Geschichte in schwarz-weiß

Heute war ein besonderer Tag und ich wollte die Pinguine sehen. Denn Pinguine sind grau.

So schnürte ich meine Stiefel, nahm zuerst den dunklen Mantel und zwei Blocks später, die weiße Bahn durch die Stadt zum Zoo.

Anständig zückte ich mein Streifenticket und stieg in die Nummer 2. Dort streckte ich dem Kontrolleur die Marke entgegen. Er reichte ungelöst zurück. Ich streckte sie ihm erneut und er war bereits mit dem nächsten Passagier beschäftigt. So nickte ich nur, doch auch hiervon nahm er keine Notiz: War ausgelastet, sprachlos Papier zurück zu händigen. Nie stempelte er.

Ein besonderer Tag, nie würde vergessen werden. Richtig, ihn nicht mit Tinte zu besudeln und der Mann war ein Weiser, dachte ich. Setzte mich neben einen Fremden. Als ich ihn rauchen sah, drehte ich mir auch eine. Während ich die Zigarette begutachtend auf Augenhöhe hielt, bot er mir eine industriell Gestopfte an. Ich zündete die meine.

Er suchte, fand meinen Blick und aschte mimelos auf den Hut des Vordermans. Ich hielt seinen Grauen stand, zog stark an der Zigarette und tippte meine Asche ebenfalls in den Hut des vor uns Sitzenden. Abwechselnd, anfangs noch vorsichtig und heimlichtuerisch, jedoch von Haltestelle zu Haltestelle dreister werdend, den anderen ehrgeizig zu übertrumpfen wünschend, aschten wir fortan in die Hutkrempe. Der Fremde hatte angefangen.

Vom Ausstieg waren es nur wenige Schritte zum Zoo.

ohne Anzustehen gelangte ich im Zick-zack – der samtschwarzen Absperrungen wegen – zu dem Mann in Uniform.

„Zu den Pinguinen?“, fragte er.

Ich nickte und reichte ihm einen sehr großen Schein.

„Sie sollen sehr schön sein. Die Pinguine“, sagte er hoffnungsvoll und gab mir passend zurück.

Die Gesuchten befanden sich am Ende des Geländes, während auf dem Weg dorthin das Gehege der Affen lag. An deren Zaun traf ich viele, ehemalige Kommilitonen. Alle lungerten dort in dunklem Mantel, mit schiefer Schiebermütze und Bart, der getrimmt werden hätte sollen.

Rauchend starrten wir nun den Affen hinterher, wie sonst den Frauen in Feinstrumpfhose aus Frankreich. Die Affen starrten zurück, durften hier aber nicht rauchen.

„Ich wollte zu den Pinguinen. Sie sind grau“,

sagte einer neben mir

und alle antworteten:

„Ich auch.“

Bei Dämmerung ging ich austreten, kam zurück, mein Beutel Tabak verging und der Tag verneigte sich. Verschwand höflich für immer.

So war es Abend, damit kalt und der Mond rückte näher.

„Ich hätte gerne die Pinguine gesehen“, dachte ich.

Die anderen stimmten ein:

„Ich auch.“

Ohne Abschiedsworte verließ ich meine Kommilitonen, die Affen und den Zoo. Steuerte Richtung Stadtkern und suchte mir eine Bar mit Fernseher.

Trinkend und rauchend reflektierte ich den Tag: Stagnierte dabei am Gehege, auf das der Mond nun Schatten warf. Doch bevor ich zu schwarz versank, setzten sich zwei Fremde zu mir.

Von hier entzweite sich meine Aufmerksamkeit. Ein Part folgte dem Gespräch der beiden Fremden, der andere dem Ummichherum.

„Ob es klappen wird“, wollte Simon links wissen.

Im Restaurant war nun kein einziger Platz mehr frei.

„Nixon kann sich einen Rückschlag nicht leisten. Jetzt nicht mehr“, darauf Garfunkels Antwort rechts.

Eine Frau in Bleistiftrock, vielleicht zu jung für den Drink in der Hand, zupfte ungeduldig und ungewollt lasziv ihre Strumpfhose zurecht.

„T minus three minutes encounting“ übertönte es all unsere Geschwätzigkeit aus dem Fernseher. Es wurde unangenehm still, Zigaretten qualmten, ohne dass sie geraucht wurden, Zeit verging nun anders.

In meilenweiter Ferne war die weiße Lanze Amerikas zu sehen, senkrecht in den Himmel blickend. 9:29 AM. stand oben rechts in die Wolken geschrieben; 3 AM. hier, jetzt, in Deutschland. „T minus two minutes to lift off“, berichtet der Fernsehsprecher, der Mastercomputer übernehme nun. Erster Rauch bildet sich um die Rakete. Ein Wissenschaftler im Fernsehgerät dreht seinen Bleistift zwischen den Fingern, während die Fremden neben mir so so leise, dass es nur für mich sein kann, anfangen zu singen:

“The chief operator wishes faith, to the neon god they made. Darüber thront Apol-lo 11, neuer Gott – Technik,

beginnt zu zittern, zu grollen.

Feels good Armstrongs letzter Satz – auf Erden.

T minus 30 seconds to lift off.

The flight to land first men on moon, disturbs our sound of silence“

Grollen verfängt sich in der Stille, ein Greifarm nach dem anderen löst sich von der Rakete. Die beiden Fremden echoen den Klang der Stille; bis ein augenzerreißender Lichtblick uns teilt. Grellweißes, amerikanisches Feuer verbrennt die Welt, Licht verschwindet im All.

Am nächsten Tag wollte ich die Pinguine sehen. Denn Pinguine sind grau. Deshalb wieder Stiefel, mein Mantel und die Nummer 2. Erneut gab es keine Schlange zum Wärter, Zick-zack, das Geld passend in der Hand.

„Zu den Pinguinen?“, konstatierte die selbe Uniform, wie gestern. Wiederholte hoffnungslos:

„Sie sollen sehr schön sein. Die Pinguine. Sie müssen nur – am Gehege der Affen vorbei.“

Wieder vegetierten auf dem Weg die dunklen Mäntel, oben auf die Schiebermützen. Sie standen dort, wie gestern, in exakt gleicher Formation. Kein Barthaar war gekürzt. Einer sang so, so leise das Lied der Fremden.

So ging auch ich – nur für kurz – dichter an die Gitterstäbe heran, hinter denen uns die Affen anstarrten.

Die Affen, es waren allesamt schwarze Schimpansen, saßen dicht gedrängt um ihr größtes Tier. Das Alphamännchen verschaffte sich von Zeit zu Zeit wild ausschlagend genügend Platz. Wenig später rückten die Andere erneut an es heran.

 

Nie ließ das Alpha uns aus seinen Augen.

Nie ließ ich es aus den Augen.

Einmal war mir, als habe ich die Pinguine rufen hören und am Himmel, da strahlte Licht der Mond.

Fabian Bader

Fabian Bader, geboren 1993, studierte Philosophie, Germanistik und Geschichte und schloss sein Studium als Bachelor of Arts ab. Für seine Prosa, die in Anthologien und Zeitschriften veröffentlicht wurden, erhielt er zahlreiche Preise und Stipendien. So war er unter anderem Gewinner der PULS-Lesereihe 2015 und des Write&Read Nachwuchspreises der Jungen Verlagsmenschen. 2016 war er Stipendiat des Schreibhains Berlin. Neben der Fortbildung an der Bayerischen Akademie des Schreibens absolvierte er unter der Leitung von Martina Weber die Textwerkstatt II in Darmstadt.