tun, als sei er nicht zu Hause. Es hilft nichts. Der Fleck sitzt an gewohnter Stelle und starrt ihn an. Er durchschaut alles: Das Klebeband, die Wohnung und am allerschlimmsten Arvid selbst.

Arvid liegt im Bett, der Fleck starrt ihn an. Ein Gedanke quält ihn: Wenn er ein korrekter Mensch ist, müsste er doch auch korrekte Wände haben. Schon wieder lacht der Fleck. Er kann Arvids Gedanken lesen: „Korrekt? Seit wann bist du denn korrekt?“, ruft er triumphierend. „Ich kenne all deine Macken. Ich weiß vom Punktepyjama, vom Nasebohren und den Zehennägeln. Ich weiß, dass du vergisst, deine Mutter anzurufen und dann lügst, du seist zu beschäftigt mit der Arbeit. Ich weiß vom Dating-Portal, von deinen Jugendfotos, der Enttäuschung, wenn du die Frauen nicht ins Bett bekommst, … ich…“ Stopp! Es ist unerträglich, einfach unzumutbar. Keiner kann so leben, sich diesem ständig starrenden Blick aussetzen. Dieser Fleck muss weg! Arvid rappelt sich auf und wirft die Bettdecke zur Seite. „Wir beide haben keinen Platz in dieser Wohnung!“, schreit er in Richtung Wand. „Dann geh doch, geh doch“, singt der Fleck fröhlich. Im Punktepyjama stürmt Arvid die Kellertreppe hinunter. Unmöglich jetzt noch Rücksicht auf die Nachbarn zu nehmen. Das ist ein Notfall! Sein Ziel ist Schweigen. Ihm bleibt nur noch eins: Den Fleck vernichten, bevor der Fleck ihn vernichtet. Ein Kampf, auf Leben und Tod.

Als er mit dem Vorschlaghammer vor ihm steht, ist dem Fleck das Lachen plötzlich vergangen. Er weiß was jetzt kommt und will, dass Arvid ihn begnadigt. Er schluchzt laut auf, versucht es mit Augenzwinkern und traurigen Blicken. Jetzt kommen die Versprechungen: „Ich tu’s auch nie wieder!“ Aber das wird ihm nicht helfen. Jedes Bitten kommt zu spät, Arvid lässt sich nicht erweichen. Mit dem Hammer zielt er auf die Stelle, an der sich der Übeltäter wie eine Zecke in die Wand krallt.

Naomi Mebus

Naomi Marie Mebus, geboren 1996, absoliverte nach ihrem Abitur einen einjährigen Freiwilligendienst an einer Musikschule in Ecuador. Seit Oktober 2015 studiert sie Europäische Kulturgeschichte und Deutsch als Zweit- und Fremdsprach in Augsburg. Ihre ersten Schreibversuche unternahm sie bereits in der Grundschule, doch erst seit ihrer Aufnahme bei der Bayerischen Akademie des Schreibens beschäftigt sie sich intensiv mit ihrem literarischen Schreiben.